Plexusanästhesie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Als Plexusanästhesie wird eine Form der lokalen Betäubung bezeichnet. Sie findet Anwendung bei operativen Eingriffen oder zur postoperativen Schmerztherapie durch einen Katheter. Das Betäubungsmittel wird dafür direkt im Bereich der Nervengeflechte (Plexus) injiziert und führt zu einer Schmerzblockade in der Extremität, die von dem Nervengeflecht versorgt wird.
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Was ist die Plexusanästhesie?
Bei der Plexusanästhesie handelt es sich um eine Form der Leitungsanästhesie und damit nicht um eine Narkose im engeren Sinne. Durch eine Blockade der Nerven wird die Schmerzempfindung in der entsprechenden Extremität aufgehoben. Dies wird mit einem örtlich wirkenden Betäubungsmittel, einem sogenannten Lokalanästhetikum, herbeigeführt. Diese Art der Teilnarkose ist indiziert für operative Eingriffe an der oberen und unteren Extremität.
Das Lokalanästhetikum wird dafür in die Nähe von Nerven und Nervengeflechten injiziert. Ausschlaggebend für die entsprechenden Nerven ist das Versorgungsgebiet der Nervenfasern, das vorübergehend betäubt werden soll. Um die Empfindung einer Extremität längerfristig auszuschalten, kann ein Katheter gelegt werden. Über diesen Katheter wird kontinuierlich Lokalanästhetikum zugeführt, was die Teilnarkose bei andauernden Operationen oder postoperativ zur Schmerzbehandlung verlängert.
Der Patient bleibt während der Teilanästhesie wach, kann jedoch zur Beruhigung oder zum Schlafen ein entsprechendes Medikament zusätzlich verabreicht bekommen. Dadurch wird eine sogenannte Sedierung hervorgerufen, die den Patienten in einen Dämmerschlaf versetzt. Nach dem operativen Eingriff kann der Patient jederzeit wieder erweckt werden.
Wo die Plexusanästhesie steht, erschließt sich am besten im Vergleich mit den übrigen Betäubungsverfahren. Bei der Oberflächen- und der Infiltrationsanästhesie wirkt das Mittel unmittelbar dort, wo es aufgetragen oder eingespritzt wird; der betäubte Bezirk bleibt entsprechend klein. Bei der Plexusanästhesie wird es dagegen an eine Stelle gebracht, an der die Nerven für eine ganze Gliedmaße gebündelt verlaufen — betäubt wird deshalb nicht der Ort der Einspritzung, sondern das gesamte Versorgungsgebiet dieses Bündels. Von der Spinalanästhesie und der Periduralanästhesie unterscheidet sie sich dadurch, dass sie am peripheren Nervengeflecht ansetzt und nicht in unmittelbarer Nähe des Rückenmarks. Die besonderen Risiken der rückenmarksnahen Verfahren, etwa ein ausgedehnter Abfall des Blutdrucks oder Kopfschmerzen nach Verletzung der harten Hirnhaut, entfallen damit.
Nicht selten wird die Plexusanästhesie auch mit einer Allgemeinanästhesie verbunden. Der Patient schläft dann während des Eingriffs, die Schmerzweiterleitung aus dem Operationsgebiet ist aber bereits am Nerven unterbrochen. Das kann den Bedarf an Schmerzmitteln während und nach der Operation verringern und lässt den Schutz über das Ende des Eingriffs hinaus fortwirken. Ob eine Plexusanästhesie allein, in Verbindung mit einer Allgemeinanästhesie oder gar nicht in Betracht kommt, wird in einem Vorgespräch geklärt, in dem Vorerkrankungen, eingenommene Medikamente, frühere Betäubungen und der geplante Eingriff besprochen werden.
Neu ist das Verfahren nicht. Nachdem gegen Ende des 19. Jahrhunderts örtlich wirkende Betäubungsmittel verfügbar geworden waren, entstanden bereits im frühen 20. Jahrhundert die ersten Techniken, das Armnervengeflecht gezielt zu blockieren. Lange musste die Lage der Nerven allein anhand von Tastpunkten und anatomischen Leitstrukturen abgeschätzt werden, was die Trefferquote begrenzte. Erst die elektrische Nervenstimulation und später die Darstellung mit Ultraschall lieferten Hilfsmittel, mit denen sich der Verlauf der Nerven und die Ausbreitung des Betäubungsmittels überprüfen lassen. Beides hat den Anwendungsbereich des Verfahrens erweitert und es auch für Eingriffe geöffnet, bei denen früher regelmäßig eine Vollnarkose gewählt wurde.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die Stelle, wo das Betäubungsmittel injiziert wird, richtet sich nach der Körperregion, die operiert werden soll. Häufig wird dieses Verfahren für den Bereich der oberen Extremitäten angewendet. Es eignet sich aber auch für die Betäubung der unteren Extremität. Für die obere Extremität wird der Arm in dem Schultergelenk und im Ellenbogengelenk um 90 Grad angewinkelt, um freie Sicht auf die Achselhöhle zu haben. Die Punktionsstelle wird mittels eines sogenannten Nervenstimulators aufgesucht. Sie befindet sich etwa oberhalb der Arteria axillaris. Der Nervenstimulator wird am Ende mit der Punktionskanüle verbunden. Gelangt die Nadelspitze der Kanüle in die Nähe des zu betäubenden Nervs, macht sich dieser durch Muskelkontraktionen im Unterarm bemerkbar.
Alternativ kann die Punktionskanüle auch mithilfe eines Ultraschalls zum entsprechenden Plexus geführt werden. Die benötigte Menge des Anästhetikums legt der Narkosearzt je nach Verfahren und Umfang des Eingriffs fest. Bevorzugt werden hierbei lang wirksame Anästhetika wie beispielsweise Ropivacain. Bis die volle Wirkung eintritt, dauert es etwa 20 bis 30 Minuten. Um dies zu beschleunigen, kann zusätzlich eine kurz und schnell wirksame Substanz wie Prilocain oder Mepivacain zugeführt werden.
Vor der Anlage werden die üblichen Vorbereitungen getroffen. Der Patient erhält einen Zugang in eine Vene, Herzschlag, Blutdruck und Sauerstoffsättigung werden überwacht, und die Ausstattung für eine Allgemeinanästhesie steht bereit, damit im Bedarfsfall unmittelbar gewechselt werden kann. Die Punktionsstelle wird desinfiziert und steril abgedeckt. Vor jeder Gabe wird geprüft, ob die Nadelspitze versehentlich in einem Gefäß liegt; das Mittel wird langsam und in Teilmengen eingebracht, damit eine unbeabsichtigte Gefäßlage frühzeitig auffällt und die Gabe abgebrochen werden kann.
Ob die Blockade ausreicht, wird vor Beginn des Eingriffs überprüft. Getestet werden nacheinander das Kälte- und Berührungsempfinden, das Schmerzempfinden und die Beweglichkeit des betroffenen Gebiets; erst wenn die Betäubung vollständig ist, wird operiert. Wirkt sie nur teilweise, kann sie ergänzt, ein einzelner Nerv zusätzlich blockiert oder auf eine Vollnarkose gewechselt werden. Wie lange die Betäubung anhält, hängt vom gewählten Mittel ab; bei den lang wirksamen Substanzen kann die Schmerzfreiheit den Eingriff um viele Stunden überdauern. Die Empfindung kehrt in umgekehrter Reihenfolge zurück: Zuerst lässt die Muskelschwäche nach, dann kommt das Gefühl wieder, und zuletzt meldet sich der Schmerz. Auf diesen Zeitpunkt hin wird die Schmerzbehandlung geplant, damit der Übergang nicht in eine Schmerzspitze mündet.
Für den Patienten selbst ist der Vorgang meist weniger eindrücklich, als er klingt. Die Einstichstelle wird als kurzer Piks empfunden; setzt der Anästhesist einen Nervenstimulator ein, spürt der Patient dabei zusätzlich ein kribbelndes Zucken in Unterarm oder Hand, das den richtigen Ort anzeigt und mit dem Zurückziehen der Nadel wieder aufhört. Anschließend breitet sich häufig ein Wärmegefühl aus, gefolgt von einem Schweregefühl; die Gliedmaße fühlt sich schließlich fremd an und lässt sich nicht mehr willkürlich bewegen. Dieser Zustand ist erwartet und nicht bedrohlich. Wer währenddessen wach bleiben möchte, kann das tun; wer die Umgebungsgeräusche des Operationssaals als belastend empfindet, erhält auf Wunsch ein beruhigendes Medikament.
Die häufigste Plexusanästhesie wird im Armnervengeflecht angewendet. Wird in diesem Bereich eine Schmerzblockade gesetzt, können operative Eingriffe im Bereich von Clavicula, Schulter, Oberarm, Ellenbogengelenk und Unterarm sowie an der Hand durchgeführt werden. Dabei werden die axilläre Blockade (innerhalb der Achselhöhle), die vertikale infraklavikuläre Blockade (unterhalb des Schlüsselbeins) und die interskalenäre Blockade (im Bereich der Halsmuskulatur) unterschieden. Der Facharzt für Anästhesie entscheidet, je nach Anamnese und geplantem Eingriff, welche Schmerzblockade indiziert ist und umgesetzt wird.
Müssen operative Eingriffe an der unteren Extremität durchgeführt werden, wird die Plexusanästhesie am Plexus lumbosacralis gesetzt. Die Schmerzblockade ermöglicht so Eingriffe im Bereich des Oberschenkels, Kniegelenks, Tibia und Fibula sowie am Sprunggelenk und im Bereich des Fußes.
An der unteren Extremität ist dabei häufiger als am Arm eine Verbindung mehrerer Blockaden nötig, weil das Bein von Nerven aus zwei getrennten Geflechten versorgt wird. Je nach Eingriff wird deshalb an mehreren Stellen blockiert, oder es wird auf ein rückenmarksnahes Verfahren ausgewichen. Blockiert werden dabei vor allem der Oberschenkelnerv im Bereich der Leiste und der Ischiasnerv, der von der Gesäßregion bis in die Kniekehle hinein an mehreren Stellen erreichbar ist; welcher Zugang gewählt wird, richtet sich danach, welche Abschnitte des Beins vom Eingriff betroffen sind. Wird ein Katheter gelegt, bleibt er unter einem sterilen Verband liegen und wird täglich angesehen, wobei auf Zeichen einer Entzündung an der Einstichstelle, auf ein Verrutschen des Katheters und darauf geachtet wird, ob die Schmerzlinderung noch ausreicht. Manche Systeme erlauben es dem Patienten, bei stärkeren Schmerzen selbst eine zusätzliche Gabe auszulösen; der Rahmen dafür wird ärztlich festgelegt und am Gerät hinterlegt.
Ein großer Vorteil der Plexusanästhesie ist, dass sie im Gegensatz zur Vollnarkose relativ minimalinvasiv gehalten werden kann. Durch die Möglichkeit, einen Katheter zu legen, kann dieses Betäubungsverfahren aber auch über einen längeren Zeitraum durchgeführt und postoperativ zur Schmerzbehandlung genutzt werden. Des Weiteren kann die Plexusanästhesie den Heilungsprozess unterstützen, da das Anästhetikum die Blutgefäße erweitert und somit das Operationsgebiet besser durchblutet und gegebenenfalls Entzündungsmediatoren und Schmerzmediatoren abtransportiert werden können.
Aus diesen Eigenschaften ergeben sich Vorteile für den weiteren Verlauf. Wer nach einer Operation an der Schulter oder an der Hand weitgehend schmerzfrei ist, kann früher mit Bewegungsübungen beginnen — bei Eingriffen an Gelenken ist das für das Ergebnis von Bedeutung, weil längere Ruhigstellung die Beweglichkeit dauerhaft einschränken kann. Weil auf eine Beatmung über einen Schlauch in der Luftröhre verzichtet werden kann, kommt das Verfahren auch für Menschen mit Vorerkrankungen der Atemwege oder des Herz-Kreislauf-Systems in Betracht. Und weil die Betäubung auf eine Gliedmaße beschränkt bleibt und der Kreislauf wenig belastet wird, eignet sich die Plexusanästhesie für Eingriffe, nach denen der Patient noch am selben Tag nach Hause entlassen werden soll.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Die Risiken der Plexusanästhesie sind ähnlich wie die der Lokalanästhesie. Somit können beispielsweise allergische Reaktionen auf das Anästhetikum auftreten. Bei Betäubungen über einen längeren Zeitraum können Vergiftungserscheinungen in Form von Schwindel, Nervosität, Krampfanfällen, Herzrhythmusstörungen oder Blutdruckabfall auftreten.
Beim Vordringen zum Nervengeflecht kann es passieren, dass eine Vene oder Arterie beschädigt wird, da die Nervengeflechte in unmittelbarer Nähe von Blutgefäßen verlaufen. Postoperativ können Nebenwirkungen wie Taubheitsgefühl, Muskelzittern oder Kribbeln der betäubten Extremität auftreten. Erfahrungsgemäß lassen diese Empfindungsstörungen mit dem Abklingen der Betäubung nach; seltener halten sie über Wochen an. Es kann zu Einblutungen (Hämatomen) im Bereich der Punktionsstelle und der umliegenden Weichteile kommen.
Des Weiteren kann es zu allgemeinen Schädigungen der Weichteile oder auch zu Nervenreizungen, trotz adäquater Durchführung und Lagerung, kommen. Diese Schädigungen oder Reizungen können Gefühlsstörungen wie Missempfindungen, Taubheitsgefühl, Schmerzen bis hin zu Lähmungserscheinungen verursachen. Als Reaktion auf das Anästhetikum können Blutdruck- und Pulsabfall auftreten. Wird das Betäubungsmittel versehentlich in Blutgefäße injiziert, kann es zu Krampfanfällen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Bewusstlosigkeit bis zum Versagen der Atmung kommen.
Eine Plexusanästhesie ist kontraindiziert, wenn im Bereich der Injektion eine Infektion vorliegt oder eine Allergie auf Betäubungsmittel bekannt ist. Auch eine ausgeprägte Gerinnungsstörung oder eine bereits bestehende Nervenschädigung im Zielgebiet sprechen gegen das Verfahren.
Einige Risiken hängen unmittelbar davon ab, an welcher Stelle blockiert wird. Bei einer Blockade im Bereich der Halsmuskulatur wird regelmäßig auch der Nerv miterreicht, der das Zwerchfell derselben Seite versorgt; die Atmung stützt sich dann vorübergehend stärker auf die Gegenseite. Bei ansonsten Gesunden bleibt das meist unbemerkt, bei einer vorbestehenden schweren Erkrankung der Lunge kann es dagegen ins Gewicht fallen. Ebenfalls vorübergehend können ein hängendes Augenlid mit enger Pupille auf der betroffenen Seite (Horner-Syndrom) oder Heiserkeit auftreten, wenn benachbarte Nervenbahnen mitbetäubt werden. Wird oberhalb oder unterhalb des Schlüsselbeins punktiert, liegt die Lungenspitze in der Nähe — dort ist, wenn auch selten, ein Pneumothorax möglich.
Die schwerwiegendste, aber seltene Komplikation ist eine Vergiftung durch das Betäubungsmittel, wenn zu viel davon in die Blutbahn gelangt. Sie kündigt sich häufig mit Warnzeichen an: ein metallischer Geschmack, ein Taubheitsgefühl um den Mund, Ohrgeräusche, Unruhe oder verwaschenes Sprechen. Aus diesem Grund wird der Patient während der Anlage angesprochen und beobachtet; treten solche Zeichen auf, wird die Gabe sofort unterbrochen. Für den Ernstfall halten Einrichtungen, die Regionalverfahren anbieten, ein festgelegtes Vorgehen samt der dafür erforderlichen Mittel bereit.
Nach dem Eingriff braucht die betäubte Gliedmaße Schutz, solange sie gefühllos ist. Weil weder Schmerz noch Temperatur wahrgenommen werden, können Druckstellen, Verbrennungen oder kleine Verletzungen unbemerkt entstehen. Ein betäubter Arm wird deshalb häufig in einer Schlinge geführt; Wärmflaschen, heißes Wasser und Kühlpackungen sind zu meiden, ebenso das Abstützen auf der gefühllosen Hand. Nach einer Blockade an der unteren Extremität besteht Sturzgefahr, weil die Muskulatur noch geschwächt sein kann — das erste Aufstehen geschieht daher in Begleitung. Wer ambulant behandelt wird, sollte sich abholen lassen und für die ersten Stunden zu Hause nicht allein sein.
Vor jeder Plexusanästhesie steht ein Aufklärungsgespräch, in dem Nutzen und Risiken gegeneinander abgewogen werden. Dort wird auch besprochen, was zu tun ist, wenn die Betäubung deutlich länger anhält als angekündigt oder wenn Missempfindungen bestehen bleiben. Anhaltende Beschwerden werden nachuntersucht, damit eine behandelbare Ursache — etwa ein Druckschaden durch die Lagerung während der Operation — nicht übersehen wird.
Quellen
- Meier, G., Büttner, J. (Hrsg.): Atlas der peripheren Regionalanästhesie.
ISBN: 9783132420038
- Larsen, R.: Anästhesie.
ISBN: 9783437225123
- Rossaint, R., Werner, C., Zwißler, B. (Hrsg.): Die Anästhesiologie.
ISBN: 9783662722770
- Striebel, H. W.: Die Anästhesie.
ISBN: 9783132424814
- Kretz, F.-J., Schäffer, J., Terboven, T. (Hrsg.): Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie.
ISBN: 9783662725863
