Qigong
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 4. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Wurzeln des Qigong liegen in Asien. Die leicht und anmutig erscheinenden Bewegungen sollen dazu dienen, den Körper und die Seele in Einklang zu bringen. Qigong betreiben auch immer mehr Menschen in den westlichen Industriestaaten, um das Potenzial dieser Bewegungskunst für die geistige und körperliche Gesunderhaltung zu nutzen.
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Was ist Qigong?
Uns sind vor allem die Bilder aus China bekannt, die Menschen aus allen Altersgruppen zeigen, die sich in einem Park zum gemeinsamen Ausüben von Qigong treffen. Heute gibt es dies auch in Europa und Amerika, wo Menschen mit fließenden Bewegungsabläufen das Qi in ihrem Körper aktivieren. So ist jedenfalls die Sichtweise der Anhänger des Qigong. Als Qi wird in Asien die Energie bezeichnet, die das Leben ermöglicht. Das Qi ist dabei ein Begriff der chinesischen Überlieferung und ein Konzept der Traditionellen Chinesischen Medizin; ein solcher Energiefluss lässt sich naturwissenschaftlich nicht nachweisen.
Qi wird auch mit „Lebenshauch“ übersetzt. Der Begriff „Gong“ bedeutet üben und eine Arbeit leisten. Mit Arbeit ist gemeint, dass sich der Mensch in seinem Leben bemühen sollte, sich zu vervollkommnen. Durch Qigong wird das Qi, die Lebensenergie, in Bewegung gebracht und damit die eigene mentale und gesundheitliche Weiterentwicklung angestoßen.
Die Bewegungskunst Qigong stellt eine Mischung aus Elementen aus dem Kampfsport und meditativen Bewegungen dar. Qigong als meditative Übung zeigt sich deutlich in den Bewegungsabläufen, die verlangsamt wie in Zeitlupe ausgeführt werden. Um diese Bewegungskunst perfekt zu beherrschen, bedarf es regelmäßiger Übung und einer ausgezeichneten Körperbeherrschung.
Innerhalb der Traditionellen Chinesischen Medizin nimmt Qigong eine Sonderstellung ein. Akupunktur, Moxibustion, Arzneitherapie und die Tuina-Massage sind Verfahren, bei denen ein Behandelnder am Patienten tätig wird; die Diätetik bestimmt, was auf den Teller kommt. Beim Qigong dagegen übt der Betroffene selbst, und er tut es dauerhaft. Damit ist es weniger eine Behandlung, die man erhält, als eine Fertigkeit, die man sich aneignet und die einem danach nicht wieder verloren geht. Das erklärt zugleich, warum Qigong in China traditionell nicht nur Kranken empfohlen wurde, sondern der gesamten Bevölkerung.
Die Übungen selbst sind weit älter als ihr heutiger Name. Einzelne Formen deutet bereits das Zhuangzi an, eine daoistische Schrift aus dem vierten bis dritten vorchristlichen Jahrhundert, und Seidenbilder aus der Zeit der Han-Dynastie zeigen Menschen in Übungshaltungen, die den heute geübten entsprechen. Auch das Wort Qigong ist vereinzelt schon in älteren daoistischen Texten belegt: Die Schrift, in der es vorkommt, gilt herkömmlich als Werk des Daoisten Xu Xun, der in der Jin-Zeit lebte und den Begriff mit Kampfkunstübungen verbunden haben soll; die Forschung datiert den Text heute allerdings in die Song-Zeit, und das Wort meint dort noch nicht eine Übungsmethode. Im Sinne einer Übungsdisziplin taucht es erst im frühen 20. Jahrhundert auf.
Als Sammelbezeichnung für gesundheitsfördernde Übungen setzte sich das Wort erst in den 1950er Jahren durch; maßgeblich beteiligt daran war der Arzt Liu Guizhen, der die überlieferten Techniken unter diesem Namen zusammenfasste, sie zur Stärkung des Energiehaushalts und zur Behandlung von Krankheiten heranzog und sie so in das damalige Gesundheitswesen einführte. Sein 1957 erschienenes Buch zur Qigong-Therapie trug wesentlich dazu bei, das Wort bekannt zu machen. Vorher trugen die einzelnen Übungssysteme jeweils eigene Namen. In den Westen gelangte Qigong vor allem seit den 1980er Jahren, zunächst über Lehrer aus China und Taiwan, später über Volkshochschulen, Rehabilitationseinrichtungen und Präventionsangebote der Krankenkassen. Die Bilder aus den Parks, die für viele bis heute das Bild vom Qigong prägen, stammen aus dieser Zeit der Wiederbelebung nach der Kulturrevolution.
Die Zusammenfassung unter einem gemeinsamen Namen wirkt bis heute nach: Wer nach Qigong sucht, findet Angebote, die sich in Herkunft, Aufbau und Anspruch deutlich unterscheiden, obwohl sie unter demselben Wort auftreten. Ein Blick darauf, aus welcher Übungstradition eine Folge stammt und worauf sie zielt, hilft bei der Einordnung mehr als der Name allein. Eine gebräuchliche Einteilung unterscheidet dabei nach dem Anspruch: Übungen der Grundstufe werden dem medizinischen Bereich zugerechnet und sollen vorbeugend wie begleitend bei chronischen und akuten Beschwerden wirken, während Übungen der Mittelstufe auf das allgemeine Wohlbefinden und die Ausgeglichenheit zielen. Neben den überlieferten Folgen sind zudem zahlreiche jüngere Zusammenstellungen entstanden, die für bestimmte Zielgruppen oder Beschwerdebilder entworfen wurden.
Vom Taijiquan, das im Westen meist Tai Chi geschrieben wird, unterscheidet sich Qigong trotz aller äußerlichen Ähnlichkeit und trotz der gemeinsamen Berührungspunkte zur Kampfkunst. Weil beide mit langsamen, fließenden Bewegungen arbeiten und häufig nebeneinander unterrichtet werden, werden sie oft verwechselt. Das Taijiquan ist als Kampfkunst entstanden und wird als eine lange, zusammenhängende Form in fester Reihenfolge durchlaufen, deren Erlernen entsprechend Zeit braucht. Qigong besteht dagegen überwiegend aus einzelnen, in sich abgeschlossenen Übungen, die für sich allein geübt und beliebig wiederholt werden können. Vom Yoga trennt es die Herkunft: Dieses stammt aus Indien und steht in einer eigenen Überlieferung. Und von krankengymnastischen Übungen unterscheidet es sich dadurch, dass nicht ein einzelner Körperabschnitt behandelt wird, sondern Haltung, Atmung und Aufmerksamkeit gemeinsam geübt werden.
Funktion, Wirkung & Ziele
Noch älter ist die medizinische Anwendung für die Gesundwerdung und die Gesunderhaltung von Menschen. Schamanen haben Kranken und Gesunden heilsame Bewegungsabläufe beigebracht. Heute wird Qigong dem breiten Spektrum der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) zugeordnet. Qigong beinhaltet nicht nur Bewegung in der Stille. Zu der Technik gehören auch Atemübungen und der Einsatz der Stimme. Die Bewegungen werden im Stehen, im Sitzen, im Liegen und im Gehen ausgeführt, sodass sich für nahezu jede körperliche Verfassung eine Übungsform finden lässt.
Durch die innere Konzentration auf die Ausführung der langsamen Bewegungen und den Einsatz einer sehr bewussten Atemtechnik beruhigen sich die Seele und der Geist. Qigong wird in den westlichen Ländern gern dafür benutzt, um eine tiefe Entspannung zu erreichen. Das Nervensystem beruhigt sich, Stressempfindungen werden abgebaut. Dass seelische und körperliche Belastung viele Krankheiten verschlimmert und an ihrer Entstehung beteiligt sein kann, ist auch in der modernen Medizin unbestritten; darin sehen Befürworter den wesentlichen Ansatzpunkt der Übungen. Qigong sollte im Freien ausgeführt werden. Nur dort ist der Mensch mit der Natur direkt verbunden und atmet frische Luft. Die Auswirkungen auf den Organismus sind messbar.
Wer regelmäßig Qigong praktiziert, bei dem können sich die Blutdruckwerte normalisieren, die Muskulatur wird gestärkt und der Gleichgewichtssinn wird trainiert. Durch die tiefe Atmung werden die Atemmuskulatur gekräftigt und die Belüftung der Lunge verbessert. Das hat positive Auswirkungen auf die lebenswichtigen inneren Organe. In der Traditionellen Chinesischen Medizin werden diese gesundheitlichen Effekte der Lösung von Blockaden im Fluss des Qi zugeschrieben. Als Grundprinzip aller Übungen gilt dort die Reinigung und Regulierung von Körper und Geist, die nach dieser Lehre die Grundlage jeder Art von Heilung bildet.
Im Qigong gibt es festgelegte Übungsabläufe, die bildhafte Namen tragen: „Das Spiel der fünf Tiere“ (Wu Qin Xi), das die Bewegungen von Tiger, Hirsch, Bär, Affe und Vogel nachempfindet, „Die Affen abwehren“ und „Der Fliegende“ sind nur einige davon. Immer ist damit eine kleine Geschichte verbunden. Das Qigong besteht aus einem ständigen Wechsel zwischen Spannung und Entspannung. Wichtig ist, die Bewegungsabläufe so häufig und exakt zu trainieren, dass sie in Fleisch und Blut übergehen. Erst wenn der Qigong-Praktizierende nicht mehr darüber nachdenken muss, welche Bewegung die nächste ist, ist er in der Lage, die zu der Bewegungskunst parallel gehörenden Konzentrationsübungen in den Ablauf mit einzufügen.
Übungen wie die „Atemblume“ sind einfach und doch effektiv. Die Atemblume besteht aus acht ineinanderfließenden Bewegungen. Diese Qigongübung empfindet das Werden, das Leben und das Vergehen einer Blume nach. Allein durch die Dynamik dieser einen Übung kann die Atmung vertieft und beruhigt werden. Außerdem trägt sie zur Dehnung von Muskeln und Sehnen bei.
Was hier zusammenwirkt, fassen die chinesischen Quellen als die drei Regulationen zusammen: die Regulierung von Haltung und Bewegung, die Regulierung der Atmung und die Regulierung des Geistes, also der Aufmerksamkeit und der inneren Bilder. Erst wenn alle drei zusammenkommen, gilt eine Bewegung als Qigong-Übung; eine Armbewegung ohne die dazugehörige Atmung und ohne gerichtete Aufmerksamkeit bleibt Gymnastik. Nach dem Anteil der äußeren Bewegung unterscheidet man das bewegte Qigong, bei dem sichtbare Abläufe die Übung tragen, vom stillen Qigong, bei dem der Körper nahezu unbewegt bleibt und die innere Sammlung im Vordergrund steht. Neben den bereits genannten Übungen gehören die „Acht Brokate“ (Ba Duan Jin) zu den weltweit am häufigsten unterrichteten Folgen; sie bestehen aus acht kurzen Einzelübungen und lassen sich auch von Anfängern in überschaubarer Zeit erlernen. Ebenfalls seit Jahrhunderten überliefert sind die „Muskel- und Sehnenwandlung“ (Yi Jin Jing) und die „Sechs heilenden Laute“ (Liu Zi Jue), bei denen die Ausatmung mit bestimmten Lauten verbunden wird.
Die Zahl der überlieferten Übungen und Übungsfolgen ist groß und geht in die Tausende. Zu ihnen zählen auch Gehübungen und Selbstmassagen. Beim „Herz-Gehen“, beim „Lungen-Gehen“ oder beim „Nieren-Gehen“ soll nach der Lehre krankhaftes Qi aus dem jeweiligen Organsystem abgeleitet werden; im selben Schema stehen Herz-, Lungen- und Nierenmassagen sowie Leber- und Magenmassagen, denen eine harmonisierende Wirkung zugeschrieben wird. Bekannt sind ferner die Figuren mit dem Qigong-Stab: ganze Übungssequenzen, die mit einem hölzernen Rundstab ausgeführt werden und regulierend wirken sollen. Eine eigene Unterform ist das Yun Hua Gong, das sich in drei Grundübungen gliedert und das Qi sowohl bewahren als auch umwandeln und ableiten soll; geübt wird es zur allgemeinen Gesundheitspflege ebenso wie begleitend bei schweren Erkrankungen.
Wo das Üben im Freien nicht möglich ist, etwa bei Kälte, Nässe oder in der Enge einer Stadtwohnung, wird in einem gut gelüfteten Raum geübt. Wichtiger als der Ort sind ein ebener, rutschfester Untergrund, ausreichend Platz nach allen Seiten sowie bequeme Kleidung, die nicht einengt, und flaches Schuhwerk. Geräte werden für die meisten Übungen nicht benötigt. Weil die Übungen keine Sprünge, Stöße und keine Belastungsspitzen enthalten und sich viele von ihnen auch im Sitzen ausführen lassen, ist die Einstiegsschwelle niedrig: Auch Menschen in höherem Lebensalter, mit geringer Belastbarkeit oder mit Beschwerden an Wirbelsäule und Gelenken finden meist eine geeignete Form. Wer eine Folge einmal sicher beherrscht, kann einzelne Übungen daraus auch in kurzen Pausen im Alltag anwenden.
Manche der beschriebenen Wirkungen sind nicht auf das Qigong beschränkt, sondern stellen sich bei jeder regelmäßigen, ruhig und aufmerksam ausgeführten Bewegung ein. Das gilt etwa für die Schulung des Gleichgewichtssinns und der Körperwahrnehmung, die gerade bei älteren Menschen dazu beitragen kann, sicherer zu stehen und zu gehen, für die Kräftigung der haltungstragenden Muskulatur und für die Beruhigung, die aus der bewussten Atmung folgt. Qigong steht damit in einer Reihe mit anderen Verfahren, die Bewegung und Entspannung verbinden, und wird in Kursprogrammen häufig neben dem Autogenen Training und der Progressiven Muskelentspannung angeboten. Welches dieser Verfahren jemandem liegt, ist weniger eine fachliche als eine persönliche Frage; entscheidend ist, dass es regelmäßig geübt wird.
Eine Übungsstunde folgt meist einem ähnlichen Aufbau. Am Anfang stehen ein Ankommen und ein lockerndes Einstimmen, etwa das Ausstreichen der Arme, das Kreisen der Gelenke und ein bewusstes Wahrnehmen des Stands. Darauf folgt die eigentliche Übungsfolge, die in kleinen Schritten und mit vielen Wiederholungen aufgebaut wird, weil es nicht auf Kraft oder Beweglichkeit ankommt, sondern auf die Genauigkeit der Bewegung und die ruhige Atmung. Den Abschluss bildet ein Nachspüren, bei dem die Übenden still stehen oder sitzen.
Beim Üben berichten viele von Wärme, von einem Kribbeln in den Händen, gelegentlich von Müdigkeit oder umgekehrt von einer wachen Ruhe. Die traditionelle Deutung führt solche Empfindungen auf den bewegten Qi-Fluss zurück; naturwissenschaftlich lassen sie sich zwanglos mit der veränderten Durchblutung, der vertieften Atmung und der ungewohnt gerichteten Aufmerksamkeit erklären. Für die Übungspraxis macht diese Deutungsfrage keinen Unterschied, für die Einordnung des Verfahrens sehr wohl: Qigong wird als ergänzendes Verfahren neben einer ärztlichen Behandlung geübt und tritt nicht an deren Stelle.
Der Einstieg erfolgt üblicherweise über einen Kurs, weil sich Haltungsfehler beim Üben nach Buch oder Video kaum bemerken lassen und eine Rückmeldung von außen gerade am Anfang viel ausmacht. Viele Anbieter ermöglichen eine Probestunde; sie ist der zuverlässigste Weg, um herauszufinden, ob Tempo, Gruppengröße und Art der Anleitung zur eigenen Erwartung passen. Über die Güte eines Angebots sagen Umfang und Herkunft der Ausbildung der Leitung, deren Erfahrung mit gesundheitlich eingeschränkten Teilnehmern und die Größe der Gruppe mehr aus als der Kurstitel. Angeboten wird Qigong heute an Volkshochschulen, in Vereinen, in Praxen für Physiotherapie und in eigenen Schulen, außerdem als begleitendes Angebot in Rehabilitationseinrichtungen und in Kliniken, wo es häufig gemeinsam mit anderen Bewegungs- und Entspannungsverfahren im Programm steht. Für den Erfolg des Übens ist am Ende weniger die Länge der einzelnen Einheit entscheidend als deren Regelmäßigkeit: Kurze, aber verlässlich wiederholte Übungsfolgen führen erfahrungsgemäß weiter als seltene lange.
Risiken & Gefahren
Hierbei wird ganz bewusst Einfluss auf die eigene geistige Haltung und die Eigenwahrnehmung genommen. Das hat Auswirkungen auf die körperliche und geistige Gesundheit. Das Qigong kann notwendige Therapiemaßnahmen nicht ersetzen. Doch die körperlichen und mentalen Übungen sollen die Selbstheilungskräfte unterstützen. Eine ganze Reihe von gesetzlichen Krankenkassen bezuschussen deshalb für ihre Mitglieder Qigong-Kurse.
Neben Erkrankungen der Seele wie depressiven Phasen und Angstzuständen ist das Praktizieren von Qigong bei einer ganzen Reihe von chronischen Krankheiten sinnvoll. Einige Beispiele dafür sind Herz- und Kreislaufschwächen, Beschwerden im Bereich der Hals- und Lendenwirbelsäule, Multiple Sklerose oder Stoffwechselerkrankungen. Begleitend geübt wird Qigong außerdem bei Rücken- und Gelenkschmerzen, bei Rheuma, bei chronischen Atemwegserkrankungen wie Asthma, bei Durchblutungs- und Blutdruckstörungen, bei Verdauungsproblemen und Kopfschmerzen sowie bei Beschwerden der Wechseljahre. Ebenso findet es zur Unterstützung des Immunsystems, zur Verbesserung der Koordination nach Unfällen oder Schlaganfällen und bei Unruhe und Schlafstörungen Anwendung. Auch Krebspatienten berichten immer wieder von einer Verbesserung ihrer Lebenssituation durch die regelmäßigen Übungen.
Solche Erfahrungsberichte sind ernst zu nehmen, sie sind aber etwas anderes als ein Wirksamkeitsnachweis. Wer sich zu einem Kurs anmeldet, regelmäßig übt und dabei in eine Gruppe eingebunden ist, erlebt vieles zugleich: die Bewegung, die Zuwendung, den festen Termin und die eigene Erwartung. Kontrollierte Untersuchungen sollen diese Anteile trennen, stoßen beim Qigong jedoch auf eine grundsätzliche Schwierigkeit: Eine Übung, die man selbst ausführt, lässt sich nicht verblinden, denn niemand kann darüber im Unklaren bleiben, ob er übt oder nicht. Hinzu kommen meist kleine Teilnehmerzahlen, kurze Beobachtungszeiträume und sehr unterschiedliche Übungsprogramme, die alle unter demselben Namen laufen. Wird eine Übungsgruppe zudem mit einer Gruppe verglichen, die auf einen Kursplatz wartet und in dieser Zeit nichts tut, lässt sich der Anteil der Übung selbst nicht von dem der Zuwendung, der Gruppe und der eigenen Erwartung trennen. Aussagen zur Wirksamkeit sind deshalb je nach Fragestellung unterschiedlich gut abgesichert, und ein günstiges Ergebnis bei einem Beschwerdebild lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere übertragen.
Innerhalb dieser Grenzen liegen dennoch einzelne Befunde vor. In einer Studie gingen depressive Beschwerden bei Frauen während einer Strahlenbehandlung zurück, und die deutsche S3-Leitlinie zur Komplementärmedizin in der Onkologie hält fest, dass Tai Chi und Qigong Krebskranken während und nach einer Chemo- oder Strahlentherapie gegen Erschöpfung (Fatigue) angeboten werden sollten. Kleinere Untersuchungen haben Veränderungen von Blutwerten beschrieben, darunter eine höhere Zahl an Lymphozyten und niedrigere Cholesterinwerte. Beobachtet wurden ferner ein größeres Herzschlagvolumen, eine Senkung des systolischen wie des diastolischen Blutdrucks und, für die Lungenfunktion, eine verbesserte exspiratorische Vitalkapazität und Einsekundenkapazität. Als Ursache dieser Veränderungen wird die stressmindernde Wirkung des Übens angenommen, die nach dieser Deutung auf Nervensystem, Hormonsystem und Immunsystem zugleich wirkt.
Die Einordnung des Verfahrens fällt international unterschiedlich aus. In China gilt Qigong als anerkanntes medizinisches Verfahren; im Westen und besonders in Deutschland wird es überwiegend als Entspannungsverfahren und allenfalls als alternativmedizinische Methode geführt, eine eigene Medizinrichtung bildet es hier nicht.
Auch der Zuschuss der Krankenkassen folgt nicht der Wirksamkeit bei einer bestimmten Erkrankung, sondern der Einordnung als Maßnahme der Gesundheitsförderung nach § 20 des Fünften Sozialgesetzbuchs. Bezuschusst werden deshalb nur Kurse, die in einem bundesweiten Prüfverfahren anerkannt wurden und Anforderungen an Inhalt, Umfang und Qualifikation der Leitung erfüllen; anerkannte Angebote weisen das entsprechende Zertifikat aus. Erstattet wird üblicherweise erst nach dem Kurs und gegen eine Teilnahmebescheinigung, wobei Höhe, Zahl der geförderten Kurse und Mindestteilnahme von Kasse zu Kasse verschieden sind. Eine Rückfrage bei der eigenen Kasse vor der Anmeldung erspart Enttäuschungen. Nicht gefördert werden in der Regel Einzelunterricht, einzelne Wochenendseminare und Angebote im Rahmen einer Studiomitgliedschaft. Zu beachten ist außerdem, dass die Bezeichnung Qigong-Lehrerin oder Qigong-Lehrer in Deutschland nicht geschützt ist; Ausbildungsnachweise stammen von Fachverbänden, nicht von einer staatlichen Stelle.
Dass Qigong in aller Regel keine Risiken birgt, gilt für die Übung selbst. Ein Risiko entsteht dort, wo die Übungen an die Stelle einer notwendigen Behandlung treten oder wo über ihnen eine ungeklärte Beschwerde unbeachtet bleibt. Neu aufgetretene, anhaltende oder sich verschlechternde Beschwerden gehören ärztlich abgeklärt und sollten nicht als notwendige Zwischenstufe auf dem Weg zur Besserung hingenommen werden. Bei akuten Beschwerden, bei Fieber und bei ungeklärten Symptomen steht die ärztliche Abklärung am Anfang und nicht am Ende. Verordnete Behandlungen werden nicht eigenmächtig verändert, auch dann nicht, wenn sich das Befinden unter dem Üben bessert. Im Übrigen sind wenige praktische Punkte zu beachten: Langes ruhiges Stehen kann bei Neigung zu niedrigem Blutdruck Schwindel auslösen, sodass im Sitzen geübt und langsam aufgestanden werden sollte. Bei Beschwerden an Wirbelsäule, Knien und Hüften, nach Operationen und in der Schwangerschaft werden Haltungen angepasst, wofür die Anleitung vorab informiert sein muss. Und bei einer Psychose oder einer schweren Belastungsstörung sollten sehr lange, sehr stille Übungseinheiten nur nach Rücksprache und in fachlicher Begleitung stattfinden, weil intensive Innenschau in diesen Fällen belastend wirken kann; bei psychischen Vorerkrankungen und bei sehr intensiver Übungspraxis sind vereinzelt Überforderungsreaktionen beschrieben worden. Anbieter schließlich, die Heilung bestimmter Erkrankungen in Aussicht stellen, die vom Aufsuchen eines Arztes abraten oder die zu langfristigen und teuren Vertragsbindungen drängen, sind unabhängig von der Güte ihrer Übungen ein Warnzeichen. Zu unterscheiden ist außerdem zwischen Qigong als Übungssystem und weltanschaulichen Gruppierungen, die solche Übungen in eine eigene Lehre eingebunden haben; das Übungsgut selbst ist davon unabhängig und älter.
Quellen
- Focks, C. (Hrsg.): Leitfaden chinesische Medizin.
ISBN: 9783437550584
- Kraft, K., Adler, M. (Hrsg.): Lehrbuch Naturheilverfahren.
ISBN: 9783830453338
- Schmiedel, V., Matejka, R. (Hrsg.): Leitfaden Naturheilkunde.
ISBN: 9783437056390
- Dobos, G., Paul, A. (Hrsg.): Mind-Body-Medizin.
ISBN: 9783437579318
- Beer, A.-M., Adler, M. (Hrsg.): Leitfaden Naturheilverfahren für die ärztliche Praxis.
ISBN: 9783437319365
