Systematische Desensibilisierung

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Das menschliche Verhalten wird in erster Linie durch Lernen geformt. Erfahrungen und erlernte Regeln haben Einfluss auf Tun und Denken. Dadurch können allerdings auch psychische Störungen auftreten, die durch Lernerfahrungen geprägt wurden.

Im Bereich der Psychotherapie gibt es speziell die Behandlungsform der Verhaltenstherapie. Diese setzt voraus, dass mögliche Verhaltensstörungen auf erlernte Fehleinstellungen zurückzuführen sind, die durch gezielte Dekonditionierung, also ein bewusstes Wieder-Verlernen, aufgehoben werden können. Dabei sollen keine Wurzeln von Fehlentwicklungen aufgedeckt, sondern die Sichtweisen und das Verhalten des Menschen untersucht und gegebenenfalls korrigiert werden. Eine angewandte Methode der Verhaltenstherapie ist wiederum die systematische Desensibilisierung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Systematische Desensibilisierung?

Systematische Desensibilisierung
Die systematische Desensibilisierung ist eine angewandte Methode der Verhaltenstherapie.

Die systematische Desensibilisierung wurde von dem südafrikanisch-amerikanischen Psychiater Joseph Wolpe begründet und dient vor allen Dingen zum Abbau von Ängsten und Phobien.

Dabei stützt sie sich auf die klassische Konditionierung, die von Iwan P. Pawlow entwickelt wurde, der die ersten Konditionierungsversuche an einem Hund durchführte. Dieser reagierte nicht nur beim Anblick von Nahrung mit Speichelbildung, sondern auch beim Klingeln einer Glocke. Daraus schloss Pawlow, dass ein ursprünglich neutraler Reiz durch wiederholte Kopplung eine Reaktion auslösen kann. Gerade beim Menschen sind viele Ängste und damit einhergehende psychosomatische Erkrankungen klassisch konditioniert.

Wolpe entwickelte das Verfahren in den 1950er Jahren aus Tierversuchen heraus. Er hatte bei Katzen durch Elektroschocks in einem Versuchskäfig ein anhaltendes Angstverhalten erzeugt und beobachtet, dass die Tiere in diesem Käfig auch dann nicht fraßen, wenn sie hungrig waren. Bot er ihnen das Futter zunächst in weit entfernten und dann in immer ähnlicheren Räumen an, fraßen sie schließlich auch dort, wo sie die Schocks erhalten hatten. 1958 legte Wolpe seine Überlegungen in dem Buch „Psychotherapy by Reciprocal Inhibition“ vor, das als eines der Gründungswerke der Verhaltenstherapie gilt.

Einen Vorläufer hatte er in Mary Cover Jones, einer Schülerin von John B. Watson. Sie beschrieb bereits 1924, wie sich die Angst eines dreijährigen Jungen vor einem weißen Kaninchen abbauen ließ, indem das Tier ihm in kleinen Schritten näher gebracht wurde, während er etwas aß, das er gerne mochte. Wolpe hat sie später als „Mutter der Verhaltenstherapie“ bezeichnet.

Für die Einschätzung, wie stark eine Situation Angst auslöst, führte Wolpe außerdem eine einfache Selbsteinschätzungsskala ein, die er 1969 beschrieb. Der Patient gibt darauf für jede Situation einen Wert zwischen null, also vollkommener Ruhe, und hundert, der stärksten je erlebten Angst, an. Diese Skala hat den Rahmen der systematischen Desensibilisierung längst verlassen und wird heute in vielen Formen der Verhaltenstherapie verwendet, um Veränderungen über den Verlauf einer Behandlung hinweg vergleichbar zu machen.

Warum eine einmal gelernte Angst nicht von selbst wieder verschwindet, erklärt ein Modell, das auf den amerikanischen Psychologen Orval H. Mowrer zurückgeht und zwei Lernvorgänge unterscheidet. Im ersten wird ein an sich harmloser Reiz mit einem unangenehmen Erlebnis verknüpft, sodass er künftig Angst auslöst. Im zweiten lernt der Betroffene, die Situation zu meiden: Die Angst lässt in dem Augenblick nach, in dem er sich abwendet, und dieses Nachlassen belohnt das Ausweichen. Damit ist der Kreis geschlossen, denn wer eine Situation nie wieder aufsucht, kann auch nicht die Erfahrung machen, dass ihm dort nichts geschieht. Die systematische Desensibilisierung setzt genau an dieser Stelle an. Sie führt den Betroffenen so behutsam an den gemiedenen Reiz heran, dass er ihn aushalten kann, statt ihm auszuweichen. Dass dies zunächst nur in der Vorstellung geschieht, macht den Einstieg für viele überhaupt erst möglich; es ist jedoch nicht das Ziel des Verfahrens, sondern sein Anfang, denn die Begegnung mit der wirklichen Situation steht am Ende jeder solchen Behandlung.

Funktion, Wirkung & Ziele

Bei der systematischen Desensibilisierung wird vorausgesetzt, dass ein Angstzustand und körperliche Entspannung nicht gleichzeitig möglich sind. Wolpe nannte dieses Grundprinzip reziproke Hemmung: Die Entspannung wird an den angstauslösenden Reiz gekoppelt und verdrängt die Angst schrittweise, weshalb man auch von Gegenkonditionierung spricht. Daher muss die Angst zunächst genau bestimmt werden. Die Abfolge der Therapie ist ein Mehr-Phasen-Prozess.

Der Patient erstellt zu Beginn der Therapie eine Hierarchie seiner Ängste. Als Beispiel kann die Angst vor Hunden spezifischer betrachtet werden, wenn sich die Angst bei großen Hunden gegenüber kleinen verstärkt. Danach erfolgt ein Entspannungstraining. Ist die Angst definiert, erlernt der Betroffene Entspannungstechniken, die er anwenden kann, um seine Ängste nach und nach zu überwinden. Das können z. B. autogenes Training, Meditationsübungen oder progressive Muskelentspannungen sein.

Das autogene Training ist eine Entspannungstechnik, die auf Autosuggestion beruht und in den 1920er Jahren von dem deutschen Psychiater Johannes H. Schultz entwickelt wurde. Es basiert auf der Kenntnis biologischer Vorgänge im Körper während des Zustands der Hypnose. Beim autogenen Training versetzt sich der Patient unter Anleitung seines Therapeuten, später dann alleine, in ein Hypnoid, also in eine Vorstellung, die dem Bewusstsein selbst entzogen ist und eine von innen heraus erzeugte Entspannung bewirken soll. Dabei kann er liegen oder sitzen.

Aufeinander folgende Formeln ermöglichen bald einen Rückzug von der Umwelt und dem Alltagsstress als meditative Versunkenheit. Solche Formeln können das Erlebnis von Schwere, Wärme, die Regulierung von Herz und Atmung unterstützen, indem sich der Patient selbst suggeriert, er wäre ganz ruhig, er spüre seine Arme und Beine, das Herz, das eigene Atmen. Nach dem Versunkensein kehrt der Patient in die Umwelt zurück und streckt seinen Körper.

Meditation ist eine mehr spirituelle Praxis, die Achtsamkeit und Ruhe fördert. Sie soll helfen, die Gegenwart als vordergründigen Bewusstseinszustand neben dem Bewusstsein für den Alltag zu sehen und so in Konzentration zu innerer Ausgeglichenheit zu gelangen. Verschiedene Techniken, die durch die östliche Heilkunst geprägt sind, wurden dabei auch an die Bedürfnisse des Westens angepasst. Dabei gibt es aktive und passive Übungen. Zu den passiven Techniken gehören ZEN, Konzentrations- und Ruhemeditationen, zu den aktiven z. B. Yoga, Kampfkunst oder Tantra. Für die systematische Desensibilisierung eignet sich die passive Meditation besser, da die Atmung vertieft, der Herzschlag verlangsamt wird und die Muskeln entspannt werden.

Die progressive Muskelentspannung ist durch den Physiologen Edmund Jacobson begründet. Sie ist eine Technik mit dem Ziel einer Entspannung von Geist und Körper, mit der auch die Selbstwahrnehmung verbessert werden soll. Dabei werden einzelne, genau definierte Muskelpartien in festgelegter Reihenfolge nacheinander angespannt und wieder entspannt. Der Patient muss dabei die Anspannung und die Entspannung unterscheiden und bewusst betrachten, um sich darauf zu konzentrieren. Damit sollen Angstzustände reduziert werden.

Nach diesen Übungen wird die Angst wieder näher betrachtet, das Angstobjekt soll in der Entspannungsphase als Vorstellung bewusst wahrgenommen werden. Sobald Angst aufkommt, wird das Training unterbrochen. Diese Handlungsvorgänge finden so lange statt, bis der Patient das Objekt angstfrei betrachten kann.

Durch die zuvor festgelegte Angsthierarchie werden im entspannten Zustand der systematischen Desensibilisierung nach und nach all die Objekte durchgenommen, die auf den verschiedenen Stufen jeweils mehr Angst auslösen, bis schließlich das höchste Objekt erreicht ist. Sind alle Phasen überstanden, wird der Patient schließlich mit dem Objekt selbst konfrontiert, z. B. mit dem Hund, vor dem er sich zuvor gefürchtet hat, oder mit seiner Flugangst, wobei er dann einen Flug unternimmt.

Die Angsthierarchie umfasst dabei in der Regel eine ganze Reihe abgestufter Situationen und nicht nur zwei oder drei. Je feiner die Abstufung ausfällt, desto eher gelingt der Übergang von einer Stufe zur nächsten, ohne dass die Angst überhandnimmt. Bei der Flugangst kann eine niedrige Stufe das Betrachten eines Flugzeugbildes sein, eine mittlere das Betreten des Flughafengebäudes und eine hohe das Anschnallen im Sitz. Die Stufen werden gemeinsam mit dem Therapeuten erarbeitet, denn was einem Betroffenen leichter und was schwerer fällt, ist von außen nicht immer vorhersehbar.

Der Übungsteil folgt einem festen Muster: Entspannung herstellen, die nächste Stufe vorstellen, bei aufkommender Angst abbrechen und zur Entspannung zurückkehren, dann erneut beginnen. Eine Stufe gilt erst dann als bewältigt, wenn sie sich mehrfach hintereinander angstfrei vorstellen lässt. Zwischen den Sitzungen üben Betroffene das Entspannungsverfahren regelmäßig weiter, weil es nur dann zuverlässig zur Verfügung steht, wenn es eingeübt ist.

Wie viele Sitzungen nötig sind, hängt von Art und Umfang der Angst ab. Umschriebene Ängste vor einem einzelnen Auslöser lassen sich häufig in einer überschaubaren Zahl von Sitzungen bearbeiten, während Ängste, die viele Lebensbereiche durchziehen, entsprechend länger brauchen. Durchgeführt wird das Verfahren von ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten sowie von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Da die Verhaltenstherapie in Deutschland zu den anerkannten Richtlinienverfahren zählt, werden die Kosten einer entsprechenden Psychotherapie von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen, sofern eine behandlungsbedürftige Störung vorliegt.

In den vergangenen Jahren wird die Vorstellungsphase zunehmend durch computererzeugte Umgebungen ergänzt, die der Betroffene über eine Brille wahrnimmt. Damit lassen sich Situationen abgestuft herstellen, die in der Wirklichkeit nur schwer zugänglich oder nur mit großem Aufwand wiederholbar sind, etwa ein Flug, eine große Höhe oder ein voll besetzter Saal.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Angststörungen sind Fehl- oder Überreaktionen des Körpers. Obwohl kein eigentlicher Grund für eine solche Reaktion vorhanden ist, schaltet dieser im vegetativen Nervensystem auf Alarm.

Zu den Angststörungen werden Phobien, die Panikstörung und generalisierte Angstzustände gezählt. Die posttraumatische Belastungsstörung wurde früher ebenfalls hier eingeordnet; in den heutigen Klassifikationssystemen bildet sie eine eigene Gruppe der Trauma-Folgestörungen. Alle Angststörungen bringen eine starke Beunruhigung und erlebte körperliche Erregung mit sich und ziehen den Wunsch nach sich, durch gezielte Gedanken oder Handlungen den jeweiligen Angstauslöser zu vermeiden, wodurch die Angst jedoch verstärkt wird und nicht verschwinden kann.

Verschiedene Verfahren im Bereich der Verhaltenstherapie sind unter solchen Bedingungen hilfreich. Der Vorteil der systematischen Desensibilisierung ist u. a., dass sich der Betroffene die Angstsituation zunächst nur vorstellen muss, um durch Entspannung die Angst zu überwinden. Das Verfahren wird in erster Linie dann angewendet, wenn praktische Übungen aufgrund der Phobien und Ängste noch nicht möglich sind. Lange Zeit galt die systematische Desensibilisierung als das Standardverfahren der Angstbehandlung. Heute wird ihr die Konfrontationstherapie vorgezogen, bei der sich die Betroffenen der angstauslösenden Situation unmittelbar und ohne vorheriges Entspannungstraining stellen; die systematische Desensibilisierung dient vor allem noch als Vorstufe dazu.

Nebenwirkungen im Sinne eines Medikaments hat das Verfahren nicht, frei von unerwünschten Wirkungen ist es deswegen aber nicht. Die wichtigste ist die vorübergehende Zunahme der Anspannung: Wer sich einer Angst zuwendet, statt sie zu meiden, fühlt sich zunächst schlechter und nicht besser. Wird eine Stufe zu früh angegangen und erlebt der Betroffene dabei eine ausgeprägte Angst, kann das die Erwartung bestätigen, der Situation nicht gewachsen zu sein. Ungünstig ist es außerdem, eine Übung im Zustand starker Angst ganz abzubrechen und die Situation zu verlassen, statt zur Entspannung zurückzukehren, weil dann gerade das Vermeiden erneut belohnt wird. Ähnlich wirken sich unauffällige Sicherheitsvorkehrungen aus, etwa eine Begleitperson, ein bestimmter Sitzplatz oder ein mitgeführtes Medikament: Der Betroffene schreibt den Erfolg dann diesen Maßnahmen zu und nicht sich selbst.

Vor dem Beginn steht deshalb eine sorgfältige Abklärung. Zu ihr gehören die Fragen, ob überhaupt eine Angststörung vorliegt oder ob die Beschwerden zu einer anderen Erkrankung gehören, ob eine körperliche Ursache ausgeschlossen ist und ob weitere Störungen bestehen, die zuerst behandelt werden müssen. Bei ausgeprägten Begleiterkrankungen, bei fortgesetztem Substanzkonsum oder in einer akuten Krise wird das Vorgehen zunächst zurückgestellt.

Von der systematischen Desensibilisierung zu unterscheiden ist die Reizüberflutung, bei der die Betroffenen unmittelbar mit der am stärksten angstauslösenden Situation konfrontiert werden und darin verbleiben, bis die Angst von selbst nachlässt. Beide Wege verfolgen dasselbe Ziel und unterscheiden sich vor allem im Tempo; die abgestufte Form gilt als schonender, die massierte als schneller. Wie die Wirkung zustande kommt, wird heute anders erklärt als zu Wolpes Zeiten. Als entscheidender Vorgang gilt nicht mehr die Entspannung, die die Angst verdrängt, sondern die wiederholte Erfahrung, dass die befürchtete Folge ausbleibt. Das erklärt zugleich, warum die Konfrontationstherapie ohne ein vorheriges Entspannungstraining auskommt.

Anwendung findet das abgestufte Vorgehen weiterhin dort, wo eine unmittelbare Konfrontation nicht möglich oder nicht zumutbar ist: bei Kindern, bei sehr stark ausgeprägter Vermeidung, bei Ängsten, deren Auslöser sich nicht ohne Weiteres herstellen lässt, sowie bei Betroffenen, die einer direkten Konfrontation zunächst nicht zustimmen. Auch bei der Prüfungsangst und bei Ängsten vor medizinischen Eingriffen wird häufig zunächst in der Vorstellung geübt.

Nicht jede Angst ist behandlungsbedürftig. Furcht vor einer wirklichen Gefahr ist eine sinnvolle Reaktion, und auch Unbehagen vor einer Prüfung, einem Zahnarztbesuch oder einem Auftritt gehört zum normalen Erleben. Von einer Störung wird erst dann gesprochen, wenn die Angst in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Bedrohung steht, wenn sie über längere Zeit anhält und wenn sie den Betroffenen in seiner Lebensführung einschränkt, etwa weil er bestimmte Orte, Verkehrsmittel oder Begegnungen nicht mehr aufsuchen kann. Wo diese Grenze verläuft, lässt sich nicht an einem einzelnen Merkmal ablesen, sondern ergibt sich aus dem Gesamtbild. Für die Behandlung ist die Unterscheidung deshalb wichtig, weil ein abgestuftes Vorgehen wie die systematische Desensibilisierung nur dort sinnvoll ist, wo eine unangemessene Angst abgebaut werden soll, und nicht dort, wo eine berechtigte Vorsicht besteht.

Quellen

  • Margraf, J., Schneider, S. (Hrsg.): Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 1: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren und Rahmenbedingungen psychologischer Therapie.
    ISBN: 9783662549100
  • Linden, M., Hautzinger, M. (Hrsg.): Verhaltenstherapiemanual - Erwachsene.
    ISBN: 9783662622971
  • Hamm, A.: Spezifische Phobien.
    ISBN: 9783801716127
  • Hoyer, J., Knappe, S. (Hrsg.): Klinische Psychologie & Psychotherapie.
    ISBN: 9783662618134
  • Falkai, P., Wittchen, H.-U. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen.
    ISBN: 9783801732172

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