Testikuläre Spermienextraktion
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Behandlungen Testikuläre Spermienextraktion
Die testikuläre Spermienextraktion ist die Spermagewinnung mittels einer Biopsie der Hoden. Für Männer mit nicht obstruktiver Azoospermie ist dieses reproduktionsmedizinische Verfahren meist der einzige Weg zu einem leiblichen Kind. Die gewonnenen Samenzellen werden später im Rahmen einer ICSI in weibliche Eizellen injiziert. Der Eingriff selbst ist klein; entscheidend für den weiteren Weg ist, ob sich im entnommenen Gewebe überhaupt Samenzellen finden lassen.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist die Testikuläre Spermienextraktion?
Unter der testikulären Spermienextraktion versteht der Reproduktionsmediziner den ersten Schritt einer Fertilitätsbehandlung. Kurz wird das Verfahren auch TESE genannt. Dem Mann werden im Rahmen dieser Behandlung Spermien aus den Hoden entnommen, die für die künstliche Befruchtung einer Eizelle benutzt werden.
Die TESE entspricht im Grunde einer Spermiengewinnung im Rahmen einer Hodenbiopsie. Das Verfahren wird seit 1993 angewandt und findet in der Regel im Rahmen einer kombinierten Fertilitätsbehandlung statt. Am häufigsten schließt sich an die TESE eine ICSI an, also eine intrazytoplasmatische Spermieninjektion.
Bei dieser Methode werden die Samenzellen des Mannes direkt in eine Eizelle gespritzt. Für alle fortpflanzungsrelevanten Behandlungen ist die sogenannte Reproduktionsmedizin zuständig, die sich seit dem 20. Jahrhundert als eigene Medizinrichtung etabliert hat. Das Ziel der meisten reproduktionsmedizinischen Behandlungen ist die Wiederherstellung der Fruchtbarkeit und somit die Erfüllung eines bislang unerfüllten Kinderwunsches.
Möglich wurde die TESE erst durch eine Entwicklung, die ihr unmittelbar vorausging: Bis Anfang der 1990er Jahre war die Befruchtung im Labor darauf angewiesen, dass genügend bewegliche Samenzellen zur Verfügung standen, die eine Eizelle aus eigener Kraft erreichen konnten. Mit der Möglichkeit, eine einzelne Samenzelle unmittelbar in die Eizelle einzubringen, änderte sich diese Voraussetzung grundlegend. Von da an genügte im Grundsatz eine geeignete Zelle je Eizelle – und damit wurde die Suche im Hodengewebe überhaupt erst sinnvoll.
Der Name des Verfahrens beschreibt es genau: „testikulär“ verweist auf den Hoden als Ort der Entnahme, „Extraktion“ auf das Herausholen der Samenzellen aus dem Gewebe. Damit unterscheidet sich die TESE von Verfahren, die Samenzellen aus dem Nebenhoden gewinnen, und erst recht von der gewöhnlichen Samengewinnung, die ohne Operation auskommt. Zuständig ist in der Regel ein in der Andrologie erfahrener Arzt aus der Urologie, der eng mit dem Kinderwunschzentrum zusammenarbeitet, das die Behandlung der Frau übernimmt.
Vor einer TESE steht eine ausführliche Abklärung. Zur Sicherung der Diagnose gehört, dass in mindestens zwei getrennt gewonnenen Spermiogrammen keine Samenzellen nachweisbar sind; ein einzelner Befund genügt nicht, weil das Ergebnis schwanken kann. Hinzu kommen die Untersuchung der Hoden mit Ultraschall, die Bestimmung der beteiligten Hormone – vor allem des follikelstimulierenden Hormons und des Testosterons – sowie die Frage nach früheren Erkrankungen und Eingriffen. Ein Hodenhochstand in der Kindheit, eine Hodenentzündung etwa im Rahmen einer Mumpserkrankung, eine Behandlung wegen Hodenkrebs und bestimmte Medikamente können die Bildung von Samenzellen dauerhaft beeinträchtigen.
Bei der nicht obstruktiven Form wird außerdem eine humangenetische Untersuchung empfohlen, denn ein Teil der Fälle geht auf Veränderungen im Erbgut zurück. Untersucht werden die Chromosomen sowie bestimmte Abschnitte des männlichen Geschlechtschromosoms, die für die Bildung von Samenzellen benötigt werden. Die häufigste chromosomale Ursache ist das Klinefelter-Syndrom, bei dem ein zusätzliches X-Chromosom vorliegt; auch bei diesen Männern lassen sich in etwa der Hälfte der Fälle noch Samenzellen aus dem Hodengewebe gewinnen. Fehlen dagegen bestimmte Abschnitte des Y-Chromosoms vollständig, sind die Aussichten sehr unterschiedlich: Bei einer dieser Formen raten die Fachgesellschaften von einer Entnahme ab, weil erfahrungsgemäß keine Samenzellen zu finden sind, bei einer anderen gelingt der Nachweis in der Mehrzahl der Fälle. Das Ergebnis ist deshalb nicht nur für die Planung des Eingriffs wichtig, sondern auch für das Gespräch mit dem Paar über die Aussichten und über mögliche Folgen für ein Kind.
Funktion, Wirkung & Ziele
Die TESE findet in der Reproduktionsmedizin dementsprechend häufig statt. Der Arzt unterscheidet zwei verschiedene Formen der Azoospermie: eine obstruktive und eine nicht obstruktive Art. Bei der obstruktiven Form verhindert ein Verschluss in den Samenwegen das Vordringen von Samenzellen bis ins Ejakulat. Da diese Form der Azoospermie allerdings meist auf eine Vasektomie zurückgeht, behandelt die Reproduktionsmedizin die Betroffenen in diesem Fall eher mit einer Refertilisierungsoperation als mit der TESE. Die nicht obstruktive Azoospermie ist dagegen eine Störung der Spermienproduktion. Häufig liegen bei dieser Erscheinung direkt in den Hoden Samenzellen vor, die aufgrund ihrer geringen Zahl aber nicht bis ins Ejakulat gelangen.
Für Männer mit einer nicht obstruktiven Azoospermie ist die TESE dementsprechend meist der einzige Weg zu einem leiblichen Kind. Liegt der Azoospermie ein Hormonmangel zugrunde, wird dieser zuvor behandelt. Bei dieser Form kommt neben der herkömmlichen Entnahme an mehreren Stellen des Hodens auch die mikrochirurgische Variante infrage, die Mikro-TESE: Unter dem Operationsmikroskop sucht der Operateur gezielt nach den erweiterten Hodenkanälchen, in denen am ehesten Samenzellen zu finden sind, und muss dafür weniger Gewebe entnehmen. In der Regel findet die TESE ambulant statt und erfolgt entweder in Teil- oder Vollnarkose. Der allgemeine psychische Zustand des Patienten und die Befunde entscheiden im Einzelfall über die Narkoseform. Die Biopsie kann einseitig oder auf beiden Seiten durchgeführt werden. Auch darüber entscheidet im Einzelfall der Befund. Über einen kleinen Schnitt im Hodensack legt der Reproduktionsmediziner im Rahmen der TESE den Hoden frei. Der Hoden und seine Leitungswege werden daraufhin inspiziert, bevor der Operationsarzt die Hodenkapsel einschneidet. Nach der Entnahme einer winzigen Gewebeprobe untersucht das Team dieses Gewebe auf Spermien.
Abhängig von den Befunden entscheidet sich das weitere Vorgehen. Bei genügend Spermien wird ein Teil der Gewebeprobe eingefroren. Dieser Schritt ist auch als Kryokonservierung bekannt und erhält die Spermien am Leben, bis sie im Rahmen einer ICSI in eine Eizelle injiziert werden können. In der Regel vernäht der Arzt die Einschnitte abschließend mit einem selbst auflösenden Faden.
Was dem Eingriff vorausgeht, ist rasch beschrieben. Auf die TESE bereitet sich der Patient vor wie auf eine kleine Operation: Dazu gehört ein Aufklärungsgespräch, in dem Ablauf, Narkoseform und Aussichten besprochen werden, und die Frage nach blutverdünnenden Medikamenten, die nach ärztlicher Anweisung vorübergehend abgesetzt werden können. Der Operationsbereich wird rasiert. Erfolgt der Eingriff in Narkose, muss der Patient nüchtern erscheinen und darf am selben Tag kein Fahrzeug führen; für den Heimweg ist deshalb eine Begleitperson sinnvoll.
Wie viel Gewebe entnommen wird und an wie vielen Stellen, hängt vom Befund ab. Bei der herkömmlichen Technik werden an mehreren Punkten des Hodens kleine Proben gewonnen, weil die Bildung von Samenzellen nicht gleichmäßig über das Organ verteilt sein muss und ein einzelner Entnahmeort sie verfehlen kann. Die mikrochirurgische Variante verfolgt dasselbe Ziel auf anderem Weg: Unter starker Vergrößerung lassen sich die Kanälchen unterscheiden, sodass gezielt dort entnommen wird, wo am ehesten mit einem Erfolg zu rechnen ist. Beide Wege stehen nebeneinander; welcher gewählt wird, entscheidet sich am Einzelfall und an der Erfahrung des Operateurs.
Ein Teil des entnommenen Gewebes geht in der Regel an die Pathologie. Dort wird unter dem Mikroskop beurteilt, wie weit die Reifung der Samenzellen gediehen ist, ob sie auf einer bestimmten Stufe stehen bleibt oder ob in den Hodenkanälchen überhaupt keine Keimzellen mehr angelegt sind. Dieser Befund erklärt nachträglich, warum die Suche erfolgreich war oder nicht, und er dient zugleich dazu, auffällige Gewebeveränderungen zu erkennen, die bei der Entnahme mit erfasst werden.
Die Kryokonservierung hat einen praktischen Grund, der über die Haltbarkeit hinausgeht: Sie macht es möglich, den Eingriff beim Mann und die Behandlung der Frau zeitlich zu trennen. Beide Wege sind gebräuchlich. Werden die Eizellen etwa gleichzeitig gewonnen, lassen sich frische Samenzellen verwenden; wird das Hodengewebe dagegen vorab entnommen und eingefroren, steht schon vor Beginn der Hormonbehandlung der Frau fest, ob überhaupt Samenzellen zur Verfügung stehen, und aus einer einzigen Operation lassen sich mehrere Behandlungsversuche bestreiten.
Das eingefrorene Gewebe wird in flüssigem Stickstoff gelagert, in der Regel in der Einrichtung, die auch die weitere Behandlung übernimmt. Für die Lagerung fallen laufende Gebühren an, über die das Paar vorab informiert wird; ebenso ist schriftlich festzuhalten, was mit den Proben geschehen soll, wenn die Behandlung beendet wird oder die Lagerung nicht fortgesetzt werden kann. Wie viele Behandlungsversuche sich aus einer Entnahme bestreiten lassen, hängt davon ab, wie viele brauchbare Samenzellen gefunden wurden; darüber gibt der Laborbefund nach dem Eingriff Auskunft.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Die entnommene Gewebeprobe im Rahmen einer TESE ist relativ klein. Das Risiko für bleibende Beeinträchtigungen des Patienten ist dementsprechend gering. Nach rund zwei Wochen ist der Operationsbereich komplett abgeheilt. Schon zwei Tage nach der Operation ist Duschen wieder erlaubt. Nach etwa zehn Tagen darf der Patient wieder baden oder die Sauna besuchen.
Bis der biopsierte Bereich komplett abgeheilt ist, sollten allerdings keine engen Kleidungsstücke getragen werden. Schwere körperliche Arbeit und Sport sind für rund drei Wochen nicht erlaubt. Etwa einen Monat lang sollte der Patient außerdem sexuelle Aktivitäten unterlassen. Büroarbeiten lassen sich dagegen schon drei Tage nach der Operation wieder aufnehmen. Da bei der TESE selbst auflösende Fäden zur Naht benutzt werden, müssen keine Fäden gezogen werden. Das Risiko für Komplikationen ist bei dieser Operation äußerst gering. In nur seltenen Fällen kommen Infektionen oder Blutungen vor. Manchmal tritt ein Bluterguss am Hodensack auf, der sich allerdings alsbald von selbst zurückbildet.
Leichte Schmerzen oder ein Ziehen im Bereich der Nähte können vorkommen, halten in der Regel aber nicht lange an. Das allgemeine Risiko der Operation wird als gering eingeschätzt. Der Frau werden Eizellen entnommen, je nach Vorgehen etwa gleichzeitig mit der TESE oder erst später. Diese Eizellen werden mittels Injektion mit den entnommenen Spermien befruchtet. Die eingeschränkte Dichte oder Beweglichkeit der Samenzellen spielt für diese Methode keine Rolle. Später werden der Frau in der Regel ein bis zwei der so befruchteten Eizellen wieder eingesetzt. Mehr als drei Embryonen innerhalb eines Zyklus zu übertragen, verbietet das Embryonenschutzgesetz.
Die Frau erlebt also trotz oder in diesem Fall dank künstlicher Befruchtung eine Schwangerschaft. Die Reproduktionsmedizin kann allerdings keine Garantie für das Funktionieren ihrer Methoden geben. Wenn eine reproduktionsmedizinische Behandlung scheitert, wirkt sich das oft belastend auf die Psyche der Patienten aus. Manche Paare trennen sich nach einer missglückten Behandlung sogar.
Neben den unmittelbaren Folgen des Eingriffs steht die Frage nach den langfristigen. Mit dem Gewebe geht ein kleiner Teil eines Organs verloren, das auch für die Bildung des männlichen Geschlechtshormons zuständig ist. Nach beidseitiger oder mehrfacher Entnahme wird deshalb empfohlen, den Hormonhaushalt im weiteren Verlauf zu kontrollieren; bei Männern mit Klinefelter-Syndrom sehen die europäischen Fachgesellschaften eine längerfristige endokrinologische Nachbeobachtung ausdrücklich vor. Bemerkt der Patient in den Wochen nach dem Eingriff eine zunehmende Schwellung, Rötung, Überwärmung oder Fieber, sollte er sich unabhängig vom vereinbarten Kontrolltermin vorstellen.
Zur Nachsorge gehört außerdem ein Kontrolltermin, bei dem die Wunde begutachtet und der Befund der Gewebeuntersuchung besprochen wird. Der erste Blick auf Samenzellen erfolgt noch während des Eingriffs und entscheidet darüber, ob eingefroren wird; die feingewebliche Beurteilung liegt dagegen erst einige Tage später vor. Bis zu diesem Termin sollte der Patient die genannten Schonzeiten einhalten, auch wenn er sich beschwerdefrei fühlt; die Wundheilung im Hodensack ist von außen nur begrenzt zu beurteilen.
Nicht zu unterschätzen ist die seelische Seite des Verfahrens. Über Wochen hängt viel an einer Frage, die sich erst im Operationssaal beantwortet und deren Tragweite dem Paar dabei genau bewusst ist. Findet sich keine einzige Samenzelle, endet der eingeschlagene Weg an dieser Stelle, und das Paar steht vor der Frage nach anderen Möglichkeiten. Kinderwunschzentren bieten aus diesem Grund eine psychosoziale Beratung an; ein Gespräch mit einem nicht behandelnden Arzt ist vor Beginn einer künstlichen Befruchtung ohnehin gesetzlich vorgesehen.
Für die Kosten der anschließenden künstlichen Befruchtung gilt in Deutschland § 27a des Fünften Sozialgesetzbuchs. Danach übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Hälfte der Kosten der im Behandlungsplan genehmigten Maßnahmen. Vorausgesetzt wird unter anderem, dass die Partner miteinander verheiratet sind und dass sie sich zuvor von einem Arzt, der die Behandlung nicht selbst durchführt, über die medizinischen und psychosozialen Gesichtspunkte haben unterrichten lassen. Der Anspruch besteht ab dem 25. Lebensjahr; er entfällt für Frauen mit Vollendung des 40. und für Männer mit Vollendung des 50. Lebensjahres. Ebenso entfällt er, wenn die Maßnahme dreimal ohne Erfolg durchgeführt worden ist. Welche Kosten auf die TESE selbst entfallen und wer sie trägt, klären Paare am besten vor dem Eingriff schriftlich mit ihrer Krankenkasse.
Quellen
- Nieschlag, E. (Hrsg.): Andrologie.
ISBN: 9783662619001
- Diedrich, K., Ludwig, M., Griesinger, G. (Hrsg.): Reproduktionsmedizin.
ISBN: 9783662576359
- Schmelz, H.-U., Sparwasser, C., Ruf, C., Nestler, T.: Facharztwissen Urologie.
ISBN: 9783662744864
- Gschwend, J. E., Hautmann, R.: Urologie.
ISBN: 9783662736524
- Amrani, M., Seufert, R. (Hrsg.): Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunschtherapie.
ISBN: 9783662653708

