Tuina
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Tuina ist eine der fünf Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin, der TCM. Sie stellt eine selbständige Massageform dar. Mit punktuellem Druck unterschiedlicher Intensität werden die klassischen Akupunkturpunkte entlang der Meridiane bearbeitet.
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Was ist Tuina?
Tuina wird seit Jahrtausenden in Asien als Bestandteil der Traditionellen Chinesischen Medizin eingesetzt und soll sich aus der Anmo-Massage entwickelt haben. Das Wort entstammt dem Chinesischen und setzt sich aus „tui“ für schieben, drücken und „na“ für greifen, ziehen zusammen.
Als die fünf Säulen der Traditionellen Chinesischen Medizin gelten neben Tuina die Akupunktur samt Moxibustion, die chinesische Arzneitherapie, die Diätetik und die Bewegungsübungen, zu denen Qigong und Taijiquan gerechnet werden. Tuina ist innerhalb dieses Gefüges das manuelle Verfahren: Es arbeitet an denselben Punkten und Leitbahnen wie die Akupunktur, setzt an die Stelle der Nadel aber die Hand des Behandlers. Ein älterer Name der Methode lautet Anmo, zusammengesetzt aus „an“ für drücken und „mo“ für reiben. Die Bezeichnung Tuina kam später auf und steht heute meist für die im Rahmen einer Krankheitsbehandlung eingesetzte Form, während Anmo eher die allgemeine, entspannende Massage meint.
Wenn im Folgenden von Meridianen, von Blockaden oder vom Fluss des Qi die Rede ist, gibt das die Systematik der chinesischen Medizin wieder. Ein anatomisches oder physiologisches Gegenstück, das sich unabhängig von dieser Lehre nachweisen ließe, ist für Meridiane und Qi nicht bekannt. Die Begriffe beschreiben also, wie die Methode ihr eigenes Vorgehen ordnet und begründet, und nicht einen naturwissenschaftlich geprüften Wirkmechanismus.
Die Massageform ähnelt der Akupressur. Bei Tuina werden neben punktuellem Druck auch Techniken wie Greifen, Rollen, Klopfen, Kneten und Streichen angewendet. Häufig wird die Massageform mit der Osteopathie, Chiropraktik, der Matrixrhythmustherapie sowie dem Fasziendistorsionsmodell nach Typaldos kombiniert. Die Massage orientiert sich an den bekannten Akupunkturpunkten an den Energiebahnen.
Von der Akupressur unterscheidet sich Tuina vor allem im Umfang. Die Akupressur beschränkt sich im Kern auf den Druck der Finger auf einzelne Punkte und wird häufig auch zur Selbstanwendung gelehrt. Tuina kennt darüber hinaus flächige, ziehende und gelenkmobilisierende Griffe, baut sich über eine ganze Sitzung hinweg auf und setzt eine Befunderhebung nach der Systematik der TCM voraus. Eine nahe Verwandte besitzt die Methode im japanischen Shiatsu, das ebenfalls mit Druck entlang angenommener Leitbahnen arbeitet, dabei jedoch eine eigene Griff- und Ausbildungstradition entwickelt hat. Gegenüber der klassischen Massage europäischer Prägung fällt zweierlei auf: Tuina wird in der Regel ohne Öl am bekleideten Körper oder über einem dünnen Tuch ausgeführt, und die Griffe folgen nicht in erster Linie dem schmerzenden Muskel, sondern dem angenommenen Verlauf der Leitbahnen.
In Europa ist Tuina erst mit der allgemeinen Verbreitung der chinesischen Medizin bekannt geworden, also deutlich später als die Akupunktur. Angeboten wird die Methode hier vor allem in Praxen für chinesische Medizin, bei Heilpraktikern und in physiotherapeutischen Einrichtungen mit entsprechender Zusatzqualifikation, gelegentlich auch in Kliniken, die eine Abteilung für Naturheilverfahren unterhalten. In China selbst ist Tuina anders eingebunden: Dort gehört sie zum regulären Fächerkanon der Ausbildung in chinesischer Medizin und wird an Krankenhäusern als eigene Abteilung geführt.
Die Tuina-Massage soll Blockaden der Meridiane auflösen, um die inneren Organe reflektorisch zu beeinflussen. Anders als die klassische Massage, die Schmerzen lokal am Entstehungsort behandelt, lassen sich über die chinesische Massage Fernpunkte therapieren, die vom Beschwerdeort weit entfernt sind, mit diesem durch die Meridiane jedoch in direkter Beziehung stehen.
Funktion, Wirkung & Ziele
Behandelt wird je nach Indikationsstellung der ganze Körper, Rücken, Nacken, Schultern oder Bauch. Zudem schließt Tuina die Behandlung von Sehnen, Bändern, Muskeln und Weichteilen mit ein. Die Mobilisation von Gelenken gehört ebenfalls dazu, erfordert vom Therapeuten jedoch eine langjährige Erfahrung. Unterschieden wird zwischen ableitenden und stärkenden Massagetechniken. Ableitende Maßnahmen sollen die Ausleitung von Stoffwechselendprodukten fördern. Diese Massagegriffe erfolgen sanft und langsam gegen die Verlaufsrichtung der Energiebahnen. Sie sollen insgesamt beruhigend wirken. Stärkende Massagetechniken werden mit schnellen, kräftigen Griffen, Klopfen und Schlägen entlang des Meridianverlaufs durchgeführt.
Ihnen wird eine anregende Wirkung zugeschrieben. Um die gewünschte Wirkung zu erreichen, arbeiten die Therapeuten mit den Knöcheln, den Ellbogen, mit Fäusten oder punktuell mit der Fingerkuppe. Anders als bei der klassischen Massage wird lange an einem Punkt behandelt, um in die Tiefe zu gelangen. Der Druck auf die Meridianpunkte ist so dosiert, dass die oberen Hautschichten mit dem Unterhautgewebe gegenläufig verschoben werden. Dadurch soll der Therapeut Einfluss auf das vegetative Nervensystem nehmen. Reizungen an den Nervenendungen setzen Botenstoffe frei, die schmerzlindernd wirken sollen.
Eine manuelle Bearbeitung von Muskulatur und Haut fördert zudem die Durchblutung in den betreffenden Körperpartien und stimuliert den Stoffwechsel im Gewebe. Vor jeder Behandlung muss eine intensive Diagnostik nach TCM erfolgen, denn Griffarten und Intensität müssen auf den individuellen Fall ausgerichtet sein. Die Anwendungsgebiete dieser Massageform sind weitreichend. Behandelt werden Muskelverspannungen, rheumatische Erkrankungen, Migräne, Schlafstörungen, Obstipation, Gastritis, Asthma, Augenerkrankungen, gynäkologische Erkrankungen, Immunschwäche, HNO-Erkrankungen, Bluthochdruck, chronisches Schmerzsyndrom, neurologische Erkrankungen und Wechseljahrsbeschwerden. Für die meisten dieser Anwendungsgebiete liegen keine belastbaren Wirksamkeitsnachweise vor; Tuina ersetzt daher keine ärztliche Abklärung und Behandlung.
Auch während der Schwangerschaft kann die Tuina-Massage angewendet werden. Frauen, die unter Rückenschmerzen, Übelkeit, Wasseransammlungen oder Atemproblemen leiden, können von der Tuina-Massage profitieren. Ein Einfluss auf Lageanomalien des Kindes wird der Methode ebenfalls zugeschrieben, ist wissenschaftlich jedoch nicht belegt. Für Kinder existiert eine Sonderform, das spezielle Kinder-Tuina mit eigenen Diagnose-Kriterien, die den physiologischen Besonderheiten Rechnung tragen. Alle Grifftechniken werden sanfter ausgeführt. Außerdem gibt es zahlreiche gesondert ausgewiesene Körperregionen mit Akupunkturpunkten, die nur für die Kinder-Tuina gelten. Entsprechend unterscheiden sich auch die Indikationen bei Kindern, die mit Tuina behandelt werden sollen.
Zu den Beschwerdebildern gehören Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen, Verdauungsprobleme, nächtliches Weinen und Schlafstörungen, muskulärer Schiefhals und Sichelfüße bei Neugeborenen, Einnässen, Allergien, Infekte mit und ohne Fieber. Die Behandlung von Kindern erfordert sehr viel Feinfühligkeit und Erfahrung.
Für die Behandlung von Kindern gilt darüber hinaus eine praktische Einschränkung, die sich aus der Sache selbst ergibt: Ein Kind hält still, solange die Berührung angenehm ist, und entzieht sich, sobald das nicht mehr der Fall ist. Die Sitzungen fallen deshalb kurz aus, finden häufig im Beisein oder auf dem Schoß eines Elternteils statt und beschränken sich auf wenige Regionen. Anhaltende oder wiederkehrende Beschwerden eines Kindes gehören in jedem Fall zuerst kinderärztlich abgeklärt; eine Massage kann eine solche Abklärung weder vorwegnehmen noch ersetzen.
Die Griffe der Tuina tragen eigene Namen, die den Bewegungsablauf beschreiben. Neben dem namengebenden Schieben (tui) und Greifen (na) gehören dazu unter anderem das Drücken (an), das kreisende Reiben (mo), das Kneten (rou), das Rollen mit dem Handrücken (gun), das Reiben in Faserrichtung (ca) sowie schüttelnde und vibrierende Griffe. An Schultern, Rücken und Beinen kommen eher großflächige Techniken zum Einsatz, an Händen, Füßen und im Gesicht dagegen feine und punktgenaue. Welche Griffe gewählt werden, hängt nicht allein von der Körperregion ab, sondern auch davon, ob die Behandlung nach dem Verständnis der TCM ableitend oder stärkend wirken soll.
Der Ablauf einer Sitzung folgt meist einem festen Aufbau. Am Anfang stehen lösende, großflächige Griffe, die den Behandelten mit dem Druck vertraut machen und die Muskulatur vorbereiten. Danach wendet sich der Therapeut den ausgewählten Punkten zu, hält dort länger inne und arbeitet in die Tiefe. Den Abschluss bilden wieder ausstreichende Bewegungen. Behandelt wird auf einer Liege, in manchen Traditionen auch auf einer Matte am Boden; der Behandelte bleibt bekleidet, sodass keine Umkleidezeit anfällt. Viele Therapeuten empfehlen, nach der Sitzung eine Weile nachzuruhen und schwere körperliche Belastung an diesem Tag zu meiden.
Die vor jeder Behandlung stehende Diagnostik nach der Systematik der chinesischen Medizin stützt sich klassisch auf vier Schritte: das Betrachten des Patienten einschließlich der Zunge, das Hören und Riechen, das ausführliche Befragen nach Beschwerden, Schlaf, Verdauung sowie Kälte- und Wärmeempfinden und schließlich das Tasten, insbesondere des Pulses an beiden Handgelenken. Aus diesen Beobachtungen leitet der Behandler ein Muster ab, das die Wahl der Punkte, die Reihenfolge und die Richtung der Griffe bestimmt. Zwei Menschen mit derselben Beschwerde können auf diese Weise völlig verschieden behandelt werden – die Zuordnung folgt dem Muster, nicht der Diagnose im Sinne der wissenschaftlichen Medizin, und lässt sich in deren Kategorien auch nicht übersetzen.
Innerhalb der chinesischen Medizin selbst wird Tuina häufig mit weiteren Verfahren desselben Systems verbunden. Verbreitet sind die Kombination mit der Moxibustion, bei der über den Punkten getrockneter Beifuß abgebrannt wird, mit dem Schröpfen, bei dem erwärmte Gläser auf die Haut gesetzt werden, und mit dem Gua Sha, einem Schaben der Haut mit einer stumpfen Kante. Häufig tritt eine Beratung zu Ernährung und Bewegung hinzu. Für die Wirksamkeit dieser Kombinationen gilt dasselbe wie für Tuina allein: Belastbare Nachweise fehlen für die meisten der genannten Anwendungsgebiete.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Nach einer kräftig ausgeführten Behandlung sind vorübergehende Reaktionen nicht ungewöhnlich. Beschrieben werden ein Ziehen in der bearbeiteten Muskulatur, das an Muskelkater erinnert, eine Druckempfindlichkeit der behandelten Punkte, gelegentlich kleine Blutergüsse an Stellen, an denen mit Ellbogen oder Faust gearbeitet wurde, sowie Müdigkeit am Behandlungstag. Solche Reaktionen klingen üblicherweise innerhalb weniger Tage ab. Nehmen die Beschwerden nach der Behandlung dagegen deutlich zu oder halten sie an, gehört das ärztlich abgeklärt: Hinter einer scheinbar muskulären Beschwerde kann eine Erkrankung stehen, die eine Massage nicht bessert, sondern nur überdeckt. Wer gerinnungshemmende Medikamente einnimmt oder zu Blutergüssen neigt, sollte den Therapeuten vor der Sitzung darauf hinweisen.
Zu den Kontraindikationen zählen akute Infektionen und Verletzungen, Tumore, Blutvergiftung, schwere Osteoporose, chronische Hautgeschwüre und eine TBC-Infektion. Schwangere Frauen sollten zuvor ihren Arzt konsultieren. Obwohl Tuina seit langem angewendet wird, fehlt für die meisten Anwendungsgebiete der wissenschaftliche Wirksamkeitsnachweis. Eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen ist in der Regel ausgeschlossen. Bei Privatkassen lohnt sich eine Nachfrage. Die Kosten bei einem Heilpraktiker können stark variieren. Für eine 40-minütige Behandlung muss der Patient je nach Anbieter und Region mit rund 50 bis 100 Euro rechnen. Die Tuina-Massage eignet sich in leicht abgewandelter Form auch zur Selbstbehandlung.
Für die richtige Technik werden vor allem Zeige- und Mittelfinger verwendet, da sie sich besonders punktgenau einsetzen lassen. Grundsätzlich gilt es, beide Seiten zu behandeln. Bei Kopfschmerzen etwa beide Schläfenseiten. Bei einseitigen Beschwerden wird nur die betroffene Seite massiert. Punktgenau werden die Finger auf die schmerzende Stelle gelegt und kreisende Bewegungen ausgeführt. Dabei die Haut nicht reiben und die Finger nicht wegnehmen. Der Druck muss angenehm spürbar sein, bei Bedarf kann er gesteigert werden. Jeder Punkt wird nur kurz stimuliert, danach wird die Abfolge einige Male wiederholt.
Wer die Behandlung nicht selbst ausführt, sondern in Anspruch nimmt, steht in Deutschland vor einem uneinheitlichen Anbieterfeld. Die Bezeichnung „Tuina-Therapeut“ ist nicht geschützt und sagt für sich genommen nichts über Umfang und Inhalt der Ausbildung aus. Heilkunde am Menschen darf hierzulande nur ausüben, wer als Arzt approbiert ist oder eine Erlaubnis nach dem Heilpraktikergesetz besitzt. Daneben wird Tuina von Physiotherapeuten und Masseuren mit entsprechender Zusatzausbildung angeboten, die im Rahmen ihres Berufs und, soweit eine ärztliche Verordnung vorliegt, auf deren Grundlage arbeiten. Fragen nach Dauer und Aufbau der Ausbildung, nach dem Umfang des Unterrichts und danach, ob eine eigenständige Befunderhebung nach TCM dazugehört, sind deshalb aussagekräftiger als das Etikett auf dem Praxisschild.
Die Beleglage unterscheidet sich von Anwendungsgebiet zu Anwendungsgebiet. Am ehesten untersucht sind Beschwerden des Bewegungsapparates, etwa Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich und unspezifische Rückenschmerzen. Belastbare Aussagen fallen schon deshalb schwer, weil sich eine handwerklich ausgeführte Massage kaum gegen eine Scheinbehandlung abgrenzen lässt: Der Behandelte merkt, ob und wie er berührt wird, und der Behandler weiß, was er tut. Für die weiter reichenden Anwendungsgebiete, die in der Literatur der Methode genannt werden, liegen aussagekräftige Untersuchungen nicht vor. Daraus folgt nicht, dass jede Behandlung wirkungslos bliebe; es folgt, dass ein Wirksamkeitsnachweis fehlt und die Methode eine notwendige medizinische Behandlung nicht ersetzen kann. Wer sich für Tuina entscheidet, sollte eine laufende ärztliche Behandlung deshalb weiterführen und den behandelnden Arzt über die Anwendung unterrichten – schon damit eine Veränderung der Beschwerden richtig eingeordnet werden kann.
Quellen
- Focks, C. (Hrsg.): Leitfaden Chinesische Medizin - Grundlagen.
ISBN: 9783437056536
- Focks, C., März, U.: Leitfaden Akupunktur.
ISBN: 9783437060144
- Focks, C., März, U., Hosbach, I. (Hrsg.): Atlas Akupunktur.
ISBN: 9783437183584
- Kolster, B. C.: Massage.
ISBN: 9783662715291
- Kraft, K., Stange, R. (Hrsg.): Lehrbuch Naturheilverfahren.
ISBN: 9783830453338
