Anticholinerges Syndrom

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 15. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Das Anticholinerge Syndrom ist eine Art Vergiftungserscheinung mit neurologischen Symptomen. Die häufigsten Ursachen sind Medikamentenüberdosierungen oder der Konsum von Nachtschattengewächsen. Zur Behandlung stehen neben einer Magenspülung die Diurese oder eine Therapie mit Aktivkohle zur Verfügung. Als spezifisches Gegenmittel steht Physostigmin zur Verfügung.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Anticholinerge Syndrom?

Anticholinerges Syndrom
Am häufigsten tritt das Anticholinerge Syndrom im Rahmen von Medikamentenüberdosierungen auf. Zum Teil ist aber auch der Konsum von Nachtschattengewächsen für die Erscheinung verantwortlich.
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Der Begriff „anticholinerg“ bedeutet der Wirkung von Acetylcholin entgegengerichtet. Acetylcholin ist ein Neurotransmitter. Über diesen Botenstoff werden viele Reize innerhalb des zentralen und peripheren Nervensystems übermittelt. Die Kontraktionen der Skelettmuskulatur werden zum Beispiel über diesen Stoff in Auftrag gegeben und realisiert. Zusätzlich dient der Botenstoff als Signalstoff innerhalb der sympathischen und parasympathischen Gehirnregionen.

Beim Anticholinergen Syndrom ist diese Signalübermittelung gestört. Der Parasympathikus schaltet sich infolge des Phänomens fast vollständig ab. In der Regel tritt diese Erscheinung durch den Konsum von Giftsubstanzen ein. Damit ist das anticholinerge Syndrom eine Art Vergiftungserscheinung. Neurologische Symptome prägen das Bild des Syndroms. Manchmal ist in diesem Zusammenhang auch von bewusstseinsverändernden Wirkungen die Rede.

Ursachen

Am häufigsten tritt das Anticholinerge Syndrom im Rahmen von Medikamentenüberdosierungen auf. Zum Teil ist aber auch der Konsum von Nachtschattengewächsen für die Erscheinung verantwortlich. Unter den Medikamenten wirken sowohl trizyklische Antidepressiva und Neuroleptika als auch Antihistaminika der ersten Generation und Hyoscyamin anticholinerg. Unter den Nachtschattengewächsen haben vor allem die Tollkirsche, die Engelstrompete und das Bilsenkraut oder der Stechapfel anticholinerge Wirkung.

Die genannten Pflanzen und Medikamente enthalten Antagonisten zum Neurotransmitter Acetylcholin und zeigen deshalb hemmende Wirkung auf den Parasympathikus. In Nachtschattengewächsen ist für die hemmende Wirkung vor allem das hoch giftige Tropan-Alkaloid Atropin verantwortlich. Dieser Stoff tritt im Organismus mit Acetylcholin in Konkurrenz und verdrängt es von den Acetylcholinrezeptoren. Damit antagonisiert Atropin die Effekte des natürlichen Acetylcholins und stört das Bewusstsein.


Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Patienten mit dem anticholinergen Syndrom fühlen sich in der Regel verwirrt und desorientiert. Neben Angst und Unruhe treten oft Krampfanfälle ein. Auch auditive und visuelle Halluzinationen oder allgemeine Bewegungsstörungen zählen zu den Symptomen.

Diese Symptome des Syndroms bilden eine eigene Form des Phänomens aus, die oft als delirante Form bezeichnet wird. Davon zu unterscheiden ist die somnolente Form. Sie äußert sich in Schläfrigkeit bis hin zum Koma. Im Extremfall tritt ein Atemstillstand ein. Beide Formen des Phänomens können von Begleitsymptomen, wie trockener, geröteter oder erhitzter Haut begleitet werden. Oft tritt bei beiden Fieber ein.

Die Schweißproduktion kann sich verringern und die Pupillen weiten sich. Glaukomanfälle oder verschwommene Sicht kommen ebenso häufig vor. Andere Begleitsymptome sind Schluckstörungen, Herzrhythmusstörungen und Mundtrockenheit durch verminderte Speichelproduktion. Zusätzlich sind oft der Magen-Darm-Trakt und die Blase durch die Vergiftung gehemmt. Kennzeichnend ist damit ein Bild aus heißer, geröteter und trockener Haut, weiten Pupillen, beschleunigtem Herzschlag und Verwirrtheit. Genau umgekehrte Anzeichen zeigt das akute cholinerge Syndrom mit engen Pupillen, Speichelfluss, Schwitzen und vermehrtem Bronchialsekret; dort wird Atropin als Gegenmittel gegeben, beim anticholinergen Syndrom dagegen Physostigmin.

Diagnose & Verlauf

Der Arzt unterscheidet zwischen einem peripheren und einem zentralen anticholinergen Syndrom. Peripher und zentral beziehen sich in diesem Zusammenhang auf die jeweilige Beteiligung des Nervensystems. Das periphere anticholinerge Syndrom äußert sich so beispielsweise vorwiegend in einem beschleunigten Herzschlag, trockener Haut, weiten Pupillen und Harnverhalt. Die zentrale Form kann dagegen starke Wesensveränderungen und Bewusstseinstrübungen beinhalten, da sie den zentralnervensystemischen Wahrnehmungsapparat angreift.

Der Verlauf der Vergiftungserscheinung hängt stark von der Form ab. Die somnolente Form des Syndroms ist prognostisch in der Regel weniger günstig, als die delirante Form. Meist weisen Patienten des anticholinergen Syndroms nicht alle Symptome zusammen auf. Oft sind ihre Beschwerden unspezifisch. Das Syndrom lässt sich daher nur schwer diagnostizieren, solange die Anamnese es nicht nahelegt.

Sowohl Hirnblutungen als auch Entzündungen im Gehirn können sich in ähnlichen Symptomen bemerkbar machen. Der Physostigmin-Test kann den Verdacht auf ein anticholinerges Syndrom allerdings bestätigen. Die Prognose ist grundsätzlich gut, solange das Syndrom frühzeitig erkannt wird. Bleibende Schäden sind in der Regel nicht zu erwarten.

Komplikationen

Aufgrund der Komplexität des Syndroms fallen die Reaktionen unterschiedlich aus. Dabei wird zwischen dem zentralen sowie peripheren anticholinergen Syndrom differenziert. Letzteres zeigt sich an Harnverhalt, Darmverstopfung, akuten Kreislaufproblemen, vergrößerten Pupillen, trockener und geröteter Haut sowie trockenem Mund. Das zentrale anticholinerge Syndrom betrifft ausschließlich Gehirn und Rückenmark.

Zu den Symptomen gehören eine Minderung der Wahrnehmung, Aggressivität, Rastlosigkeit sowie Halluzinationen. Patienten, die nach der Medikamenteneinnahme Beschwerden zeigen, gehören unverzüglich in ärztliche Behandlung. Die Komplikationsfolgen reichen von Schwindelgefühlen über zerebrale Funktionsstörungen und Krampfanfälle bis hin zu einer gefährlichen Überwärmung des Körpers und Herzrhythmusstörungen.

Patienten mit Wasserkopf sind zudem eher gefährdet, dem anticholinergen Syndrom zu erliegen, sowie Patienten mit Anfallsleiden. Sofern bereits eine Bewusstlosigkeit eingetreten ist, gehört der Betroffene zur Überwachung auf die Intensivstation. Ist die Medikamentenunverträglichkeit geklärt, wird dem Betroffenen ermöglicht, die verursachende Substanz mittels Infusion oder Aktivkohle auszuscheiden. Physostigmin wird nur im Notfall verabreicht, da es weitere Nebenwirkungen beinhaltet. Nach der Behandlung müssen die Betroffenen die verursachenden Präparate meiden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Sollte nach der Einnahme von Antidepressiva, Neuroleptika und Antihistaminika oder dem Konsum von Nachtschattengewächsen eine bleibende Verwirrtheit oder Desorientierung auftreten, muss umgehend ein Arzt konsultiert werden. Weitere Warnzeichen für das anticholinerge Syndrom sind Krampfanfälle, Angst und Unruhe sowie allgemeine Bewegungsstörungen und visuelle und auditive Halluzinationen. Charakteristisch sind auch die typischen Begleitsymptome: Mundtrockenheit, Schluckstörungen, Halsschmerzen, Fieber und eine stark verringerte Schweißproduktion.

Auch äußerliche Merkmale wie geweitete Pupillen und eine gerötete, trockene Haut sollten auf direktem Weg zum Arzt führen. Der Mediziner kann die Erkrankung anschließend diagnostizieren und feststellen, ob es sich um die delirante oder die somnolente Form handelt. Die weitergehende Behandlung (Magenspülung und Medikamentengabe) sollte umgehend erfolgen.

Es empfiehlt sich darum, beim Verdacht auf das anticholinerge Syndrom unverzüglich den Allgemeinarzt oder das Krankenhaus zu konsultieren. Bei starken Krampfanfällen, Atembeschwerden oder Bewusstlosigkeit muss der Notarzt gerufen werden. Bis die medizinische Hilfe eintrifft, müssen mitunter weitere Maßnahmen zur ersten Hilfe getroffen werden.

Behandlung & Therapie

Bei Halluzinationen oder extremer Unruhe muss ein Patient mit dem anticholinergen Syndrom unter Umständen fixiert werden, damit er sich selbst nicht verletzen kann. Die Fixierung dient auch dem Schutz des behandelnden Personals. Das anticholinerge Syndrom kann unter Umständen nämlich auch mit Aggression nach außen verbunden sein. Als Gegenmittel lässt sich eventuell Physostigmin verabreichen.

Die Gabe dieses Gegenmittels erfolgt meist über einen Perfusor. Diese Gabe muss unter strenger Beachtung der Nebenwirkungen und Kontraindikationen erfolgen. Bei schweren Fällen des anticholinergen Syndroms muss der Patient intensivmedizinisch überwacht und versorgt werden. Über eine künstlich forcierte Diurese kann der Arzt gegebenenfalls die Ausscheidung der Gifte beschleunigen. Durch verschiedene Verfahren kann er so die Nieren zur Arbeit anregen. Früher wurde dieses Vorgehen häufig angewendet; nach heutigem Kenntnisstand bringt die forcierte Diurese bei diesem Vergiftungsbild jedoch keinen Vorteil und wird kaum noch empfohlen.

Wenn der Nutzen für den Patienten das Risiko einer Magenspülung übersteigt, dann können auch Maßnahmen zur Magenentleerung in die Wege geleitet werden. Speziell für bewusstlose oder bewusstseinsgetrübte Patienten ist eine Magenspülung häufig angezeigt. Mithilfe von Aktivkohle kann der Magen-Darm-Trakt des Patienten eventuell auch daran gehindert werden, die Gifte weiterhin in das Blut zu absorbieren. Lange Zeit galt die Magenspülung als Standardmaßnahme bei Vergiftungen. Heute wird stattdessen die Gabe von Aktivkohle bevorzugt, während eine Magenspülung nur noch in Ausnahmefällen kurz nach der Giftaufnahme erfolgt.

Aussicht & Prognose

Die Prognose des anticholinergen Syndroms gilt als gut. Sobald die Ursache erkannt, behandelt und behoben wurde, kommt es zu einer Heilung und vollständigen Beschwerdefreiheit. Je eher eine Diagnose erfolgt und eine Behandlung beginnt, desto schneller ist der Heilungsverlauf. Innerhalb weniger Stunden nach dem Therapiebeginn sind bereits deutliche Besserungen des Gesundheitszustandes erkennbar.

In den kommenden Tagen werden die überdosierten Wirkstoffe aus den Medikamenten nahezu vollständig aus dem Körper abtransportiert. Die aggressiven Tendenzen lassen nach und Symptome wie Halluzinationen sowie Wahn treten nicht mehr auf. Nach wenigen Wochen der medizinischen Versorgung sind viele Patienten körperlich bereits vollumfänglich und dauerhaft geheilt. Die Erholungsphase nach der Erkrankung nimmt in vielen Fällen noch einige Zeit in Anspruch, aber ein Rückfall gilt als eher unwahrscheinlich. Der Körper benötigt lediglich einige Zeit zum Aufbau der Kräfte.

Bei einer schwerwiegenden Ausprägung des anticholinergen Syndroms können in Ausnahmefällen dauerhafte Schäden des Gehirns vorhanden sein. Diese können zu bleibenden Veränderungen der Persönlichkeit oder zur Ausbildung anderer psychischer Erkrankungen führen. Dennoch ist das Risiko von dauerhaften Beeinträchtigungen als äußerst gering einzustufen. Schwerwiegender können die Folgeerkrankungen sein. Psychische Belastungen, Angst und Traumata sind möglich. Die Erkrankungen mindern das Wohlbefinden. Für eine Heilung wird oftmals eine Psychotherapie benötigt.


Vorbeugung

Dem anticholinergen Syndrom lässt sich über die richtige Dosierung von Medikamenten und die Meidung der weiter oben genannten Gifte vorbeugen. Speziell vom Konsum von Atropin oder atropinhaltigen Substanzen ist abzusehen. Nach einem anticholinergen Syndrom infolge von Medikamentengabe sollte der Patient wenn möglich nie wieder mit den verursachenden Substanzen in Kontakt gebracht werden.

Nachsorge

In den meisten Fällen sind bei diesem Syndrom keine besonderen Möglichkeiten und Maßnahmen einer Nachsorge notwendig oder möglich. Der Betroffene ist dabei jedoch auf eine schnelle Diagnose und auf die anschießende Behandlung angewiesen, damit es nicht zu weiteren Beschwerden oder im schlimmsten Falle zum Tode des Betroffenen kommt. Daher sollte schon bei den ersten Anzeichen oder Symptomen dieses Syndroms ein Arzt aufgesucht werden.

Sollte es dabei nicht zu einer sofortigen Behandlung kommen, verschlechtern sich meistens die Symptome und es kommt dann schließlich zum Tod des Betroffenen. Die Behandlung selbst sollte dabei immer durch den behandelnden Arzt erfolgen, da dieser sich mit den eingenommenen Medikamenten in der Regel auskennt. Die Beschwerden werden dabei häufig mit Hilfe von Aktivkohle gelindert.

Dabei ist der Betroffene auf eine regelmäßige und auf eine richtige Einnahme angewiesen, um der Vergiftung entgegenzuwirken. Auch eine dauerhafte Kontrolle und Überwachung des Betroffenen ist bei diesem Syndrom notwendig. Ob es dabei zu einer Heilung oder zu einer verringerten Lebenserwartung kommt, kann dabei nicht universell vorhergesagt werden. Nicht selten ist dabei auch die Spülung des Magens notwendig. Die Ursache der Vergiftung sollte im Weiteren natürlich verhindert werden.

Das können Sie selbst tun

Menschen, die anticholinerg wirkende Medikamente einnehmen, sollten eine Liste aller Präparate sowie ein Blutdruckmessgerät griffbereit im Haushalt haben. Bei Anzeichen einer Vergiftung müssen sie unverzüglich einen Krankenwagen herbeirufen. Bis zum Eintreffen der Hilfe setzt sich der Betroffene am besten an das geöffnete Fenster und nimmt in kleinen Schlucken reines Wasser zu sich. Tabletten sind in jedem Fall zu vermeiden. Gegen die durch anticholinerg wirkende Medikamente ausgelöste Darmträgheit kann ballaststoffreiche Nahrung helfen.

Für ein anticholinerges Syndrom gefährdete Menschen sind gut beraten, einem häufig erreichbaren Nachbarn einen Zweitschlüssel zu geben. Auch regelmäßige Telefonate und möglichst mehrmals täglicher Besuch sollten dem Betroffenen Sicherheit vermitteln, dass er im Falle eines ernsthaften Anfalls schnell Hilfe erhält. Da derartig erkrankte Menschen in der Krankheitssituation nur auf der Intensivstation richtige Behandlung finden, ist auch für Dritte die gepackte Tasche genauso sichtbar zu platzieren, wie eine Telefonliste für Notfälle.

In therapeutischer Behandlung kann frühzeitig richtige Atemtechnik erlernt werden. Ebenso können Entspannungsübungen trainiert werden, die dem Betroffenen im Notfall helfen, ruhig zu bleiben und den Kreislauf nicht zusätzlich zu belasten. Auch hierbei können psychologische Therapeuten im Vorfeld hilfreiche Unterstützung leisten. Außerdem ist der Gang zum Ernährungsberater angeraten, um mit Nahrung den Stoffwechsel langfristig ins Gleichgewicht zu bringen.

Quellen

  • Marquardt, H., Schäfer, S. G., Barth, H. (Hrsg.): Toxikologie.
    ISBN: 9783804736573
  • Graefe, K.-H., Lutz, W., Bönisch, H.: Duale Reihe Pharmakologie und Toxikologie.
    ISBN: 9783131692924
  • Sefrin, P.: Notfallmedizin.
    ISBN: 9783609103600
  • Falkai, P., Laux, G., Kapfhammer, H.-P., Möller, H.-J. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie.
    ISBN: 9783662741702
  • Herold, G.: Innere Medizin 2026.
    ISBN: 9783982116655

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