Immunszintigrafie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Immunszintigrafie ist ein radiologisch-diagnostisches Verfahren aus dem Bereich der Nuklearmedizin. Es werden dabei invasiv sogenannte radioaktiv markierte Antikörper über die Vene eines Patienten appliziert, die sich dann in Entzündungsherden oder in Tumorgewebe anreichern.
Was ist die Immunszintigrafie?
Bei der Immunszintigrafie kommen artifizielle Antikörper zum Einsatz, es handelt sich also nicht um natürliche Antikörper, wie sie auch im Blut vorkommen, sondern um eigens für diesen Zweck künstlich hergestellte Antikörper. Je nach Einsatzzweck werden aber auch nur einzelne Antikörperfragmente verwendet, also nicht der gesamte Antikörper.
Sowohl das Fragment, also Teilstück, als auch der ganze Antikörper können zusätzlich radioaktiv markiert werden. Dazu werden sogenannte Tracer verwendet, die beispielsweise radioaktives Technetium enthalten. Es kommen aber auch andere radioaktive Nuklide bei der Immunszintigrafie zum Einsatz. Diese im nuklearmedizinischen Labor markierten Antikörper werden dem Patienten in einer Spritze intravenös verabreicht. Durch den Blutstrom verteilen sich die Antikörper dann rasch in allen Körpergeweben und Organen.
Mit der Immunszintigrafie wird nun eine selektive Anreicherung dieser radioaktiv markierten Antikörper an vermuteten Entzündungsherden, Primärtumoren oder Metastasen versucht. Haben sich die Antikörper an Krebszellen oder Entzündungszellen angereichert, dann können diese durch die radioaktive Komponente mit einer sogenannten Gammakamera nachgewiesen werden.
Funktion, Wirkung & Ziele
Hauptsächlich wird die Immunszintigrafie jedoch in der Diagnose und Verlaufskontrolle von bösartigen Tumoren eingesetzt. In der Tumordiagnostik basiert die Immunszintigrafie auf dem Prinzip monoklonaler Antikörper, die gegen ganz spezifische Antigenstrukturen auf der Oberfläche von bestimmten Tumoren gerichtet sind. Die Bindung der jeweiligen markierten Antikörper ist also streng spezifisch; entsprechende Antikörper stehen bisher nur für wenige Tumortypen zur Verfügung. Einer Immunszintigrafie gehen in der Regel andere onkologische Untersuchungen voraus.
Ob die Indikation zum Einsatz der Immunszintigrafie tatsächlich gegeben ist, hängt von histologischen, also feingeweblichen Befunden sowie Hormonuntersuchungen des Blutes ab. Haupteinsatzgebiete der Immunszintigrafie in der Onkologie sind bestimmte Formen des Dick- und Enddarmkrebses, etwa das Sigmakarzinom, sowie das Non-Hodgkin-Lymphom, eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems. Beim Non-Hodgkin-Lymphom wird die Immunszintigrafie als sehr wichtig für den Therapieverlauf und zur Planung der Strahlendosis für die Therapie angesehen. Bei dieser Tumorart wird grundsätzlich keine Radioimmuntherapie durchgeführt, ohne die Ergebnisse der Immunszintigrafie abzuwarten.
Bei entzündlichen Prozessen kommt die Immunszintigrafie als sogenannte Entzündungsszintigrafie zum Einsatz. Dabei können die markierten Antikörper spezifisch oder unspezifisch angereichert werden. Bei der spezifischen Anreicherung werden monoklonale Antigranulozytenantikörper verwendet, die mit Technetium radioaktiv markiert wurden. Die Antikörper binden sich schnell an im Blutstrom vorhandene Granulozyten, eine bestimmte Fraktion der weißen Blutkörperchen. Diese markierten Granulozyten wandern dann zum vermuteten Entzündungsherd und reichern sich dort schließlich an. Bei starken, medikamentös nicht beeinflussbaren Prozessen kommen radioaktiv markierte Antikörper auch therapeutisch zum Einsatz; man spricht dann nicht mehr von einer Szintigrafie, sondern von einer Radionuklidtherapie.
In diesem Fall wirkt das markierte Präparat im Entzündungsherd als Radiopharmakon; die Bestrahlung von innen soll den krankhaften Prozess zum Stillstand bringen, wenn auch nur vorübergehend. Bei der sogenannten unspezifischen Anreicherung kommen keine künstlichen Antikörper zum Einsatz, sondern es wird humanes Immunglobulin mit Technetium radioaktiv markiert. Bei diesem Prozess erfolgt keinerlei spezifische Bindung an Granulozyten. Die Immunszintigrafie ist in der Nuklearmedizin bei chronisch-rezidivierenden Entzündungen und zur Abklärung von länger anhaltenden Fieberzuständen etabliert.
Sobald die radioaktiv markierten Antikörper bei allen Anwendungsbereichen der Immunszintigrafie zubereitet wurden, ist eine umgehende venöse Applikation erforderlich, aufgrund der kurzen Halbwertszeit von Technetium. Nach der Verabreichung beträgt die Wartezeit je nach Indikation und verwendetem Nuklid zwischen 1 und 72 Stunden bis zur Auswertung unter der Gamma-Kamera. Es entsteht, ähnlich wie bei der Schilddrüsenszintigraphie, ein diagnostisches Schaubild, welches die Anreicherung der radioaktiv markierten Antikörper im Zielgebiet zeigt. Die Gamma-Kamera zeichnet fortlaufend den radioaktiven Zerfall des Technetiums auf, mit dem die Antikörper zuvor markiert wurden.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Um eine Gefährdung des Säuglings sicher zu verhindern, muss das Stillen für mindestens 2 Tage unterbrochen werden. Auch Wiederholungsuntersuchungen stellen eine relative Kontraindikation dar. Eine Immunszintigrafie sollte wegen der vergleichsweise hohen Strahlenbelastung erst nach Ablauf von 3 Monaten wiederholt werden. Vor jeder Immunszintigrafie sollte eine genaue Nutzen-Risiko-Abwägung durch Nuklearmediziner und Onkologen erfolgen. Denn besonders das Risiko eines Spätmalignoms in Form eines Karzinoms oder einer Leukämie ist durch die Applikation von radioaktiv markierten Antikörpern erhöht.
Treten Jahre nach der Anwendung bösartige Tumoren auf, so werden diese nicht immer direkt in Zusammenhang mit einer zuvor erfolgten Immunszintigrafie gebracht. Treten bösartige Neubildungen auf, so ist der behandelnde Onkologe über zuvor stattgefundene diagnostische oder therapeutische Anwendungen radioaktiv markierter Antikörper zu informieren, auch wenn diese bereits sehr lange Zeit zurückliegen. Als Nebenwirkung kann es auch zu allergischen Reaktionen gegen das verabreichte Präparat, vor allem gegen seinen Antikörperanteil, bis hin zum allergischen Schock, kommen.
Eine Besonderheit betrifft die Antikörper selbst. Wurden sie aus tierischem Ausgangsmaterial gewonnen, kann das menschliche Immunsystem sie als fremd erkennen und eigene Abwehrstoffe gegen sie bilden. Diese Abwehrstoffe können bei einer erneuten Anwendung eine allergische Reaktion begünstigen und dazu führen, dass sich das Präparat anders verteilt als beim ersten Mal, was die Aussagekraft einer Wiederholungsuntersuchung mindert. Darüber hinaus können sie bestimmte Laborbestimmungen verfälschen, die selbst auf tierischen Antikörpern beruhen — Blutwerte etwa, die zur Verlaufskontrolle einer Krebserkrankung herangezogen werden. Auffällig veränderte Laborwerte nach einer solchen Untersuchung sollten deshalb im Zusammenhang mit der vorangegangenen Anwendung beurteilt werden.
Die allergischen Reaktionen selbst reichen von einem Hautausschlag und Nesselsucht über Atemnot und Blutdruckabfall bis zum Kreislaufversagen. Sie treten in aller Regel kurz nach der Verabreichung auf, weshalb der Patient in der ersten Zeit danach in der Einrichtung bleibt und beobachtet wird. Notfallausrüstung und geschultes Personal stehen bereit.
Vorbereitung und Ablauf für den Patienten
Vor der Untersuchung steht ein Aufklärungsgespräch, in dem Nutzen und Strahlenrisiko gegeneinander abgewogen werden. Erfragt werden frühere nuklearmedizinische Untersuchungen, bekannte Allergien, Nierenfunktion sowie bei Frauen im gebärfähigen Alter eine mögliche Schwangerschaft; im Zweifel wird ein entsprechender Test durchgeführt. Wer stillt, bespricht das Vorgehen im Voraus. Nüchtern erscheinen muss man in der Regel nicht, und die gewohnten Medikamente werden meist weiter eingenommen — Abweichungen legt die Einrichtung im Einzelfall fest.
Die Verabreichung erfolgt über eine kleine Kanüle in einer Armvene und ist nicht schmerzhafter als eine gewöhnliche Blutentnahme. Die Menge der verabreichten Substanz ist gering; eine Wirkung im Sinne eines Medikaments ist von ihr nicht zu erwarten. Danach folgt eine Wartezeit, in der sich das Präparat im Körper verteilt und im Zielgebiet anreichert, während es sich aus dem Blut und aus dem übrigen Gewebe wieder herauswäscht. Erst dann hebt sich der gesuchte Bezirk deutlich genug vom Hintergrund ab. In dieser Zeit kann der Patient sich meist frei bewegen; er wird gebeten, ausreichend zu trinken und die Blase regelmäßig zu entleeren, weil das den Körper von nicht gebundener Aktivität befreit und die Strahlenbelastung verringert.
Für die Aufnahme liegt der Patient auf einer schmalen Liege, während sich die Messköpfe dicht über und unter dem Körper bewegen. Wichtig ist, still zu liegen, denn Bewegung macht die Bilder unscharf. Die Aufnahme dauert je nach Umfang eine gewisse Zeit und ist schmerzfrei; unangenehm sein kann die Enge unter den Messköpfen, was Menschen mit Platzangst vorab ansprechen sollten. Häufig werden zu mehreren Zeitpunkten Bilder angefertigt, sodass ein zweiter Termin am selben oder am folgenden Tag hinzukommt. Aus dem Verlauf der Anreicherung über die Zeit lassen sich zusätzliche Schlüsse ziehen, die eine einzelne Aufnahme nicht hergäbe.
Flächenaufnahmen und Schichtaufnahmen
Die einfachste Form der Aufzeichnung ist die Flächenaufnahme, bei der die Kamera von vorn und von hinten ein Übersichtsbild des Körpers oder einer Körperregion erstellt. Sie zeigt, wo sich Aktivität sammelt, kann jedoch die Tiefe nicht auflösen: Ein Bezirk, der auf dem Bild vor einem anderen liegt, überlagert diesen.
Deshalb wird ergänzend eine Schichtaufnahmetechnik eingesetzt, bei der die Messköpfe um den Körper rotieren und aus den Einzelbildern rechnerisch Schnittbilder erzeugt werden. Noch aussagekräftiger wird das Ergebnis, wenn diese Aufnahme in einem Gerät erfolgt, das zugleich eine Computertomographie anfertigt. Beide Datensätze werden übereinandergelegt, sodass sich eine Anreicherung genau einer anatomischen Struktur zuordnen lässt. Ohne diese Zuordnung bleibt oft unklar, ob ein Herd im Organ selbst, in einem benachbarten Lymphknoten oder etwa im Darminhalt liegt. Der Preis dafür ist eine zusätzliche Strahlenbelastung durch den Röntgenanteil, die in die Abwägung eingeht.
Was eine fehlende Anreicherung bedeutet
Ein Punkt wird in der Beratung leicht missverstanden: Zeigt die Aufnahme im fraglichen Bereich keine vermehrte Anreicherung, so ist damit ein Tumor nicht ausgeschlossen. Das Verfahren weist nicht Tumorgewebe als solches nach, sondern das Vorhandensein einer bestimmten Zielstruktur auf der Oberfläche von Zellen. Fehlt diese Struktur, bleibt das Bild unauffällig — der Tumor aber besteht.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Nicht jeder Tumor derselben Art bildet die gesuchte Zielstruktur, und selbst innerhalb eines einzelnen Tumors ist sie oft ungleich verteilt: Manche Bezirke tragen sie in großer Dichte, andere kaum. Unter einer laufenden Behandlung kann sie zudem verloren gehen. Hinzu kommen technische Grenzen. Sehr kleine Herde liegen unterhalb des Auflösungsvermögens der Kamera und verschwinden im Rauschen des Umgebungssignals. Schlecht durchblutete Bezirke und Tumoren mit abgestorbenem Kern werden von den verabreichten Antikörpern kaum erreicht, weil diese großen Moleküle nur langsam aus den Gefäßen ins Gewebe übertreten. Und liegt ein Herd unmittelbar neben einem Organ, das die Substanz von Natur aus stark aufnimmt, kann er von dessen Signal überdeckt werden.
Ein unauffälliges Ergebnis ist deshalb immer im Zusammenhang zu lesen. Besteht der klinische Verdacht fort oder sprechen andere Untersuchungen dafür, wird die Abklärung mit anderen Mitteln fortgesetzt — und die entscheidende Sicherheit gibt am Ende die feingewebliche Untersuchung entnommenen Gewebes.
Was eine Anreicherung bedeutet
Ebenso wenig beweist eine Anreicherung für sich genommen einen Tumor. Bestimmte Organe nehmen die verabreichte Substanz regelhaft auf, ohne dass dies krankhaft wäre: Leber und Milz als Orte des Abbaus, das Knochenmark, die Nieren und die Blase als Weg der Ausscheidung sowie der Darm. Wer solche Bilder beurteilt, muss dieses normale Verteilungsmuster kennen und von ihm abweichende Bezirke davon trennen.
Darüber hinaus reichern sich die markierten Antikörper überall dort an, wo Abwehrzellen zusammenströmen. Frische Operationswunden, ausheilende Knochenbrüche, entzündete Gelenke und Abszesse können deshalb ein Signal erzeugen, das einem Tumor ähnelt. Bei bestimmten Fragestellungen wird gerade das genutzt, etwa bei der Suche nach einem Entzündungsherd unklarer Herkunft. Bei der Tumorsuche ist es dagegen eine Fehlerquelle, weshalb frühere Eingriffe und bestehende Entzündungen vor der Beurteilung bekannt sein müssen. In der Beurteilung eines Verdachts auf eine Entzündung im Bereich von künstlichem Gelenkersatz hilft eine ergänzende Darstellung des Knochenmarks: Stimmt die Anreicherung mit dem Muster des Knochenmarks überein, spricht das gegen eine Infektion.
Wer die Untersuchung durchführt
Die Anwendung radioaktiver Stoffe am Menschen ist gesetzlich geregelt und darf nur in Einrichtungen mit entsprechender Genehmigung erfolgen — in nuklearmedizinischen Praxen und Kliniken. Vor jeder Anwendung muss ein fachkundiger Arzt feststellen, dass der zu erwartende gesundheitliche Nutzen die Strahlenexposition überwiegt und dass keine Untersuchung mit vergleichbarem Erkenntnisgewinn und geringerem Risiko zur Verfügung steht. Diese Prüfung ist keine Formalie, sondern Voraussetzung der Untersuchung.
Nach der Aufnahme klingt die Aktivität im Körper von selbst ab — teils durch den radioaktiven Zerfall, teils durch die Ausscheidung. Für einen begrenzten Zeitraum wird empfohlen, engen und längeren Körperkontakt zu Schwangeren und zu Kleinkindern zu meiden und weiterhin reichlich zu trinken. Genaue Hinweise gibt die durchführende Einrichtung, weil sie vom verwendeten Nuklid abhängen. Im Alltag bestehen darüber hinaus keine Einschränkungen; Arbeitsfähigkeit und Autofahren sind nicht berührt.
Einordnung neben anderen Verfahren
Die Immunszintigrafie steht heute nicht mehr allein. Für viele onkologische Fragestellungen hat die Positronen-Emissions-Tomographie in Verbindung mit einer Computertomographie ihren Platz eingenommen, weil sie feiner auflöst und geringere Mengen an Gewebe erfasst; für einzelne Tumorarten stehen dort inzwischen Substanzen zur Verfügung, die gezielt an Oberflächenmerkmale dieser Tumoren binden. Die Skelettszintigraphie wiederum bleibt das Mittel der Wahl, wenn es um die Suche nach Tochtergeschwülsten im Knochen geht.
Ihren eigenen Platz behauptet die Immunszintigrafie dort, wo sie eine Frage beantwortet, die andere Verfahren offen lassen — insbesondere bei der Suche nach einem entzündlichen Herd, den Schnittbildaufnahmen nicht sicher von reaktiv verändertem Gewebe unterscheiden können. Auch bei der Planung einer Behandlung mit radioaktiv markierten Antikörpern hat die vorgeschaltete Darstellung ihren Sinn, weil sie zeigt, ob und wo sich das Präparat überhaupt anreichert. Welches Verfahren im Einzelfall angezeigt ist, entscheidet sich nach der konkreten Fragestellung, nach der Vorgeschichte und danach, welche Folgerung aus dem Ergebnis tatsächlich gezogen werden soll.
Quellen
- Schicha, H., Schober, O. (Hrsg.): Nuklearmedizin.
ISBN: 9783794567232
- Dietlein, M., Kopka, K., Schmidt, M. (Hrsg.): Nuklearmedizin.
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- Reiser, M., Kuhn, F.-P., Debus, J. (Hrsg.): Duale Reihe Radiologie.
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- Schmoll, H.-J. (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie.
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- Peter, H.-H., Pichler, W. J., Müller-Ladner, U. (Hrsg.): Klinische Immunologie.
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