Pneumokokken
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Unter den Mikroorganismen, den Bakterien, nehmen die Pneumokokken eine gesonderte Position ein. Pneumokokken sind auf natürliche Art und Weise im menschlichen Organismus vorhanden. Unter verschiedenen Umständen lösen Pneumokokken Erkrankungen aus.
Was sind Pneumokokken?
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Die Bezeichnung Pneumokokken wird aufgrund deren morphologischen Gestalt gewählt. Kugelförmige Bakterien werden als Kokken bezeichnet; Pneumokokken erscheinen unter dem Mikroskop semmel- oder lanzettförmig. Die Vorsilbe „Pneumo-“ ist zutreffend, weil diese Bakterien häufig eine Lungenentzündung hervorrufen. In medizinischen Fachkreisen wird häufig die Bezeichnung Streptococcus pneumoniae benutzt.
Innerhalb der Pneumokokken sind über 90 unterschiedliche Serotypen bekannt, welche eine krankheitserregende Bedeutung besitzen. Ein markantes Abgrenzungsmerkmal der einzelnen Typen ist durch den Vergleich der kapselartigen Umhüllung der Bakterien unter dem Mikroskop möglich. Die Pneumokokken können durch verschiedene Übertragungswege in den menschlichen Organismus eindringen.
Bedeutung & Funktion
Grundsätzlich sind Pneumokokken wie eine Vielzahl anderer Bakterienarten permanent in einigen Organsystemen des menschlichen Körpers "beheimatet". Bei einem gesunden Menschen sind diese in einer begrenzten Anzahl in den Schleimhäuten des Nasen-Rachen-Raumes und der sich anschließenden Atemwege angesiedelt.
Kommt es durch eine gesundheitliche Beeinträchtigung oder durch eine Schwächung des Immunsystems jedoch zu einer Vermehrung der Pneumokokken, entstehen ernsthafte Erkrankungen, welche durchaus ein lebensbedrohliches Ausmaß annehmen können. Die Pneumokokken sind die Auslöser für die bekannte Lungenentzündung, welche insbesondere für Kleinkinder und geschwächte ältere Menschen ein besonders hohes gesundheitliches Risiko darstellt.
Pneumokokken als Art der Gattung Streptokokken gelten zudem als krankheitserregende Keime für die Meningitis, die Hirnhautentzündung, und die Otitis media, die Mittelohrentzündung. Zu den weiteren Erkrankungen, welche durch Pneumokokken begründet werden können, gehören Schädigungen der Herzinnenhaut, die Entzündungen des Bauchfells sowie der Gelenke. In diesem Zusammenhang wird angenommen, dass Pneumokokken auch bei einer Arthritis bedeutsam sind.
Typisch für die Infektion mit Pneumokokken ist das Auftreten von Eiter. Die Pneumokokken sind bei einem gesunden Menschen nicht gefährlich, sodass diese nicht unweigerlich zu einer Erkrankung führen. Daher gelten die Pneumokokken nicht direkt als krankheitsauslösend, weil das intakte Immunsystem deren ungehinderte Vermehrung unterbindet.
Obwohl diese Bakterien in einem Schleimhautabstrich aus dem Nasen-Rachen-Raum enthalten sind, besteht kein Anlass zur Sorge. Eine komplette Beseitigung der Pneumokokken ist daher auch nicht erforderlich. Die Übertragung der Pneumokokken von Mensch zu Mensch kann sowohl ausgehend von erkrankten als auch von gesunden Personen nachgewiesen werden.
Biologische Eigenschaften
Pneumokokken, wissenschaftlich als Streptococcus pneumoniae bekannt, sind grampositive, kapseltragende Bakterien aus der Familie der Streptococcaceae. Sie gehören zur Klasse der Bacilli und zur Ordnung der Lactobacillales. Ihre Klassifikation basiert auf ihrer Fähigkeit, eine Polysaccharidkapsel zu bilden, die in über 90 verschiedene Serotypen unterteilt ist, die für ihre Virulenz und Immunreaktionen entscheidend sind.
Morphologisch gehören Pneumokokken zu den Kokken; die einzelne Zelle ist dabei an einem Ende zugespitzt, und die Zellen sind typischerweise als Diplokokken paarweise gelagert. Sie sind fakultativ anaerob und wachsen bevorzugt unter CO₂-reichen Bedingungen. Auf Blutagarplatten zeigen sie eine charakteristische α-Hämolyse, die durch eine partielle Zerstörung von Erythrozyten entsteht und einen grünlichen Hof um die Kolonien herum verursacht.
Das Genom von Streptococcus pneumoniae besteht aus einem einzigen, zirkulären Chromosom mit etwa 2 Millionen Basenpaaren. Es enthält Gene, die für Kapselproduktion, Antibiotikaresistenz und verschiedene Virulenzfaktoren wie Pneumolysin und Autolysin codieren. Genetisch bemerkenswert ist ihre Fähigkeit zur natürlichen Kompetenz, das heißt, sie können freie DNA aus ihrer Umgebung aufnehmen und integrieren. Dies ermöglicht die schnelle Anpassung an veränderte Umweltbedingungen und die Entwicklung von Antibiotikaresistenzen, was sie zu einem klinisch relevanten Pathogen macht. Außerdem haben Pneumokokken eine hohe Variabilität in ihren Kapselpolysacchariden, was zu vielen Serotypen führt.
Vorkommen & Verbreitung
Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) kommen natürlicherweise als Teil der menschlichen Mikrobiota vor, insbesondere im Nasen-Rachen-Raum von Kleinkindern und gesunden Erwachsenen. Sie können bei bis zu 60 % der Kinder und etwa 5-10 % der Erwachsenen als asymptomatische Kolonisatoren vorhanden sein, ohne eine Krankheit auszulösen. Das Bakterium ist in der Umwelt nicht stabil, sodass es hauptsächlich im menschlichen Wirt oder in engen Gemeinschaften verbreitet wird.
Der primäre Übertragungsweg von Pneumokokken erfolgt durch Tröpfcheninfektion, etwa beim Niesen oder Husten. Da Pneumokokken sich im Nasen-Rachen-Raum ansiedeln, können sie leicht durch engen Kontakt von Person zu Person weitergegeben werden, insbesondere in Gemeinschaftseinrichtungen wie Kindergärten oder Pflegeheimen.
In der Umwelt überleben Pneumokokken nur kurzzeitig, da sie keine Sporen bilden und empfindlich auf Austrocknung und UV-Licht reagieren. Ihre Verbreitung ist daher stark an menschliche Populationen gebunden, wobei die Dichte und Nähe der Menschen das Infektionsrisiko erhöht.
In ökologischer Hinsicht spielen Pneumokokken vor allem in menschlichen Gemeinschaften eine Rolle, da sie selten in anderen Organismen oder außerhalb des menschlichen Körpers vorkommen. Ihr Vorkommen in der Natur ist begrenzt, und sie haben keine bedeutende Rolle in nicht-menschlichen Ökosystemen. Ihr Verhalten und ihre Verbreitung hängen weitgehend von menschlichen sozialen und gesundheitlichen Bedingungen ab.
Nachweis und Abgrenzung im Labor
Im Grampräparat erscheinen Pneumokokken als blau bis violett gefärbte Kokken, die paarweise liegen oder kurze Ketten bilden. Die einzelne Zelle ist dabei nicht rund, sondern an einem Ende zugespitzt; das Paar bekommt dadurch eine längliche, an eine Lanzenspitze erinnernde Gestalt. Um die Zellen herum bleibt häufig ein heller Saum sichtbar – die Kapsel, die den Farbstoff nicht annimmt.
Die grünliche Verfärbung des Blutagars teilen Pneumokokken allerdings mit einer ganzen Gruppe harmloser Bewohner des Mund-Rachen-Raums, den vergrünenden Streptokokken, die im Grampräparat ähnlich aussehen. Sie von diesen zu trennen, ist die eigentliche Aufgabe der Pneumokokkendiagnostik, und sie stützt sich auf zwei Eigenschaften, die eng zusammengehören.
Die erste ist die Empfindlichkeit gegenüber Optochin. Wird ein mit diesem Stoff getränktes Plättchen auf den beimpften Nährboden gelegt, bleibt um das Plättchen herum ein wachstumsfreier Hof, während vergrünende Streptokokken bis an das Plättchen heranwachsen. Die zweite ist die Löslichkeit in Salzen der Galle: Werden Pneumokokken damit versetzt, löst sich eine trübe Bakterienaufschwemmung auf und wird klar.
Beide Reaktionen beruhen auf demselben Vorgang, der Autolyse – der Selbstauflösung. Pneumokokken tragen mit dem Autolysin ein Enzym, das ihre eigene Zellwand abbaut. Im normalen Wachstum dient es dazu, die Wand bei der Zellteilung zu öffnen; unter ungünstigen Bedingungen, in alternden Kulturen und in Gegenwart von Gallensalzen oder Optochin gerät dieser Abbau außer Kontrolle, und die Bakterien zerlegen sich selbst. Dieselbe Eigenschaft bereitet in der Praxis Schwierigkeiten: Bleibt eine Kultur zu lange stehen, sind die Bakterien am Ende nicht mehr nachweisbar.
Daneben stehen weitere Verfahren zur Verfügung. Die Kapsel lässt sich mit Antiseren sichtbar machen, die an sie binden und sie unter dem Mikroskop gequollen erscheinen lassen; auf demselben Prinzip beruht die Bestimmung des Serotyps. Bei Erwachsenen kann ein Bestandteil der Bakterienhülle im Urin nachgewiesen werden, was auch dann noch gelingt, wenn bereits Antibiotika gegeben wurden. Erbsubstanz des Erregers wird mit der Polymerase-Kettenreaktion nachgewiesen, das Eiweißmuster einer Kolonie massenspektrometrisch bestimmt.
Virulenzfaktoren
Warum aus der Besiedelung des Nasen-Rachen-Raums eine Erkrankung wird, hängt an einer Reihe von Eigenschaften, die die Bakterien mitbringen. An erster Stelle steht die Kapsel. Sie verhindert, dass Fresszellen die Bakterien aufnehmen, und erschwert den Angriff des Komplementsystems, einer Gruppe von Bluteiweißen, die Erreger unmittelbar zerstören können. Kapsellose Abkömmlinge derselben Stämme sind weitgehend harmlos. Weil die Kapsel zugleich der Angriffspunkt der erworbenen Abwehr ist, richtet sich der Impfschutz gegen sie – und weil ihre Zuckerzusammensetzung von Serotyp zu Serotyp verschieden ist, muss er für jeden Serotyp gesondert erzeugt werden.
Ein zweiter Faktor ist das Pneumolysin, ein Giftstoff, den die Bakterien in ihrem Inneren bilden. Er lagert sich in die Hüllen von Wirtszellen ein und schlägt dort Löcher, sodass die Zellen zugrunde gehen. Da der Stoff nicht ausgeschieden wird, gelangt er erst bei der Selbstauflösung der Bakterien nach außen; die Autolyse ist damit nicht nur ein Laborphänomen, sondern Teil des Krankheitsgeschehens. Zusammen mit den freigesetzten Bruchstücken der Zellwand löst er eine kräftige Entzündungsreaktion aus. Ein erheblicher Teil des Schadens bei einer Pneumokokkenerkrankung entsteht nicht durch die Bakterien selbst, sondern durch diese Reaktion des Körpers.
Hinzu kommen Werkzeuge für die Besiedelung: Eiweiße auf der Oberfläche, mit denen sich die Bakterien an Schleimhautzellen heften; ein Enzym, das den Zuckeranteil des Schleims abbaut und die Schleimschicht dadurch durchlässiger macht; und ein weiteres, das die auf Schleimhäuten vorherrschenden Antikörper zerschneidet und damit unwirksam macht. Keine dieser Eigenschaften macht die Bakterien für sich genommen gefährlich. Erst ihr Zusammenwirken mit einer geschwächten Abwehr des Wirts führt zur Erkrankung – was erklärt, weshalb so viele Menschen den Erreger tragen und so wenige an ihm erkranken.
Entdeckung und Bedeutung für die Vererbungslehre
Pneumokokken wurden zu Beginn der 1880er Jahre unabhängig voneinander von Louis Pasteur in Frankreich und George Sternberg in den Vereinigten Staaten aus menschlichem Speichel gewonnen. Den Zusammenhang mit der Lungenentzündung, der dem Erreger seinen Namen gab, stellte wenige Jahre später Albert Fraenkel her. Der wissenschaftliche Name wechselte danach mehrfach – die Bakterien wurden unter anderem als Diplococcus pneumoniae geführt –, bis ihre Zugehörigkeit zur Gattung Streptococcus feststand.
Über die Erregerkunde hinaus verdankt die Biologie diesem Bakterium eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse. In den 1920er Jahren beobachtete der britische Arzt Frederick Griffith, dass harmlose, kapsellose Pneumokokken die Eigenschaften eines kapseltragenden Stammes annehmen konnten, wenn man sie mit dessen abgetöteten Zellen zusammenbrachte. Etwas ging von den toten Bakterien auf die lebenden über und veränderte sie dauerhaft. Griffith nannte es das transformierende Prinzip, ohne zu wissen, worum es sich handelte.
Diese Frage beantwortete in den 1940er Jahren eine Arbeitsgruppe um Oswald Avery in New York, die den Versuch mit gereinigten Bestandteilen wiederholte. Sie zeigte, dass die Umwandlung ausblieb, wenn die DNA zerstört wurde, während sie bei zerstörten Eiweißen weiterhin gelang. Damit war erstmals nachgewiesen, dass die Erbinformation in der DNA liegt und nicht in den Eiweißen, wie bis dahin die verbreitete Annahme lautete. Die Vererbungslehre und die spätere Molekularbiologie bauen auf diesem Befund auf. Griffith hatte damit, ohne es zu ahnen, jene natürliche Kompetenz beschrieben, die die Pneumokokken bis heute auszeichnet.
Krankheiten
Tritt eine Erkrankung durch Pneumokokken auf, ist meist die Immunkompetenz des Körpers gestört oder liegt unzureichend vor. Die Bakterien werden vom Immunsystem nicht in ausreichendem Maße erkannt und durch die körpereigenen Abwehrmechanismen bekämpft. Sie können sich ungehindert ausbreiten.
Recht häufig kommt dies bei Menschen vor, deren körperliche Konstitution eingeschränkt ist. Dies ist der Fall durch altersspezifische Gegebenheiten oder eine bestehende Vorerkrankung. Auch durch eine Verschlechterung der Abwehrfunktion durch eine medizinische Behandlung wie eine Chemotherapie oder einen operativen Eingriff sind unter Umständen Infektionen mit Pneumokokken möglich.
Die Zeit, welche von der Aufnahme der Erreger bis zum Ausbruch der Erkrankung verstreicht, wird in der Medizin als Inkubationszeit bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen bakteriellen Erkrankungen ist diese bei einer Pneumokokkenerkrankung sehr unterschiedlich. Die Inkubationszeit hängt im Wesentlichen von der Verfassung der Person ab.
Eine enorm hohe Gefährdung besteht bei Neugeborenen und Kleinkindern sowie bei älteren Menschen. Das Immunsystem ist bei diesen Gruppen entweder unzureichend entwickelt oder geschwächt. Ein weiteres Problem, welches sich in Bezug auf die gezielte Behandlung von Infektionen durch Pneumokokken ergibt, ist häufig deren sogenannte invasive Ausbreitung im Körper.
Darüber hinaus führen Pneumokokken zu örtlich begrenzten Erkrankungen, die extrem schmerzhaft sind und meist durch einen wiederkehrenden Verlauf gekennzeichnet sind. Bei Erwachsenen können Pneumokokken beispielsweise zu einer Bakteriämie oder Blutvergiftung beitragen, welche den gesamten Körper betrifft.
Pneumokokken ist außerdem schwer beizukommen, weil einzelne Bakterienstämme unempfindlich gegenüber Antibiotika sind. Es besteht bei bestimmten Pneumokokken-Stämmen eine Unempfindlichkeit gegenüber den antibiotischen Wirkstoffen, was eine Therapie extrem erschwert. Lange Zeit hieß es, diese Resistenz nehme ständig zu. In Deutschland ist der Anteil penicillinunempfindlicher Pneumokokken jedoch niedrig geblieben und liegt seit Jahren im niedrigen einstelligen Prozentbereich, während in einigen süd- und osteuropäischen sowie asiatischen Ländern deutlich höhere Anteile beobachtet werden.
Behandlungsmöglichkeiten
Die Standardtherapie bei einer Infektion mit Pneumokokken (Streptococcus pneumoniae) basiert in der Regel auf Antibiotika. Penicillin war lange Zeit das Mittel der Wahl. Bei schwereren Verläufen wie Lungenentzündung oder Meningitis werden Cephalosporine der dritten Generation (z. B. Ceftriaxon) oder Makrolide (z. B. Azithromycin) eingesetzt; in Ländern mit hohem Anteil unempfindlicher Stämme spielen sie eine größere Rolle als in Deutschland.
Die Behandlung von Infektionen mit resistenten Pneumokokkenstämmen ist schwierig. Penicillin-resistente Pneumokokken (PRSP) sowie multiresistente Stämme erschweren die Therapie erheblich. In solchen Fällen werden oft alternative Antibiotika wie Vancomycin oder Linezolid eingesetzt. Diese Antibiotika wirken auch bei schwer resistenten Bakterien, allerdings sind sie aufgrund ihrer Nebenwirkungen und ihres begrenzten Wirkspektrums meist nur die zweite Wahl.
Neue und experimentelle Ansätze konzentrieren sich auf Immuntherapien und bakterielle Phagen, um gezielt resistente Stämme zu bekämpfen. Auch die Entwicklung neuer Antibiotika, die auf weniger anfällige Zielstrukturen abzielen, wird vorangetrieben. Zudem sind Impfungen ein entscheidender präventiver Ansatz. Der pneumokokkale Konjugatimpfstoff (zum Beispiel PCV13, PCV15 oder PCV20) deckt viele der häufigsten und gefährlichsten Stämme ab und reduziert das Risiko von Infektionen, was indirekt auch die Verbreitung resistenter Stämme mindert. Forschungen konzentrieren sich zudem auf die Erweiterung der Impfstoffe, um mehr Serotypen abzudecken.
Wie die Unempfindlichkeit gegen Penicillin entsteht
Die verminderte Empfindlichkeit von Pneumokokken gegenüber Penicillin beruht auf einem anderen Vorgang als bei vielen anderen Bakterien. Pneumokokken bilden kein Enzym, das den Wirkstoff zerstört. Sie verändern stattdessen dessen Angriffspunkt.
Penicillin und die verwandten Wirkstoffe binden an bestimmte Eiweiße in der Bakterienhülle, die am Aufbau der Zellwand beteiligt sind und deshalb Penicillin-Bindeproteine heißen. Ist die Bindung blockiert, kann die Zellwand bei der Teilung nicht mehr geschlossen werden, und das Bakterium geht zugrunde. Ändert sich der Bau dieser Eiweiße, bindet der Wirkstoff schlechter, und die Bakterien wachsen weiter, obwohl das Mittel vorhanden ist.
Solche Änderungen entstehen bei Pneumokokken selten durch eine Mutation allein. Die schon erwähnte Fähigkeit, freie Erbsubstanz aus der Umgebung aufzunehmen und einzubauen, erlaubt es ihnen, Abschnitte der entsprechenden Gene von verwandten Bakterien zu übernehmen, die dieselbe Schleimhaut bewohnen. Die Bauanleitungen unempfindlicher Stämme sind deshalb aus Stücken verschiedener Herkunft zusammengesetzt und werden als Mosaikgene bezeichnet; als Quelle gelten vor allem die vergrünenden Streptokokken des Mund-Rachen-Raums.
Praktisch bedeutsam ist, dass diese Unempfindlichkeit in Stufen zunimmt und nicht plötzlich vollständig vorliegt. Je mehr Abschnitte verändert sind, desto schwächer bindet der Wirkstoff. Für die Bewertung eines Befundes kommt es deshalb auch darauf an, um welche Erkrankung es geht: Für dasselbe Isolat kann bei einer Lungenentzündung eine andere Einschätzung gelten als bei einer Gehirnhautentzündung, weil der Wirkstoff die beiden Gewebe unterschiedlich gut erreicht. Aus demselben Grund wird die Empfindlichkeit im Labor gemessen und nicht bloß in empfindlich und unempfindlich eingeteilt.
Pneumokokken und ihre Impfstoffprävention
Die Prävention von Pneumokokkeninfektionen durch Impfungen hat in der öffentlichen Gesundheit enorme Fortschritte erzielt. Da Pneumokokken weltweit zu den führenden Erregern von Lungenentzündungen, Meningitis und Mittelohrentzündungen gehören, sind präventive Maßnahmen essenziell, um schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle zu verhindern. Besonders gefährdet sind Kleinkinder, ältere Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem.
Es gibt zwei Haupttypen von Pneumokokken-Impfstoffen: den Pneumokokken-Konjugatimpfstoff (PCV) und den Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff (PPSV23). Der Konjugatimpfstoff (wie PCV13 oder der neuere PCV15) ist besonders wirksam bei Säuglingen und Kleinkindern, da er das Immunsystem stärker aktiviert. Dieser Impfstoff deckt 13 bzw. 15 der häufigsten Pneumokokken-Serotypen ab, die schwere Infektionen verursachen. PCV13 ist mittlerweile in den meisten Ländern Teil des Standardimpfplans für Säuglinge und wird in mehreren Dosen verabreicht. Auch Erwachsene mit Risikofaktoren wie chronischen Erkrankungen oder Immunsuppression profitieren von dieser Impfung. Inzwischen steht mit PCV20 ein Konjugatimpfstoff zur Verfügung, der zwanzig Serotypen abdeckt und in der Europäischen Union auch für Säuglinge und Kleinkinder zugelassen ist.
Der Pneumokokken-Polysaccharidimpfstoff (PPSV23) richtet sich hauptsächlich an Erwachsene über 65 Jahre oder Personen mit erhöhtem Risiko, da er 23 Serotypen abdeckt. Im Gegensatz zum Konjugatimpfstoff ist dieser Impfstoff weniger geeignet für Kleinkinder, da deren Immunsystem auf Polysaccharidantigene weniger stark reagiert. Er bietet jedoch einen breiteren Schutz gegen eine größere Zahl von Serotypen und wird auch zur Auffrischung bei älteren Menschen empfohlen. In Deutschland empfahl die Ständige Impfkommission diesen Polysaccharidimpfstoff lange als Standardimpfung für Menschen ab 60 Jahren; seit 2023 wird dafür stattdessen der Konjugatimpfstoff PCV20 empfohlen.
Die Impfungen haben nicht nur direkte Auswirkungen auf die geimpften Personen, sondern führen auch zu einem sogenannten Herdenimmunitätseffekt. Da geimpfte Personen weniger Pneumokokken im Nasen-Rachen-Raum tragen, wird die Verbreitung der Bakterien in der Gemeinschaft reduziert, was indirekt auch ungeimpfte Personen schützt. Besonders bei Kleinkindern zeigt sich dieser Effekt deutlich, da sie häufig Träger und Verbreiter von Pneumokokken sind.
Trotz der Erfolge der Impfprogramme bleibt die Herausforderung bestehen, neue Stämme zu bekämpfen. Während die aktuellen Impfstoffe gegen viele der häufigsten Serotypen wirksam sind, gibt es immer noch Serotypen, die nicht abgedeckt werden und zu Infektionen führen können. Diese sogenannte Serotypenverschiebung tritt auf, wenn durch den Impfdruck nicht geimpfte Stämme an Häufigkeit zunehmen. Deshalb werden kontinuierlich neue Impfstoffformulierungen entwickelt, um mehr Serotypen einzuschließen und die Effektivität der Impfprogramme zu verbessern.
Neben den Standardimpfungen wird auch die Rolle von Auffrischimpfungen untersucht, insbesondere bei älteren Menschen, deren Immunsystem weniger robust ist. Es wird erforscht, wie häufig Auffrischungen notwendig sind, um einen anhaltenden Schutz zu gewährleisten. Die Entwicklung neuer Impfstoffe, die breiter wirken und auch resistente Stämme gezielt bekämpfen können, bleibt ein zentrales Forschungsfeld in der Bekämpfung von Pneumokokkeninfektionen.
Quellen
- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
ISBN: 9783662613849
- Hof, H., Dörries, R. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie.
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- Kayser, F. H., Böttger, E. C., Deplazes, P., et al.: Taschenlehrbuch Medizinische Mikrobiologie.
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- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
ISBN: 9783642171574
- Herold, G.: Innere Medizin 2026.
ISBN: 9783982116655
