Pubertas tarda

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Eine Pubertas tarda kennzeichnet eine verzögerte Entwicklung von Mädchen oder Jungen in der Pubertät. Dafür kann es verschiedene Gründe geben. Oft liegt eine konstitutionelle Entwicklungsverzögerung vor, die auch schon bei den Eltern auftrat.

Inhaltsverzeichnis

Was kennzeichnet die Pubertas tarda?

Pubertas tarda
Eine Pubertas tarda äußert sich in einem verspäteten Einsetzen der Pubertät oder einer verlangsamten Pubertätsentwicklung. Zuweilen bleibt die Pubertät ganz aus.
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Pubertas tarda bedeutet das verspätete Einsetzen oder die verlangsamte Entwicklung der Pubertät. Manchmal bleibt die Pubertät ganz aus. Davon können sowohl Mädchen als auch Jungen betroffen sein. Definitionsgemäß liegt eine Pubertas tarda dann vor, wenn bei Mädchen in einem Alter von 13,5 Jahren und bei Jungen mit 14 Jahren die Pubertät noch nicht begonnen hat, wenn zwischen dem Beginn und dem Erreichen des Tanner-Stadiums P5 G5 mehr als fünf Jahre vergehen oder wenn die Entwicklung innerhalb der Pubertät mehr als 18 Monate ruht.

Die Pubertätsentwicklung wird nach Tanner in einzelne Stadien eingeteilt. Sie definieren unterschiedliche Entwicklungsstufen der primären und sekundären Geschlechtsmerkmale. Zu diesen zählen die weibliche Brust, die weiblichen sowie männlichen Genitalien und die Schamhaare. Die Pubertas tarda hat keine einheitliche Ursache. Meist wird die Entwicklung später nachgeholt. In selteneren Fällen liegt jedoch eine Krankheit zugrunde.

Ursachen

Die Ursachen für eine Pubertas tarda sind vielfältig. Meist liegt eine konstitutionelle Pubertas tarda vor. Hier ist die Entwicklungsverzögerung anlagebedingt. Oft fand bereits bei einem Elternteil oder beiden Eltern ebenfalls eine pubertäre Entwicklungsverzögerung statt. Die verspätete Entwicklung ist auch mit einer verzögerten Skelettreifung verbunden. Die Pubertät verläuft dann normal, aber die Körpergröße befindet sich meist im unteren Normbereich. Die konstitutionelle Pubertas tarda ist nicht krankhaft, sondern nur ein Merkmal der genetischen Vielfalt.

Eine Pubertas tarda kann aber auch die Folge krankhafter Prozesse sein. So bewirken eine Vielzahl chronischer Erkrankungen Störungen im Skelettwachstum. Dazu zählt beispielsweise Morbus Crohn, Mukoviszidose oder Diabetes mellitus. Aber auch Unterernährung führt zu einer verzögerten Pubertät. Des Weiteren haben auch psychische Erkrankungen wie Depressionen Einfluss auf die pubertäre Entwicklung.

Primäre Funktionsstörungen der Gonaden bedingen häufig einen Hypogonadismus mit einer verringerten Produktion von Geschlechtshormonen. Diese können genetisch bedingt sein wie das Ulrich-Turner-Syndrom bei Mädchen oder das Klinefelter-Syndrom bei Jungen. Auch Entzündungen der Hoden oder Eierstöcke führen zu einer verringerten Sexualhormonsynthese. Sekundäre Funktionsstörungen der Gonaden entstehen durch den Ausfall wichtiger Releasing-Hormone, welche die Bildung von Sexualhormonen anregen.

Hier liegt eine Erkrankung der Hypophyse vor. Tertiäre Funktionsstörungen der Gonaden werden durch Erkrankungen des Hypothalamus ausgelöst. Bei fehlenden Rezeptoren für das Sexualhormon Testosteron bilden sich die primären und sekundären männlichen Geschlechtsmerkmale trotz normaler Testosteronkonzentration im Körper nicht aus. Trotz männlichen Genotyps besitzt die betroffene Person einen weiblichen Phänotyp. Zu einer Brustentwicklung kommt es dennoch, weil ein Teil des Testosterons im Körper in Östrogen umgewandelt wird. Die Regelblutung bleibt jedoch aus, und die Schambehaarung ist spärlich oder fehlt ganz.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Eine Pubertas tarda äußert sich in einem verspäteten Einsetzen der Pubertät oder einer verlangsamten Pubertätsentwicklung. Zuweilen bleibt die Pubertät ganz aus. Die Regelblutung (Menarche) bei Mädchen, das Wachstum der Schamhaare (Pubarche) und die Brustentwicklung (Thelarche) setzen verspätet ein. Bei Jungen kommt es zu Verzögerungen im Wachstum der Hoden und des Penis.

Insgesamt ist die Skelettreife verzögert. Der Pubertätswachstumsschub setzt verspätet ein; bei einer zugrunde liegenden Hormonstörung kann er ganz ausbleiben. Daher weicht die Körpergröße von der gleichaltriger Jugendlicher ab. In seltenen Fällen schließen die Epiphysenfugen verzögert, sodass es zu einem Hochwuchs kommt. Die verzögerte Pubertätsentwicklung kann gelegentlich auch psychische Probleme verursachen. Je nach zugrunde liegender Erkrankung variieren die zusätzlichen Symptome.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Zur Diagnostik wird die Pubertas tarda anhand der Pubertätsstadien nach Tanner dokumentiert. Die Anamnese kann bereits Unterscheidungen zwischen konstitutionellen und krankheitsbedingten Ursachen treffen. Kam es in der Familie und Verwandtschaft häufiger zu einer Pubertas tarda, liegt die Vermutung nahe, dass eine konstitutionelle Ursache vorliegt. Bei den Laboruntersuchungen werden die Androgene, Estrogene, die Gonadotropine LH und FSH sowie das Prolaktin im Blut bestimmt.

Die Bestimmung der Gonadotropine kann wiederum primäre von sekundären oder tertiären Gonadenfunktionsstörungen unterscheiden. Durch eine MRT werden intrazerebrale Prozesse bei sekundären und tertiären Funktionsstörungen bewertet. Auch die Bestimmungen der Skelettreife und des Knochenalters gehören zur Diagnostik bei einer verzögerten Pubertätsentwicklung. Die Entwicklung der inneren weiblichen Genitalien wird über Ultraschalluntersuchungen verfolgt.

Komplikationen

Wenn die Pubertas tarda Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung ist, wird sie häufig von Komplikationen dieser Störungen begleitet. Dabei ist dann der verzögerte Eintritt der Pubertät in der Regel nicht der Auslöser der gesundheitlichen Verschlechterungen. Das gilt besonders, wenn chronische Erkrankungen wie Morbus Crohn, Mukoviszidose, Diabetes mellitus, eine Depression oder Mangelernährung zugrunde liegen.

Aber auch bei endokrinen Störungen, die teilweise angeboren sind oder bei Adenomen der Hypophyse sowie bei Entzündungen, Blutungen und bösartigen Tumoren des Zentralnervensystems können schwerwiegende Komplikationen auftreten, die aber nicht durch die Pubertas tarda, sondern durch die eigentlichen Erkrankungen hervorgerufen werden. Bei einer Pubertas tarda, die lediglich auf einer harmlosen konstitutionellen Spätentwicklung beruht, ist eine Hormongabe dagegen nicht zwingend erforderlich; sie kann zeitlich begrenzt erwogen werden, wenn das Kind stark unter der Verzögerung leidet.

Bleibt dagegen eine behandlungsbedürftige Hormonstörung unbehandelt, ist die Skelettreife verzögert. Der Pubertätswachstumsschub bleibt aus, sodass es zu abweichenden Körpergrößen gegenüber der Normalbevölkerung kommt. Es ist teilweise sogar möglich, dass durch einen verspäteten Schluss der Epiphysenfugen ein extremer Hochwuchs stattfindet. Des Weiteren kann der verzögerte Eintritt der Pubertät bei einigen Betroffenen zu schweren psychischen Problemen führen.

So ist die Entwicklung von Depressionen bis zur Suizidgefährdung oder gesellschaftlicher Isolierung möglich. Auch andere psychische Entwicklungsstörungen werden beobachtet. Wird bei konstitutioneller Spätentwicklung eine zeitlich begrenzte Hormontherapie gegeben, bringt sie in der Regel gute Erfolge. Wenn allerdings bei Jungen eine Androgen-Rezeptor-Resistenz vorliegt, kann auch eine Hormontherapie mit Testosteron die Pubertät nicht einleiten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Eine Pubertas tarda sollte immer von einem Arzt abgeklärt werden. Häufig steckt eine harmlose konstitutionelle Verzögerung dahinter, die von allein in eine normale Pubertät übergeht. Dahinter können sich aber auch Erkrankungen verbergen, die sich ohne Behandlung verschlechtern. Je früher eine behandlungsbedürftige Ursache der Pubertas tarda erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Aussichten auf einen positiven Verlauf der Erkrankung. Ein Arzt ist dann aufzusuchen, wenn die Entwicklung der Pubertät stark verzögert ist. Dies kann sich bei Mädchen durch eine ausbleibende Monatsblutung äußern und bei Jungen durch ein deutlich verzögertes Wachstum der Hoden und des Penis.

In seltenen Fällen deutet auch ein Hochwuchs des Betroffenen auf die Pubertas tarda hin und sollte schon früh abgeklärt werden. Liegt der Pubertas tarda eine andere Erkrankung zugrunde, muss zuerst die Grunderkrankung behandelt werden. In der Regel kann bei dieser Krankheit ein Kinderarzt oder ein Allgemeinarzt aufgesucht werden. Die weitere Behandlung wird jedoch durch einen Facharzt durchgeführt.

Treten zusätzlich starke Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Ausfälle im Gesichtsfeld auf, kann ein Prozess an der Hirnanhangsdrüse dahinterstecken; das gehört umgehend untersucht. Setzen heftigste Kopfschmerzen schlagartig zusammen mit Sehstörungen oder Erbrechen ein, ist sofort der Notruf 112 zu wählen.

Behandlung & Therapie

Die Therapie einer Pubertas tarda erfolgt nach der zugrunde liegenden Erkrankung. Wenn eine konstitutionelle Pubertas tarda vorliegt, ist eine Behandlung meist nicht notwendig, weil die Pubertät zwar verzögert aber von alleine eintritt. Bei Tumoren werden chirurgische, radiotherapeutische oder chemotherapeutische Maßnahmen angewendet. Eine Hormonersatztherapie mit Testosteron bei Jungen sowie Östrogenen oder Gestagenen bei Mädchen kann die Pubertät meist schnell einleiten.

Jungen erhalten in der Regel intramuskuläre Injektionen von Testosteron in Form von Depotpräparaten; wann damit begonnen wird, richtet sich weniger nach dem Lebensalter als nach dem Knochenalter und dem Leidensdruck des Jugendlichen. Im Falle einer Androgen-Rezeptor-Resistenz ist diese Behandlung jedoch unwirksam. Mädchen können mit niedrig dosierten Östrogenpräparaten behandelt werden. Später erfolgt die Gabe einer Kombination aus Östrogenen und Gestagenen.

In einigen Fällen ist eine lebenslange Hormonsubstitution erforderlich, um eventuellen Mangelerscheinungen wie Knochenschwund (Osteoporose) vorzubeugen. Die Hormontherapie sollte jedoch von erfahrenen Endokrinologen überwacht werden, um die Dosis anzupassen und Nebenwirkungen wie starke Gewichtszunahme oder Stimmungsschwankungen früh zu erkennen. Die Substitution ersetzt lediglich die fehlenden körpereigenen Hormone; ein erhöhtes Krebsrisiko ist dafür nicht belegt.


Vorbeugung

Maßnahmen zur Vorbeugung einer Pubertas tarda sind nicht bekannt. In den meisten Fällen tritt die Verzögerung der pubertären Entwicklung unabhängig von der Lebensweise auf. In den Industriestaaten spielt eine Unterernährung durch Nahrungsmangel als Ursache kaum noch eine Rolle. Ein ausgeprägtes Untergewicht durch eine Essstörung wie die Magersucht oder durch sehr intensiven Leistungssport kann die Pubertät allerdings auch hier verzögern. Welchen Einfluss eine falsche Ernährung darüber hinaus auf die Pubertätsentwicklung hat, muss noch untersucht werden.

Nachsorge

Die Nachsorge nach der erfolgreichen Behandlung einer Pubertas tarda ist abhängig von den zu Grunde liegenden Erkrankungen. Da viele Betroffene auch nach der Behandlung der Pubertas tarda selbst nicht genügend Geschlechtshormone bilden, kann es notwendig sein, bis ins Alter oder zumindest bis zum Alter des vermuteten Eintritts der Wechseljahre Hormone einzunehmen. Dies ist insbesondere wichtig, weil fehlende Geschlechtshormone die Fruchtbarkeit einschränken und die Entstehung schwerer Knochenerkrankungen wie Osteoporose fördern.

Regelmäßige Arztbesuche mit Blutabnahmen sind zur Kontrolle des Hormonspiegels im Körper notwendig. War ein Tumor die Ursache für die Pubertas tarda, sind auch nach dessen Entfernung regelmäßige Kontrolluntersuchungen notwendig, um frühzeitig die erneute Entstehung eines Tumors zu erkennen. Auch wenn der Tumor vollständig entfernt wurde, werden diese Kontrollen über mehrere Jahre fortgeführt; wie lange und in welchen Abständen, legt der behandelnde Arzt fest.

War eine Erkrankung mit begleitendem massiven Gewichtsverlust, wie die Magersucht, ursächlich für die Pubertas tarda, sind ebenfalls regelmäßige Kontrollen beim Arzt erforderlich, um einen erneut drohenden Gewichtsverlust frühzeitig zu erkennen und gegensteuern zu können. Daneben sollte aktiv durch eine Ernährungsumstellung (kohlenhydrat-, eiweiß- und fettreich) am Halten eines Normalgewichts gearbeitet werden. Nach längerem Hungern darf die Kalorienmenge allerdings nur langsam und unter ärztlicher Kontrolle gesteigert werden, weil es sonst zu einem lebensgefährlichen Refeeding-Syndrom mit Entgleisung der Blutsalze kommen kann. Die Gabe von Nahrungsergänzungsmitteln kann hierbei ebenfalls hilfreich sein. Eine entsprechende Langzeittherapie sollte intensiv mit dem betreuenden Arzt abgesprochen werden.

Das können Sie selbst tun

Wenn das Kind bis ins Jugendalter keine Anzeichen einer beginnenden Pubertät zeigt, empfiehlt sich ein Arztbesuch. Sollte eine Pubertas tarda vorliegen, kann eine frühzeitige hormonelle Behandlung den Pubertätsvorgang einleiten und langfristige körperliche und seelische Probleme verhindern. Zudem liegt dem Leiden oftmals eine Erkrankung zugrunde, die abgeklärt und behandelt werden muss. Deshalb sollte bereits bei einem Verdacht ein Arzt hinzugezogen werden.

Sollten weitere Beschwerden auftreten, zum Beispiel Unwohlsein oder Schmerzen, liegt womöglich ein Tumor oder eine andere Krankheit zugrunde. Die Eltern sollten sofort einen Facharzt einschalten und gemeinsam mit diesem über weitere Maßnahmen sprechen. Eine gezielte Selbsthilfe ist möglich, indem die Ernährung umgestellt und moderate Bewegung in den Alltag eingebaut wird. Dies kann den Hormonhaushalt regulieren und dadurch zum Einsetzen der Pubertät beitragen. Sehr intensiver Leistungssport und ein starkes Untergewicht können die Pubertät dagegen zusätzlich verzögern. Die Eltern sollten zudem viel mit dem betroffenen Kind sprechen und dieses über die Ursachen der Pubertas tarda aufklären. Gerade bei einem verspäteten Einsetzen der Pubertät ist die Unterstützung von Familie und Freunden wichtig.

Wenn eine medikamentöse Behandlung eingeleitet wird, muss auf etwaige Neben- und Wechselwirkungen geachtet werden. Bei einer konstitutionellen Verzögerung setzt sich die Pubertät nach einer zeitlich begrenzten Therapie meist von allein fort. Liegt dagegen ein dauerhafter Hormonmangel zugrunde, müssen die Hormone weiter eingenommen werden, auch wenn die Pubertätszeichen bereits vorhanden sind.

Quellen

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    ISBN: 9783662716830
  • Speer, C. P., Gahr, M., Dötsch, J. (Hrsg.): Pädiatrie.
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  • Hoffmann, G. F., Lentze, M. J., Spranger, J., Zepp, F. (Hrsg.): Pädiatrie - Grundlagen und Praxis.
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  • Lehnert, H. (Hrsg.): Rationelle Diagnostik und Therapie in Endokrinologie, Diabetologie und Stoffwechsel.
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  • Diederich, S., Feldkamp, J., Grußendorf, M., Reincke, M.: Checkliste Endokrinologie und Diabetologie.
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