Sitzunruhe (Akathisie)

Letzte Aktualisierung am 4. Oktober 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Die Akathisie, oder Sitzunruhe, ist ein Symptom aus dem medizinischen Bereich der Neurologie. Sie tritt weniger von selbst auf, sondern ist vor allem als Nebenwirkung von psychopharmazeutischen Medikamenten bekannt und sollte daher stets beachtet werden.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Sitzunruhe?

Als Akathisie wird eine ständige motorische Unruhe von Gesicht, Armen und Beinen unter medikamentösemm Einfluss bezeichnet. Es besteht oft eine Unfähigkeit, still zu sitzen oder in einer Körperhaltung zu verharren.

Innerlich wird ein Drang zur ständigen Bewegung verspürt. Als Auslöser sind vor allem Medikamente wie Neuroleptika, Antiemetika und Dopaminagonisten bekannt, sie kann jedoch auch als Frühsymptom eines Morbus Parkinson vorkommen.

Ursachen

Die Ursachen der Akathisie sind im motorischen Teil des Zentralen Nervensystems (ZNS) zu suchen. Das wird allein dadurch deutlich, dass sie als Symptom oder Nebenwirkung immer dann auftritt, wenn irgendein Medikament oder eine Krankheit ins dopaminerge System des ZNS eingreift - bei den Neuroleptika ist dies teilweise erwünscht und gleichzeitig Teil einer vielleicht überschießenden Hauptwirkung, bei dopaminergen Antiemetika ist es eindeutig eine Nebenwirkung, da auch die Unterdrückung von Erbrechen über Dopamin-Rezeptoren erreicht wird.

Neuroleptika sind Psychopharmaka, welche in Neurologie und Psychiatrie vielfältige Verwendungsmöglichkeiten besitzen und häufig gegen Psychosen, schizoaffektive Erkrankungen, hirnorganisch bedingte Psychosen älterer Menschen, wahnhafte Halluzinationen im Alkoholentzugs-Delir, schwere chronische Schmerzen und eine Vielzahl anderer kleiner und großer Probleme des Zentralen Nervensystems eingesetzt werden.

Da sie so häufig verschrieben werden, sind auch die Nebenwirkungen gut bekannt: Unter den sogenannten extrapyramidal-motorischen Symptomen versteht man die sogenannten "Frühdyskinesien" mit Verkrampfungen der mimischen Muskulatur und Bewegungsstörungen von Hals und Armen. Diese Bewegungen geschehen unwillentlich und kommen durch Verschiebungen im (u.a.) Dopamin-Transmitter-Gleichgewicht des Hirnstamms zustande. Auch ein Parkinon-ähnliches Syndrom ("Parkinsonoid") kann unter diesen Umständen auftreten.

Die Akathisie gehört zu dieser Gruppe der frühen Nebenwirkungen einer Neuroleptika-Therapie, die relativ häufig auftreten, da ihr Entstehungsmechanismen quasi im Wirkmechanismus des Medikaments inbegriffen ist. Sie sind noch relativ harmlos und meist bei Absetzen des Medikaments rückgängig zu machen. Mehr gefürchtet sind die sogenannten "Spätdyskinesien", welche Wochen bis Monate nach Ersteinnahme oder auch nach Absetzen von Neuroleptika auftreten können und häufig irreversibel sind.

Antiemetika sind Wirkstoffe, die Übelkeit und Erbrechen "zentral" im ZNS unterdrücken sollen. Zu diesem Zwecke bedienen sich manche Antiemetika ebenfalls dopaminerger Systeme und Rezeptoren und sind dabei so unspezifisch, dass sie auch die motorischen Systeme beeinflussen und Dyskinesien sowie Akathisie auslösen können.

Als weitere Ursache einer Akathisie kommt, wenn keine Medikamente eingenommen wurden, der Morbus Parkinson infrage. Besonders in frühen Stadium kann die Sitz- und Bewegungsunruhe ein Symptom sein.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Eine Sitzunruhe äußert sich in erster Linie durch die charakteristische innere Unruhe. Die betroffene Person verspürt einen starken Bewegungsdrang und hat bisweilen das Gefühl, unter Strom zu stehen. Ähnlich wie beim Restless-Legs-Syndrom, stellt sich auch bei der Sitzunruhe ein ständiges Zittern der Arme und Beine ein.

Bewegung lindert die Beschwerden zwar für kurze Zeit, die Symptome treten danach jedoch relativ rasch wieder auf. In der Folge eines länger andauernden Bewegungsdrangs kommt es zu Verspannungen, Schmerzen und anderen Muskelbeschwerden. Auch Fehlhaltungen, Gelenkerkrankungen, Entzündungen und Krämpfe sind nicht auszuschließen.

Die ständige Bewegung kann außerdem zu psychischem Stress führen, was wiederum die Sitzunruhe verstärkt. Erkrankte sind innerlich und äußerlich stark angespannt und fühlen sich meist unwohl in ihrem Körper. Die Symptome können dauerhaft bestehen bleiben oder sich auf bestimmte Situationen beschränken.

So tritt die Sitzunruhe bei vielen Patienten lediglich einige Tagen nach der Einnahme bestimmter Medikamente auf, während sie sich bei anderen auf die Morgenstunden oder den Abend beschränkt. Die Beschwerden sind normalerweise vorübergehend und verschwinden wieder, sobald der Auslöser behoben wird. Langzeitfolgen oder ernste Komplikationen sind bei einer gut therapierten Sitzunruhe nicht zu erwarten.

Diagnose & Verlauf

Symptom der Akathisie ist die subjektiv quälende, willentlich nicht beeinflussbare motorische Unruhe, die sich an Kopf und Extremitäten bemerkbar macht. Ihren Namen erhielt die Akathisie ("Unfähigkeit zu sitzen") eben dadurch, dass Betroffene ihrem innerlichen Bewegungsdrang ständig nachgeben müssen und daher in schweren Fällen nicht in der Lage sind, still zu sitzen. Linderung verschafft eine solche Bewegung jedoch immer nur kurz, sodass die Unruhe dauerhaft anhält.

Die Übergänge zu anderen Dys- oder Hyperkinesien ("zu viel an Bewegung") sind oft fließend. Insbesondere besteht auch große Ähnlichkeit zum Restless-Legs-Syndrom, bei dem vor allem die Beine betroffen sind - hier führen allerdings vor allem Missempfindungen in den Beinen zum ständigen Bewegungsdrang und ein Zusammenhang mit Neuroleptika-Therapie besteht normalerweise nicht.

Zur Diagnostik der Akathisie ist vor allem die Medikamtenanamnese von großer Bedeutung - wurden in den Wochen zuvor Neuroleptika oder dopaminerge Antiemetika eingenommen, so ist die Sitz- und Bewegungsruhe eine typische Nebenwirkung. Andernfalls muss weitergeforscht und nach anderen neurologischen Symptomen und Erkrankungen gesucht werden. Apparative Untersuchungen kommen für die Nebenwirkung Akathisie nicht infrage, da die Diagnose rein äußerlich und anhand der Umstände gestellt werden kann.

Komplikationen

Eine Sitzunruhe ist immer auch mit einer inneren Angespanntheit verbunden. Die Betroffenen fühlen sich oft unwohl in ihrem Körper und haben ein erhöhtes Risiko, seelische Leiden zu entwickeln. Der Bewegungsdrang kann allerdings auch zu körperlichen Komplikationen führen. So kann es beispielsweise zu Fehlhaltungen oder Sehnen- und Gelenkentzündungen kommen, wenn immer wieder dieselbe Bewegung ausgeführt wird.

Weitere Beschwerden können durch die auslösenden Medikamente auftreten. So gehen Neuroleptika neben der Sitzunruhe auch mit Schlafstörungen, Konzentrationsproblemen, dem Verlust der Libido und andere Neben- und Wechselwirkungen einher. Langfristig können entsprechende Arzneimittel zu ernsten Leber-, Herz- und Nierenschäden führen. Die Behandlung der Sitzunruhe birgt ebenfalls Risiken.

So kann es aufgrund der verabreichten Betablocker zu einem starken Blutdruckabfall, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden, Ödemen und Impotenz kommen. Wenn der Patient unter Durchblutungsstörungen, schwerem Asthma oder zu niedrigem Blutdruck leidet, können weitere Komplikationen auftreten. Bei einer bestehenden Diabetes mellitus oder Niereninsuffizienz können schwerwiegende Herz-Kreislauf-Beschwerden auftreten. Werden zur Behandlung der Sitzunruhe lediglich die auslösenden Medikamente abgesetzt, kann dies ebenfalls Probleme nach sich ziehen. Neben Entzugserscheinungen können die ursprünglichen Beschwerden erneut auftreten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Eine Sitzunruhe sollte immer durch einen Arzt behandelt werden. In den meisten Fällen stellt diese Beschwerde eine Nebenwirkung von verschiedenen Medikamenten dar, weshalb sie auch so schnell wie nur möglich behandelt werden sollte, um weitere Komplikationen zu verhindern. Eine Selbstheilung kann bei der Sitzunruhe nicht eintreten, falls die Medikamente nicht abgesetzt oder geändert werden. Vor jeglicher Änderung von Medikamenten sollte allerdings immer zuerst ein Arzt konsultiert werden.

Ein Arzt ist bei der Sitzunruhe dann aufzusuchen, wenn der Betroffene nicht ruhig sitzen kann und seine Gliedmaßen in der Regel immer bewegt. Es kommt dabei zu starken Verspannungen oder sogar zu Krämpfen in den Muskeln der Gliedmaßen, welche die Lebensqualität deutlich verringern und einschränken können. Weiterhin weist ein gestresstes Verhalten ebenso auf die Sitzunruhe hin und sollte durch einen Arzt untersucht werden, falls es über einen längeren Zeitraum auftritt. In vielen Fällen müssen jedoch Außenstehende den Betroffenen auf die Sitzunruhe hinweisen und ihn zu einer Behandlung überreden.

Die Sitzunruhe kann durch einen Allgemeinarzt erkannt werden. Die weitere Behandlung richtet sich meist nach der genauen Ursache und wird von einem Facharzt durchgeführt. In der Regel verringert die Sitzunruhe nicht die Lebenserwartung des Betroffenen.

Behandlung & Therapie

Die Therapie einer Akathisie kann in akuten Fällen mit Betablockern erfolgen, welche den Körper insgesamt zu beruhigen in der Lage sind. Wenn auf die neuroleptische Therapie verzichtet werden kann, ist ein Absetzen der auslösenden Medikamente natürlich die wirksamste Behandlung, andernfalls kann vielleicht eine Verringerung der Dosis erwogen werden. Auch eine Kombination mit anticholinergen Wirkstoffen kann zum Erfolg führen.

Hier finden Sie Ihre Medikamente:

Vorbeugung

Langfristig muss eine Neuroleptika-Therapie gut geplant und sorgfältig überwacht werden, da Frühdyskinesien zwar vergleichsweise harmlos sind, später auftretende Bewegungsstörungen bei längerer Therapie jedoch manchmal nicht mehr rückgängig zu machen sind. Die Indikation ist also besonders streng zu stellen.

Quellen

  • Berlit, P.: Basiswissen Neurologie. Springer, Berlin 2007
  • Grehl, H., Reinhardt, F.: Checkliste Neurologie. Thieme, Stuttgart 2012
  • Masuhr K., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie. Thieme, Stuttgart 2013


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Kommentare und Erfahrungen von anderen Besuchern

anonym kommentierte am 31.01.2017

Ich lebe nun schon über zwei Jahre mit Akathisie, besteht da noch Hoffnung auf Besserung?