Benzodiazepin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 10. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Benzodiazepine sind spezielle chemische Verbindungen (Verbindungen eines Benzol- mit einem Diazepinring), die im Körper psychotrope Wirkungen entfalten. Sie werden in der Medizin als angstlösende (anxiolytische), zentral-muskelrelaxierende, beruhigende (sedierende) und schlaffördernde (hypnotische) Medikamente eingesetzt. Durch die krampflösende (antikonvulsive) Wirkung mancher Benzodiazepine erklärt sich auch der Einsatz als Antiepileptika.
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Was sind Benzodiazepine?
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Alle Benzodiazepine sind Abkömmlinge der gleichen chemischen Grundstruktur. Dabei handelt es sich um ein bizyklisches Ringsystem aus Benzol- und Diazepinring. Der Benzolring ist der einfachste Vertreter der benzoiden, aromatischen Kohlenwasserstoffe mit der Summenformel: C6H6.
An diesen ist ein Diazepinring anelliert (durch Kondensation verbunden). Beim Diazepinring handelt es sich um einen siebengliedrigen, ungesättigten Ring mit 2 Stickstoffatomen. Als Arzneistoffe kommen vorwiegend Diazepinringe mit Stickstoffatomen an 1. und 4. Position im Ring zum Einsatz – sogenannte Benzo-1,4-diazepine. An der 5. Stelle des Diazepinrings ist ein weiterer sechsgliedriger Ring verbunden, jedoch nicht durch eine Annelierung.
Durch verschiedene Bindungsstellen im Bereich des Benzolrings, am Diazepinring und dem zusätzlichen sechsgliedrigen Ring entstehen verschiedene Wirkstoffe mit teils unterschiedlicher Wirkung.
Pharmakologische Wirkung
Der GABA-A-Rezeptor ist aus fünf Untereinheiten aufgebaut; von den 6 bekannten Varianten der Alpha-Untereinheit zeigen klassische Benzodiazepine Affinität zu 4 (alpha1, alpha2, alpha3 und alpha5). Eine Wirkung am Rezeptor ist nur bei Vorhandensein des Neurotransmitters GABA gemeinsam möglich – es handelt sich also um allosterische Modulatoren und nicht um Agonisten im engeren Sinne. Dabei ist die Wirkung an jenen Synapsen stärker, die wenig GABA enthalten. Es kommt zu einer aktivitätsabhängigen Wirkung. Das heißt, dass schwache Transmitter-Antworten überproportional verstärkt werden. Dies könnte auch für die spezifische Wirkung der Benzodiazepine verantwortlich sein.
Benzodiazepine wirken im menschlichen Körper:
- Angstlösend (anxiolytisch)
- Krampflösend (antikonvulsiv)
- Muskelentspannend (muskelrelaxierend)
- Beruhigend (sedativ)
- Schlaffördernd (hypnotisch)
- Amnestisch (Erinnerungslücke während der Wirkdauer)
- Leicht stimmungsaufhellend (Achtung: bei bestehender depressiver Grunderkrankung kann es auch zu einer Verstärkung dieser kommen)
- Teils euphorisierend (Dosisabhängig und vom Einnahmeintervall abhängig)
Durch hohe Dosen von Benzodiazepinen wird die Maximalwirkung nicht verstärkt. Es kommt jedoch zu einer Reduktion der notwendigen Dosis an GABA, um die Maximalwirkung auszulösen. Es wird also die Dosis-Wirkungs-Kurve der Gamma-Amino-Buttersäure nach links verschoben.
Wie lange die Wirkung anhält, entscheidet sich nicht am Rezeptor, sondern in der Leber. Diazepam etwa wird dort zu mehreren Abbauprodukten umgewandelt, von denen eines – N-Desmethyldiazepam – selbst wirksam ist und langsamer ausgeschieden wird als die Ausgangssubstanz. Bei täglicher Einnahme reichern sich Wirkstoff und wirksames Abbauprodukt deshalb über mehrere Tage an, bis sich ein Gleichgewicht einstellt, und zwar bei älteren Menschen langsamer als bei jüngeren. Das erklärt, warum die Wirkung eines lang wirksamen Benzodiazepins nach einigen Tagen stärker ausfallen kann als am ersten Tag und warum sie nach dem Absetzen nicht sofort endet.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Aufgrund der erzielbaren Wirkungen finden Benzodiazepine vor allem in der Notfallmedizin sowie in der Psychiatrie Anwendung. Die möglichen Einsatzgebiete sind durch das hohe Abhängigkeitspotential sowie die atemdepressiven Nebenwirkungen allerdings deutlich eingeschränkt.
Bei regelmäßiger Einnahme ab zirka 8 Wochen kommt es beim Absetzen zu einer Entzugssymptomatik. Es wird daher empfohlen, Benzodiazepine nicht länger als 4 Wochen einzusetzen (eine strenge Indikationsstellung und so geringe Dosierung wie möglich vorausgesetzt).
Eine Ausnahme stellen die antiepileptisch wirkenden Benzodiazepine dar, die auch über längere Zeiträume eingenommen werden. Vor allem zur Therapie eines akuten epileptischen Anfalls eignen sich die Wirkstoffe Diazepam und Lorazepam als Mittel der 1. Wahl.
In der Psychiatrie dienen Benzodiazepine vor allem in der Therapie von Angst- und Unruhezuständen. Dabei werden sie ebenfalls häufig als Akutmedikamente bei Panikattacken eingesetzt.
Auch in der Therapie der Alkoholentzugssymptome haben Benzodiazepine einen festen Platz. In der kurzfristigen Therapie von Ein- und Durchschlafstörungen können ebenfalls Benzodiazepine angewendet werden. Aufgrund des Abhängigkeitspotentials wird eine Schlafstörung heute jedoch zunächst ohne Medikamente behandelt: Die aktuelle Leitlinie zur Insomnie nennt die kognitive Verhaltenstherapie als erste Behandlungsoption und rät von sedierenden Antihistaminika ausdrücklich ab.
In der Notfallmedizin werden Benzodiazepine auch bei der Einleitung der Narkose sowie im Rahmen der Schmerztherapie (Analgosedierung) verwendet. Bei geplanten Eingriffen erfolgt die Prämedikation vor der Operation häufig mit einem Benzodiazepin wie Midazolam, um dem Patienten die Anspannung und eventuelle Angst vor dem Eingriff zu nehmen.
Verabreichung & Dosierung
Benzodiazepine stehen als Tablette, als Tropfen zum Einnehmen, als Zäpfchen und als Injektionslösung zur Verfügung. Welche Form gewählt wird, hängt weniger vom Wirkstoff als von der Situation ab: Im akuten Anfall oder in der Notfallmedizin zählt der rasche Wirkeintritt, weshalb dort der Weg über die Vene oder über die Schleimhäute bevorzugt wird, während die geplante Behandlung über den Mund erfolgt.
Die Dosierung wird nach Alter, Körpergewicht, Leberfunktion und Allgemeinzustand festgelegt. Die Fachinformation zu Diazepam sieht bei älteren und geschwächten Patienten sowie bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion eine Verringerung vor, weil sich der Wirkstoff in diesen Fällen im Körper anreichern kann. Für Menschen mit dauerhaft eingeschränkter Atmung wird aus demselben Grund eine niedrigere Dosis empfohlen: Das Risiko einer Atemdepression steigt sonst zusätzlich. Zu Beginn der Behandlung ist die Reaktion des Einzelnen zu beobachten, damit sich eine Anreicherung frühzeitig erkennen lässt.
Der wichtigste Grundsatz betrifft jedoch nicht die Menge, sondern die Dauer. Von einer ununterbrochenen Einnahme über längere Zeit wird abgeraten, weil sie zur Abhängigkeit führen kann, und das Risiko wächst mit Höhe der Dosis und Länge der Anwendung. Bereits nach wiederholter Einnahme über kurze Zeit kann die Wirkung nachlassen; dieser Verlust an Wirksamkeit heißt Toleranz und ist eine der Triebfedern für eine schleichende Steigerung.
Beendet wird eine Behandlung schrittweise. Wird das Mittel plötzlich abgesetzt, treten nach längerer Anwendung Entzugssymptome auf; auch nach kurzer Behandlung können vorübergehend die ursprünglichen Beschwerden verstärkt wiederkehren, was als Rebound-Phänomen bezeichnet wird. Die Fachinformation hält es deshalb für angebracht, schon zu Beginn der Behandlung über deren begrenzte Dauer und über die allmähliche Verringerung der Dosis aufzuklären – nicht zuletzt, damit solche Beschwerden beim Absetzen nicht als Rückkehr der Erkrankung missverstanden werden.
Risiken & Nebenwirkungen
Bei der Wechselwirkung zwischen Benzodiazepinen und Alkohol spricht man aufgrund der ähnlichen Wirkung auf den GABA-A-Rezeptor von einer sogenannten Kreuztoleranz. Die oft praktizierte Dosiserhöhung als Antwort auf die erhöhte Toleranz führt so zu vermehrten Nebenwirkungen.
Beim Beenden einer längeren Behandlung kann eine breite Palette von Entzugssymptomen auftreten. Die Fachinformation zu Diazepam nennt Schlafstörungen und vermehrtes Träumen, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Angst, Spannungszustände, innere Unruhe, Schwitzen, Zittern, Stimmungswechsel, Verwirrtheit und Reizbarkeit. In schweren Fällen kommen Verwirrtheitszustände hinzu, das Gefühl der Entfremdung von sich selbst oder von der Umgebung, eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Geräuschen und Berührung, Taubheitsgefühle in Armen und Beinen, epileptische Anfälle, Halluzinationen und Psychosen bis hin zum Entzugsdelir.
Eine weitere Wirkung fällt weniger auf, weil die Betroffenen sie selbst nicht bemerken können: die anterograde Amnesie. Nach der Einnahme werden unter Umständen Handlungen ausgeführt, an die sich der Betroffene später nicht erinnert. Das Risiko steigt mit der Höhe der Dosis und lässt sich durch eine ausreichend lange, ununterbrochene Schlafdauer verringern. Bei älteren Menschen und bei Kindern treten daneben mitunter paradoxe Reaktionen auf – statt der Beruhigung stellen sich Unruhe und Erregung ein, was ein Grund für das Beenden der Behandlung ist. Für ältere Menschen kommt die Sturzgefahr hinzu, besonders beim nächtlichen Aufstehen.
Das suchterzeugende Potential der Benzodiazepine zeigt sich in der schweren körperlichen Abhängigkeit, die auch schon bei therapeutischen Dosen auftritt. Benzodiazepine gehören dementsprechend zu den am häufigsten missbräuchlich verwendeten verschreibungspflichtigen Arzneimitteln. Es kommt dann zu Störungen der Gedächtnisfunktion, Verhaltensstörungen, psychomotorischer Verlangsamung und paradoxen Wirkungen (Steigerung von Angst- und/oder Schlafstörungen) unter der Medikation.
Kontraindikationen
Als Kontraindikationen zur Einnahme von Benzodiazepinen zählen:
- Myasthenia gravis (Störung der neuromuskulären Erregungsübertragung)
- Ataxie (Störung der Bewegungskoordination)
- Engwinkelglaukom (Grüner Star)
- Bestehende Suchterkrankung (auch in der Vorgeschichte)
- Allergie gegen den Wirkstoff
- Schlafapnoe-Syndrom (Atemaussetzer während des Schlafes)
- Schwere Ateminsuffizienz (dauerhaft ungenügende Atemfunktion)
- Schwere Leberinsuffizienz (schwere Funktionsstörung der Leber)
- Akute Vergiftung mit Alkohol, Schlafmitteln, Schmerzmitteln oder Psychopharmaka
- Neugeborene und junge Säuglinge
Die beiden zuletzt genannten Organeinschränkungen führt die Fachinformation zu Diazepam mit einer eigenen Begründung. Bei ungenügender Atemfunktion verstärkt die dämpfende Wirkung auf das Atemzentrum eine ohnehin bestehende Schwäche. Bei schwerer Lebererkrankung droht dagegen eine Enzephalopathie, also eine Störung der Hirnfunktion: Die geschädigte Leber baut den Wirkstoff langsamer ab, und das erkrankte Gehirn reagiert empfindlicher auf die dämpfende Wirkung.
Von diesen Gegenanzeigen zu unterscheiden sind Vorsichtsmaßnahmen, bei denen eine Behandlung möglich bleibt, aber besonderer Aufmerksamkeit bedarf. Dazu zählt die Fachinformation unter anderem Kinder und Jugendliche, für die eine zwingende Begründung verlangt wird, sowie Menschen mit hirnorganischen Veränderungen oder eingeschränkter Nierenfunktion. Als Mittel der ersten Wahl bei Psychosen sind Benzodiazepine nicht vorgesehen, und zur alleinigen Behandlung einer Depression oder von Angstzuständen, die eine Depression begleiten, eignen sie sich nicht: Ohne eine geeignete Behandlung der Grunderkrankung kann sich die depressive Symptomatik verstärken.
Interaktionen mit anderen Medikamenten
Die folgenschwerste Wechselwirkung der Benzodiazepine ist zugleich die häufigste. Die gleichzeitige Anwendung mit Opioiden erhöht das Risiko für starke Sedierung, Atemdepression, Koma und Tod, weil sich die dämpfenden Wirkungen auf das Zentralnervensystem addieren. Die Fachinformation zu Diazepam hält eine gemeinsame Verordnung deshalb nur für jene Fälle für vertretbar, in denen keine andere Behandlungsmöglichkeit besteht, und verlangt dann die niedrigste wirksame Dosis, eine möglichst kurze Behandlungsdauer und eine engmaschige Überwachung auf Anzeichen von Atemdepression und Sedierung.
In dieselbe Richtung wirken Schlafmittel, Narkosemittel, Neuroleptika, Antiepileptika, Antidepressiva, Lithiumpräparate und sedierende Antihistaminika: Bei gleichzeitiger Anwendung verstärken sich die beruhigenden Wirkungen sowie die Wirkungen auf Atmung und Kreislauf gegenseitig. Für Alkohol gilt das in besonderem Maße, weil sich die Veränderung der Wirkung dabei nicht vorhersehen lässt. Werden Benzodiazepine mit stark wirksamen Schmerzmitteln kombiniert, kann sich zudem die euphorisierende Wirkung verstärken und die Abhängigkeit schneller entwickeln. Bei gleichzeitiger Gabe von Muskelrelaxanzien nimmt die muskelentspannende Wirkung zu, was besonders bei älteren Menschen die Sturzgefahr erhöht.
Eine zweite Gruppe von Wechselwirkungen betrifft nicht die Wirkung, sondern den Abbau. Der oxidative Abbau von Diazepam wird durch die Enzyme CYP2C19 und CYP3A der Leber besorgt. Hemmstoffe dieser Enzyme wie Cimetidin, Omeprazol, Disulfiram, Ketoconazol, Fluvoxamin und Fluoxetin können deshalb zu einer vertieften und verlängerten Sedierung führen. Umgekehrt beschleunigen Phenobarbital und Phenytoin den Abbau von Diazepam; auch bei Rauchern kann die Ausscheidung schneller verlaufen. Weil Diazepam langsam ausgeschieden wird, ist auch nach dem Ende der Behandlung noch für einige Zeit mit Wechselwirkungen zu rechnen.
Vereinzelt sind auch entgegengesetzte Effekte beschrieben: Theophyllin hebt in niedriger Dosierung die durch Diazepam bewirkte Beruhigung auf, und Diazepam kann die Wirkung von Levodopa hemmen.
Alternative Behandlungsmethoden
Weil das Abhängigkeitspotenzial der Benzodiazepine ihre Anwendung begrenzt, kommt den Alternativen ein erhebliches Gewicht zu. Bei anhaltenden Schlafstörungen ist die kognitive Verhaltenstherapie die erste Behandlungsoption der aktuellen Leitlinie; sie setzt an den Schlafgewohnheiten, an der Zeit im Bett und am Umgang mit dem nächtlichen Grübeln an und bringt kein Abhängigkeitsrisiko mit sich. Von sedierenden Antihistaminika rät dieselbe Leitlinie ausdrücklich ab.
Bei Angststörungen und bei einer Angst, die eine Depression begleitet, gilt die Behandlung der Grunderkrankung als der eigentliche Ansatz; Antidepressiva übernehmen hier die Aufgabe, die ein Benzodiazepin allein nicht erfüllen kann. Benzodiazepine behalten daneben ihren Platz dort, wo eine rasche Wirkung nötig ist und die Behandlung von vornherein befristet bleibt – im akuten epileptischen Anfall, im Alkoholentzug, in der Prämedikation vor Eingriffen und in der Akutsituation einer schweren Angstzuspitzung.
Auch für die Behandlung von Muskelverspannungen und für die Beruhigung vor Untersuchungen bestehen andere Möglichkeiten. Ob sie in Frage kommen, hängt von der Ursache der Beschwerden ab; die Auswahl erfolgt ärztlich und richtet sich nach der Grunderkrankung, dem Alter und den übrigen eingenommenen Arzneimitteln.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
- Geisslinger, G., Menzel, S., Gudermann, T., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
ISBN: 9783804736634
- Benkert, O., Hippius, H. (Hrsg.): Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie.
ISBN: 9783662676844
- Laux, G., Dietmaier, O.: Praktische Psychopharmakotherapie.
ISBN: 9783437213229
- Soyka, M. (Hrsg.): Suchtmedizin.
ISBN: 9783437170515
