Hyperästhesie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 19. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die Hyperästhesie bezeichnet eine erhöhte Empfindlichkeit gegenüber Berührungs- und Sinnesreizen, die sich häufig auch als Schmerz äußert. Sie ist eng verbunden mit weiteren Sensibilitätsstörungen, die entweder eine Überempfindlichkeit oder eine verringerte Empfindlichkeit repräsentieren.
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Was ist die Hyperästhesie?
Der Begriff Hyperästhesie wird sowohl in der Neurologie als auch in der Psychologie verwendet. In der Neurologie wird sie oft mit einer erhöhten Schmerzempfindlichkeit bei Berührungen in Zusammenhang gebracht.
Die Psychologie bezeichnet eine krankhaft gesteigerte Erregbarkeit als Hyperästhesie, wobei die Erregung durch Berührungsreize ausgelöst wird. Der Begriff der Hyperästhesie ist untrennbar mit anderen Sensibilitätsstörungen verknüpft, die sich nur um einige Nuancen unterscheiden. So bezeichnet die Allodynie eine Störung, die eine Schmerzempfindung durch Reize auslöst, welche normalerweise keinen Schmerz erzeugen.
Eine Dysästhesie definiert abnorme unangenehme Sinneswahrnehmungen auf normale Reize, wobei es zur erhöhten Schmerzempfindlichkeit, zu verminderten Sinnesempfindungen oder auch zu Überempfindlichkeiten kommen kann. Die Hyperalgesie bezeichnet eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit, während die Hyperpathie wiederum bei erhöhter Reizschwelle eine Überempfindlichkeit für sensible Reize darstellt. Diese Aufzählung zeigt, dass diese Begriffe teilweise auch als Synonyme für Hyperästhesie verwendet werden können. Fachlich sind sie jedoch voneinander abzugrenzen: Die Hyperästhesie meint die gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Berührungs- und Sinnesreizen, die Hyperalgesie ausschließlich die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit. Das jeweilige Gegenstück ist die Hypästhesie beziehungsweise die Hypalgesie.
Die Hyperästhesie ist dabei kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Befund, der auf eine zugrunde liegende Störung des Nervensystems oder auf eine psychische Belastung hinweist; Behandlung und Verlauf richten sich nach dieser Ursache.
Ursachen
So können bei Mono- und Polyneuropathien, ZNS-Läsionen, Nervenkompressionen bei einem Bandscheibenvorfall, postoperativen Zuständen oder beim Morbus Sudeck (sympathisch unterhaltener Schmerz) dauerhafte Überempfindlichkeiten gegen Berührungsreize entstehen. Der Morbus Sudeck wird heute als komplexes regionales Schmerzsyndrom (CRPS) bezeichnet. Es gibt aber auch das Phänomen des Phantomschmerzes.
Dabei hat sich der Körper ein sogenanntes Schmerzgedächtnis aus früheren traumatischen Schmerzerfahrungen zugelegt. Obwohl die Ursache des Schmerzes verschwunden ist und sogar entsprechende Gliedmaßen fehlen, wird dort immer noch der gleiche Schmerz empfunden. Unabhängig von ihren Ursachen äußert sich eine Hyperästhesie durch intensive Sinnesempfindungen infolge erhöhter Reizweiterleitungen in den Nervenstrukturen.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Eine Hyperästhesie macht sich in erster Linie durch eine Überempfindlichkeit bemerkbar. Die Betroffenen reagieren sehr empfindlich auf Reize wie Berührungen, Kälte oder Hitze. Dadurch entwickelt sich über Wochen oder Monate ein deutlich erhöhtes Schmerzempfinden. Begleitend dazu können sich eine Reihe weiterer Symptome einstellen. Typischerweise kommt es zu Sensibilitätsstörungen oder Lähmungserscheinungen, gelegentlich treten auch Nervenschmerzen und Krämpfe auf.
Manchmal treten Schwellungen oder Entzündungen auf, die unbehandelt weitere Beschwerden hervorrufen können. Die Überempfindlichkeit ruft bei den Betroffenen ein starkes Unwohlsein hervor und schränkt die Lebensqualität erheblich ein. Die Symptome der Hyperästhesie treten oft nachts oder während Ruhephasen auf und rufen dadurch Schlafstörungen hervor. Betroffene sind schnell gereizt und leiden oft an Konzentrationsstörungen.
Langfristig kann eine Hyperästhesie seelische Probleme hervorrufen, zum Beispiel Angststörungen oder Depressionen. Die Hyperästhesie tritt meist in Verbindung mit einer anderen Erkrankung auf, kann aber auch als isoliertes Merkmal auftreten. Unabhängig von der Form treten die Symptome je nach Ursache plötzlich oder schleichend auf und nehmen im Verlauf an Intensität zu.
Ohne Behandlung bleibt die Überempfindlichkeit bestehen und ruft weitere Komplikationen hervor. Liegt der Hyperästhesie eine traumatische Schmerzerfahrung zugrunde, kann sich ein Phantomschmerz einstellen.
Diagnose & Verlauf
Ob die Hyperästhesie als Symptom einer zugrunde liegenden Erkrankung, oder als isoliertes Merkmal auftritt, muss differenzialdiagnostisch abgeklärt werden.
Es besteht die Frage, ob eine organisch nachvollziehbare Störung des Nervensystems vorliegt oder die verstärkte Reizweiterleitung aufgrund eines vorangegangenen Traumas stattfindet. Zu den organisch bedingten Ursachen gehört u. a. die Nervenwurzelkompression bei Bandscheibenschäden, das Bestehen von Neurinomen (gutartige Tumoren des Nervensystems) oder die Polyneuropathien. Neurinome werden heute meist als Schwannome bezeichnet, da sie von den Schwann-Zellen der Nervenscheide ausgehen. Zur Differenzialdiagnose wird zunächst eine Anamnese erstellt. Mittels der Anamnese kann bereits zwischen organischen und psychologischen Ursachen differenziert werden. Bildgebende Verfahren, wie CT und MRT, können eventuelle Bandscheibenschäden oder Neurinome feststellen.
Weiterhin werden Sensibilitätsprüfungen, Nervenleitfähigkeitsmessungen, Reflexprüfungen und andere Untersuchungen durchgeführt. Oft ist die bestehende Hyperästhesie jedoch nicht als krankhaft zu bezeichnen, sondern nur als Normvariante, die sich in einer sensibleren Reaktion auf Umwelteinflüsse äußert, zu betrachten.
Komplikationen
Nicht selten kommt es dabei auch zu Schlafstörungen, wenn es nachts zu Ruheschmerzen kommt. Dabei kann auch eine allgemeine Reizbarkeit des Patienten auftreten. Bestimmte Tätigkeiten des Alltages können in vielen Fällen nicht mehr ohne Weiteres ausgeführt werden und es kommt nicht selten zu Bewegungseinschränkungen des Patienten. Die Behandlung der Hyperästhesie erfolgt immer kausal und richtet sich nach der zugrunde liegenden Ursache.
Die Behandlung selbst ruft dabei in der Regel keine Komplikationen hervor. Es kann allerdings zu Nervenschäden gekommen sein, die sich nicht mehr rückgängig machen lassen. Dabei leidet der Betroffene sein Leben lang an den Beschwerden und Einschränkungen. Die Behandlung kann durch Therapien bestimmte Reize und Reaktionen wieder beeinflussen. Es kommt allerdings nicht in jedem Fall zu einem positiven Krankheitsverlauf. Die Lebenserwartung wird durch die Hyperästhesie nicht beeinflusst.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Der Besuch eines Arztes ist notwendig, sobald aus nicht nachvollziehbaren Gründen Schmerzen bei einer Berührung erlebt werden. Liegen keine Verletzungen vor und sind die Berührungen als leicht einzustufen, ist der Schmerz ein Hinweis auf eine ernste Erkrankung. Reagiert der Betroffene überempfindlich auf Berührungen von Menschen oder beim Tragen von Kleidungsstücken auf der Haut, benötigt er eine intensive Untersuchung zur Abklärung der Ursache.
Besonders besorgniserregend ist eine Zunahme der Beschwerden in ihrer Intensität. Erlebt der Betroffene einen starken Leidensdruck, sollte er einen Arzt aufsuchen. Bei Unwohlsein, Reizbarkeit, Schlafstörungen oder einer Beeinträchtigung bei der Bewältigung der alltäglichen Aufgaben wird Hilfe benötigt.
Kommt es durch die körperlichen Beschwerden zu emotionalen Belastungszuständen, einem anhaltenden Stresserleben oder Verhaltensauffälligkeiten, sollte ein Arztbesuch erfolgen. Bei Angst, Aggressivität oder Wutausbrüchen ist ein Arztbesuch vonnöten. Die Konsultation eines Arztes ist ebenfalls notwendig, wenn es zu weiteren Beschwerden wie Kopfschmerzen, Juckreiz, einer Gewichtsabnahme oder Verfärbungen der Haut kommt. Vermeidet der Betroffene soziale Kontakte, zieht er sich aus dem gewohnten Umfeld zurück oder kommt es zu einer gedrückten Stimmung, ist ein Arzt aufzusuchen. Bei depressiven Phasen, dem Konsum von Betäubungsmitteln oder Änderungen der Persönlichkeit ist ein Arztbesuch anzuraten.
Behandlung & Therapie
Die Behandlung einer Hyperästhesie richtet sich nach deren Ursache. Liegen nachvollziehbare organische Ursachen vor, muss die Grunderkrankung therapiert werden. So können Neurinome operativ entfernt werden.
Nervenwurzelkompressionen infolge von Bandscheibenschäden müssen je nach ihrer Ausprägung durch physikalische Therapien oder in Ausnahmefällen auch operativ behandelt werden. Polyneuropathien haben wiederum verschiedene Ursachen, die zunächst differenzialdiagnostisch ermittelt werden müssen, um sie therapieren zu können. Manchmal rufen auch bestimmte Virusinfektionen Nervenschäden hervor, die eine Hyperästhesie auslösen. In vielen Fällen liegen jedoch keine organischen Ursachen vor.
Hier hat der Körper sozusagen gelernt, auf bestimmte Reize mit Übererregbarkeit oder Schmerz zu reagieren. Dann ist oftmals eine psychologische Betreuung notwendig, um eine gelassenere Reaktion auf diese Reize zu lernen. Das bedarf manchmal einer langwierigen psychologischen Behandlung. Voraussetzung ist hier die Ermittlung eines eventuellen traumatischen Erlebnisses, welches die Hyperästhesie ausgelöst haben könnte.
Vorbeugung
Es ist sehr schwer, Empfehlungen zur Vorbeugung vor einer Hyperästhesie zu erteilen. Sowohl die organischen als auch die psychologischen Ursachen sind so vielfältig, dass die Entstehung dieses Symptoms nicht vorausgesagt werden kann. Lediglich, wenn bereits Tendenzen zur Ausbildung einer Hyperästhesie erkennbar sind, sollte durch eine rechtzeitig eingeleitete Therapie der Krankheitsverlauf gestoppt werden.
Nachsorge
Bei der Nachsorge der Hyperästhesie stehen lindernde und vorbeugende Maßnahmen im Vordergrund. Abhängig von der Ursache der Erkrankung ist es jedoch nicht so einfach, die geeignete Nachbehandlung einzuleiten. Die Patienten sollten zusammen mit ihrem Arzt die Situation besprechen und eventuell medizinische Methoden und Selbsthilfemaßnahmen miteinander kombinieren.
Für die erfolgreiche Besserung des Zustands ist ein vertrauensvolles Verhältnis zum behandelnden Arzt hilfreich. Wenn die Erkrankung durch psychische Beschwerden ausgelöst wurde, kommt eine psychologische oder psychotherapeutische Behandlung infrage. Zudem erhalten die Patienten oft eine starke Unterstützung durch Familie und Freunde.
Diese psychische Stärkung ist vor allem dann wichtig, wenn ein traumatisches Erlebnis für den Ausbruch der Erkrankung verantwortlich ist. In langen, offenen Gesprächen können die Betroffenen ihre Ängste und Beschwerden mitteilen, wodurch sich die krankheitsbedingten Symptome reduzieren. Eine solche Nachbehandlung kann sich über lange Zeit hinziehen.
Um Depressionen und Entmutigung zu vermeiden, helfen auch Entspannungsübungen und sanfte körperliche Aktivitäten. Yoga und Tai-Chi sind besonders beliebt. Auch ausgedehnte Spaziergänge sorgen für ein besseres Befinden und damit für einen positiven Verlauf. In manchen Fällen kommen Kälte- oder Wärmeanwendungen zum Einsatz, die dazu dienen, die typischen Symptome einzuschränken.
Das können Sie selbst tun
Sollte die Hyperästhesie aufgrund von psychischen Beschwerden oder Verstimmungen auftreten, so ist eine Behandlung bei einem Psychologen oder bei einem Therapeuten notwendig. Diese Behandlung kann in den meisten Fällen auch durch Gespräche mit anderen Betroffenen oder mit Freunden und der Familie gestärkt werden. Vor allem bei einem traumatischen Erlebnis sollten ausführliche und klärende Gespräche über das Erlebnis stattfinden, um die Beschwerden dieser Erkrankung einzuschränken. Die Betroffenen sollten sich nicht entmutigen lassen, falls die Behandlung über einen sehr langen Zeitraum erfolgen muss. Dies ist bei der Hyperästhesie in vielen Fällen üblich.
Weiterhin können sich auch Entspannungsübungen oder leichte Sportarten sehr positiv auf den Verlauf der Krankheit auswirken. Dabei eignet sich vor allem Yoga. Weiterhin können auch Wärme- oder Kälteanwendungen hilfreich sein. In vielen Fällen können damit die Symptome der Hyperästhesie eingeschränkt werden.
Quellen
- Diener, H.-C., Baron, R., Maier, C. (Hrsg.): Die Schmerztherapie.
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- Baron, R., Koppert, W., Strumpf, M., Willweber-Strumpf, A. (Hrsg.): Praktische Schmerzmedizin.
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- Müller-Vahl, H., Tegenthoff, M. (Hrsg.): Läsionen peripherer Nerven und radikuläre Syndrome.
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- Bassetti, C., Sturzenegger, M., Mumenthaler, M.: Neurologische Differenzialdiagnostik.
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