Oseltamivir
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 18. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der medizinische Wirkstoff Oseltamivir gehört zur Klasse der Neuraminidase-Hemmer. Er dient zur Vorbeugung und Behandlung der Influenza-Grippe. Nebenwirkungen können auftreten.
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Was ist Oseltamivir?
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Oseltamivir ist ein Arzneistoff, der der Klasse der Neuraminidase-Hemmer entstammt. Das Mittel eignet sich zur Therapie und Prophylaxe der echten Grippe, die vom Influenzavirus verursacht wird.
Oseltamivir zählt zu den sogenannten Prodrugs. So kommt es nach der oralen Einnahme des Wirkstoffs zur Spaltung der Esterbindung. Daraus geht die eigentliche Wirkform mit der Bezeichnung Oseltamivircarboxylat hervor. Bekannt ist Oseltamivir auch unter der Präparatbezeichnung Tamiflu®. Es zählt zu den verschreibungspflichtigen Medikamenten und ist nur gegen Vorlage eines Rezepts in der Apotheke erhältlich.
Die Entwicklung von Oseltamivir ging auf den österreichischen Biochemiker Norbert Bischofberger zurück, der in den 1990er Jahren im kalifornischen Foster City für das Biotechnologieunternehmen Gilead Sciences tätig war. Dabei forschte Bischofberger nach einem Anti-Grippemittel, das sich auch in Tablettenform darreichen ließ. Nachdem dies gelungen war, arbeitete der Biochemiker mit dem Pharmakonzern Roche zusammen. Schließlich erfolgte die Zulassung von Oseltamivir 1999 in der Schweiz. Noch im selben Jahr schlossen sich die USA an, und ab 2002 konnte das Medikament auch in der EU vertrieben werden.
Dabei bestand zunächst die Einschränkung, dass nur eine Behandlung von Patienten über 13 Jahren stattfinden durfte. Diese Beschränkung wurde jedoch später aufgehoben, sodass eine Oseltamivir-Therapie in einem ersten Schritt bereits bei Kindern ab einem Jahr erfolgen konnte. Heute reicht die Zulassung zur Behandlung noch weiter: Sie umfasst Erwachsene und Kinder einschließlich reifer Neugeborener. Nur für die vorbeugende Gabe gilt weiterhin eine Altersgrenze von einem Jahr – ausgenommen ein pandemischer Ausbruch, bei dem auch Säuglinge unter einem Jahr nach einem Kontakt vorbeugend behandelt werden dürfen. Im Laufe der Zeit avancierte Tamiflu® zu den erfolgreichsten Arzneimitteln der Firma Roche. Seit 2014 sind auch Generika von Oseltamivir erhältlich.
Neben den Hartkapseln steht der Wirkstoff als Pulver zur Verfügung, aus dem eine Suspension zum Einnehmen zubereitet wird. Diese Form ist vor allem für kleine Kinder gedacht und für Menschen, die Kapseln nicht schlucken können; die Menge wird dabei mit einer Dosierspritze abgemessen. Im deutschen Handel sind neben Tamiflu® unter anderem die Hartkapseln des Präparats Ebilfumin® gelistet.
Pharmakologische Wirkung
Die Viren, die in den Körperzellen neu entstanden sind, infizieren die anderen Zellen, nachdem sie eine Zelle wieder verlassen haben, wodurch ihre Ausbreitung stattfindet. Um die Zelle verlassen zu können, ist das Zerschneiden eines Verbindungsstücks zwischen Zelle und Virus durch die Neuraminidase nötig.
Diesem Prozess wirkt Oseltamivir entgegen, indem es das Enzym blockiert. Auf diese Weise hindert der Wirkstoff die Viren daran, noch weitere Körperzellen zu infizieren. Das Immunsystem des Menschen erhält dadurch die Gelegenheit, die unbeweglich gewordenen Viren leichter zu bekämpfen.
Die Neuraminidase ist dabei nicht nur für das Verlassen der Wirtszelle wichtig. Nach der Fachinformation braucht das Virus sie auch, um in eine noch nicht befallene Zelle einzudringen und sich im Körper weiter auszubreiten. Das wirksame Abbauprodukt von Oseltamivir hemmt die Neuraminidase von Influenzaviren des Typs A wie des Typs B.
Der Wirkstoff greift nur an diesem Enzym der Influenzaviren an. Gegen Krankheiten, die andere Erreger verursachen, wirkt er nach der Fachinformation nicht – ein grippaler Infekt oder eine bakterielle Entzündung der Atemwege lassen sich damit also nicht behandeln. Ein vorbeugender Schutz besteht zudem nur so lange, wie das Mittel eingenommen wird; nach dem Absetzen endet er.
Die Darreichung von Oseltamivir erfolgt oral. Nach seiner Einnahme kommt es zur raschen Resorption des Wirkstoffs. Innerhalb der Leber findet die Überführung des Prodrugs Oseltamivir mit unterschiedlichen Esterasen in das wirksame Oseltamivircarboxylat statt. Eine weitere Verstoffwechselung des aktiven Metaboliten erfolgt nicht, sodass er über die Nieren unverändert aus dem Körper ausgeschieden wird. Bei Patienten in höherem Lebensalter liegt eine größere Bioverfügbarkeit vor. Eine Anpassung der Dosis ist deswegen nach der Fachinformation gleichwohl nicht erforderlich, solange keine mittelschwere oder schwere Nierenschwäche vorliegt. Bei stark eingeschränkter Nierenfunktion dagegen wird eine Anpassung empfohlen; für Kleinkinder mit Nierenschwäche und für Frühgeborene reichen die vorliegenden Daten für eine Empfehlung nicht aus.
Oseltamivir verfügt über die Eigenschaft, die Dauer der Grippe zu verkürzen und ihre Symptome zu lindern, sofern die Behandlung spätestens 48 Stunden nach Beginn der Erkrankung einsetzt. Darüber hinaus verringerte seine Anwendung in den Zulassungsstudien an sonst gesunden Erwachsenen die Häufigkeit von Komplikationen der unteren Atemwege, überwiegend einer Bronchitis, die mit Antibiotika behandelt werden mussten. Bei Patienten mit chronischen Herz- oder Atemwegserkrankungen ließ sich dieser Vorteil dagegen nicht bestätigen: Für diese Gruppe gilt die Wirksamkeit von Oseltamivir als nicht gesichert, und zwischen Behandlungs- und Scheinmedikamentgruppe zeigte sich kein Unterschied in der Häufigkeit von Komplikationen. Eine Verkürzung der Krankheitsdauer ließ sich in dieser Gruppe ebenfalls nicht in bedeutsamem Umfang nachweisen.
Ob Oseltamivir wirkt, hängt außerdem davon ab, welche Grippeviren gerade umlaufen. Die Empfindlichkeit der zirkulierenden Stämme schwankt nach Jahreszeit und Region erheblich. Im Jahr 2008 fand sich in Europa bei mehr als 99 von 100 untersuchten Viren des Subtyps H1N1 eine Veränderung am Enzym, die den Wirkstoff unwirksam macht; die Schweinegrippe-Welle des Jahres 2009 war dagegen nur in Einzelfällen unempfindlich. Die Fachinformation verlangt deshalb, dass Ärzte vor der Verordnung die verfügbaren Angaben zur Empfindlichkeit der gerade umlaufenden Viren berücksichtigen – und dass Oseltamivir überhaupt nur eingesetzt wird, wenn verlässliche Daten dafür sprechen, dass Grippeviren in der Bevölkerung kursieren.
Auch unter der Behandlung selbst können unempfindliche Viren entstehen. Bei Erwachsenen geschah das in den Zulassungsstudien selten, bei Kindern häufiger und bei Säuglingen unter einem Jahr am häufigsten. Auf den Behandlungserfolg wirkte sich eine erst unter der Therapie entstandene Unempfindlichkeit dabei nicht aus, und die Beschwerden hielten nicht länger an; die betroffenen Kinder schieden die Viren allerdings über einen längeren Zeitraum aus. Ein erhöhtes Risiko dafür tragen zudem Menschen mit geschwächter Abwehr, insbesondere nach einer Organ- oder Stammzelltransplantation.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Anwendungsgebiet von Oseltamivir ist die Behandlung und Vorbeugung der Influenza-Grippe, die nichts mit dem harmlosen grippalen Infekt (Erkältung) zu tun hat. Damit der Wirkstoff seine positiven Effekte entfalten kann, ist er jedoch binnen 48 Stunden einzunehmen. Für eine vorbeugende Wirkung muss die Einnahme zeitnah nach dem Kontakt zu infizierten Personen erfolgen.
Vorbeugung und Behandlung unterscheiden sich dabei auch im Anlass. Behandelt wird, wer grippetypische Beschwerden hat, während Influenzaviren in der Bevölkerung umlaufen; nachgewiesen ist die Wirksamkeit für einen Beginn innerhalb von zwei Tagen nach dem ersten Auftreten der Beschwerden. Zur Vorbeugung nach einem Kontakt ist der Wirkstoff dagegen für Personen ab einem Jahr vorgesehen, die mit einem ärztlich festgestellten Grippefall zusammengetroffen sind. Über eine vorbeugende Anwendung wird nach der Fachinformation im Einzelfall entschieden und dabei auf die offiziellen Empfehlungen zurückgegriffen. Eine vorbeugende Gabe über eine ganze Grippesaison kommt nur in Ausnahmelagen in Betracht, etwa wenn der Impfstoff nicht zu den umlaufenden Virusstämmen passt.
Die Dosierung bei Kindern richtet sich nach deren Alter und Gewicht. Lange Zeit galt die Gabe an Säuglinge als besonderer Ausnahmefall. Heute ist die Behandlung auch bei Säuglingen und reifen Neugeborenen zugelassen, wobei sich die Dosis nach dem Körpergewicht richtet. Eine Heilung der Influenza-Grippe ist durch Oseltamivir nicht möglich, doch kann der Wirkstoff die Krankheitsdauer verringern und die Symptome lindern.
Wie groß der Nutzen ausfällt, hat sich in den Zulassungsstudien als sehr unterschiedlich erwiesen. Bei sonst gesunden Erwachsenen und Jugendlichen verkürzte sich die mittlere Krankheitsdauer um etwa einen Tag. Aufgenommen wurden in diese Studien allerdings nur Patienten, die sich früher gemeldet hatten, als es das zugelassene Zeitfenster von zwei Tagen zulässt, und die neben Fieber mindestens ein Atemwegs- und ein Allgemeinsymptom zeigten; für einen späteren Behandlungsbeginn liegen keine vergleichbaren Daten vor. Bei älteren Menschen und bei Patienten mit chronischen Herz- oder Atemwegserkrankungen war immerhin die Gesamtdauer des Fiebers um einen Tag kürzer.
Für die Vorbeugung nach einem Kontakt zeigen die Studien einen deutlicheren Effekt: Bei Kontaktpersonen bestätigter Grippefälle sank die Häufigkeit einer Grippeerkrankung erheblich, ebenso bei ungeimpften Erwachsenen während eines Ausbruchs in der Bevölkerung und bei älteren Bewohnern von Pflegeheimen, von denen die meisten geimpft waren. Bei Menschen mit geschwächter Abwehr dagegen unterschied sich die Häufigkeit laborbestätigter Grippeerkrankungen zwischen Wirkstoff- und Scheinmedikamentgruppe nicht bedeutsam.
Als Alternative zur Grippeimpfung eignet sich der Neuraminidase-Hemmstoff nicht. Die Anwendung des Mittels sollte nur bei Grippe-Epidemien erfolgen und unter ärztlicher Kontrolle stattfinden. Die Fachinformation formuliert das ausdrücklich: Die Anwendung des Wirkstoffs darf die Überlegung einer jährlichen Grippeschutzimpfung nicht beeinflussen. Für Menschen, deren Zustand so schlecht oder so unbeständig ist, dass eine Aufnahme ins Krankenhaus in Betracht kommt, liegen zu Sicherheit und Wirksamkeit von Oseltamivir keine Daten vor.
Risiken & Nebenwirkungen
Weitere denkbare Nebenwirkungen von Oseltamivir können Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Hautausschläge, Krampfanfälle, Überempfindlichkeitsreaktionen, Ekzeme, Entzündungen auf der Haut, Nesselsucht, erhöhte Leberwerte oder Einschränkungen des Bewusstseins sein. Selten kommt es auch zu Angstzuständen, einer ausgeprägten Leberentzündung, anormalem Verhalten, Verwirrtheit, Magen-Darm-Blutungen, Sehstörungen, Albträumen und Wahnvorstellungen. In seltenen Fällen kam es bei Jugendlichen zu Selbstverletzungen.
Solche Berichte stammen aus der Zeit nach der Markteinführung. Gemeldet wurden dabei Krampfanfälle und Verwirrtheitszustände mit verändertem Bewusstsein, anormalem Verhalten, Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, Erregung, Angst und Albträumen. Berichtet wurden sie vor allem bei Kindern und Jugendlichen; sie traten oft unvermittelt auf und klangen rasch wieder ab. Welchen Anteil das Medikament daran hat, ist ungeklärt: Dieselben Erscheinungen sind auch bei Grippekranken beschrieben worden, die Oseltamivir nicht erhalten hatten, denn die Influenza selbst kann mit Sinnestäuschungen, Verwirrtheit und anormalem Verhalten einhergehen und in seltenen Fällen tödlich verlaufen. Die Fachinformation rät deshalb, behandelte Patienten engmaschig auf Verhaltensänderungen zu beobachten und Nutzen wie Risiko einer Fortsetzung im Einzelfall abzuwägen.
Selten wurde seit der Markteinführung über weitere schwere Reaktionen berichtet: über anaphylaktische Reaktionen, über Erkrankungen der Leber einschließlich einer schweren Leberentzündung mit Gelbsucht und eines Leberversagens, über ein Angioödem, über schwere Hautreaktionen wie das Stevens-Johnson-Syndrom und über Blutungen im Magen-Darm-Trakt.
Liegt eine Überempfindlichkeit gegen Oseltamivir vor, darf keine Therapie mit dem Wirkstoff erfolgen. Bei Menschen mit einer Schwäche des Immunsystems ist die Wirksamkeit von Oseltamivir nicht vollständig nachgewiesen. Die Zulassung sieht für sie gleichwohl eine eigene, längere Behandlungs- und Vorbeugungsdauer vor.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln sind bei Oseltamivir wenig zu erwarten, weil der Wirkstoff nur schwach an Bluteiweiße bindet und nicht über die üblichen Enzymsysteme der Leber abgebaut wird. Untersucht und ohne Auffälligkeit blieb die gleichzeitige Gabe von Paracetamol, Acetylsalicylsäure, Cimetidin, säurebindenden Mitteln und Warfarin. Vorsicht ist dagegen bei Arzneimitteln mit geringer therapeutischer Breite geboten, die über denselben Weg in der Niere ausgeschieden werden, etwa Methotrexat oder Phenylbutazon. Das Gichtmittel Probenecid lässt den Blutspiegel des wirksamen Abbauprodukts ansteigen; bei normaler Nierenfunktion ist dennoch keine Anpassung nötig.
Auf die Verkehrstüchtigkeit und die Fähigkeit, Maschinen zu bedienen, hat Oseltamivir nach der Fachinformation keinen Einfluss. Hinweise auf eine Wirkung des Wirkstoffs auf die Fruchtbarkeit von Männern oder Frauen ergeben die vorklinischen Daten ebenfalls nicht.
Im Rahmen von Schwangerschaft und Stillzeit muss der Arzt die Gabe von Oseltamivir gründlich abwägen. So ist unbekannt, ob das Kind durch das Medikament Schaden erleiden kann. Inzwischen liegen dazu allerdings umfangreiche Daten vor: Auswertungen von mehr als tausend Schwangerschaften mit Oseltamivir-Einnahme im ersten Drittel ergaben keinen Hinweis auf Fehlbildungen oder auf eine Schädigung des ungeborenen Kindes. In einer Beobachtungsstudie waren die Ergebnisse zu schweren angeborenen Herzfehlern jedoch nicht aussagekräftig. Zu bedenken ist außerdem, dass eine Grippe in der Schwangerschaft ihrerseits mit einem erhöhten Risiko für Fehlbildungen in Verbindung gebracht wird; eine Einnahme kann deshalb in Betracht gezogen werden, wenn sie notwendig erscheint. In die Muttermilch gehen Oseltamivir und sein wirksames Abbauprodukt nach den bislang sehr begrenzten Daten nur in geringen Mengen über. Zur reinen Vorbeugung erhalten Kinder, die jünger als ein Jahr sind, Oseltamivir nur im Falle eines pandemischen Influenza-Ausbruchs.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
- Modrow, S., Truyen, U., Schätzl, H.: Molekulare Virologie.
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- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
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- Brodt, H.-R., Simon, C. (Hrsg.): Infektionstherapie.
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- Jung, N., Rieg, S. (Hrsg.): Klinikleitfaden Infektiologie.
ISBN: 9783437223228
