Urogenitaltuberkulose


Medizinische Qualitätssicherung am 27. Mai 2019 von Dr. med. Nonnenmacher

Als Urogenitaltuberkulose wird eine Tuberkulose des Urogenitalsystems bezeichnet. Dabei handelt es sich weder um eine Geschlechtskrankheit noch um eine tuberkulöse Primärerkrankung. Vielmehr ist die Urogenitaltuberkulose eine von mehreren möglichen sekundären Formen der Tuberkulose.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Urogenitaltuberkulose?

Die Urogenitaltuberkulose ist eine Form der Sekundärtuberkulose, bei der die Organe des Urogenitalsystems betroffen sind. Sie bildet sich meist infolge einer primären Tuberkuloseinfektion der Lunge heraus.

Wenngleich es sich bei der Urogenitaltuberkulose nicht um eine Geschlechtskrankheit handelt, ist die Erkrankung namentlich meldepflichtig. In den Ländern Mitteleuropas ist die Urogenitaltuberkulose nur sehr selten zu beobachten. Der größte Teil der Erkrankungen tritt in zwei Altersgruppen auf. Dies sind zum einen 25- bis 40-jährige Patienten und zum anderen Patienten im hohen Alter, insbesondere Bewohner von Altenheimen.

Auch in Deutschland werden nur relativ wenige Fälle von Urogenitaltuberkulose beobachtet. So wurden beispielsweise im Jahr 2006 bundesweit 1.091 Fälle von Tuberkulose erfasst, bei denen Organe außerhalb der Lunge befallen waren (extrapulmonalen Tuberkulosen). Davon entfielen jedoch nur 27 Fälle oder 2,5 Prozent auf Tuberkulosen des Urogenitalsystems.

Ursachen

Eine Tuberkuloseerkrankung manifestiert sich zunächst an einer anderen Stelle; häufig liegt der sogenannte Primärherd in der Lunge. Im weiteren Krankheitsverlauf können die Tuberkuloseerreger jedoch auch andere Organe befallen, zu denen sie in der Regel über die Blutbahn gelangen.

In der Folge können sich dann Sekundär- beziehungsweise Organtuberkulosen herausbilden. Sind die Nieren, die Nebennieren, die ableitenden Harnwege und die Harnblase oder die Geschlechtsorgane von einer solchen Absiedlung aus dem Primärherd stammender Tuberkuloseerreger betroffen, kommt es zur Entstehung einer Urogenitaltuberkulose.

Typische Symptome & Anzeichen

Diagnose & Verlauf

Etwa zwanzig Prozent der Erkrankungen an Urogenitaltuberkulose verursachen den betroffenen Patienten keinerlei Beschwerden. Treten Symptome auf, so sind diese tendenziell uncharakteristisch, wie beispielsweise Beschwerden beim Urinieren, Flanken- und andere Schmerzen, Pyurie oder Blut im Urin sowie Blähungen und Verstopfungen.

Bei Frauen werden auch Blutungsstörungen oder eine ausbleibende Menstruation beobachtet. Werden die Nebenhoden des Mannes befallen, können sich schmerzhafte Schwellungen und Rötungen bilden. Zur Diagnose einer Urogenitaltuberkulose werden verschiedene Verfahren angewandt. Der Tuberkulin-Test spielt dabei eine wichtige Rolle, ist aber nicht beweisend und muss deshalb mit anderen Diagnoseverfahren kombiniert werden.

Eine Röntgenaufnahme des Thorax wird genutzt, um zu klären, ob der Patient an einer Primärtuberkulose der Lunge leidet. Weitere diagnostische Verfahren sind der kulturelle Nachweis von Tbc-Erregern im Urin, der etwa vier Wochen Zeit erfordert, die Polymerase-Kettenreaktion (PCR) zum Erregernachweis im Urin, die Urografie, die Laparoskopie und der Erregernachweis im histologischen Präparat mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR).

Bei weiblichen Patientinnen mit Verdacht auf eine Urogenitaltuberkulose besteht zudem die Möglichkeit des Erregernachweises im Menstruationsblut beziehungsweise einer Biopsie der Gebärmutterschleimhaut.

Zu Beginn einer Urogenitaltuberkulose entstehen zunächst sogenannte Minimalläsionen im Gewebe der Niere oder anderer Urogenitalorgane. In der Folge bildet sich ein verkäsendes Tuberkulom, das sich im Laufe der Zeit zu einem verkalkten Bezirk entwickelt. Der weitere Krankheitsverlauf hängt maßgeblich von der Immunlage des betroffenen Patienten hab.

Wenn die Urogenitaltuberkulose weiter voranschreitet, nehmen zentrale Gewebsuntergänge (Nekrosen) und Verkalkungen in der Niere zu. Das enge Nebeneinander von nekrotisierenden Partien und dem Hohlraumsystem in der Niere begünstigt die Entstehung von Deformitäten. So können sich beispielsweise Kelchkavernen, Nierenkelche, Papillennekrosen, aber auch Kelchhalsstenosen oder Nierenbeckenabgangsengen bilden. Das Endstadium der Nierentuberkulose ist die sogenannte Kittniere.

In diesem Stadium besteht das Organ nahezu vollständig aus verkäsender Nekrose und hat seine Funktion vollständig verloren. Bilden sich infolge einer Urogenitaltuberkulose Vernarbungen in den Harnleitern, so kann es in der Folge zu einer Harnstauung und im schlimmsten Falle auch zur Hydronephrose kommen, die dann ebenfalls zum Funktionsverlust der betroffenen Niere führen kann.

Neben den geschilderten Problemen im Bereich der Nieren und der Harnwege kann die Urogenitaltuberkulose sich auch in den weiblichen beziehungsweise männlichen Genitalien manifestieren. Bei Frauen kommt es nahezu in allen Fällen zum beidseitigen Befall der Eileiterschleimhaut und zur Ausbreitung der Infektion bis in die Gebärmutter. Wenn die Infektion die Gebärmutterhöhle erreicht, führt dies oftmals zur Unfruchtbarkeit.

In Entwicklungsländern wie beispielsweise Bangladesch oder Indien ist die Urogenitaltuberkulose eine der häufigsten Ursachen von Unfruchtbarkeit bei Frauen, und in früheren Jahren wurde Tuberkulose an den weiblichen Genitalien häufig als Zufallsbefund im Zuge der Sterilitätsdiagnostik festgestellt. Bei Männern können Tuberkuloseerreger über die Blutbahn bis in die Nebenhoden gelangen, und zwar teilweise auch ohne eine Beteiligung der Niere.

Über die Samenwege können sich die Erreger zudem in die Hoden sowie in die Prostata ausbreiten. Befällt die Tuberkulose die Genitalorgane, muss damit gerechnet werden, dass die Erkrankung in etwa neun von zehn Fällen zur Unfruchtbarkeit führt.

Komplikationen

Eine Urogenitaltuberkulose muss nicht in jedem Fall zu Beschwerden oder zu Komplikationen führen. Sie kann in einigen Fällen auch vollständig beschwerdefrei verlaufen, sodass sie aus diesem Grund auch erst relativ spät diagnostiziert wird. Bei vielen Betroffenen führt die Urogenitaltuberkulose allerdings zu sehr starken Schmerzen beim Wasserlassen.

Diese Schmerzen sind brennend und wirken sich dabei sehr negativ auf den psychischen Zustand des Patienten aus, sodass es mitunter zu Depressionen oder zu anderen psychischen Verstimmungen kommen kann. Auch Flankenschmerzen können dabei auftreten und den Alltag des Betroffenen erschweren. Der Urin ist bei der Urogenitaltuberkulose blutig, was auch zu einer Panikattacke führen kann.

Weiterhin führt die Erkrankung auch zu Blähungen oder zu Verstopfung und verringert die Lebensqualität des Patienten enorm. Bei Frauen kann es durch die Erkrankung auch zu starken Regelblutungen und dabei auch zu Schmerzen kommen. In den meisten Fällen kann die Urogenitaltuberkulose relativ einfach mit Hilfe von Medikamenten behandelt werden.

Dabei ist nicht mit besonderen Komplikationen zu rechnen. Die Betroffenen sind allerdings auf eine langwierige Einnahme der Medikamente angewiesen. Bei einer erfolgreichen Behandlung wird die Lebenserwartung des Patienten von der Erkrankung nicht negativ verringert.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Da es bei einer Urogenitaltuberkulose nicht zu einer selbständigen Heilung kommen kann, sollte der Betroffene schon bei den ersten Symptomen oder Anzeichen der Erkrankung einen Arzt aufsuchen. Nur durch eine frühzeitige Diagnose und Behandlung können weitere Komplikationen oder eine weitere Verschlechterung der Beschwerden vermieden werden. Ein Arzt ist dann zu kontaktieren, wenn der Patient an Schmerzen beim Wasserlassen leidet. Es kommt meist zu einem leichten Brennen oder auch zu einem Juckreiz.

In vielen Fällen macht sich die Urogenitaltuberkulose auch durch einen blutigen Urin bemerkbar. Einige Betroffene leiden auch an Verstopfungen oder Blähungen und damit an einer deutlich verringerten Lebensqualität. Bei Frauen kann die Urogenitaltuberkulose auch zu einer Zwischenblutung oder zu einem gestörten Zyklus führen. Auch dabei ist ein Arzt zu kontaktieren, wenn die Beschwerden dauerhaft auftreten und nicht wieder von alleine verschwinden. In der Regel kann die Urogenitaltuberkulose gut durch einen Urologen behandelt werden.

Behandlung & Therapie

Die standardmäßige Behandlung der Urogenitaltuberkulose erfolgt heute durch eine Kombinationstherapie. Dabei kommen in der Regel Isoniazid, Rifampicin sowie Pyrazinamid zur Anwendung. Sofern erforderlich, können diese Wirkstoffe darüber hinaus auch mit Ethambutol kombiniert werden. Die Therapie muss konsequent über einen längeren Zeitraum fortgeführt werden. Dabei ist im Normalfall von sechs Monaten auszugehen.

Wenn die Therapie keine Wirkung zeigt, muss in der Regel eine chirurgische Resektion erfolgen. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Urogenitaltuberkulose zur Entstehung einer Kittniere oder zur Hydronephrose geführt hat.

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Vorbeugung

Da es sich bei der Urogenitaltuberkulose um eine Sekundärerkrankung handelt, ist eine direkte Vorbeugung nicht möglich. Die wirksamste Prophylaxe besteht deshalb darin, eine Primärinfektion zu vermeiden beziehungsweise möglichst früh zu diagnostizieren.

Denn je früher eine primäre Tuberkuloseinfektion, beispielsweise in der Lunge, entdeckt und behandelt wird, umso geringer ist das Risiko, dass es zur Absiedlung von Erregern und zur Entstehung von Organtuberkulosen wie der Urogenitaltuberkulose kommt.

Nachsorge

Die Nachsorge nach einer überwundenen Urogenitaltuberkulose ist abhängig von der angewandten Therapie. Da es sich um keine Primär-, sondern um eine Sekundärerkrankung handelt, besteht keine Ansteckungsgefahr, was das Verhalten während der bis zu 18-Monate dauernden medikamentösen Behandlung vereinfacht. Im Normalfall kommt es während der Langzeittherapie zu einer Ausheilung der Krankheit.

Entscheidend ist, dass sich der Patient strikt an die Anweisungen für die Einnahme der Medikamente hält, auch wenn dies mit unangenehmen Nebenwirkungen verbunden ist. Die Nachsorge nach einer erfolgreichen Medikation zielt dann hauptsächlich darauf ab, das körpereigene Immunsystem zu stärken, um Rückfälle möglichst zu vermeiden. Trotz tatsächlicher oder scheinbarer Ausheilung der Urogenitaltuberkulose besteht eine weitere Nachsorgebehandlung in einer Selbstbeobachtung.

Sollten sich Symptome zeigen, die auf eine mögliche Rückkehr der Erkrankung schließen lassen, können verschiedenste Untersuchungsmethoden Klarheit schaffen. Es stellt sich dann heraus, ob es sich um einen Fehlalarm handelt oder ob eines der infrage kommenden Organe betroffen ist. In einigen Fällen können sich dann sogar fortgeschrittene Befunde ergeben.

Sie indizieren sofortigen Handlungsbedarf. Dieser besteht dann möglicherweise nicht nur in einer erneuten Medikationsphase, sondern unter Umständen werden chirurgische Eingriffe notwendig, um Stenosen zu beseitigen oder um das Fortschreiten der Urogenitaltuberkulose an bestimmten Organen zu unterbrechen und aufzuhalten. Auch diese gravierenden Fälle erfordern eine parallele Behandlung mit Medikamenten.

Das können Sie selbst tun

Die Urogenitaltuberkulose wird medikamentös behandelt. Die wichtigste Selbsthilfe-Maßnahme ist die Einhaltung der ärztlichen Vorgaben bezüglich der Einnahme der Medikamente. Typischerweise eingesetzte Präparate wie Isoniazid oder Rifampicin rufen oft Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Störungen oder Allergien hervor. Sollten Beschwerden dieser Art bemerkt werden, empfiehlt sich ein Arztbesuch.

Nach der sechsmonatigen Kombinationstherapie sollte die Urogenitaltuberkulose abgeklungen sein. Schlägt die Behandlung nicht an, ist ein operativer Angriff notwendig. Nach der Operation muss die Operationswunde sorgfältig beobachtet werden, damit etwaige Entzündungen oder Blutungen rasch behandelt werden können. Bei Komplikationen gilt auch hier eine rasche ärztliche Abklärung. Begleitend dazu sollten die Patienten die betroffene Stelle gut kühlen und sorgfältig pflegen. Der Arzt kann geeignete Desinfektionsmittel verordnen, mit denen sich die Wunde optimal versorgen lässt. Gegebenenfalls können auch natürliche Mittel aus dem Bereich der Homöopathie eingesetzt werden. Dies gilt es zunächst mit dem behandelnden Arzt abzusprechen.

Die Urogenitaltuberkulose kann das Wohlbefinden erheblich einschränken, weshalb der Fokus nach der Erkrankung auf der Rückgewinnung von Lebensqualität liegt. Patienten können nun Hobbys, Lebensgewohnheiten und berufliche Tätigkeiten wieder aufnehmen, die während der mehrmonatigen Therapiephase vernachlässigt wurden.

Quellen

  • Bungeroth, U.: BASICS Pneumologie. Urban & Fischer, München 2010
  • Haag, P., Harnhart, N., Müller, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Urologie. Für Studium und Praxis 2014/15. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2014
  • Hahn, J.-M.: Checkliste Innere Medizin. Thieme, Stuttgart 2013

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