Vulvodynie

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 31. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei der Vulvodynie leiden Patientinnen an Missempfindungen oder sogar Schmerzen im Bereich der Vulva, die sich nicht auf äußere Ursachen zurückführen lassen. Ähnliche Beschwerden können auch Nervenirritationen, Depressionen, Hauterkrankungen und Infekte mit Bakterien oder Pilzen auslösen; sie müssen deshalb vor der Diagnose ausgeschlossen werden. Findet sich eine dieser Erkrankungen, wird sie zuerst behandelt. Bleibt der Schmerz, richtet sich die Behandlung der Vulvodynie nach der Stärke der Beschwerden und kombiniert meist mehrere Bausteine.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Vulvodynie?

Vulvodynie
Bei der Vulvodynie rufen kleinste Berührungen im Bereich der Vulva unangenehme Reizzustände und Missempfindungen hervor.
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Bei der Vulva handelt es sich um alle äußeren Primärgeschlechtsorgane der Frau. Aufgliedern lässt sich die Vulva in den Venushügel, die Schamlippen, die Klitoris und den Scheidenvorhof. Diese Vulva ist von Schamhaar bedeckt, sobald die Pubertät eingesetzt hat. Wie in allen Haut- und Schleimhautarealen sitzen auch im Bereich der Vulva unterschiedliche Mechanorezeptoren, Temperaturrezeptoren und Schmerzrezeptoren.

Diese Sinneszellen projizieren permanent Reize ans zentrale Nervensystem. Damit können im Bereich der Vulva Empfindungen wie Berührungen, Schmerzen oder Wärme- und Kältereize wahrgenommen werden. Bei der Vulvodynie oder Vulvodynia treten an der Vulva Missempfindungen bis hin zu Schmerzzuständen auf.

Diese Missempfindungen können sich über den gesamten Bereich der äußeren Primärgeschlechtsorgane ziehen und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Wie allen anderen Missempfindungen liegen auch der Vulvodynia vermutlich neurogene Ursachen zugrunde. Die Art der Missempfindung kann deutlich variieren und von leichtem Brennen bis hin zu starken Schmerzen reichen.

Nach heutiger Festlegung der Fachgesellschaften spricht man von einer Vulvodynie erst, wenn die Beschwerden mindestens drei Monate anhalten und sich keine ausreichende körperliche Erklärung finden lässt. Lässt sich eine Ursache nachweisen – etwa eine Pilzinfektion oder eine Hauterkrankung –, spricht man genauer von Vulvaschmerzen bei dieser Erkrankung; erst wenn deren Behandlung die Schmerzen nicht beseitigt, bleibt die Vulvodynie als Diagnose.

Von der Vulvodynie abzugrenzen sind daher Erkrankungen, bei denen sich ein Befund erheben lässt: die Vulvitis als Entzündung der Vulva und das Vulvakarzinom als Krebserkrankung. Alle sichtbaren krankhaften Veränderungen der Vulva zusammen behandelt der Artikel Vulvaveränderungen.

Ursachen

Allgemeine Nervenreizungen oder Neuropathien von Nerven im Vulva-Bereich können theoretisch für eine Vulvodynie verantwortlich sein. In der Praxis bleibt die Ursache der Vulvodynie in den meisten Fällen aber dauerhaft im Dunkeln. Der Entstehungsprozess ist nicht abschließend geklärt, wird aber in den bisher dokumentierten Fällen weniger auf Hautreaktionen als auf eine veränderte Schmerzverarbeitung der beteiligten Nerven zurückgeführt.

In Einzelfällen wurden die Missempfindungen mit Pilzinfektionen, Kondylomen oder allgemeine Reizzuständen der Haut erklärt. Die Reizzustände können zum Beispiel von Seifen, Pflegemitteln oder Intimpflegemitteln verursacht werden. Vereinzelt wurden auch Überempfindlichkeiten gegen Nahrungsinhaltsstoffe für die Reizzustände verantwortlich gemacht.

Vermutet wurde ein Zusammenhang mit bestimmten Bestandteilen der Nahrung, die Mastzellen zur Ausschüttung von Histamin anregen sollen. Belegen ließ sich das nicht: Weder für Oxalsäure noch für Glutamat konnte ein Zusammenhang mit der Vulvodynie nachgewiesen werden; eine oxalatarme Ernährung wird deshalb nicht mehr empfohlen. Eine äußerst seltene Erklärung für Vulvaschmerzen ist Neurodermitis im Vulva-Bereich.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Vulvodynie rufen kleinste Berührungen im Bereich der Vulva unangenehme Reizzustände und Missempfindungen hervor. Viele Patientinnen beklagen beispielsweise, dass die Berührungen der normalen Unterwäsche oder Kleidung Schmerzzustände hervorrufen. Die Vulvodynie kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Oft handelt es sich bei den Missempfindungen lediglich um Brennen. In einigen Fällen werden auch starke Schmerzen angegeben. Missempfindungen der äußeren Primärgeschlechtsorgane beeinträchtigen nicht zuletzt das Intimleben der Betroffenen. Zärtliche Berührungen in diesem Bereich können zu unangenehmen Empfindungen führen. Im schlimmsten Fall entwickeln die Patientinnen durch die unangenehmen Empfindungen mit der Zeit eine generelle Abneigung gegenüber Intimität.

Um solcherlei Folgen vorzubeugen, ist eine schnelle Vorstellung beim Arzt unbedingt indiziert. Welche Begleitsymptome auftreten, hängt davon ab, ob sich hinter den Vulvaschmerzen doch eine Erkrankung finden lässt. Pilzerkrankungen können sich beispielsweise deutlich auf der Haut des betroffenen Bereichs manifestieren und zusätzlich zu den Missempfindungen auch Juckreiz hervorrufen. Neben körperlichen Ursachen können auch psychische Erkrankungen wie Depressionen zu Missempfindungen führen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Oft zögern Frauen mit Vulvodynie über lange Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Sie schämen sich ihrer Missempfindungen und tragen das Problem aufgrund der Lokalisation im Intimbereich eher ungern an Ärzte heran. Die Diagnostik findet damit oft spät statt. Hinzu kommt, dass die Beschwerden häufig nicht ernst genommen werden, weil bei der Untersuchung nichts zu sehen ist. Die Schmerzen sind jedoch real; ein unauffälliger Befund schließt sie nicht aus, sondern gehört zum Krankheitsbild. In den meisten Fällen stellt der Arzt im Rahmen der Diagnostik eine Ausschlussdiagnose.

Zu dieser Ausschlussdiagnostik zählen Untersuchungen auf Infekte wie Pilze, Bakterien und Kondylome. Eine Gewebsprobe kann unter kolposkopischer Sicht genommen werden, um Autoimmunerkrankungen des betroffenen Gewebes auszuschließen. In der Diagnostik spielt außerdem die Anamnese eine entscheidende Rolle.

Je nachdem, ob die Patientin den Schmerz als dumpf, ausstrahlend, stechend, örtlich begrenzt, wandernd, pulsierend, gleichbleibend, tageszeitabhängig, zyklusabhängig oder belastungsabhängig beschreibt, können einzelne Ursachen naheliegender oder unwahrscheinlicher erscheinen. Ebenfalls wichtig ist die Blickdiagnostik, die den Arzt gegebenenfalls Rötungen oder Schwellungen erkennen lässt. Die Prognose hängt davon ab, ob sich eine behandelbare Erklärung findet.

Komplikationen

Je nachdem, was den Beschwerden zugrunde liegt, können verschiedene Komplikationen hinzukommen. Zunächst gehen die Missempfindungen mit einem zunehmenden Unwohlsein einher, verbunden mit einem schmerzhaften Juckreiz und manchmal auch mit Blutungen. Liegt den Beschwerden eine Depression zugrunde, kann sich die Stimmung im Verlauf der Erkrankung weiter verschlechtern.

Zudem besteht das Risiko, dass sich weitere seelische Erkrankungen einstellen und das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Patientin noch weiter herabsetzen. Steckt hinter den Vulvaschmerzen eine Autoimmunerkrankung, stellen sich meist weitere Beschwerden ein wie zum Beispiel chronische Ausschläge, Magen-Darm-Probleme oder sogar Muskellähmungen und dauerhafte Empfindungsstörungen. Die Komplikationen nehmen mit dem Fortschreiten der Erkrankung zu und ziehen schließlich chronische Gesundheitsprobleme nach sich.

Auch Pilzinfektionen, Kondylomen und ähnliche Auslöser führen zu weitreichenden Beschwerden, wenn keine adäquate Behandlung erfolgt. Doch auch bei der Therapie können Komplikationen auftreten. Verordnete Antimykotika können zu Kopfschmerzen oder Übelkeit führen. Bei Unverträglichkeiten, Allergien oder Lebererkrankungen sind schwere körperliche Reaktionen möglich.

Antikonvulsiva bergen ebenfalls Risiken. So kann es zu Gedächtnislücken, Sprachstörungen und in Wechselwirkung mit Alkohol zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression kommen. Antibiotika rufen gelegentlich Kopf- oder Muskelschmerzen sowie Hautirritationen hervor.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Die Betroffene sollte bei einer Vulvodynie auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. Es handelt sich dabei um eine ernsthafte Krankheit, die auf jeden Fall von einem Arzt behandelt werden muss. Die Beschwerden können mit der Zeit von selbst nachlassen, verschwinden aber häufig nicht ohne Behandlung; ärztliche Hilfe ist deshalb in jedem Fall sinnvoll. Je früher ein Arzt bei der Vulvodynie kontaktiert wird, desto besser ist meist auch der weitere Verlauf bei dieser Erkrankung. Ein Arzt ist dann zu kontaktieren, wenn die Betroffene nach dem Berühren von Wäsche und Kleidung an starken Schmerzen leidet.

Es kommt dabei zu einem starken Brennen und zu einem Juckreiz. Diese Schmerzen können in einigen Fällen auch bei Berührungen durch andere Menschen auftreten und wirken sich sehr negativ auf das Leben der Betroffenen aus. Treten diese Symptome über einen längeren Zeitraum auf und verschwinden nicht von alleine, so muss auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden. In erster Linie ist dabei ein Frauenarzt, daneben auch ein Allgemeinarzt oder ein Hautarzt zu konsultieren. Da die Vulvodynie auch zu Depressionen oder zu psychischen Verstimmungen führen kann, sollte dabei auch ein Psychologe aufgesucht werden.

Behandlung & Therapie

Findet sich für die Vulvaschmerzen eine Erklärung, wird zunächst diese behandelt. Die einzelnen Behandlungsschritte hängen deshalb vom Befund im Einzelfall ab. Um Nahrungsüberempfindlichkeiten auszuschließen, kann eine zweiwöchige Diät mit reizärmeren Lebensmitteln versucht werden. Bessern sich die Beschwerden dadurch, kommen einzelne Lebensmittel als Auslöser in Betracht.

Findet sich als Erklärung ein Pilzinfekt, werden Antimykotika gegeben; bleibt der Schmerz danach bestehen, liegt eine Vulvodynie vor. Falls der Infekt immer wieder auftritt, sollte statt Cremebehandlung eine Tablettenbehandlung erfolgen. Bei zu häufiger Anwendung der Cremes können die Inhaltsstoffe die Haut nämlich zusätzlich reizen und damit noch stärkere Missempfindungen hervorrufen. Bakterielle Infekte werden abhängig von der Bakterienart mit einem bestimmten Antibiotikum behandelt.

Bei Nervenirritation kann in Extremfällen eine Stilllegung des betroffenen Nervs die Missempfindungen stoppen. Meist reicht in diesem Fall allerdings die Gabe von Antikonvulsiva aus, die die Empfindsamkeit für Schmerz- und Juckreiz herabsetzen. Falls keine Ursache identifiziert werden kann oder psychische Verstimmungen durch die Anamnese nahezuliegen scheinen, werden versuchsweise trizyklische Antidepressiva gegeben.

Chronische Hauterkrankungen wie die Neurodermitis können neben der Akutbehandlung eine Prophylaxe erfordern. Falls die Patientin durch die Missempfindungen bereits eine Angst oder Abneigung gegen jegliche Art von Intimität entwickelt hat, kann eine kognitive Verhaltenstherapie eine Neubewertung von Intimitätssituationen zulassen.

Als weitere Bausteine der Behandlung gelten heute eine Beckenbodentherapie sowie örtlich betäubende Salben, die vor dem Geschlechtsverkehr aufgetragen werden. Anleiten sollte die Beckenbodentherapie eine darauf spezialisierte Physiotherapeutin, für die es eine ärztliche Verordnung gibt. Allgemeine Beckenbodenkurse, wie sie Volkshochschulen anbieten, sind hier nicht geeignet: Bei der Vulvodynie ist die Beckenbodenmuskulatur häufig verspannt, es kommt auf das Lockern und nicht auf das Kräftigen an. Bei lang anhaltenden Beschwerden hat sich ein Vorgehen bewährt, das körperliche, seelische und sexualmedizinische Behandlung miteinander verbindet; die Auswahl und die Reihenfolge legt der behandelnde Arzt gemeinsam mit der Patientin fest.


Vorbeugung

Vulvaschmerzen durch Bakterien- und Pilzbefall lässt sich in gewissem Maß vorbeugen. Eine möglichst gute Hygiene ist hierzu Voraussetzung. Ein sauberes Milieu erschwert den Mikroorganismen die Besiedelung. Der Vulvodynie im engeren Sinn, also dem Schmerz ohne fassbaren Befund, lässt sich dagegen nicht gezielt vorbeugen.

Nachsorge

Abhängig davon, was den Beschwerden bei der jeweiligen Patientin zugrunde liegt oder lag, ist möglicherweise noch jahrelang ein Auf und Ab der Beschwerden feststellbar. Daher sollte die betroffene Patientin sich besonders sorgsam um ihre Vulva kümmern. Bei der täglichen Körperpflege ist auf Seife zu verzichten, weil sie unnötig reizen könnte. Eine Alternative bilden pH-neutrale Reinigungslotionen oder ausschließlich warmes Wasser.

Auch enganliegende Kleidung könnte die Vulva einengen und dadurch reizen. Frauen nach einer Vulvodynie profitieren zudem von einer frischen, ballaststoffreichen Ernährung, da sie für einen regelmäßigen Stuhlgang sorgt.

Eine Verstopfung beispielsweise würde den Druck auch auf die Scheidenregion und damit die Symptome unnötig verstärken. Viele von einer Vulvodynie betroffene Patientinnen müssen sich ihre sexuelle Erregbarkeit zurückerobern. Hilfreich sind hier Wärmekissen oder Wärmflaschen, die den Unterleib entspannen. Lokale Eigen-Massagen mit Öl und ein Training mit Vaginaldilatatoren können das sexuelle Gefühl wiederbringen.

Körperbetonte Sportarten wie Pilates oder Yoga unterstützen diesen Prozess. Möglicherweise hilft auch die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe. Eine bundesweite Selbsthilfeorganisation eigens für Vulvodynie gibt es in Deutschland allerdings nicht. Anlaufstellen vermitteln die Selbsthilfekontaktstellen vor Ort sowie die auf Vulvaerkrankungen spezialisierten Sprechstunden der Universitätsfrauenkliniken.

Das können Sie selbst tun

Da die Ursachen bei einer Vulvodynie häufig unklar oder vielfältig sind, besteht die Selbsthilfe von Betroffenen auch darin, die eigenen Symptome genau zu beobachten und idealerweise Buch über mögliche Auslöser zu führen. Ein Schmerztagebuch, in dem auch die täglichen Aktivitäten festgehalten werden, kann dabei helfen, einen Zusammenhang zwischen Ereignis und Schmerz zu entdecken.

Aufgrund der Unklarheit kann auch ein Austausch mit anderen Patientinnen hilfreich sein. Hierfür eignen sich Selbsthilfegruppen. Daneben können die Schmerzen mit gezielten Beckenbodenübungen gelindert werden. Diese können Betroffene nach fachkundiger Anleitung selbst bei sich zu Hause regelmäßig ausüben. Auch Atemübungen und Meditation können helfen, dem Schmerz gezielt entgegenzuwirken. Manchen Betroffenen hilft es zudem, mit direkter Wärme oder Kälte, mittels Kältekompressen Wärmepflastern bzw. Wärmekissen, auf die schmerzende Körperpartie einzuwirken. Auch leichte körperliche Betätigung wie etwa Yoga, Pilates oder Qi-Gong können in manchen Fällen zu einer temporären Schmerzverringerung beitragen.

Daneben sollte auf eine ausgewogene Ernährung sowie auf einen gesunden Lebensstil Wert gelegt werden. Stressfaktoren im Alltag sollten nach Möglichkeit identifiziert und reduziert werden. Auch eine gewissenhafte Hygiene kann zu einem besseren allgemeinen Wohlbefinden verhelfen.

Quellen

  • Weyerstahl, T., Stauber, M.: Duale Reihe Gynäkologie und Geburtshilfe.
    ISBN: 9783132411012
  • Janni, W., Hancke, K., Fehm, T., Scholz, C. (Hrsg.): Facharztwissen Gynäkologie.
    ISBN: 9783437239175
  • Geber, C., Gierthmühlen, J., Klinger, R., Rittner, H. (Hrsg.): Praktische Schmerzmedizin.
    ISBN: 9783662736074
  • Beier, K. M., Bosinski, H. A. G., Loewit, K.: Sexualmedizin.
    ISBN: 9783437180781
  • Naumann, G. (Hrsg.): Urogynäkologie.
    ISBN: 9783437063039

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