Vulvodynie

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 8. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei der Vulvodynie leiden Patientinnen an Missempfindungen oder sogar Schmerzen im Bereich der Vula, die sich nicht auf äußere Ursachen zurückführen lassen. Auslöser können neben Nervenirritationen Depressionen, Hauterkrankungen und Infekte mit Bakterien oder Pilzen sein. Die Behandlung erfolgt in Abhängigkeit von der primären Ursache.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Vulvodynie?

Bei der Vulvodynie rufen kleinste Berührungen im Bereich der Vulva unangenehme Reizzustände und Missempfindungen hervor.
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Bei der Vulva handelt es sich um alle äußeren Primärgeschlechtsorgane der Frau. Aufgliedern lässt sich die Vulva in den Venushügel, die Schamlippen, die Klitoris und den Scheidenvorhof. Diese Vulva ist von Schamhaar, sobald die Pubertät eingesetzt hat. Wie in allen Haut- und Schleimhautarealen sitzen auch im Bereich der Vulva unterschiedliche Mechanorezeptoren, Temperaturrezeptoren und Schmerzrezeptoren.

Diese Sinneszellen projizieren permanent Reize ans zentrale Nervensystem. Damit können im Bereich der Vulva Empfindungen wie Berührungen, Schmerzen oder Wärme- und Kältereize wahrgenommen werden. Bei der Vulvodynie oder Vulvodynia treten an der Vulva Missempfindungen bis hin zu Schmerzzuständen auf.

Diese Missempfindungen können sich über den gesamten Bereich der äußeren Primärgeschlechtsorgane ziehen und unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Wie allen anderen Missempfindungen liegen auch der Vulvodynia vermutlich neurogene Ursachen zugrunde. Die Art der Missempfindung kann deutlich variieren und von leichtem Brennen bis hin zu starken Schmerzen reichen.

Ursachen

Allgemeine Nervenreizungen oder Neuropathien von Nerven im Vulva-Bereich können theoretisch für eine Vulvodynie verantwortlich sein. In der Praxis bleibt die Ursache der Vulvodynie in den meisten Fällen aber dauerhaft im Dunkeln. Der Entstehungsprozess ist nicht abschließend geklärt, aber wird in den bisher dokumentierten Fällen weniger auf Hautreaktionen zurückgeführt.

In Einzelfällen wurden die Missempfindungen mit Pilzinfektionen, Kondylomen oder allgemeine Reizzuständen der Haut erklärt. Die Reizzustände können zum Beispiel von Seifen, Pflegemitteln oder Intimpflegemitteln verursacht werden. Seltener waren offenbar Überempfindlichkeiten gegen Nahrungsinhaltsstoffe für die Reizzustände verantwortlich.

Insbesondere Überreaktionen auf bestimmte Histamin-Liberatoren wurden mit dem Phänomen in Zusammenhang gebracht. Der Genuss von oxalat- und glutamathaltigen Mahlzeiten bringt Mastzellen in diesem Kontext dazu, Histamine auszuschütten. Diese Histamine verursachen vor allem stechenden Schmerz im Bereich der Vulva. Eine äußerst seltene Ursache für Vulvodynie ist Neurodermitis im Vulva-Bereich.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Bei der Vulvodynie rufen kleinste Berührungen im Bereich der Vulva unangenehme Reizzustände und Missempfindungen hervor. Viele Patientinnen beklagen beispielsweise, dass die Berührungen der normalen Unterwäsche oder Kleidung Schmerzzustände hervorrufen. Die Vulvodynie kann unterschiedlich stark ausgeprägt sein.

Oft handelt es sich bei den Missempfindungen lediglich um Brennen. In einigen Fällen werden auch starke Schmerzen angegeben. Missempfindungen der äußeren Primärgeschlechtsorgane beeinträchtigen nicht zuletzt das Intimleben der Betroffenen. Zärtliche Berührungen in diesem Bereich können zu unangenehmen Empfindungen führen. Im schlimmsten Fall entwickeln die Patientinnen durch die unangenehmen Empfindungen mit der Zeit eine generelle Abneigung gegenüber Intimität.

Um solcherlei Folgen vorzubeugen, ist eine schnelle Vorstellung beim Arzt unbedingt indiziert. Die Begleitsymptome einer Vulvodynie hängen von der primären Erkrankung ab. Pilzerkrankungen können sich beispielsweise deutlich auf der Haut des betroffenen Bereichs manifestieren und zusätzlich zu den Missempfindungen auch Juckreiz hervorrufen. Neben körperlichen Ursachen können auch psychische Erkrankungen wie Depressionen zu Missempfindungen führen.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Oft zögern Frauen mit Vulvodynie über lange Zeit, einen Arzt aufzusuchen. Sie schämen sich ihrer Missempfindungen und tragen das Problem aufgrund der Lokalisation im Intimbereich eher ungern an Ärzte heran. Die Diagnostik findet damit oft spät statt. In den meisten Fällen stellt der Arzt im Rahmen der Diagnostik eine Ausschlussdiagnose.

Zu dieser Ausschlussdiagnostik zählen Untersuchungen auf Infekte wie Pilze, Bakterien und Kondylome. Eine Gewebsprobe kann unter kolposkopischer Sicht genommen werden, um Autoimmunerkrankungen des betroffenen Gewebes auszuschließen. In der Diagnostik spielt außerdem die Anamnese eine entscheidende Rolle.

Je nachdem, ob die Patientin den Schmerz als dumpf, ausstrahlend, stechend, örtlich begrenzt, wandernd, pulsierend, gleichbleibend, tageszeitabhängig, zyklusabhängig oder belastungsabhängig beschreibt, können einzelne Ursachen naheliegender oder unwahrscheinlicher erscheinen. Ebenfalls wichtig ist die Blickdiagnostik, die den Arzt gegebenenfalls Rötungen oder Schwellungen erkennen lässt. Die Prognose hängt von der Ursache ab.

Komplikationen

Abhängig von der Ursache, kann eine Vulvodynie verschiedene Komplikationen hervorrufen. Zunächst gehen die Missempfindungen mit einem zunehmenden Unwohlsein einher, verbunden mit einem schmerzhaften Juckreiz und manchmal auch mit Blutungen. Liegt den Beschwerden eine Depression zugrunde, kann sich die Stimmung im Verlauf der Erkrankung weiter verschlechtern.

Zudem besteht das Risiko, dass sich weitere seelische Erkrankungen einstellen und das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Patientin noch weiter herabsetzen. Ist eine Autoimmunerkrankung ursächlich, stellen sich meist weitere Beschwerden ein wie zum Beispiel chronische Ausschläge, Magen-Darm-Probleme oder sogar Muskellähmungen und dauerhafte Empfindungsstörungen. Die Komplikationen nehmen mit dem Fortschreiten der Erkrankung zu und ziehen schließlich chronische Gesundheitsprobleme nach sich.

Auch Pilzinfektionen, Kondylomen und ähnliche Auslöser führen zu weitreichenden Beschwerden, wenn keine adäquate Behandlung erfolgt. Doch auch bei der Therapie können Komplikationen auftreten. Verordnete Antimykotika können zu Kopfschmerzen oder Übelkeit führen. Bei Unverträglichkeiten, Allergien oder Lebererkrankungen sind schwere körperliche Reaktionen möglich.

Antikonvulsiva bergen ebenfalls Risiken. So kann es zu Gedächtnislücken, Sprachstörungen und in Wechselwirkung mit Alkohol zu einer lebensbedrohlichen Atemdepression kommen. Antibiotika rufen gelegentlich Kopf- oder Muskelschmerzen sowie Hautirritationen hervor.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Der Betroffene sollte bei einer Vulvodynie auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen. Es handelt sich dabei um eine ernsthafte Krankheit, die auf jeden Fall von einem Arzt behandelt werden muss. Es kann dabei auch nicht zu einer selbstständigen Heilung kommen, sodass der Betroffene immer auf eine professionelle Behandlung angewiesen ist. Je früher ein Arzt bei der Vulvodynie kontaktiert wird, desto besser ist meist auch der weitere Verlauf bei dieser Erkrankung. Ein Arzt ist dann zu kontaktieren, wenn der Betroffene nach dem Berühren von Wäsche und Kleidung an starken Schmerzen leidet.

Es kommt dabei zu einem starken Brennen und zu einem Juckreiz. Diese Schmerzen können in einigen Fällen auch nach dem Berühren von Menschen auftreten und wirken sich sehr negativ auf das Leben des Betroffenen aus. Treten diese Symptome über einen längeren Zeitraum auf und verschwinden nicht von alleine, so muss auf jeden Fall ein Arzt aufgesucht werden. In erster Linie ist dabei ein Allgemeinarzt oder ein Hautarzt zu konsultieren. Da die Vulvodynie auch zu Depressionen oder zu psychischen Verstimmungen führen kann, sollte dabei auch ein Psychologe aufgesucht werden.

Behandlung & Therapie

Vulvodynie wird möglichst ursächlich behandelt. Damit hängen die einzelnen Behandlungsschritte von der Ursache im Einzelfall ab. Um Nahrungsüberempfindlichkeiten auszuschließen, erfolgt eine zweiwöchige Diät mit reizärmeren Lebensmitteln. Im Idealfall kann diese Diät eine so verursachte Vuvlvodynie zur Heilung bringen.

Bei Ursachen wie der Pilzinfekt werden Antimykotika gegeben. Falls der Infekt immer wieder auftritt, sollte statt Cremebehandlung eine Tablettenbehandlung erfolgen. Bei zu häufiger Anwendung der Cremes können die Inhaltsstoffe die Haut nämlich zusätzlich reizen und damit noch stärkere Missempfindungen hervorrufen. Bakterielle Infekte werden abhängig von der Bakterienart mit einem bestimmten Antibiotikum behandelt.

Bei Nervenirritation kann in Extremfällen eine Stilllegung des betroffenen Nervs die Missempfindungen stoppen. Meist reicht in diesem Fall allerdings die Gabe von Antikonvulsiva aus, die die Empfindsamkeit für Schmerz- und Juckreiz herabsetzen. Falls keine Ursache identifiziert werden kann oder psychische Verstimmungen durch die Anamnese nahezuliegen scheinen, werden versuchsweise trizyklische Antidepressiva gegeben.

Autoimmunologische Ursachen wie Neurodermitis können neben der Akutbehandlung eine Prophylaxe erfordern. Falls die Patientin durch die Missempfindungen bereits eine Angst oder Abneigung gegen jegliche Art von Intimität entwickelt hat, kann eine kognitive Verhaltenstherapie eine Neubewertung von Intimitätssituationen zulassen.


Vorbeugung

Vulvodynie durch Bakterien- und Pilzbefall lässt sich in gewissem Maß vorbeugen. Eine möglichst gute Hygiene ist hierzu Voraussetzung. Ein sauberes Milieu erschwert den Mikroorganismen die Besiedelung.

Nachsorge

Abhängig davon, welche Ursachen der Vulvodynie bei der jeweiligen Patientin zugrunde liegen oder lagen, ist möglicherweise noch jahrelang ein Auf und Ab der Beschwerden feststellbar. Daher sollte die betroffene Patientin sich besonders sorgsam um ihre Vulva kümmern. Bei der täglichen Körperpflege ist auf Seife zu verzichten, weil sie unnötig reizen könnte. Eine Alternative bilden pH-neutrale Reinigungslotionen oder ausschließlich warmes Wasser.

Auch enganliegende Kleidung könnte die Vulva einengen und dadurch reizen. Ein gezieltes Beckenbodentraining hilft den Frauen, ihre Beschwerden besser lokalisieren und ausgleichen zu können. Entsprechende Kurse bieten meist die regionalen Volkshochschulen an. Frauen nach einer Vulvodynie profitieren auch von einer frischen, ballaststoffreichen Ernährung, da sie für einen regelmäßigen Stuhlgang sorgt.

Eine Verstopfung beispielsweise würde den Druck auch auf die Scheidenregion und damit die Symptome unnötig verstärken. Viele von einer Vulvodynie betroffene Patientinnen müssen sich ihre sexuelle Erregbarkeit zurückerobern. Hilfreich sind hier Wärmekissen oder Wärmflaschen, die den Unterleib entspannen. Lokale Eigen-Massagen mit Öl und ein Training mit Vaginaldilatatoren können das sexuelle Gefühl wiederbringen.

Körperbetonte Sportarten wie Pilates oder Yoga unterstützen diesen Prozess. Möglicherweise hilft auch die Mitgliedschaft in einer Selbsthilfegruppe. Hier bietet der Förderverein Interstitielle Cystitis MICA (www.ica-ev.de) entsprechende Hilfestellungen an. Diese Selbsthilfeorganisation ist zwar für Patientinnen mit interstitieller Zystitis gedacht, nimmt sich aber auch der Vulvodyniepatientinnen an.

Das können Sie selbst tun

Da die Ursachen bei einer Vulvodynie häufig unklar oder vielfältig sind, besteht die Selbsthilfe von Betroffenen auch darin, die eigenen Symptome genau zu beobachten und idealerweise Buch über mögliche Auslöser zu führen. Ein Schmerztagebuch, in dem auch die täglichen Aktivitäten festgehalten werden, kann dabei helfen, einen Zusammenhang zwischen Ereignis und Schmerz zu entdecken.

Aufgrund der Unklarheit kann auch ein Austausch mit anderen Patientinnen hilfreich sein. Hierfür eignen sich Selbsthilfegruppen. Daneben können die Schmerzen mit gezielten Beckenbodenübungen gelindert werden. Diese können Betroffene selbst bei sich zu Hause regelmäßig ausüben. Auch Atemübungen und Meditation können helfen, dem Schmerz gezielt entgegenzuwirken. Manchen Betroffenen hilft es zudem, mit direkter Wärme oder Kälte, mittels Kältekompressen Wärmepflastern bzw. Wärmekissen, auf die schmerzende Körperpartie einzuwirken. Auch leichte körperliche Betätigung wie etwa Yoga, Pilates oder Qi-Gong können in manchen Fällen zu einer temporären Schmerzverringerung beitragen.

Daneben sollte auf eine ausgewogene Ernährung sowie auf einen gesunden Lebensstil Wert gelegt werden. Stressfaktoren im Alltag sollten nach Möglichkeit identifiziert und reduziert werden. Auch eine gewissenhafte Hygiene kann zu einem besseren allgemeinen Wohlbefinden verhelfen.

Quellen

  • Goerke, K., Steller, J., Valet, A.: Klinikleitfaden Gynäkologie. Urban & Fischer, München 2003
  • Haag, P., Harnhart, N., Müller, M. (Hrsg.): Gynäkologie und Urologie. Für Studium und Praxis 2014/15. Medizinische Verlags- und Informationsdienste, Breisach 2014
  • Kaufmann, M., Costa, S.-D., Scharl, A. (Hrsg.): Die Gynäkologie. Springer, Berlin 2013

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