Wochenbettpsychose

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 31. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Eine Geburt ist für zahlreiche Frauen mit einer großen körperlichen Anstrengung und einer seelischen Erfahrung verbunden. Auf die Frau wartet eine völlig neue Situation, da sie nun Mutter ist, mit allen Anforderungen, die das Baby mit sich bringt. Darauf reagieren viele Wöchnerinnen mit traurigen Verstimmungen. Meist legt sich dies nach einigen Tagen, doch es kann sich in seltenen Fällen daraus auch eine Wochenbettpsychose entwickeln.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine Wochenbettpsychose?

Wochenbettpsychose
Die Wochenbettpsychose ist ein psychiatrischer Notfall. Sie beginnt meist in den ersten beiden Wochen nach der Geburt, oft ganz plötzlich.
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Ein bis zwei von tausend Wöchnerinnen sind von einer Wochenbettpsychose betroffen; sie ist damit selten. Als Auslöser gelten unter anderem die hormonellen Veränderungen, die nach der Geburt eintreten. Traumatische Geburtserlebnisse, die plötzliche Mutterrolle sowie ein großes Schlafdefizit begünstigen die Erkrankung ebenfalls.

Bei der Wochenbettpsychose handelt es sich um die schwerste Form der seelischen Krisen, die nach einer Schwangerschaft auftreten. Bei dieser kann es zum Verlust des Realitätsbezuges kommen. Die betroffenen Frauen benötigen umgehend Hilfe. Die Wochenbettpsychose zeigt sich in drei Erscheinungsbildern, die einzeln, aber ebenso als Mischformen auftreten. Nach heutigem Kenntnisstand gehört sie überwiegend zum bipolaren Formenkreis; schizophrenietypische Symptome können dabei auftreten, ohne dass eine Schizophrenie vorliegt:

  • Manie

Die Manie ist eines dieser Erscheinungsbilder. Sie zeigt sich durch motorische Unruhe, plötzliche starke Antriebssteigerung, kurze Euphorie, Größenwahn, Verworrenheit, ein verringertes Schlafbedürfnis, mangelnde Urteilsfähigkeit. Auch eine Enthemmung kann auftreten, die für das Kind eine Gefahr sein kann.

  • Depression

Ein weiteres Erscheinungsbild ist die Depression, die sich durch Teilnahmslosigkeit, Desinteresse und Angstzustände äußert. Auch Schuldgefühle und Hoffnungslosigkeit können auftreten.

  • Schizophrenieähnliche Symptome

Schizophrenieähnliche Symptome können ebenfalls im Rahmen einer Wochenbettpsychose auftreten. Sie zeigen sich durch starke Störungen der Gemütsregungen, Wahrnehmung und des Denkens. Die Mütter leiden unter Halluzinationen. Sie glauben, dass sie fremde Stimmen hören und sehen Dinge, die nicht existieren.

Ursachen

Warum die Wochenbettpsychose auftritt, ist noch umstritten. Laut Vermutungen kommen insbesondere hormonelle Veränderungen als Auslöser in Frage, beispielsweise der Konzentrationsabfall des Östrogens und Progesterons im mütterlichen Blutkreislauf. Soziale und psychische Belastungen spielen wahrscheinlich ebenfalls eine Rolle, etwa eine schwierige Lebenssituation, fehlende Unterstützung oder ein belastendes Geburtserlebnis.

Sind in der Vorgeschichte bereits psychische Erkrankungen aufgetreten, ist die Gefahr, eine Wochenbettpsychose zu entwickeln, stark erhöht. Eine familiäre Belastung ist ebenso ein Risikofaktor für die Erkrankung. Wenn Angehörige bereits psychotische oder manisch-depressive Episoden durchgemacht haben, besteht ebenfalls eine erhöhte Gefahr für die Mutter, dass nach der Geburt eine Wochenbettpsychose auftritt.

Des Weiteren können eine Traumatisierung, die bei manchen Frauen durch die Geburt entsteht, ein Kaiserschnitt, Stress und eine soziale Notlage das Risiko für die Erkrankung erhöhen.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Wochenbettpsychose beginnt typischerweise in den ersten beiden Wochen nach der Geburt und oft ganz plötzlich. Ein frühes Warnzeichen ist Schlaflosigkeit trotz völliger Erschöpfung, dazu eine rasch wechselnde Verwirrtheit.

Eine Wochenbettpsychose ist ziemlich schwer zu erkennen, da Halluzinationen, Wahnvorstellungen oder irreale Befürchtungen den Betroffenen meist nicht angesehen werden. Zudem wird es von den Betroffenen häufig verschwiegen. Dies geschieht aus der Angst heraus, dass sie für verrückt gehalten werden.

Die Symptome wechseln außerdem oftmals sehr schnell, denn die Betroffene kann zwischendurch völlig gesund erscheinen und im anderen Moment psychotisch dekompensieren. Vor allem die psychotischen Symptome sind besonders schwer erkennbar und als solche einzuordnen. Dies gilt sowohl für die Betroffenen selbst als auch für die Familie, insbesondere wenn die Psychose erstmalig auftritt.

Bei der Wochenbettpsychose sind Konzentrationsstörungen, Gedächtnisstörungen, Gedankenunterbrechungen oder –rasen zu beobachten, ebenso wie zerfahrenes Denken, was sich häufig beim Sprechen bemerkbar macht. Darüber hinaus kann es zu einem verminderten oder erhöhten Antrieb kommen, auch sozialer Rückzug der Betroffenen ist nicht selten. Dazu plagen sie Bewegungsunruhe oder –starre sowie Erregungszustände.

Die Stimmung kann euphorisch, gereizt bis hin zu aggressiv, depressiv oder stark ängstlich, verzweifelt und hoffnungslos sein. Die Stimmung wechselt dabei zwischen den verschiedenen extremen Zuständen sehr stark ab. Zwangsgedanken, -impulse oder -handlungen treten innerhalb der Psychose eher selten und Ein- oder Durchschlafstörungen sehr oft auf.

Zudem zeigen sich entweder ein Energiemangel oder eine übergroße Energie. Viele Betroffene leiden unter Schmerzen ohne eine organische Ursache oder körperlichen Missempfindungen. Meist liegen bei der Wochenbettpsychose produktiv-psychotische Symptome vor, zum Beispiel Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Beeinflussungserlebnisse. Im Zusammenhang mit den psychotischen Symptomen kommt es häufig zu Suizidgedanken und im schlimmsten Fall sogar zu Suizidhandlungen. Bei akuten Suizidgedanken erreichen Betroffene und Angehörige die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222, in akuter Gefahr gilt der Notruf 112.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Die diagnostischen Maßnahmen gleichen bei einer Wochenbettpsychose denen der psychotischen Störungen. Da häufig zunächst einmal ausgeschlossen werden muss, dass die Psychose nicht aus einem Drogenkonsum resultiert, erfolgt meist eine Blutentnahme, um auf Drogenrückstände, aber ebenso Entzündungsmarker und erhöhte Leberwerte zu untersuchen.

Ansonsten befragt der Arzt die betroffene Mutter nach den Beschwerden und dem Zeitraum, seit wann sie bestehen, um die Diagnose Wochenbettpsychose anhand der typischen Symptome zu stellen.

Komplikationen

Frauen mit einer Wochenbettpsychose können mitunter suizidal werden. Die Suizidgefährdung kann schleichend oder plötzlich einsetzen. Psychologen unterscheiden zwischen einer latenten und einer akuten Suizidalität. Bei der latenten Suizidalität denkt die Betroffene beispielsweise an den Tod oder verspürt den vagen Wunsch, zu sterben.

Die akute Suizidalität ist hingegen von Absichten, Plänen und aktiven Handlungen bis hin zum Suizidversuch gekennzeichnet. Bei einigen Frauen mit einer Wochenbettpsychose besteht nicht nur eine solche Selbstgefährdung, sondern auch eine Fremdgefährdung. Die Wochenbettpsychose kann zu Aggressionen führen. Darüber hinaus ist es möglich, dass die betroffene Frau ihrem Kind Schaden zufügt oder es sogar tötet.

Dabei sind auch absichtliche Tötungen möglich, die im Wahn geschehen. Solche Taten sind sehr selten; die Gefährdung von Mutter und Kind ist dennoch in jedem Fall ernst zu nehmen. Besteht der Verdacht, dass die Mutter sich oder dem Kind etwas antun könnte, ist sofort Hilfe zu holen, über den Notruf 112 oder den psychiatrischen Krisendienst. Bei schweren Komplikationen ist eine freiwillige Behandlung oder auch eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik möglich. Während des stationären Aufenthalts kann einerseits die Wochenbettpsychose behandelt werden und andererseits für die Sicherheit der Betroffenen und ihres Kindes gesorgt werden.

Einige Kliniken verfügen über Mutter-Kind-Zimmer, sodass das Neugeborene nicht von der Mutter getrennt werden muss, solange keine Gefahr für das Kind besteht. Andere Komplikationen, die bei der Wochenbettpsychose ebenfalls auftreten können, sind im Vergleich zur Suizidalität und Kindstötung weniger schwer ausgeprägt. Zum Beispiel können zusätzlich depressive Symptome, Stimmungsschwankungen oder psychosomatische Beschwerden auftreten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Viele Frauen durchleben unmittelbar nach der Niederkunft zahlreiche emotionale Zustände. In den meisten Fällen reguliert sich das emotionale Befinden innerhalb der ersten Wochen oder Monate nach der Geburt. Unmittelbar nach der Geburt kommt es zu starken hormonellen Veränderungen im Organismus der entbundenen Frau. Dies führt zu Stimmungsschwankungen, Traurigkeit oder euphorischen Zuständen. In vielen Fällen ist die Persönlichkeit der Mutter vorübergehend stark gewandelt.

Im Normalfall verbessert sich der gesundheitliche Zustand innerhalb weniger Tage von allein. Halten die psychischen Auffälligkeiten jedoch an oder nehmen sie deutlich an Intensität zu, muss ein Arzt konsultiert werden. Bei Wahnvorstellungen, plötzlichen Verhaltensänderungen oder Halluzinationen benötigt die Betroffene medizinische Hilfe. Kann die Mutter sich nicht ausreichend um die Versorgung des Säuglings kümmern, sollte die Rücksprache mit einem Arzt gesucht werden.

Bei Beschwerden wie Stimmeneingebungen sowie Verwirrtheitszuständen ist unverzüglich ein Arzt zu rufen. Eine starke Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle und plötzliche Veränderungen des Antriebs müssen untersucht und behandelt werden. Wechselt die Mutter innerhalb kurzer Zeit zwischen völliger Teilnahmslosigkeit und übersteigerter Hochstimmung, ist das ein Warnzeichen. Sie braucht dann rasch eine ärztliche Untersuchung, damit die Behandlung beginnen kann. Die Beobachtungen sind mit einem Arzt zu besprechen, damit Hilfe eingeleitet werden kann.

Bei Wahnvorstellungen, Halluzinationen oder Verwirrtheit und immer dann, wenn zu befürchten ist, dass die Mutter sich oder dem Kind etwas antun könnte, muss sofort Hilfe geholt werden – über den Notruf 112 oder den psychiatrischen Krisendienst. Die Mutter sollte in dieser Zeit nicht allein mit dem Kind bleiben. Bei akuten Suizidgedanken ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222 erreichbar.

Behandlung & Therapie

Je nach Erkrankung und Ausprägung wird die Wochenbettpsychose meist mit Medikamenten wie Neuroleptika und Antidepressiva behandelt. Oftmals erfolgt dies in der Kombination mit einer Psychotherapie. Bei einer vorliegenden Wochenbettpsychose ist eine stationäre Behandlung empfehlenswert, da die psychotische Mutter meist nicht mehr allein für ihr Kind und sich selber sorgen kann.

Zudem besteht bei vielen Psychosen die Gefahr eines Suizids. Von Vorteil ist eine Mutter-Kind-Station in einer psychiatrischen Klinik, damit die Mutter und das Kind nicht getrennt werden. Der Mutter wird dadurch außerdem die Sicherheit im Umgang mit dem Kind vermittelt, die aufgrund der akuten Erkrankung oftmals verloren geht.

Wenn eine Wochenbettpsychose erstmalig auftritt und frühzeitig erkannt und behandelt wird, sind die Chancen gut, dass sie vollkommen abklingt. Das Risiko für weitere Episoden bleibt jedoch lebenslang erhöht.


Vorbeugung

Einer Wochenbettpsychose lässt sich nicht durch persönliche Anstrengung vorbeugen; sie ist keine Frage von Willenskraft oder Lebensführung. Wirksam ist dagegen eine vorausschauende Betreuung: Frauen mit einer bipolaren Störung oder einer bereits durchgemachten Wochenbettpsychose haben ein hohes Wiederholungsrisiko und sollten schon während der Schwangerschaft psychiatrisch begleitet werden. Eine gemeinsam geplante Betreuung rund um die Geburt und geschützter Schlaf im Wochenbett – die Nächte werden so aufgeteilt, dass die Mutter zusammenhängend schlafen kann – gelten als die wirksamsten Maßnahmen.

Nachsorge

Im Gegensatz zum sogenannten "Baby-Blues" kann eine Wochenbettpsychose schwere Folgen haben, weshalb sie unbedingt behandelt werden muss. Meist erfolgt die Behandlung stationär, in manchen Fällen wird die Mutter dazu teilweise oder ganz vom Neugeborenen getrennt. Dies kann sinnvoll sein, damit die Mutter erst einmal wieder zu Kräften kommt und die Psychose ohne Ablenkung überwinden kann. Jedoch leidet die Beziehung zwischen ihr und dem Kind maßgeblich.

In der Nachsorge ist es demnach wichtig, die Beziehung zum Kind wieder herzustellen. Dies muss schonend und sehr langsam erfolgen, um die Mutter nicht zu überfordern. Oft hat sie Schuldgefühle, da sie denkt, sich bereits zu Beginn nicht ausreichend um das Kind gekümmert zu haben. Sie könnte das Gefühl bekommen, ihre Chance vertan zu haben. Das Wahrnehmen und Aussprechen dieser Gefühle ist wichtig, um sie zu überwinden.

Der Mutter sollte deshalb ein vertrauensvoller Ansprechpartner zur Seite stehen, der sie nicht für ihre Empfindungen verurteilt. Die Beziehung zum Kind kann durch den Aufbau einer Stillbeziehung erfolgen, jedoch kann dies auch zu belastend für die Mutter sein, vor allem, wenn Probleme mit dem Stillen auftreten. Dann ist es ausreichend, wenn der Beziehungsaufbau über anderweitige körperliche Nähe erfolgt, sei es durch gemeinsames Baden, Babymassage oder den Austausch mit anderen Eltern in einer Krabbelgruppe.

Das können Sie selbst tun

Eine Wochenbettpsychose ist ein psychiatrischer Notfall und gehört in jedem Fall in ärztliche Behandlung. Selbsthilfe ersetzt diese Behandlung nicht; sie beginnt erst, wenn die ärztliche Versorgung eingeleitet ist. Nicht nur die betroffenen Frauen, auch die Angehörigen benötigen oft Unterstützung von professionellen Therapeuten.

Die wichtigste Selbsthilfemaßnahme besteht darin, aktiv zu bleiben und die ärztlichen Ratschläge anzunehmen. Ganz wichtig kann auch der Kontakt mit anderen Betroffenen sein. Im Rahmen einer Selbsthilfegruppe lassen sich die individuellen Probleme gut besprechen und oftmals erhalten die Betroffenen im Gespräch mit anderen Erkrankten wertvolle Tipps für den eigenen Umgang mit der Wochenbettpsychose. Gemeinsam mit dem Arzt müssen zudem die Ursachen für die Wochenbettpsychose ergründet werden. Manchmal liegt den Beschwerden ein hormonelles Ungleichgewicht zugrunde, in anderen Fällen sind dagegen ernste gesundheitliche Probleme oder tiefe seelische Störungen verantwortlich für die Beschwerden.

In jedem Fall sollten die Auslöser ermittelt werden; die Behandlung beginnt jedoch sofort und wartet nicht auf dieses Ergebnis. Erkrankte Frauen sollten mit dem Frauenarzt sprechen und eine psychotherapeutische Begleitung nutzen. Meist ist die Therapie weit über die Akutphase der Krankheit hinaus vonnöten. Aufgrund des hohen Wiederholungsrisikos muss die Mutter nach einer erneuten Geburt eng begleitet werden.

Quellen

  • Falkai, P., Laux, G., Deister, A., Möller, H.-J. (Hrsg.): Duale Reihe Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
    ISBN: 9783132432673
  • Falkai, P., Laux, G., Kapfhammer, H.-P., Möller, H.-J. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie.
    ISBN: 9783662741702
  • Kaisenberg, C. von, Klaritsch, P., Hösli-Krais, I. (Hrsg.): Die Geburtshilfe.
    ISBN: 9783662635056
  • Kainer, F. (Hrsg.): Facharztwissen Geburtsmedizin.
    ISBN: 9783437210976
  • Dilling, H., Mombour, W., Schmidt, M. H., Schulte-Markwort, E. (Hrsg.): Internationale Klassifikation psychischer Störungen.
    ISBN: 9783456857008

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