Postpartale Stimmungskrisen

Letzte Aktualisierung am 27. Juni 2018 | Qualitätssicherung von Dr. med. Nonnenmacher.
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Nach der Geburt eines Kindes können Frauen, aber auch Männer an psychischen Verstimmungen bis hin zur Psychose leiden. Die bekannteste postpartale Stimmungskrise ist die Wochenbettdepression. Die Behandlung erfolgt ambulant oder stationär mittels Selbsthilfe und professioneller Hilfe durch einen Psychologen oder Psychiater.

Inhaltsverzeichnis

Was sind postpartale Stimmungskrisen?

Als Wochenbett wird die Zeit zwischen Entbindung und Rückbildung der schwangerschaftsbedingten Körperveränderungen bezeichnet. Charakteristischerweise hält das Wochenbett zwischen sechs und acht Wochen an. Die Mutter erholt sich in dieser Zeit von der Schwangerschaft.

In der Zeit des Wochenbetts können sychische Störungen oder Verhaltensstörungen auftreten. Das ICD-10 unterscheidet zwischen leichten psychischen Störungen und schweren Störungen im Wochenbett. Der Begriff der postpartalen Stimmungskrise fasst psychische Zustände und Störungen zusammen, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Phase des Wochenbetts eintreten.

Die Stimmungskrisen können von leichter Traurigkeit bis hin zu schweren Depressionen und sogar psychotischen Zuständen reichen. Neben der Mutter selbst kann auch der Vater des Neugeborenen von postpartalen Stimmungskrisen betroffen sein. Grob unterschieden werden das postpartale Stimmungstief, die postpartale Depression (PPD) und die postpartale Psychose (PPP).

Die Ursachen von postpartalen Stimmungskrisen bestehen in der Regel aus mehreren Faktoren, wobei die Gewichtung vom Einzelfall abhängt.

Ursachen

Die Geburt ist für die Mutter eine körperlich gewaltige Anstrengung, die in Erschöpfungszustände münden kann. Der Bauch, die Brüste, der Stoffwechsel und die Verdauung der Mutter verändern sich nach der Geburt signifikant. Darüber hinaus fällt der Progesteronspiegel plötzlich ab und kann depressionsartige Zustände provozieren.

Der Abfall des Östrogenspiegels ruft zur selben Zeit Schlafstörungen hervor. Oft kommt ein Schilddrüsenhormonmangel hinzu, der Angst oder Panikattacken auslösen kann. Biologisch betrachtet, leidet die Mutter nach der Geburt also an Kraftlosigkeit, Erschöpfung und gegebenenfalls Depressionen.

Zu den körperlichen Faktoren kommen psychische Faktoren hinzu. Die Geburt konfrontiert die Mutter oft mit Versagens- oder Schmerzangst und fordert die Frau dazu auf, Abschied von der eigenen Kindheit zu nehmen. Neue Sozialstrukturen entstehen und können zur psychischen Belastung werden, so zum Beispiel der Rollenwechsel von Karrierefrau zu Mutter und Hausfrau.

Davon abgesehen, fühlen sich viele Mütter vom Mutterbild aus Werbung, Filmen, Literatur oder dem eigenen Umfeld unter Druck gesetzt. Ursachen für die postpartale Stimmungskrise gibt es also genügend. Aus evolutionsbiologischer Sicht wird der Mutter nach der Geburt außerdem ein drohender Fitnessverlust signalisiert.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Die Symptome einer postpartalen Stimmungskrise hängen von der Art der Erkrankung ab. Das Stimmungstief oder der Babyblues ist die mildeste Form und klingt innerhalb von Stunden oder Tagen wieder ab. Stimmungslabilität, leichte Traurigkeit, Weinen, Irritierbarkeit, Sorgen um das Kind und Erschöpfung kennzeichnen das Krankheitsbild.

Hinzu kommen Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Appetitstörungen sowie Schlaf- oder Ruhelosigkeit und Konzentrationsstörungen. Für den Babyblues spielt ursächlich vor allem die hormonelle Umstellung eine Rolle. Die postpartale Depression oder Wochenbettdepression ist von schleichender Entwicklung gekennzeichnet und geht mit körperlichen Symptomen einher.

Neben Energiemangel, einem inneren Leeregefühl, Schuldgefühlen und ambivalenter Haltung dem eigenen Kind gegenüber kann Desinteresse, Abwesenheit und Hoffnungslosigkeit für eine PPD sprechen. Auch Tötungsgedanken, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Taubheitsgefühle und Zittern sind verbreitete Symptome. Dasselbe gilt für Schwindel sowie Konzentrations- und Schlafstörungen.

Die Wochenbettpsychose ist eine schwere Komplikation im Wochenbett und geht mit paranoid-halluzinatorischer Symptomatik einher, die durch Angstzustände, Erregungszustände und Verwirrtheit gekennzeichnet sein kann. Als Mischformen gelten die Manie und die Schizophrenie in der Zeit des Wochenbetts.

Diagnose & Krankheitsverlauf

In vielen Fällen wird eine postpartale Verstimmung oder Stimmungskrise erst dann erkannt, wenn körperliche Symptome auftreten. Viele Betroffene schämen sich für ihren psychischen Zustand und versuchen vor allem Tötungsgedanken vor ihrer Umwelt zu verstecken. Wegen der Schamgefühle wenden sich die meisten Frauen mit Stimmungskrise von selbst nicht nach Außen.

Im Einzelfall erkennen Familienmitglieder die psychische Verstimmung und wenden sich an einen Psychologen oder Psychiater. Die Prognose hängt von der Unterform der Erkrankung ab. Der Babyblues ist durch eine äußerst günstige Prognose charakterisiert. Die Wochenbettdepression sollte umgehend behandelt werden, da in diesem Fall die Gefahr zum Suizid besteht.

Die postportale Psychose erfordert eine umgehende Einweisung in eine psychiatrische Institution und ist mit der ungünstigsten Prognose assoziiert. Manchmal heilt diese Erkrankung auch nach Jahren nicht vollends aus.

Komplikationen

Die Geburt eines Kindes, besonders die des ersten, stellt für praktisch alle Frauen eine Ausnahmesituation im Leben dar. Egal, wie gewünscht das Kind war: Die komplette Umstrukturierung des Alltags und die Ausrichtung ganz auf die Bedürfnisse des Kindes sind für jede Mutter eine Herausforderung. Insofern sind postpartale Stimmungskrisen grundsätzlich nicht besonders ungewöhnlich oder besorgniserregend.

Dennoch muss der Verlauf einer solchen Stimmungskrise gut beobachtet werden. Auch einer anfänglichen Stimmungskrise kann mitunter eine ausgewachsene Depression werden. Vor allem, wenn eine Mutter sich in ihrer individuellen Lebenssituation überfordert fühlt und nicht die notwendige Hilfe bekommt, wächst sich eine Stimmungskrise rasch aus. Dies kann unbehandelt zu großen Komplikationen führen. Ist eine Frau nach der Geburt erst einmal in eine handfeste Depression gekommen, ist es meist schwierig, ohne fachärztliche Hilfe die Krankheit hinter sich zu lassen.

Eine schwere Depression als Komplikation beeinträchtigt den Alltag. Viele von Depressionen betroffene Mütter sind kaum in der Lage, ihren Alltag und die Versorgung des Kindes alleine zu bewältigen. Mitunter ist eine stationäre Ausnahme erforderlich. Erste Anzeichen einer postpartalen Stimmungskrise sollten deswegen ernst genommen und in ihrem Verlauf gut beobachtet werden.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Nach der Geburt eines Kindes kann es bei Frauen wie auch bei Männern zu emotionalen oder seelischen Schwankungen kommen. Der gesamte Lebensablauf verändert sich durch den Neuankömmling. Dieser Umstand stellt eine neue Situation dar, die bei vielen Menschen Stress auslöst. Nicht immer wird in dieser Phase eine ärztliche Hilfestellung benötigt. In einem ersten Schritt sollten sich die Betroffenen um einen Austausch mit Menschen bemühen, die ebenfalls Nachwuchs bekommen haben und mit der Situation vertraut sind. Hilfreiche Tipps können ausgetauscht werden, die in vielen Fällen zu einer Verbesserung führen. Im Internet gibt es zahlreiche Anlaufstellen, die schon im Vorfeld auf die Veränderungen hinweisen und damit die werdenden Eltern auf die neue Situation vorbereiten.

Halten die Beschwerden jedoch an oder nehmen sie an Intensität zu, sollte ein Arztbesuch erfolgen. Eine starke Weinerlichkeit, eine anhaltend gedrückte Stimmung oder eine Überforderung sind mit einem Arzt oder Psychologen zu besprechen. Können die alltäglichen Anforderungen nicht erfüllt werden oder kann die ausreichende Versorgung des Nachwuchses nicht gewährleistet werden, wird professionelle Unterstützung benötigt. Bei einer starken Unzufriedenheit, Schlafstörungen, Erschöpfung oder einer inneren Schwäche ist ein Arzt zu konsultieren. Bei aggressiven Verhaltenstendenzen, Desinteresse oder einer mangelnden Fürsorge sich selbst und dem Neugeborenen gegenüber besteht Handlungsbedarf.

Behandlung & Therapie

Bei der Therapie von postpartalen Depressionen spielt Selbsthilfe eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig ist die Hilfe durch den Partner, durch die Familie und den Freundeskreis. Die Betroffene kann außerdem von professioneller Hilfe bei der Hausarbeit der der Betreuung des Säuglings profitieren.

Neben der Selbsthilfe erfordert das postportale Stimmungstief meist professionelle Betreuung. Schwere postpartale Depressionen oder Psychosen werden schnellstmöglich in die Hände von Fachleuten abgegeben. Klinikaufenthalte können in diesem Fall erforderlich werden, um Mutter und Kind das Leben zu retten.

Zur professionellen Behandlung stehen Maßnahmen wie Psychotherapie, Musiktherapie und systemische Familientherapie zur Verfügung. Meist werden diese Maßnahmen mit konservativ medikamentösen Schritten wie der Psychopharmakotherapie, der naturheilkundliche Therapie oder der Hormontherapie kombiniert.

Für Betroffene gibt es Spezialambulanzen wie die Mutter-Kind-Ambulanz für postpartal psychisch kranke Mütter. Diese Spezialambulanzen vermitteln im Zweifelsfall stationäre Behandlungen und stehen nicht nur der Mutter, sondern auch beobachtenden Familienmitgliedern zur Inanspruchnahme von Hilfe offen.

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Vorbeugung

Die Erfahrung hat gezeigt, dass einige Zusammenhänge als Risikofaktoren für postpartale Stimmungskrisen anzusehen sind. Zu diesen Risikofaktoren zählt zum Beispiel soziale Isolation. Darüber hinaus kann mangelnde Unterstützung durch den Partner oder die Familie und den Freundeskreis das Risiko für eine Stimmungskrise nach der Geburt erhöhen.

Dasselbe gilt für Perfektionismus und ein übertriebenes Mutterbild der Schwangeren. Um Stimmungskrisen vorzubeugen, sollte vor der Geburt des Kindes den genannten Zusammenhängen entgegengearbeitet werden. Eine psychisch stabile Allgemeinsituation ist anzustreben.

Das können Sie selbst tun

Um postpartale Stimmungskrisen zu bewältigen, ist es zunächst hilfreich, sich im Gespräch mit dem Arzt oder der Hebamme über deren Ursache und Entstehung zu informieren: Das Wissen über die hormonellen, aber auch psychisch bedingten Hintergründe kann der jungen Mutter bereits Erleichterung verschaffen. Auch der Partner, vertraute Familienangehörige oder eine gute Freundin können während eines Stimmungstiefs als erste Ansprechpartner dienen – reicht der Austausch mit ihnen nicht aus, sollte professionelle Hilfe oder der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe erwogen werden.

Betroffene sollten auf eine gesunde Ernährung achten: Bei Appetitlosigkeit ist es wichtig, regelmäßig kleine Mahlzeiten einzunehmen. Frisches Obst und Gemüse versorgen den Körper mit notwendigen Vitaminen und Spurenelementen, Kohlenhydrate dienen als Energielieferanten. Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sollte ebenfalls Wert gelegt werden. Im Alltag kann es erforderlich sein, sich für eine Weile auf die notwendigsten Aufgaben zu beschränken und alles weniger Wichtige vorübergehend aufzuschieben. Betroffene sollten dies ohne schlechtes Gewissen tun und sich nicht scheuen, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung Hilfe anzunehmen.

Ausreichend Schlaf und regelmäßige Erholungsphasen helfen ebenfalls, schneller aus der postpartalen Stimmungskrise zu kommen. Auch Bewegung wirkt sich positiv auf das körperliche und seelische Wohlbefinden aus: Schon ein täglicher Spaziergang an der frischen Luft kann zur Genesung beitragen.

Quellen

  • Beckermann, M.J.: Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Schwabe, Basel 2004
  • Stiefel, A., Geist, C., Harder, U.: Hebammenkunde: Lehrbuch für Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Beruf. Hippokrates, Stuttgart 2012
  • Weyerstahl, T., Stauber, M.: Gynäkologie und Geburtshilfe, duale Reihe. Thieme, Stuttgart 2013

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