Postpartale Stimmungskrisen
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Nach der Geburt eines Kindes können Frauen, aber auch Männer an psychischen Verstimmungen bis hin zur Psychose leiden. Die bekannteste postpartale Stimmungskrise ist die Wochenbettdepression. Die Behandlung erfolgt ambulant oder stationär mittels Selbsthilfe und professioneller Hilfe durch einen Psychologen oder Psychiater.
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Was sind postpartale Stimmungskrisen?
Als Wochenbett wird die Zeit zwischen Entbindung und Rückbildung der schwangerschaftsbedingten Körperveränderungen bezeichnet. Charakteristischerweise hält das Wochenbett zwischen sechs und acht Wochen an. Die Mutter erholt sich in dieser Zeit von der Schwangerschaft.
In der Zeit des Wochenbetts können psychische Störungen oder Verhaltensstörungen auftreten. Das ICD-10 unterscheidet zwischen leichten psychischen Störungen und schweren Störungen im Wochenbett. Der Begriff der postpartalen Stimmungskrise fasst psychische Zustände und Störungen zusammen, die in zeitlichem Zusammenhang mit der Phase des Wochenbetts eintreten.
Die Stimmungskrisen können von leichter Traurigkeit bis hin zu schweren Depressionen und sogar psychotischen Zuständen reichen. Neben der Mutter selbst kann auch der Vater des Neugeborenen von postpartalen Stimmungskrisen betroffen sein. Grob unterschieden werden das postpartale Stimmungstief, die postpartale Depression (PPD) und die postpartale Psychose (PPP). Diese drei Formen unterscheiden sich deutlich in Häufigkeit und Schweregrad: Das Stimmungstief betrifft mehr als die Hälfte aller Wöchnerinnen, eine postpartale Depression etwa zehn bis fünfzehn Prozent, während eine postpartale Psychose mit ein bis zwei Fällen auf 1.000 Geburten selten ist, dafür aber einen psychiatrischen Notfall darstellt.
Die Ursachen von postpartalen Stimmungskrisen bestehen in der Regel aus mehreren Faktoren, wobei die Gewichtung vom Einzelfall abhängt.
Ursachen
Der Abfall des Östrogenspiegels ruft zur selben Zeit Schlafstörungen hervor. Oft kommt eine Störung der Schilddrüsenfunktion hinzu, die Angst oder Panikattacken auslösen kann. Angst und Unruhe sprechen dabei eher für eine Überfunktion, Antriebslosigkeit und gedrückte Stimmung eher für eine Unterfunktion der Schilddrüse. Biologisch betrachtet, leidet die Mutter nach der Geburt also an Kraftlosigkeit, Erschöpfung und gegebenenfalls Depressionen.
Zu den körperlichen Faktoren kommen psychische Faktoren hinzu. Die Geburt konfrontiert die Mutter oft mit Versagens- oder Schmerzangst und fordert die Frau dazu auf, Abschied von der eigenen Kindheit zu nehmen. Neue Sozialstrukturen entstehen und können zur psychischen Belastung werden, so zum Beispiel der Rollenwechsel von Karrierefrau zu Mutter und Hausfrau.
Davon abgesehen, fühlen sich viele Mütter vom Mutterbild aus Werbung, Filmen, Literatur oder dem eigenen Umfeld unter Druck gesetzt. Ursachen für die postpartale Stimmungskrise gibt es also genügend. Aus evolutionsbiologischer Sicht wird der Mutter nach der Geburt außerdem ein drohender Fitnessverlust signalisiert.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Die Symptome einer postpartalen Stimmungskrise hängen von der Art der Erkrankung ab. Das Stimmungstief oder der Babyblues ist die mildeste Form und klingt innerhalb von Stunden oder Tagen wieder ab. Stimmungslabilität, leichte Traurigkeit, Weinen, Irritierbarkeit, Sorgen um das Kind und Erschöpfung kennzeichnen das Krankheitsbild.
Hinzu kommen Reizbarkeit, Ängstlichkeit, Appetitstörungen sowie Schlaf- oder Ruhelosigkeit und Konzentrationsstörungen. Für den Babyblues spielt ursächlich vor allem die hormonelle Umstellung eine Rolle. Die postpartale Depression oder Wochenbettdepression ist von schleichender Entwicklung gekennzeichnet und geht mit körperlichen Symptomen einher.
Neben Energiemangel, einem inneren Leeregefühl, Schuldgefühlen und ambivalenter Haltung dem eigenen Kind gegenüber kann Desinteresse, Abwesenheit und Hoffnungslosigkeit für eine PPD sprechen. Auch Gedanken daran, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun, Kopfschmerzen, Herzrhythmusstörungen, Taubheitsgefühle und Zittern sind verbreitete Symptome. Solche Gedanken sind ein Warnzeichen und gehören umgehend ärztlich abgeklärt, auch wenn keine Absicht besteht, ihnen zu folgen. Dasselbe gilt für Schwindel sowie Konzentrations- und Schlafstörungen.
Die Wochenbettpsychose ist eine schwere Komplikation im Wochenbett und geht mit paranoid-halluzinatorischer Symptomatik einher, die durch Angstzustände, Erregungszustände und Verwirrtheit gekennzeichnet sein kann. Als Mischformen gelten die Manie und die Schizophrenie in der Zeit des Wochenbetts.
Diagnose & Krankheitsverlauf
In vielen Fällen wird eine postpartale Verstimmung oder Stimmungskrise erst dann erkannt, wenn körperliche Symptome auftreten. Viele Betroffene schämen sich für ihren psychischen Zustand und versuchen vor allem Tötungsgedanken vor ihrer Umwelt zu verstecken. Wegen der Schamgefühle wenden sich die meisten Frauen mit Stimmungskrise von selbst nicht nach außen.
Im Einzelfall erkennen Familienmitglieder die psychische Verstimmung und wenden sich an einen Psychologen oder Psychiater. Die Prognose hängt von der Unterform der Erkrankung ab. Der Babyblues ist durch eine äußerst günstige Prognose charakterisiert. Die Wochenbettdepression sollte umgehend behandelt werden, da in diesem Fall die Gefahr eines Suizids besteht.
Die postpartale Psychose erfordert eine umgehende Einweisung in eine psychiatrische Institution und ist mit der ungünstigsten Prognose assoziiert. Manchmal heilt diese Erkrankung auch nach Jahren nicht vollends aus.
Komplikationen
Dennoch muss der Verlauf einer solchen Stimmungskrise gut beobachtet werden. Auch aus einer anfänglichen Stimmungskrise kann mitunter eine ausgewachsene Depression werden. Vor allem, wenn eine Mutter sich in ihrer individuellen Lebenssituation überfordert fühlt und nicht die notwendige Hilfe bekommt, wächst sich eine Stimmungskrise rasch aus. Dies kann unbehandelt zu großen Komplikationen führen. Ist eine Frau nach der Geburt erst einmal in eine handfeste Depression gekommen, ist es meist schwierig, ohne fachärztliche Hilfe die Krankheit hinter sich zu lassen.
Eine schwere Depression als Komplikation beeinträchtigt den Alltag. Viele von Depressionen betroffene Mütter sind kaum in der Lage, ihren Alltag und die Versorgung des Kindes alleine zu bewältigen. Mitunter ist eine stationäre Aufnahme erforderlich. Erste Anzeichen einer postpartalen Stimmungskrise sollten deswegen ernst genommen und in ihrem Verlauf gut beobachtet werden.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Nach der Geburt eines Kindes kann es bei Frauen wie auch bei Männern zu emotionalen oder seelischen Schwankungen kommen. Der gesamte Lebensablauf verändert sich durch den Neuankömmling. Dieser Umstand stellt eine neue Situation dar, die bei vielen Menschen Stress auslöst. Nicht immer wird in dieser Phase eine ärztliche Hilfestellung benötigt. In einem ersten Schritt sollten sich die Betroffenen um einen Austausch mit Menschen bemühen, die ebenfalls Nachwuchs bekommen haben und mit der Situation vertraut sind. Hilfreiche Tipps können ausgetauscht werden, die in vielen Fällen zu einer Verbesserung führen. Im Internet gibt es zahlreiche Anlaufstellen, die schon im Vorfeld auf die Veränderungen hinweisen und damit die werdenden Eltern auf die neue Situation vorbereiten.
Halten die Beschwerden jedoch an oder nehmen sie an Intensität zu, sollte ein Arztbesuch erfolgen. Eine starke Weinerlichkeit, eine anhaltend gedrückte Stimmung oder eine Überforderung sind mit einem Arzt oder Psychologen zu besprechen. Können die alltäglichen Anforderungen nicht erfüllt werden oder kann die ausreichende Versorgung des Nachwuchses nicht gewährleistet werden, wird professionelle Unterstützung benötigt. Bei einer starken Unzufriedenheit, Schlafstörungen, Erschöpfung oder einer inneren Schwäche ist ein Arzt zu konsultieren. Bei aggressiven Verhaltenstendenzen, Desinteresse oder einer mangelnden Fürsorge sich selbst und dem Neugeborenen gegenüber besteht Handlungsbedarf.
Nicht abwarten sollte man dagegen bei den Warnzeichen einer schweren Erkrankung: Gedanken daran, sich selbst oder dem Kind etwas anzutun, sowie Verwirrtheit, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen sind ein psychiatrischer Notfall. In diesen Fällen ist sofort ärztliche Hilfe zu holen, notfalls über den Rettungsdienst unter der Notrufnummer 112. Die Vorstellung, eine solche Krise gehe schon von selbst vorüber, ist gefährlich.
Behandlung & Therapie
Bei der Therapie von postpartalen Depressionen spielt Selbsthilfe eine wichtige Rolle. Ebenso wichtig ist die Hilfe durch den Partner, durch die Familie und den Freundeskreis. Die Betroffene kann außerdem von professioneller Hilfe bei der Hausarbeit oder der Betreuung des Säuglings profitieren.
Neben der Selbsthilfe erfordert die postpartale Depression meist professionelle Betreuung. Auch beim Stillen ist eine medikamentöse Behandlung möglich: Es stehen Wirkstoffe zur Verfügung, deren Einsatz in der Stillzeit gut untersucht ist. Welches Mittel infrage kommt, entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt. Schwere postpartale Depressionen oder Psychosen werden schnellstmöglich in die Hände von Fachleuten abgegeben. Klinikaufenthalte können in diesem Fall erforderlich werden, um Mutter und Kind das Leben zu retten.
Zur professionellen Behandlung stehen Maßnahmen wie Psychotherapie, Musiktherapie und systemische Familientherapie zur Verfügung. Häufig werden diese Maßnahmen mit einer medikamentösen Behandlung kombiniert. Im Vordergrund steht dabei die Psychopharmakotherapie; naturheilkundliche Verfahren und eine Hormontherapie gelten dagegen nicht als gesicherte Behandlung der postpartalen Depression.
Für Betroffene gibt es Spezialambulanzen wie die Mutter-Kind-Ambulanz für postpartal psychisch kranke Mütter. Diese Spezialambulanzen vermitteln im Zweifelsfall stationäre Behandlungen und stehen nicht nur der Mutter, sondern auch beobachtenden Familienmitgliedern zur Inanspruchnahme von Hilfe offen.
Vorbeugung
Die Erfahrung hat gezeigt, dass einige Zusammenhänge als Risikofaktoren für postpartale Stimmungskrisen anzusehen sind. Zu diesen Risikofaktoren zählt zum Beispiel soziale Isolation. Darüber hinaus kann mangelnde Unterstützung durch den Partner oder die Familie und den Freundeskreis das Risiko für eine Stimmungskrise nach der Geburt erhöhen.
Dasselbe gilt für Perfektionismus und ein übertriebenes Mutterbild der Schwangeren. Um Stimmungskrisen vorzubeugen, sollte vor der Geburt des Kindes den genannten Zusammenhängen entgegengearbeitet werden. Eine psychisch stabile Allgemeinsituation ist anzustreben.
Nachsorge
Eine postpartale Stimmungskrise sollte auch nach der eigentlichen Behandlung nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Vor allem dann, wenn nach vorausgegangenen Geburten bereits Depressionen bestanden. Neben dem Beistand bei der eigentlichen Geburt sollten Vertrauenspersonen wie Hebammen auch nach der Geburt zur Verfügung stehen und bei Problemen mit ihrem fachlichen Wissen helfend zur Seite stehen.
Sowohl Ärzte als auch Hebammen sollten unbedingt Vertrauenspersonen sein und im Zuge von Gesprächen oder Hausbesuchen einen seelischen Beistand leisten. Auch nach der Stimmungskrise können komplementär-medizinische Arzneimittel unterstützen. Nebenwirkungsfrei sind sie allerdings nicht: Auch pflanzliche Mittel können unerwünschte Wirkungen haben und mit anderen Medikamenten in Wechselwirkung treten, weshalb ihre Anwendung in der Stillzeit vorher mit dem Arzt oder der Hebamme zu besprechen ist. Um auf lange Sicht von Symptomen, wie zum Beispiel Müdigkeit, Reizbarkeit und Traurigkeit, befreit zu bleiben, eignet sich zum Beispiel ein regelmäßiges Reiki-Coaching.
Nach dem Selbstverständnis dieser Methode soll Reiki dabei helfen, die Ursachen für Misstimmungen zu bearbeiten, und ganzheitlich auf Körper, Geist und Seele wirken. Reiki kann sowohl im Sitzen als auch im Liegen oder Stehen angewendet werden und kann auch in Paar-Sitzungen durchgeführt werden.
Anwenderinnen berichten, dass die Methode ihr Selbstvertrauen stärkt und ihnen den Umgang mit dem Kind erleichtert. Im Zuge von Paar-Sitzungen können die Eltern gemeinsam etwas für sich selbst tun, was bestimmt auch positive Auswirkungen auf das Kind hat.
Ein wissenschaftlicher Wirksamkeitsnachweis für Reiki liegt allerdings nicht vor. Die Methode kann eine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung deshalb nicht ersetzen, sondern allenfalls begleiten.
Das können Sie selbst tun
Um postpartale Stimmungskrisen zu bewältigen, ist es zunächst hilfreich, sich im Gespräch mit dem Arzt oder der Hebamme über deren Ursache und Entstehung zu informieren: Das Wissen über die hormonellen, aber auch psychisch bedingten Hintergründe kann der jungen Mutter bereits Erleichterung verschaffen. Auch der Partner, vertraute Familienangehörige oder eine gute Freundin können während eines Stimmungstiefs als erste Ansprechpartner dienen – reicht der Austausch mit ihnen nicht aus, sollte professionelle Hilfe oder der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe erwogen werden.
Betroffene sollten auf eine gesunde Ernährung achten: Bei Appetitlosigkeit ist es wichtig, regelmäßig kleine Mahlzeiten einzunehmen. Frisches Obst und Gemüse versorgen den Körper mit notwendigen Vitaminen und Spurenelementen, Kohlenhydrate dienen als Energielieferanten. Auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr sollte ebenfalls Wert gelegt werden. Im Alltag kann es erforderlich sein, sich für eine Weile auf die notwendigsten Aufgaben zu beschränken und alles weniger Wichtige vorübergehend aufzuschieben. Betroffene sollten dies ohne schlechtes Gewissen tun und sich nicht scheuen, im Haushalt und bei der Kinderbetreuung Hilfe anzunehmen.
Ausreichend Schlaf und regelmäßige Erholungsphasen helfen ebenfalls, schneller aus der postpartalen Stimmungskrise zu kommen. Auch Bewegung wirkt sich positiv auf das körperliche und seelische Wohlbefinden aus: Schon ein täglicher Spaziergang an der frischen Luft kann zur Genesung beitragen.
Quellen
- Kaisenberg, C. von (Hrsg.): Die Geburtshilfe.
ISBN: 9783662635056
- Falkai, P. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432659
- Berger, M. (Hrsg.): Psychische Erkrankungen.
ISBN: 9783437224850
- Strowitzki, T., Ortmann, O. (Hrsg.): Klinische Endokrinologie für Frauenärzte.
ISBN: 9783662655160
- Möller, H.-J. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik, Psychotherapie.
ISBN: 9783662492932

