Norrie-Syndrom

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 21. August 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Beim Norrie-Syndrom handelt es sich um eine frühkindliche, schwere Störung im Bereich der Entwicklung der Augen bei Jungen. Diese zeichnet sich durch degenerative sowie proliferative Veränderungen der Neuroretina aus und kann sehr früh zu einer Blindheit führen. Bis auf wenige Ausnahmen kommt das Norrie-Syndrom lediglich beim männlichen Geschlecht vor. Es wird eine Auftretenshäufigkeit von 1:100.000 vermutet.

Inhaltsverzeichnis

Was ist das Norrie-Syndrom?

Norrie Syndrom
Das Norrie-Syndrom erfordert genaue Untersuchungen, da einige andere Krankheiten eine große Ähnlichkeit zeigen und es daher leicht verwechselt werden kann.
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Beim Norrie-Syndrom liegt eine schwere Störung der Augenentwicklung vor, woraus die angeborene Blindheit resultiert. Von der Erkrankung sind fast nur Jungen beziehungsweise Männer betroffen. Neben der Blindheit, die sehr früh eintreten kann, zeigt ungefähr die Hälfte der Patienten zudem fortschreitende geistige Beeinträchtigungen.

Dazu gehören eine verminderte Intelligenz und Verhaltensauffälligkeiten. Ein Großteil der Betroffenen entwickelt ab der zweiten Lebensdekade einen fortschreitenden Hörverlust, der bis zur Taubheit führen kann. Zusätzliche Probleme sind eine Retinaablösung, progrediente Trübungen der Linse, des Glaskörpers und der Hornhaut, eine Atrophie der Iris sowie eine Bulbusatrophie. Diese Folgen treten meist in den ersten zehn Jahren nach der Geburt auf.

Ursachen

Die Erbkrankheit Norrie-Syndrom wird durch eine Mutation im NDP-Gen auf dem X-Chromosom hervorgerufen und X-chromosomal-rezessiv vererbt. Durch die Mutation kommt es zur verminderten Entwicklung beider Augen, was schließlich zur Blindheit führt. Weil Jungen nur ein X-Chromosom besitzen und ihnen damit eine zweite, gesunde Genkopie zum Ausgleich fehlt, sind fast ausschließlich sie betroffen.

Frauen mit einer mutierten Genkopie sind typischerweise gesund und Überträgerinnen. Jeder ihrer Söhne hat ein Risiko von 50 Prozent, die Mutation zu erben und damit zu erkranken; jede ihrer Töchter hat ein Risiko von 50 Prozent, selbst Überträgerin zu werden. Familien, in denen das Norrie-Syndrom aufgetreten ist, können sich humangenetisch beraten lassen, um diese Zusammenhänge für den eigenen Fall zu klären.

Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Das erste Symptom, das beim Norrie-Syndrom sichtbar ist, ist in der Regel ein weißlich-gelber, trüber Pupillenreflex auf beiden Seiten (Leukokorie). Dieser wird durch retrolentale, vaskularisierte Membranen ausgelöst. Fast alle Patienten, die unter dem Norrie-Syndrom leiden, sind von der Geburt an blind.

Hierbei handelt es sich um eine zum Teil oder komplett vom Augenhintergrund abgelöste Retina. Daraus hat sich ein undifferenziert wachsendes, vaskularisiertes Gewebe gebildet.

Daher wird häufig auch vom Pseudotumor der Retina (Pseudogliom) gesprochen. In seltenen Fällen bleibt für einige Jahre eine Wahrnehmung des Lichts erhalten. Bei diesen Betroffenen wird meistens beobachtet, dass sich die Retina verzögert vom Augenhintergrund ablöst. Im weiteren Verlauf der Erkrankung schrumpft meist der gesamte Augapfel (Atrophie). Bei manchen Betroffenen entwickeln sich auch ein Glaukom und Einblutungen in die Retina und den Glaskörper.

Wenn die Erkrankten 10 bis 20 Jahre alt sind, stellt sich meist zudem noch ein progressiver Hörverlust ein, der zunächst einmal die hohen Frequenzen betrifft. Zwischen 20 und 30 sind sie dann meist beidseitig schwerhörig. Die Hälfte der Patienten zeigt zudem kognitive Einschränkungen oder Verhaltensauffälligkeiten.

Epileptische Anfälle wurden ebenso in der Verbindung mit dem Norrie-Syndrom bereits beschrieben. Des Weiteren wurde von einigen Betroffenen von einer venösen Insuffizienz, insbesondere in den Beinen, berichtet.

Diagnose & Krankheitsverlauf

Das Norrie-Syndrom erfordert genaue Untersuchungen, da einige andere Krankheiten eine große Ähnlichkeit zeigen und es daher leicht verwechselt werden kann. Dazu gehören zum Beispiel Retinoblastom, persistierender hyperplastischer primärer Vitreus, primäre retinale Dysplasie, Frühgeborenenretinopathie, Morbus Coats, Osteoporose-Pseudogliom-Syndrom, X-chromosomale juvenile Retinoschisis und insbesondere familiäre exsudative Vitreoretinopathie.

Demzufolge ist die genetische Untersuchung die Voraussetzung, um eine klare Diagnose zu stellen. Ist die krankheitsverursachende Mutation in der Familie bereits bekannt, kann das Norrie-Syndrom schon vorgeburtlich diagnostiziert werden. Klinisch-genetische Tests ermöglichen eine familiäre Risikoabschätzung. Krankheitsverursachende Mutationen können in fast allen männlichen Fällen durch eine direkte Sequenzierung bestimmt werden.

Kann der Verdacht auf das Norrie-Syndrom durch eine DNA-Untersuchung nicht bestätigt werden, ist es sinnvoll, andere Gene, welche mit ähnlichen Erkrankungen assoziiert wurden, zu analysieren. Die Möglichkeiten bestehen darin, den weißlichen Pupillenreflex zu testen und eine Augenhintergrundspiegelung vorzunehmen.

Komplikationen

Die häufigste Komplikation, die beim Norrie-Syndrom zu erwarten ist, ist der vollständige Verlust des Augenlichts. Viele Betroffene werden bereits blind geboren, bei anderen Patienten handelt es sich um einen fortschreitenden Prozess, meist wird das Augenlicht aber spätestens bis zum zehnten Lebensjahr eingebüßt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Krankheit oft erst diagnostiziert wird, wenn sich die Retina bereits vollständig abgelöst hat.

Sofern der Ablösungsprozess rechtzeitig entdeckt wird, kann das Sehvermögen bei einigen Patienten mit Hilfe eines Lasereingriffs am Auge aufrecht erhalten werden. Bei einem Teil der Betroffenen treten im Zeitablauf noch weitere Komplikationen auf. Insbesondere zeigt etwa die Hälfte der Betroffenen Anzeichen einer Intelligenzminderung. Die kognitiven Fähigkeiten dieser Kinder entwickeln sich nicht altersgerecht.

Sie zeigen Schwierigkeiten beim Lernen und oftmals auch soziale Verhaltensauffälligkeiten. In diesen Fällen sind vor allem heilpädagogische Förderung und psychologische Betreuung erforderlich; Medikamente kommen nur bei bestimmten Begleitsymptomen infrage. Für die Familien der Betroffenen geht dies mit einem beträchtlichen zusätzlichen Pflegeaufwand einher.

Spätestens in der zweiten Lebensdekade zeigt sich bei einem Großteil der Patienten eine beginnende Schwerhörigkeit, die zum vollständigen Verlust des Hörvermögens führen kann. Hörgeräte und später Cochleaimplantate können den Hörverlust über lange Zeit ausgleichen, das Fortschreiten der Schwerhörigkeit aber nicht aufhalten.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Das Norrie-Syndrom ist angeboren und wird meist unmittelbar nach der Geburt erkannt. Die Eltern des betroffenen Kindes müssen regelmäßig zum Arzt gehen, damit neue und ungewöhnliche Symptome abgeklärt und behandelt werden können. Fehlt bei einem Neugeborenen der rote Pupillenreflex oder erscheint die Pupille weißlich, ist unverzüglich eine augenärztliche Untersuchung nötig: Nur solange sich die Netzhaut noch nicht vollständig abgelöst hat, besteht überhaupt eine Behandlungsmöglichkeit. Im weiteren Verlauf sind regelmäßige Hörprüfungen wichtig, um eine beginnende Schwerhörigkeit früh zu erkennen und versorgen zu lassen. Der Familie sollte zudem eine humangenetische Beratung angeboten werden.

Je nach Art und Ausprägung der Symptome müssen verschiedene Fachärzte in die Behandlung involviert werden. Trübungen der Hornhaut sowie Katarakt oder Augenzittern sind von einem Augenarzt zu behandeln. Schwerhörigkeit muss von einem Ohrenarzt behandelt werden. Wenn geistige Behinderungen und/oder Verhaltensauffälligkeiten auftreten, sind therapeutische Maßnahmen notwendig. Auch die Eltern benötigen zumeist die Unterstützung eines Psychologen.

Behandlung & Therapie

Es sind bislang noch keine hinreichenden Möglichkeiten der Therapie zur ursächlichen Heilung bekannt. Bei der Behandlung können lediglich die verschiedenen Symptome therapeutisch behandelt werden, allerdings nicht die Ursachen. Wenn die erste Diagnose erfolgt, hat sich die Netzhaut in der Regel bereits vollständig und irreversibel abgelöst.

Den Betroffenen, die ihr Sehvermögen noch nicht komplett verloren haben, kann eventuell mit einer Operation oder Laserbehandlung geholfen werden. Ebenso können Hörgeräte und Cochleaimplantate eingesetzt werden, um eine fortschreitende Schwerhörigkeit auszugleichen.

Bei auffälligen Verhaltensmustern oder kognitiven Schwierigkeiten besteht die Möglichkeit, diese Entwicklung durch heilpädagogische Förderung und psychologische Beratung positiv zu beeinflussen; Medikamente kommen nur bei einzelnen Begleitsymptomen infrage. Im Allgemeinen ist ausreichend Fürsorge und Betreuung durch die Familie, Freunde oder Pflegepersonal erforderlich. Ist dies gegeben, können die Menschen, die unter dem Norrie-Syndrom leiden, dennoch ein erfülltes Leben führen.


Aussicht & Prognose

Die Prognose des Norrie-Syndroms ist ungünstig. Der Betroffene ist zumeist männlichen Geschlechts und kommt mit einem genetischen Defekt auf die Welt. Nach heutigem medizinischem Kenntnisstand gibt es keine Behandlung, die den zugrunde liegenden Gendefekt beheben könnte. Die ursächliche Störung ist daher nicht behandelbar; Ärzte können lediglich die Folgen der Erkrankung lindern.

Da das Syndrom mit dem Verlust der Sehkraft sowie kognitiven Einschränkungen verbunden ist, kommt es darüber hinaus zu Schwierigkeiten bei einer ausreichenden Behandlung. Die aktuellen medizinischen Möglichkeiten reichen nicht aus, um ein Sehvermögen auf normalem Niveau herzustellen oder eine durchschnittliche Intelligenzentwicklung zu erreichen.

Erschwerend ist zudem, dass einige Beschwerden nicht unmittelbar nach der Geburt festgestellt werden, sondern sich im Verlauf des Lebens entwickeln. Diese führen zu einer Verschlechterung der allgemeinen Lebensqualität. Neben Verhaltensauffälligkeiten ist auch ein Verlust des Hörvermögens möglich.

Möglichkeiten der Frühförderungen werden angewendet, können jedoch oftmals nicht in einem ausreichenden Maß Erfolge aufweisen. Bei einer schnellen Diagnosestellung und Erarbeitung eines individuellen Behandlungsplanes werden die besten Ergebnisse im weiteren Verlauf erzielt. Dennoch stellt die Erkrankung für den Betroffenen sowie dessen Angehörigen eine erhebliche Belastung dar. Die Bewältigung des Alltages ist lebenslang nicht ohne eine Hilfe und Unterstützung möglich. Langzeittherapien sind notwendig, die je nach der Entwicklung der Beschwerden verändert und angepasst werden.

Vorbeugung

Genetische Untersuchungen und Beratungen spielen, seitdem der Genort bekannt ist, eine wichtige Rolle. Es ist möglich, die Überträgerinnen zu identifizieren und eine vorgeburtliche Diagnostik in Anspruch zu nehmen. Innerhalb einer Familie kann eine angeborene Blindheit vermehrt vorkommen, wenn ein hierfür verantwortlicher Gendefekt nicht als Neumutation auftritt, sondern von einer auf die nächste Generation vererbt wird.

Ein Humangenetiker kann, wenn ihm der Gendefekt bekannt ist, ermitteln, wie hoch das Risiko ist, dass das eigene Kind bei seiner Geburt blind sein wird. Im besten Fall kann er jedoch auch Entwarnung geben. Bei der humangenetischen Untersuchung werden die Chromosomen auf Veränderungen untersucht. Liegt der Verdacht eines Gendefekts vor, können noch weitere aufwändige Untersuchungen erfolgen, um die Genkonstellationen zu überprüfen und das Risiko einer eventuellen Vererbung abschätzen zu können.

Nachsorge

Da die Fehlbildungen durch das Norrie-Syndrom nicht heilbar sind, gibt es keine Nachsorge im engeren Sinne. Eine regelmäßige Kontrolle beim Facharzt ist indiziert, damit neu auftretende Symptome eingeordnet werden können. Unter Umständen lindert eine Behandlung die Beschwerden oder hilft, beispielsweise die Sehkraft länger zu erhalten. Je nach Schwere der Seh- und Hörbehinderungen sind die Betroffenen auf Hilfe im Alltag angewiesen.

Treten sowohl Fehlsicht als auch Schwerhörigkeit auf, können sie sich kaum alleine orientieren und sollten stets begleitet werden. Das Zuhause kann jedoch behindertengerecht eingerichtet werden, sodass Menschen mit Norrie-Syndrom sich im häuslichen Umfeld frei bewegen können. Treten Intelligenzminderungen oder Verhaltensauffälligkeiten auf, sollten diese gesondert im möglichen Rahmen behandelt werden.

Häufig empfiehlt sich der Besuch eines Förderzentrums mit dem Schwerpunkt Sehen oder Hören – früher sprach man von Sonderschulen –, wo auf die speziellen Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden kann. Je nach Ausprägung ist auch ein inklusiver Unterricht an einer Regelschule mit entsprechender Unterstützung möglich. Dort lernen sie, trotz der Einschränkungen ihr Potential zu entfalten und erlangen zumindest eine teilweise Selbstständigkeit. Durch das Beantragen eines Schwerbehindertenausweises können durch die Seh- und Höreinschränkungen entstehende Nachteile ausgeglichen werden. Falls eine Begleitperson erforderlich ist, erhält diese freien Eintritt in viele Einrichtungen. Auch steuerliche Vergünstigungen oder etwa die Reduzierung des Rundfunkbeitrages sind bei nachgewiesener schwerer Sinnesstörung möglich.

Das können Sie selbst tun

Das Norrie-Syndrom endet für die Betroffenen meist mit dem Verlust des Hörvermögens. Die fortschreitende Schwerhörigkeit lässt sich nach heutigem Kenntnisstand nicht aufhalten; regelmäßige Hörprüfungen ermöglichen aber eine rechtzeitige Versorgung mit Hörhilfen. Die Therapie kann unterstützt werden, indem eine psychologische Beratung in Anspruch genommen wird. Dadurch kann zwar nicht die Schwerhörigkeit selbst gelindert werden, etwaige Verhaltensauffälligkeiten oder kognitive Schwierigkeiten lassen sich durch eine umfassende Betreuung allerdings abmildern.

Die Schwerhörigkeit kann durch Hörgeräte und Cochleaimplantate ausgeglichen werden. Dennoch sind die Eltern dazu angehalten, das Kind zu unterstützen und weitere Maßnahmen zu erarbeiten, um dem Kind ein relativ beschwerdefreies Leben zu ermöglichen. Die Eltern können beispielsweise Gebärdensprache erlernen oder mit dem Kind bestimmte Notfall-Zeichen ausmachen. Langfristig benötigen Betroffene eines Norrie-Syndroms eine umfassende ärztliche und therapeutische Unterstützung, begleitet durch die Hilfe von Angehörigen und Freunden.

Sollte das Kind sich weiterhin auffällig verhalten und dadurch sich oder andere gefährden, muss eine Fachklinik konsultiert werden. Gemeinsam mit den behandelnden Ärzten und Therapeuten lassen sich dann Maßnahmen finden, um den Leidensdruck des Kindes zu verringern. Welche Maßnahmen im Genauen angezeigt sind, kann in einem umfassenden Gespräch mit dem zuständigen Kinderarzt erörtert werden.

Quellen

  • Schaaf, C. P., Zschocke, J.: Basiswissen Humangenetik.
    ISBN: 9783662561461
  • Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
    ISBN: 9783132416871
  • Lang, G. K., Lang, S. J. (Hrsg.): Augenheilkunde.
    ISBN: 9783132454446
  • Pfeiffer, N., Cursiefen, C., Holz, F. G., et al. (Hrsg.): Die Augenheilkunde.
    ISBN: 9783662658239
  • Wiedemann, H.-R., Kunze, J.: Wiedemanns Atlas klinischer Syndrome.
    ISBN: 9783794526574

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