Transfusionsmedizin

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 5. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Als Transfusionsmedizin wird ein Teilgebiet der Medizin bezeichnet, das sich mit der Gewinnung und Bereitstellung von Blutkonserven sowie der Unterhaltung von Blutbanken beschäftigt. Nach der Absolvierung des regulären Medizinstudiums und einer fünfjährigen Weiterbildungszeit ist ein Mediziner berechtigt, die Berufsbezeichnung Facharzt für Transfusionsmedizin zu führen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Transfusionsmedizin?

Die Transfusionsmedizin beschäftigt sich mit der Gewinnung und der Bereitstellung von Blutkonserven in Blutbanken. Die moderne Transfusionsmedizin sichert mit ihrem breit aufgestellten, interdisziplinären Aufgabengebiet eine risikoarme und patientengerechte Versorgung mit Blutkonserven in Zusammenarbeit mit nahezu allen medizinischen Fachrichtungen.

In Deutschland haben sich viele Kliniken auf dieses Teilgebiet der Medizin spezialisiert. Sie führen die Bezeichnung Institut für Transfusionsmedizin und Transplantationsimmunologie. Diese Institute stellen nicht nur konventionelle Blutprodukte zur Verfügung, sondern auch spezielle Zelltherapeutika. Sie verfügen neben einer großen Blutbank über ein angeschlossenes immunhämatologisches Labor, ein HLA- und Thrombozytenlabor im Bereich der Transplantationsimmunologie sowie ein Stammzellenlabor. Die Transfusionsmediziner sind darüber hinaus auch in die postoperative Patientenversorgung eingebunden. Weitere Teilgebiete sind Forschung und Lehre.

Die Geschichte des Fachgebietes beginnt mit der Entdeckung der Blutgruppen. 1901 beschrieb der Wiener Arzt Karl Landsteiner das AB0-System und erklärte damit, warum Blutübertragungen bis dahin unberechenbar verliefen und häufig tödlich endeten; 1930 erhielt er dafür den Nobelpreis für Medizin. 1940 kam mit dem Rhesusfaktor das zweite große Merkmalsystem hinzu. Mindestens ebenso wichtig war die Haltbarmachung: Erst der Zusatz von Citrat, das die Blutgerinnung hemmt, erlaubte es, Blut zu lagern und zu transportieren, statt es unmittelbar vom Spender auf den Empfänger zu übertragen. Damit entstand die Blutbank als eigene Einrichtung, und aus einer Improvisation am Krankenbett wurde ein planbares Versorgungssystem.

Die Weiterbildung zum Facharzt umfasst weit mehr als die Bereitstellung von Konserven. Zu ihren Inhalten zählen die Immunhämatologie, also die Lehre von den Blutgruppenmerkmalen und den gegen sie gerichteten Antikörpern, die Herstellung und Prüfung von Blutkomponenten, die Beratung der klinischen Fächer über die Frage, ob eine Übertragung überhaupt angezeigt ist, die Apherese sowie die Gewinnung und Aufbereitung von Blutstammzellen. In den Krankenhäusern schlägt sich das in einer eigenen Organisationsstruktur nieder: Jede Einrichtung, die Blutprodukte anwendet, benennt einen Transfusionsverantwortlichen für das Haus und Transfusionsbeauftragte für die einzelnen Abteilungen; größere Häuser unterhalten zusätzlich eine Transfusionskommission. Der Transfusionsmediziner ist damit weniger der Behandler eines einzelnen Patienten als der Verantwortliche für eine Kette, die von der Spenderauswahl über Herstellung, Lagerung und Freigabe bis an das Krankenbett reicht.

Die Versorgung in Deutschland ruht auf mehreren Säulen: den Blutspendediensten des Deutschen Roten Kreuzes, staatlich-kommunalen Diensten, den Einrichtungen der Universitätskliniken und privaten Anbietern. Sie unterscheiden sich darin, ob die Spende unentgeltlich erfolgt oder eine Aufwandsentschädigung gezahlt wird, und darin, welche Präparate sie herstellen. Plasma, das nicht unmittelbar übertragen, sondern zu Arzneimitteln weiterverarbeitet wird – etwa zu Gerinnungsfaktoren für Menschen mit Hämophilie oder zu Immunglobulinen –, stammt überwiegend aus der Plasmapherese und folgt eigenen arzneimittelrechtlichen Regeln.

Behandlungen & Therapien

In diesen medizinischen Fachbereich gehören die Durchführung der Blutspende und die anschließende Herstellung von Blutkonserven, die Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten sowie die gezielte Entnahme von Blutkomponenten für therapeutische Zwecke.

Die zuletzt genannte gezielte Entnahme ist ein eigenes Arbeitsfeld und nicht mit der Spende zu verwechseln. Bei der therapeutischen Apherese wird dem Patienten Blut entnommen, in einem Zellseparator aufgetrennt, ein krankmachender Bestandteil entfernt und der Rest zurückgegeben. So lassen sich bei bestimmten Autoimmunerkrankungen des Nervensystems wie der Myasthenie oder dem Guillain-Barré-Syndrom Antikörper aus dem Plasma auswaschen, bei einer krankhaft vermehrten Blutbildung (Polyglobulie) überzählige rote Blutkörperchen entfernen und bei angeborenen Fettstoffwechselstörungen Blutfette absenken, die sich medikamentös nicht ausreichend senken lassen. Auch der Aderlass bei einer Eisenüberladung des Körpers gehört in diesen Bereich. Ein weiteres Arbeitsfeld ist die Gewinnung von Blutstammzellen aus dem Blutkreislauf, die für eine Stammzelltransplantation benötigt werden; sie werden ebenfalls mit einem Zellseparator herausgefiltert, während das übrige Blut zurückfließt.

Die Transfusionsmedizin kommt immer dann zum Einsatz, wenn Patienten an einem akuten Blutverlust leiden. Der Körper ist nicht in der Lage, diesen Blutverlust auf natürlichem Wege auszugleichen und ausreichend Blut beziehungsweise einzelne Blutbestandteile neu zu bilden. Typische Anwendungsgebiete sind die Notfallmedizin und Operationen, bei denen es zu hohen Blutverlusten kommt, zum Beispiel Organtransplantationen. Erkrankungen des blutbildenden Systems wie Leukämie, Blutgerinnungsstörungen und Anämie (Blutarmut) werden in dieser medizinischen Fachrichtung behandelt. Auch bei verschiedenen Krebstherapien kommen Blutkonserven zum Einsatz.

Neugeborene oder ungeborene Babys im Mutterleib benötigen aufgrund einer auf eine Rhesusunverträglichkeit zurückzuführenden Blutarmut eine Bluttransfusion. Die Transfusionsmedizin kommt jedoch auch bei Erkrankungen zum Einsatz, die nicht sofort mit dieser Fachrichtung in Verbindung gebracht werden: bei Herz-Kreislauf-Problemen, Magen- und Darmerkrankungen sowie bei Erkrankungen des Nervensystems, der Muskeln, der Haut, der blutbildenden Organe, des Bindegewebes und der Atemwege. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes werden in Deutschland täglich etwa 15.000 Blutspenden benötigt; den größten Teil davon stellen die DRK-Blutspendedienste bereit. Die Bluttransfusion erfolgt durch einen vor dem Eingriff gesetzten Katheter oder durch eine in die Vene eingeführte Hohlnadel.

Für die Herstellung der Präparate stehen zwei Wege offen. Bei der Vollblutspende wird eine festgelegte Menge Blut entnommen und anschließend im Labor in seine Bestandteile zerlegt. Bei der Apheresespende dagegen wird das Blut bereits während der Entnahme in einem Gerät aufgetrennt: Der gewünschte Anteil – etwa Plasma oder Blutplättchen – bleibt zurück, alles Übrige fließt dem Spender sofort wieder zu. Diese Trennung ist der Grund, warum eine Plasma- oder Thrombozytenspende häufiger wiederholt werden kann als eine Vollblutspende, bei der dem Körper rote Blutkörperchen und damit auch Eisen entzogen werden.

Der Ablauf einer Spende ist bundesweit ähnlich geregelt. Am Anfang stehen die Anmeldung mit einem amtlichen Ausweis und ein ausführlicher Fragebogen zu Vorerkrankungen, Medikamenten, Auslandsaufenthalten und Verhaltensweisen, die ein Infektionsrisiko mit sich bringen. Es folgen die Messung von Blutdruck, Puls und Körpertemperatur sowie die Bestimmung des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin, meist aus einem Tropfen Blut aus der Fingerbeere; liegt der Wert zu niedrig, wird die Spende zurückgestellt, um den Spender vor einem Eisenmangel zu schützen. Über die Zulassung entscheidet abschließend ein Arzt. Die eigentliche Entnahme erfolgt aus einer Armvene, danach ist eine Ruhephase mit Beobachtung vorgesehen, weil Kreislaufreaktionen die häufigste unerwünschte Wirkung der Spende sind. Zwischen zwei Vollblutspenden ist ein Mindestabstand einzuhalten, und die Zahl der Spenden je Jahr ist begrenzt; für Frauen gelten dabei engere Grenzen als für Männer.

Rückstellungen sind der Regelfall und kein Werturteil über den Spender: Nach einer fieberhaften Infektion, einer Impfung, einer Operation, einer Tätowierung oder einem Piercing sowie nach dem Aufenthalt in Gebieten mit bestimmten Infektionskrankheiten darf für eine festgelegte Zeit nicht gespendet werden. Die Kriterien werden fortlaufend an den Stand der Erkenntnis angepasst. Seit 2023 schreibt das Transfusionsgesetz ausdrücklich vor, dass die sexuelle Orientierung und die Geschlechtsidentität bei der Risikobewertung nicht berücksichtigt werden dürfen; maßgeblich ist stattdessen das individuelle Sexualverhalten, und die entsprechenden Fragen werden allen Spendewilligen gleichermaßen gestellt.

Unabhängig von der Herkunft des Blutes hat sich in den Kliniken ein Konzept durchgesetzt, das den Bedarf an fremdem Blut von vornherein senken soll und als Patient Blood Management bezeichnet wird. Es beruht auf drei Gedanken: eine Blutarmut vor einem geplanten Eingriff zu erkennen und zu behandeln, den Blutverlust während der Operation gering zu halten – etwa durch schonende Operationstechnik, Wärmeerhalt und die maschinelle Autotransfusion, bei der das im Operationsgebiet abgesaugte Blut gewaschen und zurückgegeben wird – und die Schwelle, ab der überhaupt übertragen wird, zurückhaltend zu setzen. Diese zurückhaltende Linie ist der Hintergrund der Beobachtung, dass der Verbrauch an Erythrozytenkonzentraten in Deutschland seit Jahren zurückgeht.

Auch die Eigenblutspende (autologe Bluttransfusion) ist möglich. Hier sind Spender und Empfänger identisch. Dem Patienten wird vier Wochen vor einem geplanten Eingriff, bei dem ein hoher Blutverlust mit einer 10-prozentigen Wahrscheinlichkeit eintritt, in ein bis drei Sitzungen bis zu 900 Milliliter Blut abgenommen. Während des operativen Eingriffs bekommt der Patient seine Eigenblutspende zugeführt. In der Praxis hat die Eigenblutspende allerdings deutlich an Bedeutung verloren, weil Fremdblutkonserven heute sehr sicher sind und die Vorbereitung aufwendig ist. Dank der Richtlinie zur „Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten (Hämotherapie)“ sowie hohen gesetzlichen Anforderungen ist die Transfusionsmedizin heutzutage sehr sicher. Ausgeschlossen sind unerwünschte Wirkungen damit jedoch nicht; sie reichen von leichten Begleiterscheinungen bis zu seltenen schweren Reaktionen.

Eine Blut- oder Stammzellentransfusion kann immunologisch bedingte Komplikationen beim Empfänger auslösen. Das Blutsystem des Patienten reagiert auf die Fremdstoffe im Spenderblut beziehungsweise in den Spender-Stammzellen. Unterschiedliche Blutgruppen von Spender und Empfänger können schwere Abwehrreaktionen wie Herz-Kreislauf-Störungen oder einen anaphylaktischen Schock auslösen. In seltenen Fällen kann es zu einem Nierenversagen kommen. Stimmen die Blutgruppen von Spender und Empfänger überein, kann es zu geringen, kurzzeitigen Nebenwirkungen wie Schüttelfrost, Fieber, Blutdruckabfall oder Übelkeit kommen.


Diagnose & Untersuchungsmethoden

Aufgrund der strengen gesetzlichen Vorschriften sind infektiöse Komplikationen in der Transfusionsmedizin so gut wie ausgeschlossen. In diesen Risikobereich gehören die Übertragung von Krankheitserregern wie HIV sowie Hepatitis B oder C.

Bedingt durch eine zu schnelle Blutübertragung in großer Menge kann es zu einem Lungenödem oder einer Herzinsuffizienz kommen. Modernste Technik prägt die Labore in den Fachkliniken und speziellen Instituten, die die Bereitstellung von Blutkonserven sicherstellen. Nur wenn die gespendeten Blutpräparate frei sind von Krankheitserregern, werden sie für eine Transfusion freigegeben. Damit die Transfusionsmedizin die Sicherheit der Empfänger garantieren kann, ist nicht nur ein moderner Stand der Technik notwendig, sondern auch eine sorgfältige Auswahl der Blut- beziehungsweise Stammzellenspender. Strenge Vorgaben der Bundesärztekammer bestimmen, wer als Spender in Frage kommt und wer nicht.

Jede einzelne Spende wird im Labor untersucht, bevor das Präparat freigegeben wird. Bestimmt werden die Blutgruppe im AB0-System und der Rhesusfaktor; hinzu kommt ein Suchtest auf Antikörper gegen fremde Blutkörperchen. Der zweite Block sind die Infektionstests: Untersucht wird auf HIV, auf Hepatitis B und C sowie auf Syphilis. Neben den klassischen Antikörpertests kommt dabei ein Verfahren zum Einsatz, das Erbmaterial des Erregers unmittelbar nachweist. Es verkürzt das sogenannte diagnostische Fenster – jene Zeitspanne nach einer frischen Ansteckung, in der der Körper noch keine nachweisbaren Antikörper gebildet hat – erheblich und ist ein wesentlicher Grund für die heutige Sicherheit der Präparate. Der Katalog der Pflichtuntersuchungen ist nicht festgeschrieben, sondern wird erweitert, sobald ein Erreger als über Blutprodukte übertragbar erkannt wird.

Auch die Verarbeitung dient der Sicherheit. Seit Anfang der 2000er Jahre werden in Deutschland Erythrozyten- und Thrombozytenkonzentrate von weißen Blutkörperchen befreit; diese Leukozytendepletion verringert Fieberreaktionen und die Bildung von Antikörpern gegen fremde Gewebemerkmale. Für Empfänger mit stark geschwächtem Immunsystem können die Präparate zusätzlich bestrahlt werden, damit übertragene Abwehrzellen des Spenders sich nicht gegen den Körper des Empfängers richten. Gefrorenes Frischplasma wird vor der Freigabe für eine festgelegte Zeit in Quarantäne gehalten und erst abgegeben, wenn der Spender bei einer erneuten Untersuchung unauffällig geblieben ist.

Die Blutspenden werden in ihre drei Bestandteile aufgetrennt: rote Blutkörperchen (Erythrozyten), Blutplättchen (Thrombozyten) und Blutplasma. Während die roten Blutkörperchen die Sauerstoffversorgung sicherstellen, sind die Blutplättchen entscheidend an der Blutgerinnung beteiligt. Das Plasma ist die Blutflüssigkeit. Die Transfusion von Vollblut ist heute nicht mehr üblich. Erythrozytenkonzentrate stammen immer von einer einzelnen Spende. Thrombozytenkonzentrate werden dagegen häufig aus den Spenden mehrerer Menschen zusammengeführt; die gesetzlichen Vorschriften verlangen dabei, dass jede einzelne Blutkonserve über ihre Chargenbezeichnung bis zu den Spendern nachvollziehbar bleibt. Gelagert werden die Blutkonzentrate in sogenannten Blutbanken. Spezialisierte Kliniken für Transfusionsmedizin unterhalten hauseigene umfangreiche Blutbanken, während Krankenhäuser Blutbanken mit geringer Kapazität vorhalten, um den Eigenbedarf zu decken.

Die Transfusionsmediziner müssen den Bedarf an Blutkonserven genau planen, denn Erythrozyten-Konzentrate sind nur 42 Tage haltbar, während Thrombozyten bereits nach vier Tagen nicht mehr eingesetzt werden dürfen. Lediglich Blutplasma ist tiefgefroren zwei Jahre haltbar. Durch diese Auftrennung wird sichergestellt, dass der Empfänger bei einer Bluttransfusion nur die Blutbestandteile erhält, die er wirklich braucht. Steht fest, dass ein Patient eine Bluttransfusion benötigt, führt der Transfusionsmediziner ein ausführliches Gespräch mit dem Betroffenen und holt sein Einverständnis ein.

Nur im Notfall bekommt ein Patient eine Bluttransfusion ohne seine Zustimmung, wenn zum Beispiel nach einem Unfall bei hohem Blutverlust akute Lebensgefahr besteht. Der behandelnde Arzt stellt sicher, dass der Patient das für ihn passende Transfusionspräparat bekommt. Eine Blutgruppenbestimmung und eine Verträglichkeitsprobe in Form einer Kreuzprobe stellen sicher, dass Spender und Empfänger zueinander passen. Eine geringe Menge des Patientenplasmas wird im Labor mit den roten Blutkörperchen aus dem vorgesehenen Konzentrat (Blutkonserve) des Spenders vermischt.

Die Blutbeutel enthalten Schlauchsegmente mit kleinen Mengen des Spenderblutes, um die Kreuzprobe durchzuführen. Unmittelbar vor der Bluttransfusion erfolgt eine nochmalige Überprüfung der Blutgruppe des Empfängers durch den sogenannten Bedside-Test, um verbleibende Risiken wie Verwechslungen auszuschließen. Diesen Test führt der transfundierende Arzt unmittelbar am Krankenbett durch; er ist auch bei einer Eigenblutübertragung und im Notfall vorgeschrieben.

Steht das Ergebnis der Verträglichkeitsprüfung wegen akuter Lebensgefahr nicht rechtzeitig zur Verfügung, greift die Notfallversorgung auf Erythrozytenkonzentrate der Blutgruppe 0 mit negativem Rhesusfaktor zurück, die von nahezu jedem Empfänger vertragen werden; Blutgruppenbestimmung und Kreuzprobe werden dann nachgeholt. Weil diese Präparate für alle passen, sind sie ständig knapp, obwohl die Blutgruppe 0 in der Bevölkerung häufig vorkommt. Beim Plasma verhält es sich umgekehrt: Hier passt die Blutgruppe AB zu allen Empfängern, weil das Plasma dieser Gruppe keine Antikörper gegen fremde Blutkörperchen enthält.

Für unerwünschte Wirkungen nach einer Übertragung hat die Transfusionsmedizin eine eigene Systematik entwickelt. Die weiter oben beschriebene Überlastung des Kreislaufs durch eine zu große oder zu schnell zugeführte Menge wird als transfusionsassoziierte Kreislaufüberladung bezeichnet; betroffen sind vor allem ältere Menschen und Herzkranke. Davon abzugrenzen ist eine seltene, akut auftretende Schädigung der Lunge, die sich innerhalb weniger Stunden nach der Übertragung mit Atemnot äußert und auf Antikörper im Spenderpräparat zurückgeführt wird. Neben diesen Sofortreaktionen gibt es verzögerte: Bildet der Empfänger nach einer Übertragung Antikörper gegen ein Blutgruppenmerkmal, das er selbst nicht besitzt, kann eine spätere Transfusion zu einem beschleunigten Abbau der übertragenen Blutkörperchen führen. Solche Antikörper werden deshalb in einem Notfallausweis dokumentiert, den der Patient mit sich führt und bei jeder weiteren Behandlung vorlegt.

Jede Anwendung wird patientenbezogen dokumentiert, und die Unterlagen werden über Jahrzehnte aufbewahrt, damit sich im Verdachtsfall der Weg einer Konserve in beide Richtungen zurückverfolgen lässt: vom Empfänger zum Spender und vom Spender zu allen weiteren Empfängern. Verdachtsfälle unerwünschter Wirkungen sowie Zwischenfälle bei Gewinnung und Herstellung werden an das Paul-Ehrlich-Institut gemeldet, das die Meldungen bundesweit auswertet und veröffentlicht. Dieses Meldewesen wird als Hämovigilanz bezeichnet; es ist der Grund, warum sich die Risiken der Bluttransfusion in Deutschland vergleichsweise genau beziffern lassen. Ergänzt wird es durch ein Qualitätssicherungssystem, das die Krankenhäuser verpflichtet, den eigenen Verbrauch zu erfassen und regelmäßig zu berichten.

Quellen

  • Kiefel, V., Sachs, U. J. (Hrsg.): Transfusionsmedizin und Immunhämatologie.
    ISBN: 9783662718247
  • Kreuzer, K.-A. (Hrsg.): Referenz Hämatologie.
    ISBN: 9783132400535
  • Berger, D. P., Engelhardt, M., Duyster, J.: Das Rote Buch – Hämatologie und Internistische Onkologie.
    ISBN: 9783609512242
  • Andreesen, R., Heimpel, H. (Hrsg.): Klinische Hämatologie.
    ISBN: 9783437295904
  • Herold, G.: Innere Medizin 2026.
    ISBN: 9783982116655

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