Anhaltende somatoforme Schmerzstörung

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 6. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Manche Menschen leiden unter diffusen körperlichen Beschwerden und müssen von Ärzten immer wieder hören, dass sie "nichts haben", obwohl sie unter diversen Beschwerden leiden. Meistens handelt es sich um eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung (ASS). Ein weiteres Synonym für die Erkrankung ist die Psychalgie.

Inhaltsverzeichnis

Was ist eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung?

Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung wird nicht durch körperliche Störungen verursacht, sondern durch eine erhöhte Schmerz- und Stressempfindung der Betroffenen gegenüber anderen Menschen.
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Bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung handelt es sich um ein Beschwerdebild, bei dem Betroffene über Monate unter anhaltenden Schmerzen leiden, für die keine organische Ursache vorliegt.

Meistens besteht ein enger Zusammenhang mit psychischen Belastungssituationen. Zumindest als Auslöser, für den Schweregrad und die Dauer spielen sie eine Rolle. Der Schmerz kann subjektiv sehr stark empfunden werden, ohne dass Betroffene ihn simulieren.

Er bestimmt das ganze Leben und kann die Arbeit, soziale Kontakte etc. stark beeinträchtigen. Auf die Dauer kann die anhaltende somatoforme Schmerzstörung zu Depressionen und zu erhöhter Suizidneigung führen.

Ursachen

Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung wird nicht durch körperliche Störungen verursacht, sondern durch eine erhöhte Schmerz- und Stressempfindung der Betroffenen gegenüber anderen Menschen.

Psychische Faktoren spielen eine große Rolle, weil der Sitz des Schmerzempfindens im gleichen Gehirnareal ist wie die Gefühle. Auf diese Weise kommt es zur Koppelung von Schmerzempfinden mit negativen Gefühlen wie Mangel-, Verlusterfahrungen und Ausgrenzung. Viele Faktoren können eine Rolle spielen, z. B. Probleme in der Herkunftsfamilie, real erlebte Schmerzerfahrungen, chronische Krankheiten, Alkoholabhängigkeit, Trennung/Scheidung, körperliche Gewalt oder emotionale Mangelerfahrungen.

Weil soziale und körperliche Empfindungen auf der neurobiologischen Ebene miteinander verknüpft sind, werden mit negativen Gefühlen gleichzeitig Schmerzempfindungen ausgelöst.


Symptome, Beschwerden & Anzeichen

Für die anhaltende, somatoforme Schmerzstörung gibt es keine Leitsymptome im körperlichen Sinne. Die wichtigsten Kennzeichen sind die körperlichen Beschwerden selbst und deren Dauer. Der Schmerz besteht dabei über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Er wird als chronisch und stark erlebt. Körperregion und Ausprägung können häufig wechseln, ohne dass es regelmäßiges Muster gibt.

Für die erlebten Schmerzen findet sich bei medizinischen Untersuchungen keine ausreichende körperliche Erklärung. Meist tritt er im Zusammenhang mit emotionalen Konflikten oder psychosozialen Problemen auf. Bei den genauen Symptomen gibt es ein große Vielfalt, denn die Störung kann in allen Organsystemen auftreten. Besonders häufig sind die Beeinträchtigungen im Herz-Kreislauf-System, im Magen-Darm-Trakt, im Urogenitaltrakt, bei der Atmung und bei den Muskeln und Gelenken.

Ist das Herz-Kreislauf-System betroffen, klagen die meisten Patienten über Brustschmerzen, Druckgefühl in der Brust, Herzstolpern oder -flattern. Die Symptome im Magen-Darm-Trakt hingegen sind vom Reizdarm kaum zu unterscheiden. Hier werden Verdauungsbeschwerden wie Durchfall, Verstopfung, Völlegefühl oder Blähungen beschrieben.

Im Bereich der Blase treten vor allem ein Stechen beim Wasserlassen, häufiges Wasserlassen und Unterbauchschmerzen auf. Die Atmung kann durch Luftnot und Kurzatmigkeit beeinträchtig sein, was Panikattacken auslösen kann. Bei den Muskeln und Gelenken sind vor allem Rückenschmerzen oder Schmerzen in den Extremitäten zu nennen.

Diagnose & Verlauf

Anhaltende Schmerzen führen zu einem Leidensdruck, der Betroffene veranlasst, medizinische Hilfe zu suchen. Der Arzt führt zunächst eine gründliche Anamnese durch, weil im Leben der Betroffenen oft körperliche Misshandlungserfahrungen eine Rolle spielen. Die Schmerzen werden eher gefühlsmäßig beschrieben, weniger sensorisch als "brennend" oder "ziehend".

Gemäß den ICD-Richtlinien müssen die Schmerzen über einen Zeitraum von 6 Monaten andauern. Psychischen Auslösefaktoren müssen abgegrenzt werden von belastenden Faktoren, die erst im Verlauf der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung aufgetreten sind. Es dürfen keine Schmerzverläufe im Rahmen einer Schizophrenie oder bei Depressionen berücksichtigt werden und auch keine hypochodrischen Anzeichen.

Schmerzen kennt jeder Mensch. Meistens verschwinden sie von allein. Bei Betroffenen der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung können sie in jungen Jahren auftreten, aber auch erst in späteren. Bei denen, die psychiatrische Hilfe suchen, existieren die Schmerzen meistens über Jahre. Für diejenigen, die trotz der Schmerzen die ASS nicht zum Hauptlebensinhalt machen und weiterhin ihrer Arbeit nachgehen, soziale Kontakte pflegen, scheint es eine günstigere Prognose zu geben als für diejenigen, die sich von der Krankheit beherrschen lassen.

Komplikationen

Eine angemessene und frühzeitig beginnende Therapie beeinflusst maßgeblich eine Prognose für die somatoforme Schmerzstörung. Je früher diese Erkrankung als solche erkannt wird und Gegenmaßnahmen eingeleitet werden können, desto besser sind die Aussichten auf eine schmerzfreie Zukunft. Nur so kann verhindert werden, dass die Schmerzstörung dauerhaft bestehen bleibt.

Sollte die autonome Funktionsstörung mit Depressionen und Angststörungen einhergehen, ist auch eine psychotherapeutische Behandlung notwendig. Einzelgespräche oder auch eine Gruppentherapie, sind denkbare Instrumente um die Symptome dieser Erkrankung zu lindern und die Prognose zu verbessern. Im Einzelfall allerdings ist die Krankheitsdauer entscheidend für einen Therapieverlauf und den damit verbundenen Aussichten auf eine beschwerdefreie Zeit.

In der Regel handelt es sich bei der somatoformen Schmerzstörung um eine chronische Erkrankung, weil sie nicht als solche erkannt und unbemerkt bleibt. Die vorhandenen Symptome und damit verbundenen Schmerzen werden meist im Zusammenhang mit körperlichen Erkrankungen gesehen. Sehr häufig folgen Untersuchungen und erfolglose Therapien. Auch wenn das Umfeld gut reagiert und die Erkrankung schnell erkennt, kann der Weg zur Besserung ein langer sein.

Wann sollte man zum Arzt gehen?

Wer eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung erlebt, hat oft eine Odyssee durch Arztpraxen hinter sich. Viele Betroffene fühlen sich nicht ernst genommen. Sie meiden daher ab einem bestimmten Zeitpunkt weitere Arztbesuche. Das ist falsch, denn auch diesen Patienten sollte Hilfe zuteil werden.

Wenn Schmerz Ausdruck seelischer Not oder traumatischer Erlebnisse ist, ist dies kein Grund, die Betroffenen zu stigmatisieren. Schmerzen werden dadurch nicht kleiner. Im Gegenteil müsste die Therapie wesentlich umfassender ausfallen und den leidenden Menschen ins Zentrum stellen. Außerdem ist die Erkenntnis wichtig, dass eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung auch auf einseitige Tätigkeiten und diagnostizierte Skeletterkrankungen zurückgeführt werden kann.

Der bereits chronifizierte Schmerz kann oft mit monatelanger Physiotherapie gelindert werden. Gegebenenfalls können auch eine begleitende Psychotherapie oder eine konventionelle Schmerzbehandlung helfen. Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung ist behandelbar. Der chronifizierte Schmerzreiz kann zumindest in Teilen wieder verlernt werden. Man kann ihm durch manuelle Therapien entgegenarbeiten und versuchen, die auslösenden Ursachen zu ermitteln. Daher sollten die Betroffenen so lange zum Arzt gehen, bis sie Hilfe erfahren und auf Verständnis stoßen.

Eine anhaltende somatoforme Schmerzstörung kann, muss aber nicht, eine Reaktion des Körpers auf seelisch belastende Situationen sein. Insofern ist es nützlich, wenn die Betroffenen auch durch Selbsthilfemaßnahmen versuchen, den schmerzenden Körper zu entlasten.

Behandlung & Therapie

Sinnvoll bei der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung ist ein komplexes Vorgehen. Psychosomatische Spezialkliniken bieten Betroffenen die Möglichkeit eines stationären Aufenthaltes anbieten und arbeiten mit verschiedenen Therapieansätzen arbeiten.

Zunächst einmal lernt der Patient, körperliche und seelische Faktoren auseinanderzuhalten und dadurch seine Symptome klarer einzuordnen. In der Therapie erarbeitet man mit dem Patienten ein persönliches Erklärungsmodell, das auch die psychischen Faktoren der ASS berücksichtigt, damit die Betroffenen sich nicht für "verrückt" oder "geistesgestört" halten.

Verhaltenstherapeutische Methoden helfen dem Patienten, negative Denkmuster zu verändern, Vermeidungsverhalten einzudämmen und persönliche Ressourcen zu stärken. Oft werden sie mit Entspannungstechniken kombiniert wie der Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenen Training oder Biofeedback.

Durch tiefenpsychologische Sitzungen werden traumatische Erfahrungen im Kindesalter, Bindungsprobleme und seelische Faktoren bearbeitet.

Auch Körper-, Musik- oder Kunsttherapie sind bei der Behandlung ASS förderlich.

Eine Behandlung mit Schmerzmitteln bringt - wenn überhaupt - nur kurzfristig Besserung. Eher können noch Antidepressiva helfen, sich etwas vom Schmerz zu distanzieren. Das Hauptaugenmerk liegt auf der psychischen Stabilisierung.

Aussicht & Prognose

Eine psychotherapeutische Behandlung kann die Prognose der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung verbessern. Je nachdem, wie komplex und wie hartnäckig die Erkrankung ist, reichen die therapeutischen Interventionen von Psychoedukation bis zu langen Therapien.

Wenn der Betroffene neben der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung noch unter einer weiteren psychischen Krankheit leidet, wird diese bei der Psychotherapie meistens ebenfalls behandelt. Häufig tritt beispielsweise eine Depression, eine andere affektive Störung oder eine spezifische Phobie gemeinsam mit der somatoformen Schmerzstörung auf.

Ein Arzt oder Psychotherapeut diagnostiziert die anhaltende somatoforme Schmerzstörung oft erst, wenn der Patient bereits seit längerer Zeit unter der Krankheit leidet. Ein Grund dafür sind die umfangreichen Untersuchungen, die für die Diagnostik notwendig sind: Bevor die anhaltende somatoforme Schmerzstörung diagnostiziert werden kann, muss eine primäre körperliche Ursache für die Schmerzen zunächst ausgeschlossen werden.

Verschiedene individuelle Faktoren beeinflussen die Prognose der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung. Soziale Stressoren können dazu führen, dass die anhaltende somatoforme Schmerzstörung länger bestehen bleibt, mehr Körperregionen betroffen sind oder sich die empfundenen Schmerzen verstärken. Dasselbe gilt für psychische Stressoren, wobei sich vor allem eine emotionale Belastung negativ auf die Prognose auswirken kann.


Vorbeugung

Eine sinnvolle Vorbeugung besteht darin, sein ganzes Leben nicht von den Schmerzen bestimmen zu lassen und psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn für körperliche Beschwerden keinen organische Ursache gefunden werden kann. Ein ausgewogenes Leben mit sozialen Kontakten trägt wesentlich zur Stabilisierung der seelischen Gesundheit bei.

Nachsorge

Bei anhaltenden somatoformen Schmerzstörungen gehen die Mediziner meist davon aus, dass diese vor allem psychische Ursachen haben. Trotzdem sind organische Ursachen möglich oder spielen mit hinein. Skelettschäden oder Erkrankungen können letztlich für die anhaltende somatoforme Schmerzstörung auch alleinige Verursacher darstellen. Die Psychiatrisierung der Patienten ist in vielen Fällen politisch gewollt. Die gewählte Betrachtungsweise ist eine Frage von Paradigmata.

In den meisten Fällen hat die Nachsorge bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung sowohl psychische als auch körperliche Komponenten. Zu den psychischen Hilfestellungen kann es gehören, eine multimodale schmerztherapeutische Maßnahme mit psychologischen Bausteinen, eine Verhaltenstherapie oder eine Gesprächstherapie zu absolvieren. Der Betroffene soll lernen, seine körperlichen Bedürfnisse besser zu achten.

Viele Nachsorgemaßnahmen setzen auf Eigenverantwortlichkeit. Um die Psyche zu entlasten, sollte der Arbeitsanfall gemindert werden und stressmindernde Strategien erlernt werden - zum Beispiel durch ein Resilienztraining. Moderater Sport zeigt bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung eine sehr gute Wirkung auf der körperlichen Ebene. Dabei sollten schonende Sportarten wie Schwimmen, Walken, Radfahren, Yoga oder asiatische Sportarten wie Tai chi oder Chi Gong bevorzugt werden.

Eine längere Betreuuung ist bei einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung auch durch den Physiotherapeuten möglich. Statt dauerhaft auf Schmerzmittel angewiesen zu sein oder in Frührente gehen zu müssen, wären physiotherapeutische Dauerbehandlungen sinnvoll.

Das können Sie selbst tun

Tiefenentspannung kann dazu beitragen, die Symptome der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung zu lindern. Autogenes Training und Progressive Muskelrelaxation sind geeignete Verfahren und besonders wirksam, wenn der Betroffene sie regelmäßig anwendet. Personen, die unter einer anhaltenden somatoformen Schmerzstörung leiden, können sich einen festen Zeitpunkt am Tag reservieren, um ohne zeitlichen Druck die Entspannungsübung durchzuführen.

Achtsamkeit hat einen ähnlich positiven Effekt. Ziel von Achtsamkeitsübungen oder -meditationen ist es, Sinnesreize bewusst wahrzunehmen und zu akzeptieren, ohne sie zu bewerten. Entspannung kann dabei ebenfalls eintreten. Suggestive Meditationen und (Selbst-)Hypnose können einigen Betroffenen dabei helfen, negative Einstellungen und Denkmuster zu verändern.

Entspannungsverfahren sind bei einer psychotischen Störung und akuten manischen Episode nicht empfehlenswert, da sie zur Verschlechterung der psychotischen/manischen Symptomatik führen können. Auch während einer Migräneattacke sind sie kontraindiziert.

Da Schlafstörungen eine häufige Komorbidität der anhaltenden somatoformen Schmerzstörung sind, kann sich die Selbsthilfe auch auf diesen Aspekt fokussieren. Für eine gute Schlafhygiene ist regelmäßiger Schlaf sehr wichtig: Jeden Tag zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen hilft dem Körper dabei, eine feste Routine zu entwickeln. Ein ruhiges Abendritual unterstützt den Schlaf ebenfalls. Unmittelbar vor dem Zubettgehen sind ruhige Beschäftigungen wie Malen oder Stricken von Vorteil.

Derartige Maßnahmen können eine psychotherapeutische Behandlung ergänzen und sind in der Regel sehr sinnvoll. Die anhaltende somatoforme Schmerzstörung ist eine anerkannte Krankheit. Betroffene müssen sich deshalb nicht auf Selbsthilfe und kleine Verbesserungen im Alltag beschränken, sondern haben das Recht auf eine angemessene Therapie.

Quellen

  • Davison, G.C., Neale, J.M., Hautzinger, M.: Klinische Psychologie. Beltz PVU, München 2007
  • Kröner-Herwig, B., Frettlöh, J., Klinger, R., Nilges, P. (Hrsg.): Schmerzpsychotherapie. Springer, Berlin 2011
  • Morschitzky, H.: Somatoforme Störungen – Diagnostik, Konzepte und Therapie bei Körpersymptomen ohne Organbefund. Springer, Wien 2007

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