Lithiumtherapie

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Die Lithiumtherapie wird bei affektiven Störungen und bei therapieresistenter Schizophrenie eingesetzt. Lithium bewirkt eine Stabilisierung der Stimmung und ist bei affektiven Störungen der einzige bekannte Arzneistoff, dem eine suizidverhütende Wirkung zugeschrieben wird.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Lithiumtherapie?

Bei der in der Psychiatrie eingesetzten Lithiumtherapie wird Lithium zur Stabilisierung der Stimmung verabreicht. Die Anwendung von Lithium als Arzneistoff im Kontext der Psychiatrie erfolgt seit der Mitte des 20. Jahrhunderts.

Lithium ist bei affektiven Störungen, z. B. bei Depressionen und der bipolaren Störung, der einzige Arzneistoff, dem eine suizidverhütende Wirkung zugeschrieben wird. Lithium wird nicht selbst, sondern in Form seiner Salze verabreicht. Die Lithiumtherapie gilt als gut erforscht. In der richtigen Dosierung sind die Salze des Lithiums gut verträglich und wirksam. Der genaue Wirkmechanismus der Lithiumtherapie ist jedoch nicht bekannt.

Funktion, Wirkung & Ziele

Die Lithiumtherapie wird bei wiederkehrenden Depressionen, wiederkehrenden Phasen von Manie und Depression im Rahmen der bipolaren Störung und bei therapieresistenter Schizophrenie angewendet. Überdies wird Lithium auch als Mittel der zweiten Wahl zur vorbeugenden Behandlung des Cluster-Kopfschmerzes angewendet.

Zur Stabilisierung der Stimmung stehen daneben Antiepileptika und Antipsychotika zur Verfügung; welcher Wirkstoff gewählt wird, richtet sich nach dem Krankheitsbild und dem bisherigen Verlauf. Erstmals als psychiatrisches Medikament beschrieben wurde Lithium im Jahre 1949 durch den australischen Psychiater John F. Cade. Dieser hatte die antimanische Wirkung des Stoffes eher zufällig in einem Tierversuch entdeckt und den Stoff anschließend seinen manischen Patienten verabreicht und auch bei diesen eine Wirkung festgestellt. Cade war bis zu seinem Tod maßgeblich an der Weiterentwicklung der Therapie mit Lithium beteiligt.

Der genaue Wirkmechanismus des Stoffes ist trotz der guten Erforschung bis heute nicht bekannt. Es ist lediglich erwiesen, dass die Salze des Lithiums an sehr vielen unterschiedlichen Stellen verändernd auf die Funktionen des Körpers einwirken. Allgemein wird vermutet, dass die Wirksamkeit der Lithiumtherapie bei den genannten psychiatrischen Erkrankungen darauf beruht, dass während einer manischen Episode durch das Lithium ein Überschuss an Noradrenalin gesenkt wird, wohingegen während depressiver Episoden die Produktion des Serotonins angeregt wird. Die Lithiumtherapie kann somit, sofern sie über eine längere Zeit hinweg durchgeführt wird, zu einem Ausgleichen der Stimmung des Patienten führen.

Die Annahme erscheint insofern schlüssig, als dass sich die Effekte des Lithiums durch die regulierende und ausgleichende Wirkung logisch erklären lassen würden. Ein abschließender Nachweis, dass die Wirkung tatsächlich aus den genannten Vorgängen resultiert, ist bisher jedoch nicht erbracht worden. Die therapeutische Breite, also der Bereich zwischen der effektiven und der schädlichen Dosis, ist beim Lithium gering. Aus diesem Grund ist von einer Selbstdurchführung der Lithiumtherapie klar abzuraten. Des Weiteren muss die Konzentration des Lithiums im Blut während der Therapie regelmäßig kontrolliert werden, um eine Überdosierung ausschließen zu können.

Absolute Kontraindikationen bestehen im akuten Myokardinfarkt, einer ausgeprägten Hyponatriämie (zu geringe Natriumkonzentration im Blut), einer schweren Niereninsuffizienz, akutem Nierenversagen und einer schweren Herzinsuffizienz. Zudem bestehen in einer Schwangerschaft und im Vorliegen des Morbus Addison (Nebennierenrindeninsuffizienz) relative Kontraindikationen. Zur Umsetzung der Lithiumtherapie während der Schwangerschaft liegen einige Erkenntnisse vor.

Da nach einer Lithiumtherapie während der Schwangerschaft gehäuft Fehlbildungen bei den Neugeborenen auftraten, wurden die Salze des Lithiums als teratogen (fruchtschädigend) angesehen und von einer Anwendung in der Schwangerschaft abgeraten, um das ungeborene Kind nicht zu gefährden. Heute hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Lithiumtherapie in der Schwangerschaft zwar durchaus risikobehaftet ist, jedoch nicht in jedem Falle ausgeschlossen werden sollte. Auch die mit der Lithiumtherapie gut zu behandelnden Erkrankungen können für das ungeborene Kind gefährlich werden.

Lange Zeit galt das Risiko für Fehlbildungen des Neugeborenen nach einer Lithiumtherapie der Schwangeren als um ein Vielfaches erhöht. Nach heutigem Kenntnisstand ist es erhöht und betrifft vor allem Fehlbildungen des Herzens, darunter die sonst sehr seltene Ebstein-Anomalie; besonders ins Gewicht fällt eine Anwendung im ersten Schwangerschaftsdrittel. Als Richtlinie gilt heute eine sehr strenge Indikationsstellung; eine erwünschte gleichbleibend niedrige Serumkonzentration des Lithiums, wozu eine Dosisanpassung notwendig ist; eine im Einzelfall zu treffende Entscheidung über den Lithiumspiegel um den Geburtstermin; eine Überwachung des Neugeborenen auf Symptome einer Vergiftung und, sofern die Therapie bereits im ersten Drittel der Schwangerschaft erfolgt, eine Ultraschalldiagnostik und Echokardiographie des Fötus.

Lithium ist bei affektiven Störungen das einzige Mittel, für das eine Senkung der Suizidgefahr beschrieben ist. Darüber hinaus fand eine Gruppe der Medizinischen Universität Wien Hinweise darauf, dass die Suizidrate in Regionen mit einer hohen Konzentration von Lithium im Trinkwasser niedriger ist als in Regionen mit einer niedrigen Konzentration des Stoffes im Trinkwasser; ein ursächlicher Zusammenhang ist damit jedoch nicht belegt.


Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren

Die Lithiumtherapie ist, wie auch jede andere Arzneimitteltherapie, mit gewissen Risiken verbunden. So kann es im Rahmen der Therapie zu einigen mehr oder weniger schwerwiegenden Nebenwirkungen kommen. Eine Gewichtszunahme, Kreislaufstörungen, ein besonders in den Händen auftretendes Zittern, Übelkeit, Erbrechen, Veränderungen des Blutbilds (Leukozytose), Müdigkeit, verstärkter Durst und verstärktes Wasserlassen, Durchfall und eine Unterfunktion der Schilddrüse sind typische Nebenwirkungen der Lithiumtherapie.

Wird die therapeutische Dosis überschritten, kann es zu Schläfrigkeit, Krämpfen und Koma kommen. Da die therapeutische Breite des Arzneistoffes gering ist, ist eine regelmäßige Kontrolle des Serumspiegels empfohlen, um die Gefahr des Auftretens derartiger Komplikationen zu senken. Bei längerer Anwendung kann es auch in therapeutischen Dosen zum Diabetes insipidus, zur Azidose (Übersäuerung des Blutes) und zur sogenannten Lithium-Nephropathie mit eingeschränkter Nierenfunktion kommen.

Ibuprofen, Diclofenac und andere NSAR sowie ACE-Hemmer interagieren insofern mit Lithium, als dass sie die Ausscheidung des Stoffes hemmen. Lithium macht nicht abhängig. Dennoch ist ein Ausschleichen notwendig, um Nebenwirkungen des Absetzens zu vermeiden.

Vor Beginn der Behandlung

Weil Lithium in den Salz- und Wasserhaushalt eingreift und über die Nieren ausgeschieden wird, geht der Behandlung eine gründliche Bestandsaufnahme voraus. Sie beginnt mit der Anamnese: Erfragt werden Vorerkrankungen, insbesondere solche der Nieren, des Herzens und der Schilddrüse, sowie sämtliche eingenommenen Präparate einschließlich rezeptfreier Schmerzmittel. Der Grund für diese Sorgfalt liegt in der geringen therapeutischen Breite des Arzneistoffs: Der Abstand zwischen der wirksamen und der schädlichen Konzentration ist klein, sodass schon mäßige Verschiebungen im Körperhaushalt Bedeutung erlangen.

Vor Beginn werden daher die Nierenfunktion und die Werte der Schilddrüse bestimmt. Hinzu kommt die Untersuchung des Kalziumhaushalts, weil Lithium die Tätigkeit der Nebenschilddrüse beeinflussen und zu einer Hyperkalzämie führen kann. Bei entsprechender Vorgeschichte wird die Herzfunktion mittels Elektrokardiogramm beurteilt. Bei Frauen im gebärfähigen Alter wird eine bestehende Schwangerschaft ausgeschlossen und die Familienplanung angesprochen, da sich daraus Folgen für die Wahl des Wirkstoffs ergeben.

Diese Erhebung dient zwei Zwecken. Zum einen deckt sie Gegenanzeigen auf. Zum anderen schafft sie einen Ausgangswert, an dem sich spätere Veränderungen messen lassen. Wird beispielsweise Jahre später eine verminderte Nierenleistung festgestellt, ist ohne diesen Ausgangsbefund kaum zu beurteilen, ob sie mit der Behandlung zusammenhängt oder schon vorher bestand.

Zum Vorgespräch gehört außerdem die Aufklärung darüber, dass die vorbeugende Wirkung nicht sofort einsetzt. Während sich eine akute Manie vergleichsweise zügig beeinflussen lässt, zeigt sich der stimmungsstabilisierende Effekt über längere Zeiträume und erfordert eine gleichmäßige Einnahme über Monate und Jahre. Behandelte werden zudem darauf hingewiesen, dass Lithiumpräparate verschiedener Hersteller unterschiedliche Salze und Zubereitungen enthalten und deshalb nicht ohne ärztliche Rücksprache gegeneinander ausgetauscht werden.

Verlaufskontrollen

Die Lithiumtherapie ist eine der wenigen Arzneimittelbehandlungen in der Psychiatrie, bei der die Konzentration des Wirkstoffs im Blut regelmäßig gemessen wird. Dieses Vorgehen wird als therapeutisches Arzneimittelmonitoring bezeichnet. Es ist notwendig, weil sich aus der eingenommenen Menge allein nicht zuverlässig ableiten lässt, welche Konzentration sich im Körper einstellt: Nierenleistung, Salzhaushalt, Alter und Begleitmedikation wirken darauf ein.

Damit die gemessenen Werte untereinander vergleichbar sind, wird die Blutentnahme in einem festgelegten zeitlichen Verhältnis zur letzten Einnahme vorgenommen. Eine Probe, die zu einem anderen Zeitpunkt gewonnen wurde, lässt sich nicht ohne Weiteres mit den vorherigen Messungen in Beziehung setzen. Welche Werte im Einzelfall angestrebt werden und in welchen Abständen kontrolliert wird, legt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt fest; die Vorgaben unterscheiden sich je nach Behandlungsziel und Lebenssituation.

Neben der Konzentration im Blut werden im Verlauf auch die Nierenwerte und die Schilddrüsenfunktion überprüft, ebenso das Körpergewicht. Eine Unterfunktion der Schilddrüse gehört zu den häufigeren Begleiterscheinungen einer längeren Lithiumbehandlung. Sie ist kein zwingender Grund, die Therapie zu beenden, da sie sich mit einem Schilddrüsenhormon ausgleichen lässt. Anlass für eine zusätzliche Kontrolle außerhalb der Routine besteht immer dann, wenn sich der Zustand ändert: bei fieberhaften Erkrankungen, bei anhaltendem Erbrechen oder Durchfall, bei einer neuen Verordnung eines anderen Arztes oder vor einem geplanten operativen Eingriff.

Wechselwirkungen und Einflüsse aus dem Alltag

Lithium wird im Körper nicht abgebaut, sondern nahezu unverändert über die Nieren ausgeschieden. Dabei verhält es sich ähnlich wie Natrium und wird an denselben Stellen der Niere zurückgewonnen. Aus dieser Verwandtschaft erklärt sich der größte Teil der Wechselwirkungen: Alles, was den Körper zur Rückgewinnung von Natrium veranlasst, führt zugleich dazu, dass mehr Lithium im Körper bleibt.

Praktisch bedeutsam ist dies bei mehreren Arzneimittelgruppen. Entzündungshemmende Schmerzmittel aus der Gruppe der nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) mindern die Ausscheidung und lassen die Konzentration ansteigen. Dasselbe gilt für ACE-Hemmer und verwandte Blutdrucksenker sowie für bestimmte harntreibende Mittel aus der Gruppe der Diuretika. Diese Präparate sind nicht grundsätzlich verboten, erfordern aber eine engmaschigere Überwachung und werden nur nach ärztlicher Abstimmung angesetzt. Da entzündungshemmende Schmerzmittel in geringer Wirkstärke rezeptfrei erhältlich sind, kommt der Nachfrage in der Apotheke hier besondere Bedeutung zu.

Ebenso wichtig sind die Einflüsse, die nicht aus der Hausapotheke stammen. Starke Flüssigkeits- und Salzverluste durch schweres Schwitzen, fieberhafte Infekte, Durchfallerkrankungen oder eine ungewohnte Hitzebelastung verändern den Haushalt in dieselbe Richtung. Auch salzarme Ernährungsformen und Fastenkuren greifen in dieses Gefüge ein. Aus diesem Grund werden solche Umstellungen mit der behandelnden Praxis besprochen, statt sie eigenmächtig vorzunehmen.

Umgekehrt kann eine deutlich gesteigerte Salzzufuhr die Ausscheidung erhöhen und die Wirkung abschwächen. Nicht die einzelne Mahlzeit ist dabei entscheidend, sondern eine anhaltende Veränderung der Gewohnheiten. Insgesamt beruht die Verträglichkeit der Lithiumtherapie damit weniger auf einer einzelnen Vorsichtsmaßnahme als auf einer möglichst gleichbleibenden Lebensführung und dem regelmäßigen Kontakt zur behandelnden Praxis.

Anzeichen einer Überdosierung

Da der Abstand zwischen wirksamer und schädlicher Konzentration gering ist, gehört das Erkennen einer beginnenden Vergiftung zu den zentralen Inhalten der Patientenaufklärung. Die Übergänge sind fließend, und die ersten Zeichen werden leicht für eine Magen-Darm-Erkrankung oder für Nebenwirkungen anderer Art gehalten.

Als frühe Hinweise gelten ein zunehmendes, grobschlägiges Zittern der Hände, das sich vom feinen Zittern zu Behandlungsbeginn unterscheidet, ferner Übelkeit, Erbrechen und Durchfall, ausgeprägte Müdigkeit sowie Muskelschwäche. Bei weiterem Anstieg kommen Gangunsicherheit, eine verwaschene Sprache, Schwierigkeiten bei der Koordination sowie Verwirrtheit hinzu. Der bereits beschriebene Verlauf bis hin zu Krampfanfällen und Bewusstlosigkeit stellt die schwerste Ausprägung dar. Beim Auftreten solcher Zeichen ist eine unverzügliche ärztliche Abklärung erforderlich.

Besonders gefährdet sind ältere Menschen, deren Nierenleistung altersbedingt vermindert ist, sowie Personen mit fieberhaften Erkrankungen oder unzureichender Flüssigkeitsaufnahme. In diesen Situationen kann die Konzentration ansteigen, ohne dass sich an der Einnahme etwas geändert hätte. Deshalb wird bei akuten Erkrankungen ärztlicher Rat eingeholt, statt die Behandlung eigenständig anzupassen oder zu unterbrechen.

Einordnung gegenüber anderen Behandlungen

Lithium ist nicht der einzige Arzneistoff, der zur Stabilisierung der Stimmung eingesetzt wird. Aus der Gruppe der Antiepileptika werden Valproinsäure, Carbamazepin und Lamotrigin verwendet, wobei sich deren Schwerpunkte unterscheiden: Manche Vertreter wirken eher gegen manische, andere eher gegen depressive Phasen. Für Valproinsäure gelten bei Mädchen und Frauen im gebärfähigen Alter besondere Einschränkungen, da der Wirkstoff das ungeborene Kind schädigen kann. Daneben werden Antipsychotika der neueren Generation sowohl in der akuten Behandlung als auch zur Vorbeugung eingesetzt.

Die Wahl richtet sich nach dem Krankheitsbild, dem bisherigen Verlauf, den Begleiterkrankungen und der Verträglichkeit. Der Punkt, an dem Lithium eine Sonderstellung einnimmt, ist die Datenlage zur Verringerung der Selbsttötungsgefahr bei affektiven Störungen; für die anderen genannten Wirkstoffe ist eine solche Wirkung nicht in vergleichbarer Weise beschrieben. Umgekehrt verlangt Lithium den größeren Kontrollaufwand.

Die medikamentöse Behandlung steht zudem nicht allein. Psychotherapie, eine geregelte Tagesstruktur, das Erkennen früher Warnzeichen und die Einbeziehung von Angehörigen gehören zum Gesamtkonzept. In schweren, anders nicht beherrschbaren Krankheitsphasen kommt zusätzlich die Elektrokrampftherapie in Betracht; wird sie erwogen, ist die bestehende Lithiumbehandlung dabei gesondert zu berücksichtigen.

Beenden der Behandlung

Lithium erzeugt keine Abhängigkeit im suchtmedizinischen Sinn. Dennoch ist das Ende einer Behandlung kein beliebiger Zeitpunkt. Wird die Einnahme abrupt beendet, steigt das Risiko eines Rückfalls, und die Fachliteratur beschreibt, dass eine neue Krankheitsphase dann rascher und mitunter ausgeprägter auftreten kann als vor Behandlungsbeginn. Dieses Phänomen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass ein schrittweises Ausschleichen über einen längeren Zeitraum empfohlen wird.

Praktisch bedeutsam ist dies vor allem deshalb, weil eine unbeabsichtigte Unterbrechung im Alltag leicht vorkommt: bei einem Krankenhausaufenthalt aus anderem Anlass, auf Reisen oder wenn sich Betroffene in einer stabilen Phase fragen, ob das Medikament noch nötig ist. Gerade in Zeiten des Wohlbefindens ist die Bereitschaft, eine dauerhafte Einnahme fortzusetzen, erfahrungsgemäß geringer. Der Wunsch, die Behandlung zu beenden, ist deshalb ein regelmäßiges Gesprächsthema und sollte offen angesprochen werden, damit ein geordnetes Vorgehen gewählt werden kann.

Vom Zufallsbefund zur anerkannten Behandlung

Zwischen der Erstbeschreibung durch John F. Cade und dem breiten Einsatz des Stoffes in der Psychiatrie lagen rund zwei Jahrzehnte. Cades Bericht stützte sich auf eine kleine Zahl behandelter Patienten und belegte die Wirkung bei manischen Zuständen, nicht jedoch bei anderen psychiatrischen Krankheitsbildern.

Den Weg in die Psychiatrie ebnete der dänische Psychiater Mogens Schou. Mitte der 1950er Jahre legte er gemeinsam mit Kollegen eine kontrollierte Untersuchung zur Wirkung bei manischen Zuständen vor. Der eigentliche Durchbruch gelang ihm jedoch in den 1960er und frühen 1970er Jahren zusammen mit Poul Christian Baastrup: Die beiden wiesen nach, dass Lithium nicht nur eine akute Krankheitsphase beeinflusst, sondern das Wiederauftreten von Krankheitsphasen verhindern kann. Damit war der Begriff der Rückfallvorbeugung in der Psychiatrie begründet. Weil die erste dieser Arbeiten wegen ihres Aufbaus kritisiert wurde, legten die Forscher eine doppelblinde Absetzstudie nach, die die Ergebnisse bestätigte.

Voraussetzung für den breiten Einsatz war eine technische Entwicklung: Erst als sich die Konzentration des Stoffes im Blut zuverlässig bestimmen ließ, konnte die Behandlung so geführt werden, dass Wirksamkeit und Verträglichkeit gegeneinander abgewogen werden konnten. Die enge Verbindung von Arzneimittelgabe und Laborkontrolle, die die Lithiumtherapie bis heute kennzeichnet, hat hier ihren Ursprung.

Quellen

  • Falkai, P. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
    ISBN: 9783132432659
  • Falkai, P., Wittchen, H.-U. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen.
    ISBN: 9783801732172
  • Herdegen, T. (Hrsg.): Kurzlehrbuch Pharmakologie und Toxikologie.
    ISBN: 9783132453470
  • Freissmuth, M., Offermanns, S., Böhm, S. (Hrsg.): Pharmakologie und Toxikologie.
    ISBN: 9783662684696
  • Klein, H. E., Pajonk, F.-G., Waller, C. (Hrsg.): Facharztprüfung Psychiatrie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie.
    ISBN: 9783132456273

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