Desfluran

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 29. März 2025
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Bei Desfluran handelt es sich um ein Anästhetikum, das der Wirkstoffklasse der Flurane zugeordnet wird. Das Inhalationsanästhetikum ist aufgrund seiner sehr guten hypnotischen Eigenschaften sowie seiner leichten Steuerbarkeit weit verbreitet. In Deutschland, Österreich und der Schweiz wird Desfluran vom amerikanischen Pharmakonzern Baxter unter dem Handelsnamen Suprane® vertrieben.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Desfluran?

Desfluran hat vorrangig hypnotische Wirkungen, sodass Patienten in einen tiefen Schlafzustand versetzt werden können.
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Desfluran ist ein bewehrtes und weit verbreitetes Anästhetikum. Es wird inhaliert und deshalb als Inhalationsanästhetikum bezeichnet. Seine pharmakologischen Eigenschaften machen Desfluran zu einem Vertreter der Wirkstoffklasse der Flurane, der bedeutendsten Gruppe von Anästhetika, zu der auch die verwandten Arzneistoffe Sevofluran und Isofluran gehören.

Desfluran ist eines der wenigen Anästhetika, die eine gute Kreislaufstabilität haben und gleichzeitig leicht zu steuern sind. Die Kontrollierbarkeit des Stoffes lässt sich durch ein besonders rasches An- und Abfluten erklären.

Desfluran zeichnet sich außerdem durch eine stark hypnotische Wirkung aus, d. h. Patienten können zügig in einen tiefen Schlaf (griechisch: ὕπνος hypnos) versetzt werden, der die störungsfreie Durchführung von Operationen ermöglicht. Die analgetischen und muskelentspannenden Effekte von Desfluran sind jedoch nur sehr minimal, weswegen unter Umständen zusätzliche Präparate verabreicht werden müssen, um die sichere Durchführung von medizinischen Eingriffen zu gewährleisten.

Das Inhalationsanästhetikum wird in der Chemie durch die Summenformel C 3 – H 2 – F 6 – O beschrieben, was einer moralen Masse von ca. 168,0g/mol entspricht. Der Arzneistoff unterliegt einer sehr strengen Apotheken- und Verschreibungspflicht.

Pharmakologische Wirkung auf Körper & Organe

Der genaue Wirkmechanismus von Desfluran ist nicht gänzlich geklärt, sondern im Detail umstritten. In der Literatur werden verschiedene Theorien bzw. Ansätze vertreten. Dennoch besteht dem Grunde nach Einigkeit darüber, dass die Wirkung durch ein komplexes Zusammenspiel aus Lipiden, Wasser und Proteinen erreicht wird. Durch Wechselwirkungen soll es zu Beeinflussungen der Nervenmembranen kommen.

Die Wirksamkeit und Sicherheit von Desfluran ist aufgrund der langjährigen Erfahrung mit dem Arzneistoff unumstritten. In zahlreichen Studien konnte belegt werden, dass das Anästhetikum einen sogenannten Blut-Gas-Verteilungskoeffizienten von 0,42 aufweist. Demzufolge beträgt die Konzentration des Wirkstoffes im Blut 0,42 %-vol.

Desfluran ist nur gering löslich, wodurch ein schnelles An- und Abfluten bewirkt wird. Hierdurch sind die für den Arzneistoff typischen zügigen Einschlaf- und Aufwachphasen möglich. Mit einer minimalen alveolären Konzentration (anästhetische Potenz) von 6 % bleibt Desfluan hinter den verwandten Wirkstoffen Sevofluran und Isofluran zurück.

Pharmakologisch relevant ist zudem die Metabolisierungsrate des Inhalationsanästhetikums. Diese wird mit ca. 0,1 % festgesetzt, was Schädigungen der Leber als unwahrscheinlich gelten lässt. Für Patienten mit Leberschädigungen besteht deshalb nicht zwangsläufig eine Kontraindikation von Desfluan. In einigen Fällen kann es trotz des Organschadens ohne Bedenken angewandt werden.

Medizinische Anwendung & Verwendung zur Behandlung & Vorbeugung

Desfluran hat vorrangig hypnotische Wirkungen, sodass Patienten in einen tiefen Schlafzustand versetzt werden können. Das Anästhetikum wird deshalb zur Einleitung bzw. Durchführung einer Narkose eingesetzt. Nur in diesem Fall besteht eine vertretbare Indikation.

Aufgrund der hypnotischen Wirkungen bzw. der Eigenschaft als Anästhetikum unterliegt Desfluran in sämtlichen Ländern, in denen es erhältlich ist, der Verschreibungs- und Apothekenpflicht. Es wird in der Regel nicht an Patienten herausgegeben, sondern ausschließlich an den behandelnden Arzt. Denn nur ein erfahrener Anästhesist ist zur Vergabe befugt. Dieser wird das als Flüssigkeit gelieferte Medikament in einem speziellen Narkosegerät zum Verdampfen bringen und dem Behandelten zur Inhalation geben. Eine eigenständige Einnahme durch den Patienten ist damit aufgrund der Vielzahl der in Betracht kommenden Gefahren ausgeschlossen.


Verabreichung & Dosierung

Bei der Verabreichung und Dosierung von Desfluran, einem volatilen Inhalationsanästhetikum, ist besondere Sorgfalt geboten. Aufgrund seiner physikalischen Eigenschaften – insbesondere seines niedrigen Siedepunkts – darf Desfluran ausschließlich mit einem speziell dafür entwickelten Verdampfer (z. B. Tec 6 oder D-Vapor) verabreicht werden. Eine Anwendung in herkömmlichen Verdampfern kann zu unkontrollierbaren Dosierungen und damit zu unerwünschten Wirkungen führen.

Die Dosierung richtet sich nach dem Alter, Gewicht, Allgemeinzustand und der Narkosetiefe des Patienten. Die Mindestalveoläre Konzentration (MAC), also jene Konzentration, bei der 50 % der Patienten keine Reaktion auf einen definierten Schmerzreiz zeigen, liegt für Erwachsene bei etwa 6 Vol.-%. Bei älteren Patienten ist die MAC entsprechend niedriger. Die Einleitung der Narkose erfolgt in der Regel intravenös, da Desfluran aufgrund seiner stechenden Geruchseigenschaft schlecht für die Maskeneinleitung geeignet ist. Zur Aufrechterhaltung der Anästhesie wird Desfluran in einer Konzentration von etwa 2 bis 6 Vol.-% verabreicht.

Besonders bei kardial vorbelasteten Patienten und in der Kinderanästhesie ist Vorsicht geboten, da Desfluran sympathomimetisch wirkt und kurzfristig zu Blutdruck- und Herzfrequenzanstiegen führen kann. Eine kontinuierliche Überwachung von Kreislauf und Atmung ist zwingend erforderlich.

Risiken & Nebenwirkungen

Desfluran darf nur unter ärztlicher Aufsicht angewandt werden. Die Vergabe muss deshalb durch bzw. unter Aufsicht eines Anästhesisten erfolgen. Andernfalls ist ein Kontrollverlust zu befürchten, der die Wahrscheinlichkeit von Risiken und Nebenwirkungen massiv erhöht und nicht vorhersehbare Gefahren auslöst.

Zu den gängigsten Nebenwirkungen von Desfluran zählen u. a. Hustenanfälle, leichte oder starke Kopfschmerzen sowie Beschwerden des Magen-Darm-Traktes, die sich in Übelkeit oder Erbrechen äußern können.

Ebenfalls gängig sind Hyper- oder Hypotonien (zu geringer oder zu hoher Blutdruck) sowie Herz-Rhythmus-Störungen. Diese können sich als Bradykardie (Unterschreitung der üblichen Herzfrequenz) oder Tachykardie (medizinisch relevante Überschreitung der typischen Herzfrequenz) erweisen. Darüber hinaus liegt auch die Ausbildung einer Rachenschleimhautentzündung (Pharyngitis) im Bereich des Möglichen.

Desfluran darf nicht verabreicht werden, wenn eine Kontraindikation besteht. Das ist dann der Fall, wenn eine Überempfindlichkeit bzw. Allergie gegen diesen oder ihm verwandte Wirkstoffe bekannt ist. Auch bei einem diagnostizierten Risiko einer koronaren Herzerkrankung liegt ein der Einnahme entgegenstehender Umstand vor. Das gilt auch für eine bestehende maligne Hyperthermie.

Kontraindikationen

Die Verwendung von Desfluran ist mit mehreren Kontraindikationen verbunden, die bei der Patientenbeurteilung sorgfältig berücksichtigt werden müssen. Eine absolute Kontraindikation stellt eine bekannte Überempfindlichkeit gegenüber Desfluran oder anderen halogenierten Inhalationsanästhetika dar. Ebenso darf Desfluran nicht bei Patienten angewendet werden, bei denen es in der Vergangenheit zu einer maligne Hyperthermie kam – einer seltenen, aber potenziell tödlichen Stoffwechselentgleisung, die genetisch bedingt ist und durch halogenierte Anästhetika ausgelöst werden kann.

Auch bei Patienten mit erhöhtem intrakraniellen Druck ist Vorsicht geboten, da Desfluran die zerebrale Durchblutung erhöhen und so den Hirndruck weiter steigern kann. Bei schwerwiegenden kardiovaskulären Erkrankungen, insbesondere bei instabiler Angina pectoris oder kürzlich erlittenem Myokardinfarkt, sollte Desfluran aufgrund seiner stimulierenden Wirkung auf das sympathische Nervensystem ebenfalls mit Zurückhaltung eingesetzt werden.

Desfluran ist ferner nicht zur Maskeneinleitung bei Kindern geeignet, da es aufgrund seines scharfen Geruchs zu Atemwegsreizungen, Husten, Laryngospasmus oder Speichelfluss führen kann. Auch bei Patienten mit Atemwegserkrankungen wie schwerem Asthma bronchiale oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) besteht ein erhöhtes Risiko für unerwünschte bronchiale Reaktionen.

Interaktionen mit anderen Medikamenten

Bei der Verwendung von Desfluran können relevante Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten, die sowohl die Wirksamkeit als auch die Sicherheit der Anästhesie beeinflussen. Eine der wichtigsten Interaktionen besteht mit anderen zentral wirksamen Substanzen, wie Benzodiazepinen, Barbituraten oder Opioiden. Diese Wirkstoffe haben eine additive bis synergistische Wirkung mit Desfluran, wodurch die benötigte Konzentration des Inhalationsanästhetikums zur Aufrechterhaltung der Narkose deutlich reduziert werden kann.

Muskelrelaxanzien, insbesondere nicht-depolarisierende Substanzen wie Rocuronium oder Vecuronium, zeigen unter Desfluran eine verstärkte Wirkung. Dies erfordert eine sorgfältige Überwachung der neuromuskulären Funktion und gegebenenfalls eine Dosisanpassung. Auch die Wiedererlangung der Muskelkraft nach Absetzen des Relaxans kann verzögert sein, wenn Desfluran weiter verabreicht wird.

Die Kombination mit Sympathomimetika, MAO-Hemmern oder Trizyklischen Antidepressiva kann das Risiko kardiovaskulärer Nebenwirkungen erhöhen, wie etwa Tachykardien oder Blutdruckkrisen, da Desfluran eine stimulierende Wirkung auf das autonome Nervensystem entfalten kann. Auch mit Beta-Blockern kann es zu Interaktionen kommen, insbesondere wenn der Kreislauf durch die Narkose instabil wird, da die kompensatorische Tachykardie unterdrückt wird.

Zudem sollte beachtet werden, dass Desfluran die Empfindlichkeit des Myokards gegenüber Katecholaminen leicht erhöhen kann, was bei gleichzeitiger Gabe von Adrenalin zu Arrhythmien führen kann.

Alternative Behandlungsmethoden

Wenn Desfluran nicht vertragen wird oder kontraindiziert ist, stehen mehrere alternative Anästhetika und Behandlungsmethoden zur Verfügung, die je nach klinischer Situation individuell angepasst werden können. Eine naheliegende Alternative unter den volatilen Inhalationsanästhetika ist Sevofluran. Es weist eine bessere Verträglichkeit bei der Inhalationseinleitung auf, hat einen angenehmeren Geruch und verursacht weniger Atemwegsreizungen, was es besonders für Kinder oder empfindliche Patienten geeignet macht. Auch Isofluran kann als Ersatz in Betracht gezogen werden, insbesondere in langandauernden Eingriffen, obwohl es langsamer ein- und ausgeleitet wird.

In bestimmten Fällen kann auf eine total intravenöse Anästhesie (TIVA) ausgewichen werden. Hierbei werden Narkosemittel wie Propofol in Kombination mit Opioiden wie Remifentanil über eine Infusion verabreicht. Diese Methode ist besonders dann sinnvoll, wenn eine gute Steuerbarkeit oder eine möglichst rasche Aufwachphase gewünscht ist, etwa bei Risikopatienten mit Atemwegserkrankungen oder erhöhter Aspirationsgefahr.

Bei bekannten Fällen von maligner Hyperthermie, einer absoluten Kontraindikation für alle halogenierten Anästhetika, ist TIVA mit Propofol die Methode der Wahl. Zusätzlich kann regionalanästhetisch gearbeitet werden – etwa mit Spinal- oder Periduralanästhesie –, um die Notwendigkeit einer Allgemeinanästhesie vollständig zu umgehen, sofern Art und Dauer des Eingriffs dies erlauben.

Quellen

  • "Goodman & Gilman's The Pharmacological Basis of Therapeutics" von Laurence Brunton, Randa Hilal-Dandan, und Bjorn Knollmann
  • "Rang & Dale's Pharmacology" von Humphrey P. Rang, Maureen M. Dale, James M. Ritter, und Rod J. Flower
  • "Basic and Clinical Pharmacology" von Bertram Katzung, Anthony Trevor

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