Pentostatin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 18. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Pentostatin ist ein pharmazeutischer Wirkstoff, der zu den Antimetaboliten gehört und im Rahmen der Behandlung von Haarzellen-Leukämie Anwendung findet. Die Haarzellen-Leukämie zeichnet sich durch eine Anomalie der Lymphozyten aus und ist unter anderem durch eine Verringerung der weißen und roten Blutkörperchen (Anämie) sowie der Blutplättchen gekennzeichnet.
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Was ist Pentostatin?
Bei Pentostatin handelt es sich um einen Wirkstoff mit der chemischen Summenformel C11H16N4O4, den Ärzte zur Behandlung von Haarzellen-Leukämie einsetzen. Die Haarzellen-Leukämie verdankt ihren Namen dem Haar-ähnlichen Erscheinungsbild bestimmter Lymphozyten bei Vorliegen des Krankheitsbildes.
Früher kam Pentostatin auch bei anderen Formen der Leukämie zum Einsatz, doch inzwischen gilt es zu diesem Zweck als weniger geeignet, da bei der Kombination mit anderen Zellgiften schwere Nebenwirkungen auftraten. In Deutschland und anderen Ländern wenden es Ärzte deshalb in diesen Bereichen nicht mehr an und greifen stattdessen auf andere Medikamente und weitere Therapieformen zurück. In einer Studie an Patienten mit chronischer lymphatischer Leukämie entwickelten mehrere Teilnehmer unter Pentostatin zusammen mit Fludarabinphosphat eine schwere oder tödliche Lungenschädigung; auch die Verbindung mit hoch dosiertem Cyclophosphamid wird nicht empfohlen.
Pentostatin löst sich in Wasser und Methanol. Zugelassen ist es allein für die Behandlung der Haarzellen-Leukämie bei Erwachsenen, und zwar ausdrücklich als alleiniger Wirkstoff.
In der Fachliteratur wird Pentostatin auch Desoxycoformicin genannt und mit dem Kürzel DCF geführt; gemeint ist derselbe Stoff. Für die Anwendung liegt er als Pulver vor, das erst kurz vor der Gabe mit einer Lösung aufbereitet wird.
Pharmakologische Wirkung
Pentostatin hemmt das Enzym Adenosindesaminase, das für den Stoffwechsel und vor allem auch die Zellteilung des Tumors von großer Bedeutung ist. Allerdings kommt Adenosindesaminase auch in anderen, gesunden Zellen vor; Pentostatin ist deshalb, wie viele chemotherapeutische Medikamente, in gewissem Maße toxisch. Bei Pentostatin trifft die Toxizität vor allem die Zellen des Lymphsystems, in denen das gehemmte Enzym am stärksten vorkommt und unter Umständen kann Pentostatin auf diese Art und Weise zur Bekämpfung der Leukämie beitragen.
Die Adenosindesaminase kommt vor allem in den Zellen des Lymphsystems vor, und zwar in den T-Zellen stärker als in den B-Zellen. Das Enzym ist für die Entwicklung der Lymphozyten unentbehrlich; seine Hemmung trifft deshalb vor allem diese Zellen. Neben der Hemmung des Enzyms tragen nach der Fachinformation möglicherweise eine unmittelbare Hemmung der RNA-Bildung und eine vermehrte Schädigung der Erbsubstanz zur Wirkung bei. Der genaue Mechanismus, über den Pentostatin die Haarzellen-Leukämie zurückdrängt, ist allerdings bis heute nicht geklärt. Bemerkenswert ist dabei, dass die zellgiftige Wirkung gerade bei langsam wachsenden Krebserkrankungen mit niedrigem Gehalt an Adenosindesaminase am stärksten ausfällt – die Haarzellen-Leukämie ist ein solcher Fall.
Ausgeschieden wird Pentostatin über die Nieren, zum weitaus größten Teil unverändert. Ist die Nierenfunktion eingeschränkt, bleibt der Wirkstoff entsprechend länger im Körper. Das ist der Grund, weshalb die Nierenwerte vor jeder Gabe überprüft werden und bereits eine mäßig eingeschränkte Nierenfunktion als Gegenanzeige gilt.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Pentostatin kann bei der Behandlung von Haarzellen-Leukämie zum Einsatz kommen. Die Haarzellen-Leukämie befällt das Lymphsystem des Menschen, das für das Immunsystem eine zentrale Bedeutung innehat. Aus diesem Grund gehört die bösartige Haarzellen-Leukämie trotz ihres Namens zu den sogenannten Non-Hodgkin-Lymphomen, also zu den bösartigen Erkrankungen des lymphatischen Gewebes. Innerhalb dieser Gruppe zählt sie zu den langsam fortschreitenden Formen.
Drei Symptome sind für die Haarzellen-Leukämie besonders typisch:
- Mangel am roten Blutfarbstoff Hämoglobin (Anämie)
- verringerte Anzahl von weißen Blutkörperchen (Leukozyten) im Blut, das heißt eine Leukopenie
- verringerte Anzahl von Blutplättchen (Thrombozyten), das heißt eine Thrombozytopenie.
Durch diese drei Kernsymptome können bei der Haarzellen-Leukämie weitere Symptome wie eine erhöhte Anfälligkeit für Infekte, Müdigkeit, Schwindel und Blässe entstehen. Darüber hinaus können Blutungen ungewöhnlich lange benötigen, bis sie versiegen.
Anämie, Leukopenie und Thrombozytopenie gehen bei der Haarzellen-Leukämie möglicherweise auf eine Funktionsstörung des Knochenmarks zurück, das wesentlich an der Synthese der Blutzellen beteiligt ist. Des Weiteren besitzen Personen, die unter dieser Krankheit leiden, häufig eine vergrößerte Milz und seltener eine vergrößerte Leber. Die Krankheit manifestiert sich im Durchschnitt erst nach dem 50. Lebensjahr und ist insgesamt selten.
Wie selten, zeigen die Zahlen der Krebsregister: In Deutschland erkranken jährlich etwa 220 Männer und 70 Frauen daran, und die Haarzellen-Leukämie macht gut drei Prozent der Leukämien des lymphatischen Systems aus. Männer sind in jeder Altersgruppe deutlich häufiger betroffen als Frauen, das mittlere Erkrankungsalter liegt zwischen dem 62. und dem 65. Lebensjahr, und eine Erstdiagnose vor dem 30. Lebensjahr ist sehr selten. Die Aussichten sind dabei besser als bei der chronischen lymphatischen Leukämie: Zehn Jahre nach der Erstdiagnose liegt das Überleben im Vergleich zur gleichaltrigen Bevölkerung bei rund neun von zehn Betroffenen.
Bei etwa sieben von zehn Betroffenen sind bei der Diagnose die drei Zellreihen des Blutes gemeinsam vermindert. Ein Druckgefühl im linken Oberbauch kann auf die vergrößerte Milz hinweisen; stark vergrößerte Milzen sind in den letzten Jahren seltener geworden, weil die Erkrankung häufiger früh und eher zufällig über ein Blutbild entdeckt wird.
Die Gabe des Medikaments erfolgt in die Vene, entweder als kurze Injektion oder über eine Infusion. Verabreicht werden soll Pentostatin nur unter der Überwachung von Ärzten, die Erfahrung mit chemotherapeutischen Behandlungen haben; besondere Vorsicht ist geboten, wenn eine Behandlung bei Patienten in ungünstigem Allgemeinzustand begonnen wird. Neben Pentostatin kommen zur Behandlung der Haarzellen-Leukämie auch andere Zellgifte aus der Gruppe der Purinanaloga in Frage, vor allem Cladribin. Beide Substanzen gelten weiterhin als Standard für die erste Behandlung, wobei sich in Deutschland Cladribin stärker durchgesetzt hat; in Österreich und in der Schweiz ist bei dieser Erkrankung allein Cladribin zugelassen. Ein direkter Vergleich beider Mittel in einer Studie steht bislang aus.
Nicht jeder Betroffene wird sofort behandelt. Eine Therapie ist angezeigt, wenn die Erkrankung Beschwerden macht oder wenn die Blutwerte deutlich abgefallen sind; bei beschwerdefreien Patienten genügen zunächst regelmäßige Kontrollen des Blutbilds. Vor der Einführung der Purinanaloga war Interferon alpha die übliche Behandlung. In einer Vergleichsstudie war Pentostatin ihm bei den Ansprechraten und bei der Zeit bis zum Rückfall überlegen, während sich die Gesamtüberlebenszeit nicht unterschied; die für diesen Zweck zugelassenen Interferon-Präparate sind inzwischen vom Markt genommen worden. Kommt es nach einer Behandlung mit Pentostatin später erneut zu einem Rückfall, spricht die Erkrankung häufig gut auf Cladribin an – und umgekehrt.
Weil beide Purinanaloga über die Nieren ausgeschieden werden, wird die Nierenfunktion während der Behandlung besonders im Auge behalten. Menschen mit Haarzellen-Leukämie haben schon bei der Erstdiagnose und erst recht nach einer solchen Behandlung ein erhöhtes Risiko für Infektionen. Eine dauerhafte vorbeugende Antibiotikagabe gegen eine bestimmte Form der Lungenentzündung wird allerdings nicht mehr empfohlen, weil diese Komplikation bei dieser Erkrankung sehr selten auftritt und die Vorbeugung ihrerseits belastende Hautreaktionen hervorrufen kann.
Vor und nach der Gabe erhalten die Patienten nach der Fachinformation zusätzlich Flüssigkeit als Infusion. Wie lange behandelt wird, steht nicht von vornherein fest: Solange sich der Zustand bessert und keine schweren Nebenwirkungen auftreten, wird die Behandlung bis zum vollständigen Ansprechen fortgeführt und danach noch um wenige Gaben ergänzt. Bleibt auch ein teilweises Ansprechen aus, wird sie beendet. Zur Kontrolle können neben den Blutuntersuchungen auch Entnahmen aus dem Knochenmark nötig sein.
Risiken & Nebenwirkungen
In den Zulassungsstudien entwickelten die meisten Patienten Nebenwirkungen. Am häufigsten waren Übelkeit und Erbrechen sowie ein Mangel an weißen Blutkörperchen; Fieber, Hautausschläge und Erschöpfung wurden bei etwa vier von zehn Behandelten berichtet. Die meisten dieser Beschwerden waren leicht oder mittelschwer, und ihre Häufigkeit nahm im Verlauf der Behandlung ab. Rund jeder achte Patient brach die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab. Weil die Erkrankung selbst ähnliche Beschwerden verursacht, lässt sich im Einzelfall oft nicht trennen, was auf das Medikament und was auf die Krankheit zurückgeht.
Vor allem während der ersten Wochen einer medikamentösen Therapie mit Pentostatin kann der Wirkstoff außerdem eine sogenannte Myelosuppression hervorrufen. Dabei handelt es sich um eine Komplikation, die das Knochenmark des Patienten betrifft und deshalb auch als Knochenmarkshemmung oder Knochenmarksdepression bekannt ist. Bei gesunden Menschen bildet das Knochenmark Blutzellen. Infolge der Medikation kann diese Funktion einer Störung unterliegen.
Daneben unterdrückt Pentostatin das Immunsystem, indem es besonders die CD4-positiven Lymphozyten zurückdrängt. Diese Unterdrückung kann das Ende der Behandlung um mehr als ein halbes Jahr überdauern. Was daraus langfristig folgt, ist noch nicht vollständig verstanden; als häufige Folge gilt eine Gürtelrose. Anhaltspunkte für vermehrte Zweittumoren oder für gehäufte Infektionen durch sonst harmlose Erreger gibt es nach der Fachinformation bislang nicht.
Zu den potenziellen Nebenwirkungen von Pentostatin gehören des Weiteren Beschwerden des Verdauungssystems wie Übelkeit und Erbrechen sowie Müdigkeit, Fieber und eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionskrankheiten, die auf eine Störung des Immunsystems zurückgeht und auch bereits bestehende Infekte verschlimmern kann.
Die Fachinformation führt darüber hinaus ein breites Spektrum weiterer möglicher Nebenwirkungen auf. Sehr häufig sind Infektionen der oberen Atemwege, Husten, Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit, Durchfall und Bauchschmerzen sowie erhöhte Leberwerte bis hin zu einer Gelbsucht. Häufig genannt werden unter anderem Störungen des Nervensystems von Benommenheit über Schlaflosigkeit bis zu Krampfanfällen, Augenbeschwerden, Herzrhythmusstörungen, Blutdruckschwankungen und Hautveränderungen. Viele dieser Beschwerden sind selten und betrafen nur einzelne Behandelte; die Aufzählung beschreibt, was beobachtet wurde, nicht was zu erwarten ist.
Hautausschläge wurden häufig berichtet, gelegentlich in schwerer Form. Sie können sich bei fortgesetzter Behandlung verstärken und eine Unterbrechung nötig machen. Unter der Behandlung wurden außerdem Anstiege der Leberwerte beobachtet, die sich im Allgemeinen wieder zurückbildeten. Bei der empfohlenen Dosierung stiegen die Nierenwerte meist nur gering und vorübergehend an; einzelne Patienten, die mit normaler Nierenfunktion begonnen hatten, zeigten am Ende der Behandlung Zeichen einer leichten bis mittelgradigen Nierenschädigung. Zeigen sich Anzeichen einer Schädigung des Nervensystems, wird die Behandlung unterbrochen oder beendet.
Darüber hinaus zeigen einige Patienten bei der Anwendung von Pentostatin eine verringerte Anzahl von weißen Blutkörperchen und Blutplättchen. Um die zahlreichen möglichen Nebenwirkungen ggf. frühzeitig zu entdecken, finden begleitend zur Behandlung üblicherweise regelmäßige Blutkontrollen und weitere Untersuchungen statt.
Zu den in der Fachinformation genannten Wechselwirkungen gehört auch Allopurinol, ein Mittel gegen Gicht. Beide Stoffe werden mit Hautausschlägen in Verbindung gebracht; in einer klinischen Studie trat unter der Kombination allerdings nicht häufiger ein Ausschlag auf als unter Pentostatin allein. Berichtet wurde jedoch ein Einzelfall, in dem ein Patient beide Wirkstoffe erhielt und eine tödlich verlaufende Gefäßentzündung entwickelte; ob die Kombination die Ursache war, ließ sich nicht klären. Vidarabin, ein Mittel gegen Viren, verstärkt die Wirkung von Pentostatin, sodass mit mehr Nebenwirkungen zu rechnen ist; ein gesicherter Nutzen dieser Verbindung ist nicht belegt.
Pentostatin kann das Erbgut schädigen und hat sich im Tierversuch als fruchtschädigend erwiesen. Frauen im gebärfähigen Alter müssen während der Behandlung und mehrere Monate darüber hinaus zuverlässig verhüten, Männer ebenso. Eine Anwendung in der Schwangerschaft wird nicht empfohlen; tritt dennoch eine Schwangerschaft ein, ist über die möglichen Gefahren für das Kind aufzuklären, und eine genetische Beratung ist zu erwägen. Ob der Wirkstoff in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt – gestillt werden soll während der Behandlung und noch eine Woche darüber hinaus nicht. Vor Beginn der Behandlung soll mit Frauen wie Männern besprochen werden, wie sich die Fruchtbarkeit erhalten lässt.
Ein Gegenmittel für eine Überdosierung gibt es nicht. In Studien mit höheren als den empfohlenen Mengen kam es zu Todesfällen durch akutes Nierenversagen, durch Leber- und Lungenversagen sowie durch Schädigungen des Zentralnervensystems; höhere Dosierungen werden deshalb ausdrücklich nicht empfohlen. Behandelt wird eine Überdosierung mit allgemeinen unterstützenden Maßnahmen. Ob Menschen mit Haarzellen-Leukämie häufiger an einer zweiten Krebserkrankung erkranken, wird in der Fachwelt unterschiedlich beurteilt: Die veröffentlichten Langzeitdaten gehen auseinander, und ob ein Zusammenhang mit der Behandlung durch Purinanaloga besteht, ist umstritten. Zur Nachsorge gehört deshalb auch die Teilnahme an den üblichen Maßnahmen der Krebsfrüherkennung. Auf die Verkehrstüchtigkeit und das Bedienen von Maschinen hat Pentostatin einen leichten bis mittelstarken Einfluss; nach der Anwendung ist deshalb Vorsicht angebracht.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
- Schmoll, H.-J. (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie.
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- Engelhardt, M., Mertelsmann, R., Duyster, J. (Hrsg.): Das Blaue Buch – Chemotherapie-Manual Hämatologie und Onkologie.
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- Berger, D. P., Engelhardt, M., Duyster, J.: Das Rote Buch – Hämatologie und Internistische Onkologie.
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- Kreuzer, K.-A. (Hrsg.): Referenz Hämatologie.
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