Vibrio vulnificus
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Die bakterielle Spezies Vibrio vulnificus aus der Familie der Vibrionaceae zählt zur Abteilung der Proteobacteria und fällt darunter in die Klasse der Gammaproteobacteria und die Gattung der Vibrionen. Die Bakterienart besiedelt vor allem Gewässer und gilt als humanpathogen. Die Bakterien rufen eine Unterhautentzündung hervor, die bei einem Eindringen der Erreger in den Blutkreislauf tödliche Folgen haben kann.
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Was ist Vibrio vulnificus?
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Bei Vibrionen handelt es sich um Bakterien mit gramnegativem Färbeverhalten, die fakultativ anaeroben Stoffwechsel betreiben und ihrer Gestalt nach als gebogene Stäbchenbakterien bezeichnet werden. Viele Spezies der Gattung sind unipolar begeißelt und verfügen damit über aktive Bewegungsfähigkeit.
Eine Art unter den Vibrionen ist Vibrio vulnificus. Die Spezies wird als humanpathogen eingestuft und ist mit der Art Vibrio cholerae eng verwandt, die auch als Erreger der Cholera bekannt ist. Die Infektion mit der Bakterienart Vibrio vulnificus hat zwar nicht Cholera zur Folge, kann aber eine Sepsis (Blutvergiftung) bedingen.
Besonders relevant wurde diese Art der bakteriellen Infektion nach der Überflutung durch Hurricane Katrina. In New Orleans wurden damals zahlreiche Personen mit Vibrio-vulnificus-Infektionen evakuiert.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Die Bakterien gehen im Wasser oft auf Meeresfrüchte oder andere Wasserlebewesen über. Über diese Wasserlebewesen können sie auch auf den Menschen übergehen. Das kann zum Beispiel beim Konsum von kontaminierten Meeresfrüchten der Fall sein. Besonders gefährlich ist in diesem Zusammenhang Austernverzehr, da diese meist roh verspeist werden.
Auch offene Wunden können dem Bakterium eine Eintrittsstelle bieten. Wunden beim Schwimmen und Waten lassen die Bakterien zum Beispiel in den menschlichen Organismus übertreten, falls das Gewässer verseucht ist. Eine weitere Infektionsmöglichkeit ist außerdem eine Stichverletzung an den Flossenstacheln von Speisefischen, etwa beim Ausnehmen von Tilapia.
Da es sich bei der Bakterienart um fakultativ anaerobe Bakterien handelt, überleben sie unter der Abwesenheit von Sauerstoff. Ihr Wachstum schreitet in einem sauerstoffreichen Milieu am zügigsten fort, obwohl sie Sauerstoff für ihren Stoffwechsel nicht zwingend benötigen. Die Abwesenheit von Sauerstoff tötet fakultative Anaerobier nicht ab, erschwert ihnen aber zumeist das Wachstum.
Die Bakterienart Vibrio vulnificus ist immer pathogen. Im menschlichen Körper ist der Nachweis also immer mit Krankheitswert verbunden, da die Bakterien natürlicherweise nicht als Kommensale zu verstehen sind. Das unterscheidet sie von vielen anderen Bakterien, die im menschlichen Körper vorkommen. Kommensale bringen dem Menschen weder Nutzen, noch schaden sie ihm. Pathogene Bakterien wie die der Art Vibrio vulnificus schädigen den Menschen hingegen zu Gunsten ihres eigenen Wachstums. Daher bedarf die Infektion immer einer Behandlung.
Besonders gefährlich ist die Infektion für immundefizite Patienten wie HIV-Patienten, immunsupprimierte Patienten (mit künstlich herabgesetztem Immunsystem) oder ältere Menschen mit einer altersphysiologischen Schwäche des Abwehrsystems. In diesen Fällen kann sich die Infektion mit Vibrio vulnificus zu einem akut lebensbedrohlichen Zustand entwickeln.
Krankheiten & Beschwerden
Charakteristisch für den Erreger Vibrio vulnificus sind besonders die Hautsymptome. Eine blasenwerfende Dermatitis stellt sich ein, die oft falsch diagnostiziert und so mit Pemphigus vulgaris verwechselt wird. Auch eine mehr oder weniger großflächige Cellulitis ist ein verbreitetes Symptom. Dabei handelt es sich um eine Entzündung des Unterhautgewebes, die sich in der beschriebenen Form auch auf der Hautoberfläche bemerkbar macht. Geschwüre können entstehen.
Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem ist besonders ein infizierter Schnitt oder eine andere Wunde eine große Gefahr. Über die Wunden gelangen die Bakterien in den Blutkreislauf. Bei gesunden Menschen wird die so entstehende Bakteriämie sofort durch das Immunsystem bekämpft. Bei Ausbleiben der immunologischen Attacken kommt es rasch zu einer bakteriellen Sepsis oder einem septischen Schock. Diese systemische Entzündungsreaktion kann Kreislaufversagen oder sogar den Tod hervorrufen.
Infektionen mit Vibrio vulnificus sind mit relativ hoher Mortalität assoziiert, so besonders solche, die bereits eine Sepsis hervorgerufen haben. Oft tritt der Tod in den ersten 48 Stunden nach Infektion ein. Lange Zeit galt die Idealbehandlung als umstritten. Wirkung schien am ehesten Cephalosporin der dritten Generation zu zeigen, so zum Beispiel in Form von Ceftriaxon. Nach heutigem Kenntnisstand gilt die Kombination aus einem solchen Cephalosporin und dem Tetrazyklin Doxycyclin als Mittel der Wahl. Die bakteriellen Geschwüre der Haut können chirurgische Eingriffe oder Amputationen erforderlich machen.
Infektionen mit Vibrio vulnificus treten mit überdurchschnittlicher Häufigkeit bei Männern auf. Für Männer scheint auch das Risiko des Schockzustands und damit das allgemeine Risiko der Sterblichkeit im Rahmen der Infektion erhöht zu sein. Mittlerweile geht die Medizin davon aus, dass das weibliche Östrogen gegen Vibrio vulnificus schützend wirkt. Frauen sind damit in der Regel weniger von der Infektion gefährdet, solange sie nicht an hormonellem Östrogenmangel leiden.
Überdauern im Gewässer
Vibrio vulnificus verschwindet im Winter nicht aus den Küstengewässern, in denen er heimisch geworden ist. Er zieht sich in das Sediment am Gewässergrund zurück und geht dort in einen Ruhezustand über, in dem er zwar lebt, sich mit den üblichen Laborverfahren aber nicht mehr anzüchten lässt. Erwärmt sich das Wasser im Sommer, erwacht er wieder und vermehrt sich rasch. Deshalb kehrt er Jahr für Jahr in denselben Buchten und Flachwasserbereichen zurück, ohne dass ein neuer Eintrag von außen nötig wäre.
Muscheln und Austern reichern den Keim an, weil sie sich ernähren, indem sie große Wassermengen filtern; die Keimzahl im Tier kann dadurch deutlich höher liegen als im umgebenden Wasser. Da flache, windgeschützte Buchten sich rascher erwärmen als das offene Meer, fallen die höchsten Keimzahlen häufig gerade dort an, wo auch gebadet wird.
Namensgebung und Biotypen
Der Artname stammt aus dem Lateinischen und ist aus "vulnus" für Wunde und "facere" für machen zusammengesetzt; er lässt sich als "Wunden verursachend" übersetzen und beschreibt damit genau jene Verlaufsform, die den Erreger von seinen Verwandten abhebt. Als eigenständige Art abgegrenzt wurde er in den 1970er Jahren, nachdem aufgefallen war, dass sich unter den Meeresvibrionen ein Typ befindet, der Milchzucker abbaut – eine Eigenschaft, die den übrigen humanpathogenen Vibrionen fehlt und die bis heute zur Unterscheidung im Labor dient. Zeitweise wurde er in eine andere Gattung gestellt, bevor sich die heutige Zuordnung durchsetzte.
Innerhalb der Art werden mehrere Biotypen unterschieden, die sich in ihren bevorzugten Wirten unterscheiden. Der erste und weitaus häufigste ist für die Mehrzahl der menschlichen Erkrankungen verantwortlich. Der zweite befällt vor allem Aale und ist in der Aalzucht gefürchtet; er kann bei entsprechendem Kontakt auch auf den Menschen übergehen und erklärt einen Teil der Erkrankungen bei Personen, die beruflich mit Fisch umgehen. Ein dritter Biotyp wurde in Israel bei Menschen beschrieben, die Fische aus Teichwirtschaften verarbeitet hatten.
Bau, Stoffwechsel und Wachstumsbedingungen
Vibrio vulnificus ist halophil, benötigt zum Wachstum also Salz. Am besten gedeiht er bei einem mittleren Salzgehalt, wie er in Flussmündungen, Lagunen und Randmeeren herrscht – dort, wo Süßwasser das Meerwasser verdünnt. Dieser Umstand erklärt, warum die salzarme Ostsee für ihn günstigere Bedingungen bietet als das offene Meer. Hinzu kommt der Wärmebedarf: Die Vermehrung setzt erst ein, wenn sich das Wasser im Sommer deutlich erwärmt hat, und kommt im kalten Wasser zum Erliegen.
Wie alle Vibrionen ist er ein gramnegatives Bakterium mit zwei Membranen und bildet das Enzym Oxidase, was ihn im Labor von den Enterobakterien abgrenzt. Er ist beweglich und steuert seine Bewegung über die Chemotaxis, also über die Wahrnehmung gelöster Stoffe. Unter günstigen Bedingungen wächst er außerordentlich schnell; diese Geschwindigkeit ist einer der Gründe, warum eine Wundinfektion binnen Stunden ein bedrohliches Ausmaß erreichen kann.
Eine für den Krankheitsverlauf entscheidende Eigenschaft ist die Hülle aus Zuckerketten, mit der sich der Keim umgibt. Diese Kapsel ist bei Stämmen unterschiedlich stark ausgeprägt und kann auch verloren gehen; Varianten ohne Kapsel sind kaum noch in der Lage, eine Erkrankung auszulösen.
Warum der Erreger so gefährlich ist
Die Kapsel schützt das Bakterium vor den beiden wichtigsten Abwehrmechanismen des Körpers gegen eindringende Bakterien: Die Fresszellen des Immunsystems können den glatten, wasserreichen Überzug schlecht greifen, und das Komplementsystem – jene Eiweißkaskade im Blut, die Bakterien markiert und auflöst – findet an ihm keinen Angriffspunkt. Der Keim kann sich dadurch im Gewebe und im Blutkreislauf weitgehend unbehelligt vermehren.
Der zweite Schlüsselfaktor ist Eisen. Vibrio vulnificus benötigt es zum Wachsen und entzieht es dem Wirt mit eigens gebildeten, eisenbindenden Molekülen. Der menschliche Körper hält freies Eisen im Blut normalerweise sehr knapp und entzieht es Krankheitserregern damit gezielt. Ist dieser Schutz aufgehoben, entfällt die Bremse. Genau das ist der Grund, warum bestimmte Vorerkrankungen das Risiko eines schweren Verlaufs so stark erhöhen: Bei fortgeschrittener Leberzirrhose, bei der Eisenspeicherkrankheit Hämochromatose und bei chronischem Alkoholmissbrauch steht im Blut mehr Eisen zur Verfügung als üblich. Die Leber ist zugleich das Organ, das aus dem Darm eindringende Bakterien abfängt; ist sie geschädigt, fällt auch diese Filterfunktion aus. Auch Diabetes mellitus, eine Krebsbehandlung und eine dauerhafte Unterdrückung der Abwehr gelten als Risikofaktoren.
Hinzu kommen mehrere Giftstoffe. Ein Zytolysin durchlöchert Zellmembranen und zerstört rote Blutkörperchen sowie Gewebszellen. Ein großes, aus mehreren Bausteinen zusammengesetztes Toxin tötet die Zellen, an die sich das Bakterium anheftet, und öffnet ihm so den Weg in tiefere Gewebeschichten. Eiweißspaltende Enzyme lösen Bindegewebsbestandteile auf, machen die Gefäßwände durchlässig und tragen so zur Blasenbildung und zur raschen Ausbreitung im Unterhautgewebe bei. Beim Zerfall der Bakterien wird zudem der Fettanteil der äußeren Membran frei, der als Endotoxin die überschießende Entzündungsreaktion beim septischen Verlauf antreibt.
Aus diesem Zusammenspiel erklärt sich auch, warum Erkrankungen trotz der weiten Verbreitung des Keims in den Küstengewässern selten bleiben. Die Zahl der Menschen, die im Sommer mit dem Bakterium in Berührung kommen, ist ungleich größer als die Zahl derer, die daran erkranken. Nicht die Häufigkeit des Kontakts entscheidet über den Verlauf, sondern die Ausgangslage des Betroffenen – vor allem der Zustand der Leber, die Verfügbarkeit von Eisen und die Kraft der Abwehr.
Schreitet die Gewebezerstörung fort, kann sich aus der Wundinfektion das Bild einer nekrotisierenden Fasziitis entwickeln – einer sich rasch ausbreitenden Entzündung der Bindegewebshüllen, die Muskeln umgeben. Sie erklärt, warum in schweren Fällen umfangreiche chirurgische Eingriffe nötig werden.
Nachweis im Labor
Untersucht werden je nach Verlaufsform Blutkulturen, Abstriche und Gewebeproben aus der Wunde sowie Blaseninhalt, bei Magen-Darm-Beschwerden auch der Stuhl. Auf den Nährböden, die bei Durchfallerkrankungen und Wundabstrichen routinemäßig beimpft werden, wächst Vibrio vulnificus schlecht. Entscheidend ist deshalb der Hinweis des Arztes auf Meerwasserkontakt oder den Verzehr roher Meeresfrüchte; ohne ihn wird der Keim leicht übersehen, und gerade bei dieser Erkrankung zählt jede Stunde.
Auf dem für Vibrionen üblichen Selektivnährboden mit Gallensalzen und Saccharose bildet er grüne Kolonien, weil er diesen Zucker nicht vergärt. Vom ebenfalls grün wachsenden Vibrio parahaemolyticus lässt er sich am Umgang mit Milchzucker unterscheiden, den nur Vibrio vulnificus abbaut. Von Vibrio cholerae, dessen Kolonien sich gelb färben, ist er dadurch schon auf dem Nährboden zu trennen. Die endgültige Bestimmung erfolgt heute meist massenspektrometrisch über den Vergleich des Eiweißmusters mit einer Datenbank oder molekularbiologisch über artspezifische Genabschnitte. Da die Anzucht Zeit kostet, wird die Behandlung bei begründetem Verdacht bereits vor dem Befund begonnen.
Vorbeugung und Hygiene
Da Vibrio vulnificus nicht von Mensch zu Mensch übertragen wird, sondern unmittelbar aus dem Wasser oder aus Meerestieren stammt, setzt die Vorbeugung an diesen beiden Wegen an. Der Keim ist selbst wenig widerstandsfähig: Gründliches Durcherhitzen tötet ihn zuverlässig ab, ebenso Austrocknung und die üblichen Desinfektionsmittel. Kühlung dagegen bremst die Vermehrung nur; sie beseitigt den Keim in rohen Meeresfrüchten nicht. Ebenso wenig genügt es, Austern mit Zitronensaft, Essig oder Alkohol zu behandeln.
Als Vorsichtsmaßnahmen für die genannten Risikogruppen gelten daher der Verzicht auf rohe Austern und Muscheln, das Meiden warmer Küstengewässer bei offenen oder frischen Wunden und das Abdecken von Verletzungen vor dem Baden. Wer beruflich oder in der Freizeit Fisch ausnimmt und Muscheln öffnet, schützt sich durch geeignete Handschuhe vor Stich- und Schnittverletzungen. Wunden, die mit Meerwasser in Berührung gekommen sind, sollten gereinigt werden; bei Menschen mit Lebererkrankung oder geschwächter Abwehr gilt eine sich rasch entwickelnde Hautrötung rund um eine solche Verletzung als ernst zu nehmendes Zeichen.
In heißen Sommern geben die Gesundheitsbehörden der Küstenländer entsprechende Warnungen heraus. Sie richten sich ausdrücklich nicht an die gesamte Bevölkerung, denn für gesunde Menschen ist das Risiko gering: Ein Bad im Meer ist keine Gefahr, solange die Haut unverletzt ist. Die Warnungen gelten den Risikogruppen, bei denen dieselbe Keimmenge einen völlig anderen Verlauf nehmen kann.
Quellen
- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
ISBN: 9783662613849
- Kayser, F. H., Böttger, E. C., Deplazes, P., et al.: Taschenlehrbuch Medizinische Mikrobiologie.
ISBN: 9783132447936
- Löscher, T., Burchard, G.-D., Hoerauf, A., et al. (Hrsg.): Tropenmedizin.
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- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
ISBN: 9783642171574
- Moll, I. (Hrsg.): Dermatologie.
ISBN: 9783132446045
