Onkoviren
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Nach einer Infektion mit Onkoviren erhöht sich das Risiko, an bestimmten Krebsformen zu erkranken. Solche krebsauslösenden Viren sind Krankheitsursache von etwa 10 bis 20 % aller Krebserkrankungen. Viele Onkoviren sind der Wissenschaft genau bekannt und bestens beschrieben.
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Was sind Onkoviren?
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Viren sind infektiöse Partikel, die sich fortpflanzen und den Spielregeln der Evolution unterliegen. Sie sind jedoch keine echten Lebewesen im klassischen Sinne, da sie keinen eigenen Stoffwechselapparat haben, sondern auf jenen der Wirtszellen angewiesen sind. Dabei führen sie neues Erbgut in das Erbgut der Wirtszelle ein oder verändern das Erbgut der Wirtszelle. Solche Prozesse führen manchmal zur Transformation von gutartigen Zellen in Tumorzellen.
Die Viren, die bei mehrzelligen Tieren und beim Menschen nachweislich Krebs auslösen, sind Onkoviren. Beim Entstehen von Krebs spielen je nach Virusart zahlreiche unterschiedliche Mechanismen eine Rolle. Manche Viren aktivieren krebserzeugende Gene, die schon in der Wirtszelle vorhanden sind. Andere Viren bauen virale Onkogene in die Wirtszelle ein. Es gibt Onkoviren unter allen Virengruppen, also sowohl unter den Retroviren als auch den DNA-Viren und weiteren RNA-Viren wie dem Hepatitis-C-Virus.
Vorkommen, Verbreitung & Eigenschaften
Hepatitis C und Hepatitis B werden durch Bluttransfusionen, beim Geschlechtsverkehr und direkt bei der Geburt übertragen. Es gibt aber auch viele Hepatitis-Infektionen, die auf unklare Weise, vielleicht durch kleinste Hautverletzungen, entstanden sind. Wenn die Infektion chronisch verläuft, wenn also das Immunsystem die Viren nicht aus dem Organismus eliminiert, kann ein hepatozelluläres Karzinom entstehen.
Durch biochemische Nachweise der Antikörper und Antigene erlauben Laboranalysen eine genaue Diagnose von Hepatitis B und Hepatitis C sowie des aktuellen Infektionsstatus. Ergänzend wird das Virus-Erbgut direkt mittels Polymerase-Kettenreaktion nachgewiesen. Patienten selbst bemerken eine schleichende chronische Hepatitis hingegen oft nicht. Deshalb gehören Laboruntersuchungen zum Nachweis von Hepatitis-Antigenen und Hepatitis-Antikörpern zum medizinischen Routine-Check-up. Wer noch keinen Kontakt mit Hepatitis-B-Viren gehabt hat, kann sich impfen lassen. Eine Hepatitis-B-Impfung verhindert die Infektion mit diesem Virus und trägt so auch zur allgemeinen Krebsprophylaxe bei. Eine chronische Hepatitis C ließ sich lange nur selten dauerhaft ausheilen; heute gelingt das mit direkt wirkenden antiviralen Medikamenten in den allermeisten Fällen, was auch das Leberkrebsrisiko senkt.
Humane Papillomviren (HPV) sind ebenso für einen Großteil der von Viren verursachten Krebserkrankungen verantwortlich. Das wichtigste Zielorgan dieses Virus ist der Gebärmutterhals. Papillomviren sind jene Viren, die den Geschlechtsverkehr zu einem Krebsrisiko machen, da die Übertragung zwischen den Genitalien oder beim Oralverkehr erfolgt. Gebärmutterhalskrebs ist eine der häufigsten Krebserkrankungen bei Frauen.
Neben dem Gebärmutterhalskrebs lösen HPV-Viren in seltenen Fällen auch Peniskrebs oder Mundkrebs aus. Seit 2006 gibt es einen zugelassenen Impfstoff gegen bestimmte HPV-Viren. Die HPV-Impfung ist somit eine weitere für die Krebsprophylaxe einsetzbare Impfung. Inzwischen steht ein Impfstoff gegen neun HPV-Typen zur Verfügung; die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung für Mädchen und Jungen im Alter von neun bis 14 Jahren.
Das HTLV-1-Virus ist ein Retrovirus, das beim Menschen manchmal Leukämie, also Blutkrebs, auslöst. Als Retrovirus gehört es zu einer ähnlichen Gruppe von Viren wie die HI-Viren. Eine Infektion ist wie bei HIV dauerhaft. Die HTLV-1-Infektionen sind jedoch selten und führen noch seltener zu einer T-Zell-Leukämie.
Das Epstein-Barr-Virus ist ein Herpesvirus. Epstein-Barr-Viren verursachen das Pfeiffersche Drüsenfieber. Die Viren sind meistens harmlos und infizieren fast 100 % aller Menschen. Die Wirtszellen dieser Viren sind die B-Lymphozyten im Immunsystem. Als gesichert gilt die krebserzeugende Rolle des Epstein-Barr-Virus bei einem Teil der Fälle von Morbus Hodgkin, einer Form von Lymphdrüsenkrebs, sowie beim Burkitt-Lymphom und beim Nasopharynxkarzinom. Wie genau aber diese Tumoren entstehen, warum die meisten Menschen eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus folgenlos überstehen und warum es nur in sehr seltenen Fällen dennoch zu der Krebserkrankung kommt, sind Fragen gegenwärtiger Forschung.
Zu den sieben beim Menschen als krebserzeugend anerkannten Viren zählen außerdem das Humane Herpesvirus 8, der Erreger des Kaposi-Sarkoms, und das Merkelzell-Polyomavirus, das das Merkelzellkarzinom der Haut auslöst. Von diesen Viren zu unterscheiden sind Erreger, die bei Krebskranken lediglich häufig nachgewiesen werden, ohne den Tumor selbst zu verursachen.
Krankheiten & Beschwerden
Bei Hepatitis-Viren sind viele Infektionswege nicht ganz klar. Geschlechtsverkehr ist ein besonders intensiver Körperkontakt, bei dem es auch zur Infektion durch sonst nur sehr schwer übertragbare Viren kommen kann. Kondome reduzieren das Risiko von Virusinfektionen beim Geschlechtsverkehr.
Viele Krebserkrankungen haben mehrere Ursachen. Alkohol schädigt die Leber und beschleunigt bei Menschen mit chronischer Hepatitis B den Weg über die Vernarbung der Leber bis zum Leberkrebs. Tabakrauch schädigt die Schleimhäute im Mundbereich und kann zusammen mit HPV-Viren Mundkrebs begünstigen. Neben der Vermeidung von Virusinfektionen ist daher auch die Vermeidung von anderen krebserregenden Stoffen wichtig für die Gesamtprophylaxe.
Direkte und indirekte Krebsentstehung
Onkoviren erzeugen Krebs auf zwei grundsätzlich verschiedenen Wegen. Die Unterscheidung erklärt vieles an den Krankheitsbildern, die sie hervorrufen.
Beim direkten Weg wirkt das Virus in der Krebszelle selbst. Es bringt Gene mit, deren Produkte die Kontrollen des Zellwachstums außer Kraft setzen, oder es baut sein Erbgut so in das der Zelle ein, dass körpereigene Wachstumsgene dauerhaft eingeschaltet bleiben. In den Tumorzellen findet sich dann das Erbgut des Virus wieder, häufig in jeder einzelnen Zelle der Geschwulst. So arbeiten die Hochrisikotypen der Papillomviren, das HTLV-1, das Humane Herpesvirus 8 und das Merkelzell-Polyomavirus.
Beim indirekten Weg richtet nicht das Virus den Schaden an, sondern die jahrzehntelange Auseinandersetzung des Körpers mit ihm. Eine chronische Leberentzündung bedeutet, dass fortwährend Leberzellen zugrunde gehen und ersetzt werden müssen. Jede dieser Zellteilungen ist eine Gelegenheit für Fehler im Erbgut, und die Entzündung selbst liefert Stoffe, die das Erbgut zusätzlich schädigen. Auf diesem Weg entsteht Leberkrebs bei chronischer Hepatitis C; das Virus muss in der Krebszelle gar nicht mehr vorhanden sein. Beim Hepatitis-B-Virus kommen beide Wege zusammen, denn dessen Erbgut wird zusätzlich in das der Leberzellen eingebaut.
Für beide Wege gilt dasselbe: Die Infektion allein genügt nicht. Aus einer Ansteckung, die viele Millionen Menschen mit sich tragen, wird nur bei sehr wenigen ein Tumor. Nötig sind weitere Veränderungen im Erbgut der Zelle, die sich über lange Zeit ansammeln, und meist zusätzliche Einflüsse von außen. Onkoviren sind daher besser als Wegbereiter zu verstehen denn als Auslöser im engeren Sinn. Das ist keine bloße Spitzfindigkeit: Es erklärt, warum eine Impfung dem Krebs zuvorkommen kann, ein einzelner Virusnachweis beim Erkrankten dagegen wenig über dessen Aussichten sagt.
Latenzzeit und Kofaktoren
Zwischen der Ansteckung und dem Tumor liegen bei allen anerkannten Onkoviren Jahre bis Jahrzehnte. Beim Gebärmutterhalskrebs erfolgt die Infektion meist in jungen Jahren, die Erkrankung tritt in der Regel Jahrzehnte später auf; bei der durch HTLV-1 ausgelösten Leukämie kann die Zeitspanne noch länger sein. Diese Latenzzeit hat mehrere Folgen. Sie ist ein Grund dafür, warum der Zusammenhang zwischen Virus und Krebs so schwer nachzuweisen war: Wenn der Tumor entsteht, liegt die Ansteckung so weit zurück, dass sich niemand an sie erinnert. Sie ist zugleich der Grund, warum Vorbeugung überhaupt wirken kann – in dieser langen Spanne lassen sich Vorstufen finden und entfernen. Und sie erklärt, warum sich der Nutzen einer Impfung erst nach vielen Jahren in den Krebszahlen abzeichnet.
In der langen Zwischenzeit entscheiden Kofaktoren mit. Beim Leberkrebs verstärken Alkohol und die Belastung von Nahrungsmitteln mit Schimmelpilzgiften die Wirkung einer chronischen Hepatitis; die dadurch begünstigte Vernarbung der Leber, die Leberzirrhose, gilt als eigentlicher Boden des Tumors. Beim Burkitt-Lymphom in Äquatorialafrika tritt zur Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus eine immer wiederkehrende Malaria hinzu, die das Immunsystem dauerhaft beansprucht; deshalb ist diese Form des Lymphoms an Gebiete mit ganzjähriger Malariaübertragung gebunden. Beim Kaposi-Sarkom entscheidet vor allem der Zustand der Abwehr, weshalb es vor der Behandelbarkeit von AIDS weit häufiger auftrat als heute. Und beim Krebs des Mund- und Rachenraums wirken Virus, Tabak und Alkohol zusammen.
Aus dieser Beobachtung folgt ein für Laien wichtiger Punkt: Der Nachweis eines Onkovirus ist kein Urteil. Er beschreibt ein erhöhtes Risiko, das sich durch das Vermeiden der übrigen Faktoren und durch regelmäßige Kontrollen erheblich beeinflussen lässt.
Impfung als Krebsvorbeugung
Dass sich Krebs durch eine Impfung verhüten lässt, ist eine vergleichsweise junge Erkenntnis, und sie gilt bisher nur dort, wo ein Virus im Spiel ist. Dem Impfstoff gegen Hepatitis B wurde diese Wirkung als erstem zugeschrieben. In Taiwan, wo die Erkrankung häufig war und früh flächendeckend geimpft wurde, ging der Leberkrebs bei Kindern und jungen Erwachsenen deutlich zurück. Besondere Bedeutung hat die Impfung möglichst bald nach der Geburt, denn eine Ansteckung des Neugeborenen durch die Mutter verläuft besonders oft chronisch – und gerade der chronische Verlauf ist es, der zum Krebs führen kann. In Deutschland gehört die Impfung gegen Hepatitis B zu den Standardimpfungen des Kindesalters.
Bei der Impfung gegen Papillomviren wirkt derselbe Grundsatz: Geschützt wird vor der Infektion, nicht vor dem Tumor. Deshalb muss geimpft werden, bevor eine Ansteckung überhaupt möglich ist, und deshalb richtet sich die Empfehlung an Kinder und Jugendliche vor den ersten sexuellen Kontakten. Aus demselben Grund dauert es Jahrzehnte, bis sich die volle Wirkung in den Zahlen der Krebserkrankungen zeigt; Auswertungen aus Ländern, die früh begonnen haben, weisen einen Rückgang zunächst der Krebsvorstufen und inzwischen auch des Gebärmutterhalskrebses aus.
Gegen die übrigen anerkannten Onkoviren steht bisher keine Impfung zur Verfügung. Für Hepatitis C und das Epstein-Barr-Virus wird an Impfstoffen gearbeitet. Bei Hepatitis C erschwert die große Wandlungsfähigkeit des Virus die Entwicklung; hier steht dafür eine Behandlung bereit, die die Infektion beseitigt und damit ebenfalls Krebs verhütet.
Andere Erreger mit krebserzeugender Wirkung
Viren sind nicht die einzigen Krankheitserreger, die Krebs begünstigen. Das Bakterium Helicobacter pylori besiedelt die Magenschleimhaut eines großen Teils der Weltbevölkerung und unterhält dort eine chronische Entzündung. Es gilt als der wichtigste bekannte Risikofaktor für Magenkrebs und für eine seltene Form des Lymphdrüsenkrebses der Magenwand, die sich sogar zurückbilden kann, wenn das Bakterium mit Antibiotika entfernt wird.
Unter den Parasiten sind es vor allem Saugwürmer. Der Blasen-Pärchenegel verursacht in Teilen Afrikas und des Nahen Ostens eine chronische Entzündung der Harnblasenwand, aus der sich Blasenkrebs entwickeln kann. In Südostasien begünstigen kleine Leberegel, die mit rohem Süßwasserfisch aufgenommen werden, Krebs der Gallengänge.
Der Mechanismus ist in diesen Fällen derselbe wie bei den indirekt wirkenden Viren: nicht ein eingeschleustes Gen, sondern eine Entzündung, die über Jahrzehnte nicht zur Ruhe kommt. Und ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich behandeln oder vermeiden lassen. Der Anteil der durch Erreger verursachten Krebserkrankungen ist in ärmeren Ländern deutlich höher als in wohlhabenden, weil dort sowohl die Infektionen häufiger sind als auch Impfung, Früherkennung und Behandlung schwerer erreichbar bleiben.
Die Erforschung der Tumorviren
Die Vorstellung, dass Krebs eine übertragbare Ursache haben könnte, galt lange als abwegig. Den ersten Beleg lieferte 1911 der amerikanische Pathologe Peyton Rous. Er zerrieb die Geschwulst eines Huhns, filtrierte den Brei so fein, dass weder Zellen noch Bakterien hindurchgingen, und erzeugte mit der verbliebenen Flüssigkeit bei gesunden Hühnern denselben Tumor. Seine Arbeit wurde jahrzehntelang als Eigenart der Vogelkrankheiten abgetan; erst 1966 erhielt Rous dafür den Nobelpreis, im Alter von 87 Jahren.
Der erste beim Menschen gefundene Vertreter war das Epstein-Barr-Virus. Der in Uganda tätige Chirurg Denis Burkitt hatte in den 1950er Jahren beschrieben, dass ein bestimmter Kindertumor dort in einer auffälligen geografischen Verteilung auftrat – ein Muster, das an eine übertragbare Ursache denken ließ. 1964 fanden Michael Anthony Epstein, Yvonne Barr und Bert Achong in Zellen aus solchen Tumoren unter dem Elektronenmikroskop ein Herpesvirus.
In den folgenden Jahrzehnten kamen die übrigen hinzu. Baruch Blumberg stieß bei der Untersuchung von Blutproben auf ein Merkmal, das sich als Bestandteil des Hepatitis-B-Virus erwies; aus dieser Entdeckung gingen sowohl der Bluttest als auch der Impfstoff hervor, und 1976 erhielt Blumberg den Nobelpreis. Harald zur Hausen wies das Erbgut von Papillomviren im Gewebe von Gebärmutterhalskrebs nach und wurde dafür 2008 ausgezeichnet. Das Humane Herpesvirus 8 wurde 1994, das Merkelzell-Polyomavirus 2008 mit Verfahren gefunden, die das gesamte in einem Tumor abgelesene Erbgut mit dem bekannten menschlichen vergleichen und alles heraussuchen, was dort nicht hingehört. In beiden Fällen stand am Anfang dieselbe Beobachtung: dass ein sonst sehr seltener Tumor bei Menschen mit geschwächter Abwehr auffällig gehäuft vorkam.
Quellen
- Modrow, S., Falke, D., Truyen, U., Schätzl, H.: Molekulare Virologie.
ISBN: 9783662617809
- Doerr, H. W., Gerlich, W. H. (Hrsg.): Medizinische Virologie.
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- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
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- Darai, G., Handermann, M., Sonntag, H.-G., Zöller, L. (Hrsg.): Lexikon der Infektionskrankheiten des Menschen.
ISBN: 9783642171574
- Alberts, B., Heald, R., Johnson, A., et al.: Molekularbiologie der Zelle.
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