Diosgenin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 11. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Diosgenin ist ein pflanzlicher Steroidstoff, der oft zu den Phytohormonen gezählt wird und insbesondere in der Yamswurzel vorkommt. Dem Stoff werden vielfältige positive Wirkungen zugeschrieben, die überwiegend aus Labor- und Tierversuchen stammen. Aufgrund seines Aufbaus ähnlich den Steroidhormonen des Menschen wird es auch zur Synthese von Sexualhormonen und Kortison verwendet.
Was ist Diosgenin?
Diosgenin ist ein Pflanzenwirkstoff, der aufgrund seines chemischen Aufbaus den Steroidhormonen des Menschen ähnlich ist. Insbesondere in der Yamswurzel ist viel Diosgenin enthalten. Der Wirkstoff stellt das Aglykon von Dioscin dar. Ein Aglykon ist eine Nichtzuckerkomponente, die statt einer Glykosylgruppe ein Wasserstoffatom an der entsprechenden Stelle bindet.
Die chemische Grundstruktur zeigt das gleiche Steroidgerüst, welches auch die menschlichen Sexualhormone und die Glukokortikoide (Kortison) enthalten. Daher kann Diosgenin chemisch auch in Kortison und Progesteron umgewandelt werden.
Kortison ist das typische Glukokortikoid, welches vielfältige Anwendung zur Behandlung von Allergien, Autoimmunerkrankungen und bei Organtransplantationen zur Verhinderung der Abstoßungsreaktionen findet. Verschiedene Derivate von Diosgenin werden in der medizinischen Forschung eingesetzt. Dabei werden Wirkstoffe gesucht, die ähnliche oder sogar noch bessere Eigenschaften besitzen als Diosgenin.
Als Einzelstoff ist Diosgenin kein Arzneimittel; aufgenommen wird es vor allem über Nahrungsergänzungsmittel. Die medizinische Bedeutung für die klassische Medizin ergibt sich aus der Tatsache, dass es als Ausgangsstoff für die Synthese wichtiger Hormone und Verhütungsmittel dient. Das pharmakologische Wirkungsspektrum ist sehr vielfältig, sodass es bei der heilpraktischen Behandlung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen eine große Rolle spielt.
Pharmakologische Wirkung
In besonderer Weise greift der Wirkstoff auch in den Hormonstoffwechsel bei der Behandlung von Wechseljahresbeschwerden ein. So wurde beobachtet, dass es zu einer Verringerung der Hitzewallungen und sogar zur Zunahme der sexuellen Lust bei Frauen in den Wechseljahren kommt. Bei Männern konnten beispielsweise auch Prostatabeschwerden verringert werden. Für die Wechseljahresbeschwerden fand eine placebokontrollierte Doppelblindstudie mit einer Yamswurzelcreme dagegen weder einen Unterschied zum Scheinpräparat bei den Beschwerden noch eine Veränderung der Progesteron- und Estradiolwerte. In dieser Untersuchung erhielten 23 gesunde Frauen mit belastenden Wechseljahresbeschwerden nacheinander in zufälliger Reihenfolge die wirkstoffhaltige und eine äußerlich gleiche Creme ohne Wirkstoff. Weder Gewicht noch Blutdruck, weder Gesamtcholesterin, Triglyzeride und HDL-Cholesterin noch die Werte für das follikelstimulierende Hormon, den Blutzucker, Estradiol und Progesteron veränderten sich. Bedeutsame Nebenwirkungen wurden unter beiden Cremes nicht berichtet.
Des Weiteren wirkt Diosgenin antikanzerogen, wie sich in Tierversuchen an Ratten zeigte. In diesen Versuchen nahm das Risiko, an Dickdarm- oder Prostatakrebs zu erkranken, unter Diosgenin ab. Zudem zeigt Diosgenin eine antimikrobielle Wirkung gegen die Hefepilze Candida albicans und Candida glabrata. Auch gegen das Hepatitis-C-Virus wurde eine gewisse Wirksamkeit festgestellt.
In Versuchen konnte weiterhin nachgewiesen werden, dass Diosgenin die Blutgerinnung für längere Zeit hemmen kann und damit der Bildung von Thrombosen entgegenwirken könnte. Diosgenin besitzt auch hemmende Wirkung auf die Acetylcholinesterase. Anwendung in dieser Hinsicht findet es noch nicht, allerdings werden weitere Untersuchungen durchgeführt, um Einsatzmöglichkeiten bei Krankheiten, die mit einer erhöhten Acetylcholinesteraseaktivität einhergehen, abzuklären.
Schließlich wurde auch eine entzündungshemmende Wirkung von Diosgenin beobachtet. Insgesamt konnten in Versuchen und Studien viele positive Wirkungen von Diosgenin nachgewiesen werden, wobei der genaue Wirkmechanismus noch nicht bekannt ist. Diese Befunde stammen überwiegend aus Zell- und Tierversuchen; ein Nutzen beim Menschen ist damit nicht belegt.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Diosgenin kommt besonders in der Yamswurzel vor. Bei den Azteken, Mayas, den nordamerikanischen Indianern und bei den Chinesen wurde die Yamswurzel bereits frühzeitig in der Volksmedizin eingesetzt. Dort wurde ihre heilsame Wirkung bei Entzündungen und rheumatischen Erkrankungen erkannt. Die Wirkpalette ist sehr breit.
Auch die typischen Alterserkrankungen wie Arteriosklerose oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen kommen beim häufigen Verzehr der Yamswurzeln seltener vor. Gleichzeitig ist ihre positive Wirkung bei Schilddrüsenunterfunktion, Diabetes, Muskelkrämpfen, Harnwegserkrankungen, Verdauungsstörungen und Gallenwegsstörungen beachtlich. Des Weiteren wurde die Yamswurzel auch bei der Empfängnisverhütung eingesetzt. Diese Anwendungen stammen aus der Volksmedizin; durch Studien belegt sind sie nicht. Als Nahrungsergänzungsmittel dürfen Yamswurzelpräparate zudem nicht mit der Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten beworben werden.
Für die Anwendung in der klassischen Medizin wird Diosgenin zunächst als Ausgangsstoff für die Herstellung von Progesteron und Kortison verwendet. In der Heilmedizin basiert die Anwendung von Diosgenin auf dem Einsatz von diosgeninhaltigen Pflanzen wie der Yamswurzel. Dort wird sie in Form von Nahrungsergänzungsmitteln (Kapseln oder Pulver), Salben und Cremes verwendet.
Risiken & Nebenwirkungen
Vereinzelt kommt es jedoch auch zu unangenehmen Nebenwirkungen. Wenn die Dosis längere Zeit zu hoch angesetzt ist, kann es zu Hautrötungen und Müdigkeit kommen. Über Verdauungsprobleme wird auch berichtet, das aber nur, wenn bereits vorher bei den betroffenen Personen öfter Magen- und Darmprobleme vorkamen.
Jeder Mensch reagiert anders auf bestimmte Wirkstoffkonzentrationen, sodass sich hier noch kein klares Bild abzeichnet, wo die gefährliche Wirkstoffkonzentration liegt. In der Yamswurzel sind zwar hohe Diosgenin-Konzentrationen enthalten, jedoch scheint es bei ihrer Anwendung keine besonderen Nebenwirkungen zu geben.
Es gibt allerdings aus Vorsicht Kontraindikationen für die Yamswurzel. Sie sollte nicht angewendet werden bei Menstruationsproblemen von Mädchen in der Pubertät. Die Pubertät ist eine Zeit sehr starker hormoneller Veränderungsprozesse, sodass eine zusätzliche Einnahme hormonähnlicher Substanzen eventuell nicht absehbare Folgen haben kann. Da über die hormonelle Wirkung von Diosgenin noch zu wenig bekannt ist, sollte die Yamswurzel auch nicht bei hormonabhängigen Tumoren wie Brustkrebs oder Gebärmutterkrebs verwendet werden.
Herkunft & Gewinnung
Die Bedeutung von Diosgenin für die Arzneimittelherstellung geht auf die Arbeiten des amerikanischen Chemikers Russell Earl Marker zurück, der von 1902 bis 1995 lebte. Marker befasste sich in den 1930er Jahren mit Steroiden und sammelte dafür Pflanzen im Südwesten der Vereinigten Staaten und in Mexiko. Dabei stieß er auf zahlreiche Pflanzen, die steroidartige Sapogenine enthalten, und klärte mit seinen Studenten deren Aufbau auf.
Sein wichtigster Beitrag ist ein nach ihm benanntes Verfahren, der Marker-Abbau. Es überführt Diosgenin und verwandte Sapogenine auf chemischem Weg in Progesteron. Zusammen mit Emeric Somlo und Federico Lehmann gründete Marker daraufhin das Unternehmen Syntex und begann mit der Herstellung von Progesteron. Kurz darauf verließ er Syntex, gründete ein weiteres Unternehmen in Mexiko und gab die Chemie schließlich ganz auf.
Für die Einordnung des Stoffes ist an diesem Verfahren zweierlei wichtig. Erstens macht es Diosgenin zu einem Ausgangsstoff, nicht zu einem Wirkstoff: Am Ende der Umsetzung steht ein anderes Molekül. Zweitens findet die Umsetzung im Labor statt und nicht im menschlichen Körper. In Übersichtsarbeiten zum körpereigenen Hormon Dehydroepiandrosteron wird ausdrücklich festgehalten, dass dieses im Körper über den Weg von Cholesterin und Pregnenolon entsteht, während die Herstellung aus Diosgenin, aus Wildyams oder aus Soja dem Labor vorbehalten bleibt.
Chemischer Aufbau & die Frage der Hormonbildung
Diosgenin gehört zu den Steroidsapogeninen. In der Pflanze liegt es überwiegend nicht frei vor, sondern gebunden an Zuckerbausteine; die so entstandene Verbindung trägt den Namen Dioscin und zählt zu den Saponinen. Saponine sind Pflanzenstoffe, die in Wasser schäumen, und dieser Eigenschaft verdanken sie ihren Namen. Wird der Zuckeranteil abgespalten, bleibt das Aglykon zurück, und dieses Aglykon ist das Diosgenin.
Sein Gerüst besteht aus vier miteinander verbundenen Ringen. Dasselbe Gerüst tragen das Cholesterin und die aus ihm gebildeten menschlichen Steroidhormone, also die Sexualhormone ebenso wie die Glukokortikoide. Diese Übereinstimmung im Grundgerüst ist der Grund, aus dem Diosgenin überhaupt als Ausgangsstoff taugt, und sie ist zugleich die Quelle eines verbreiteten Missverständnisses.
Der Unterschied liegt in dem, was an dieses Gerüst angehängt ist. Diosgenin trägt an einem Ende eine mehrgliedrige Struktur aus zwei zusätzlichen Ringen, die den menschlichen Hormonen fehlt. Der Marker-Abbau entfernt genau diesen Teil und legt damit die Struktur frei, aus der sich Progesteron gewinnen lässt. Diese Umsetzung ist eine chemische Reaktion, die im Labor durchgeführt wird. Die Ähnlichkeit der Grundgerüste trägt für sich genommen keinen Schluss darauf, dass derselbe Schritt auch im Körper abläuft.
Genau diese Frage wurde in der placebokontrollierten Untersuchung gemessen: Die Werte für Progesteron und Estradiol veränderten sich unter der Yamswurzelcreme nicht. Wer ein Yamswurzelpräparat einnimmt, nimmt also einen Ausgangsstoff der Hormonherstellung auf und kein Hormon.
Von dieser Frage zu trennen ist eine zweite, für die der Befund offener ist: Ob Diosgenin die körpereigene Bildung des Hormons Dehydroepiandrosteron anregt. Diese Vermutung stützt sich nicht auf eine Umwandlung des Pflanzenstoffes selbst, sondern auf einen angenommenen Einfluss auf einen körpereigenen Bildungsweg. Belegt ist sie bislang nicht; die Übersichtsarbeiten zu diesem Hormon führen Diosgenin ausdrücklich unter den Ausgangsstoffen der Herstellung im Labor auf und nicht unter den körpereigenen Vorstufen. Die Vorstufen im Körper sind Cholesterin und Pregnenolon.
Bedeutung für die Arzneimittelherstellung
Die industrielle Bedeutung von Diosgenin liegt nicht in seiner eigenen Wirkung, sondern in dem, was sich aus ihm herstellen lässt. Über das Zwischenprodukt Progesteron sind auf chemischem Weg weitere Steroide zugänglich, darunter die Glukokortikoide der Kortison-Gruppe und die Wirkstoffe hormoneller Verhütungsmittel. Damit steht am Anfang einer ganzen Reihe von Arzneimitteln ein Pflanzenstoff aus einer Wurzelknolle.
Diese Rolle erklärt auch, weshalb Diosgenin in der medizinischen Forschung weiter Beachtung findet. Untersucht werden dabei zwei ganz verschiedene Fragen: einerseits die Eignung abgewandelter Diosgenin-Moleküle als Ausgangsstoffe oder als eigenständige Wirkstoffkandidaten, andererseits die in Zell- und Tierversuchen beobachteten eigenen Wirkungen des unveränderten Stoffes. Für die zweite Frage steht der Nachweis beim Menschen bislang aus; die Zahl der Veröffentlichungen zu Diosgenin sagt über diesen Nachweis nichts aus.
Abgrenzung: Yamswurzel, Wildyams und Süßkartoffel
Die Pflanze, um die es geht, wird im deutschen Sprachgebrauch nicht einheitlich benannt, und die Verwechslungen haben Folgen für das Verständnis der Präparate. Als Yams werden Arten der Gattung Dioscorea bezeichnet, die der Familie der Yamswurzelgewächse angehören. Aus ihnen stammt das Diosgenin, und von dieser Gattung leitet sich auch der Name des Stoffes ab.
Die Süßkartoffel ist etwas anderes. Sie trägt den botanischen Namen Ipomoea batatas und gehört zu den Windengewächsen, einer ganz anderen Pflanzenfamilie. Dass sie im englischen Sprachraum vielerorts als „yam“ verkauft wird, ist ein Namensgebrauch und keine botanische Verwandtschaft. Wer Süßkartoffeln isst, nimmt damit nicht das auf, worum es bei den Yamswurzelpräparaten geht.
Innerhalb der Gattung Dioscorea wiederum wird unterschieden zwischen den als Nahrungsmittel angebauten Yamsarten und der als Wildyams bezeichneten Art Dioscorea villosa, aus der die in Europa angebotenen Cremes und Kapseln überwiegend hergestellt werden. Die placebokontrollierte Untersuchung zu den Wechseljahresbeschwerden wurde mit einem Präparat aus dieser Art durchgeführt. Für die Einordnung eines angebotenen Erzeugnisses ist die verwendete Art deshalb eine wesentliche Angabe: Aussagen, die an einem Präparat aus Dioscorea villosa gewonnen wurden, lassen sich nicht ohne Weiteres auf ein Erzeugnis aus einer als Nahrungsmittel angebauten Yamsart übertragen, und erst recht nicht auf die Süßkartoffel. Dieselbe Vorsicht gilt in umgekehrter Richtung für die Berichte aus der Volksmedizin, die sich auf die als Nahrungsmittel genutzten Knollen beziehen.
Einordnung & Wechselwirkungen
Diosgenin ist in Deutschland kein zugelassener Arzneistoff. Angeboten wird es in Form von Zubereitungen aus der Yamswurzel, also als Kapsel, Pulver, Salbe oder Creme, und diese gelten rechtlich als Nahrungsergänzungsmittel oder als kosmetische Mittel. Daraus folgt zweierlei: Es gibt weder eine Fachinformation noch einen behördlich geprüften Abschnitt zu Gegenanzeigen und Wechselwirkungen, und die Präparate dürfen nicht mit der Vorbeugung oder Behandlung von Krankheiten beworben werden.
Aus den beschriebenen Beobachtungen ergeben sich gleichwohl Fragen, die vor einer gleichzeitigen Einnahme mit Arzneimitteln zu bedenken sind. Im Versuch hemmt Diosgenin die Blutgerinnung über längere Zeit; ob sich daraus beim Menschen ein Zusammentreffen mit gerinnungshemmenden Arzneimitteln ergibt, lässt sich aus diesen Versuchen nicht ableiten. Ebenso hemmt Diosgenin die Acetylcholinesterase, also dasselbe Enzym, an dem auch bestimmte Arzneistoffe gegen Demenz ansetzen. Und weil dem Stoff eine Wirkung auf den Hormonhaushalt zugeschrieben wird, betrifft die Frage nach einem Zusammentreffen auch Hormonpräparate und hormonell wirksame Verhütungsmittel.
Die vorhandenen Befunde stammen fast durchgehend aus Zell- und Tierversuchen. Die einzige placebokontrollierte Untersuchung am Menschen, die im Zusammenhang mit Wechseljahresbeschwerden vorliegt, fand keinen Unterschied zum Scheinpräparat. Für eine Einschätzung, ab welcher Menge und in welcher Zubereitung mit Wirkungen oder mit Wechselwirkungen zu rechnen ist, reicht diese Grundlage nicht aus.
Quellen
- Blaschek, W. (Hrsg.): Wichtl - Teedrogen und Phytopharmaka.
ISBN: 9783804730687
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
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- Geisslinger, G., Gudermann, T., Hinz, B., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
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- Amrani, M., Seufert, R. (Hrsg.): Gynäkologische Endokrinologie und Kinderwunschtherapie.
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- Diederich, S., Feldkamp, J., Grußendorf, M., Reincke, M. (Hrsg.): Referenz Endokrinologie und Diabetologie.
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