Orthomolekulare Psychiatrie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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In der orthomolekularen Psychiatrie (OMP) sollen psychische Erkrankungen mittels konzentrierter Verabreichung von Vitaminen, Zink und anderen Substanzen geheilt werden, die auf natürliche Weise im menschlichen Körper vorkommen. Auf diese Weise will sie optimale molekulare Bedingungen für einen gesunden Geist und Verstand schaffen beziehungsweise erhalten. In der medizinischen Praxis hat sich die orthomolekulare Psychiatrie jedoch nicht wie erhofft etablieren können. Sie vermochte bis heute keinen ausreichenden Nachweis ihrer Wirksamkeit zu erbringen.
Sie ist der auf seelische Erkrankungen bezogene Zweig der orthomolekularen Medizin; deren allgemeine Grundannahmen werden hier auf Störungen des Denkens, Fühlens und Verhaltens übertragen.
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Was ist die orthomolekulare Psychiatrie?
Als Begründer dieser umstrittenen Theorie gelten der Kanadier Abram Hoffer und der Brite Humphry Osmond. Beide Ärzte verordneten an Schizophrenie erkrankten Patienten hohe Dosen von Niacin (Vitamin B3).
In den 1950er Jahren stellten Hoffer und Osmond ihre Theorie auf, dass schizophrene Menschen einen von Adrenalin abgeleiteten Körperstoff (Adrenochrom) bilden können, der wie bekannte Drogen halluzinogen wirkt. Ihren Überlegungen lag die Erkenntnis zu Grunde, dass die Vitaminmangelkrankheit Pellagra mit der Zufuhr von Niacin erfolgreich zu behandeln ist. Der US-Amerikaner Carl C. Pfeiffer baute auf diesem Konzept auf und brachte ein System von „Biotypen der Schizophrenie“ hervor. Es basierte auf der Annahme, dass verschiedene Erscheinungen der psychischen Krankheit mit dem Mangel an Histamin, Zink und Vitamin B6 sowie einer Glutenallergie und generellen Fehlernährung zu tun haben können.
Als Pfeiffer im Jahr 1988 starb, kamen die OMP-Forschungen weitgehend zum Erliegen. Seither wurde im Gegenteil deutlich, dass hochdosierte Vitamingaben die allgemeine Gesundheit der Patienten sogar gefährden können. Nur wenige Vitaminpräparate sind heutzutage beispielsweise in Deutschland als Arzneimittel zugelassen. Sie befinden sich in der Regel als Nahrungsergänzungsmittel im Handel und dürfen keine Heilungsversprechen abgeben. In hohen Dosen sind sie wegen möglicher toxischer Wirkungen für Körper und Geist nicht zulässig.
Vom übergeordneten Konzept unterscheidet sich die orthomolekulare Psychiatrie durch ihren Gegenstand. Während die orthomolekulare Medizin das gesamte Krankheitsspektrum in den Blick nimmt, beschränkt sich ihr psychiatrischer Zweig auf seelische Störungen und auf die Annahme, deren Verlauf lasse sich über die Zufuhr körpereigener Stoffe beeinflussen. Im Mittelpunkt standen von Beginn an schwere Krankheitsbilder; später wurden auch depressive Verstimmungen, Angststörungen, Erschöpfungszustände, ADHS bei Kindern und Abbauprozesse im Alter wie die Demenz in die Betrachtung einbezogen. Je unschärfer die behandelten Beschwerden dabei gefasst sind, desto schwerer lässt sich allerdings unterscheiden, ob eine Besserung auf die Behandlung zurückgeht oder auf den natürlichen Verlauf der Beschwerden.
Der zeitgeschichtliche Hintergrund erklärt einen Teil der Anziehungskraft des Ansatzes. In den 1950er Jahren standen für schwere psychische Erkrankungen nur wenige und oft belastende Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung; die ersten Neuroleptika kamen gerade erst in Gebrauch. Vor diesem Hintergrund erschien die Vorstellung verlockend, eine schwere Erkrankung mit Stoffen behandeln zu können, die der Körper ohnehin enthält. Die Fachwelt folgte dem Konzept jedoch nicht. Die amerikanische psychiatrische Fachgesellschaft setzte Anfang der 1970er Jahre eine Arbeitsgruppe ein, die die sogenannte Megavitamin-Behandlung in der Psychiatrie prüfte und zu einem ablehnenden Ergebnis kam; auch die Annahme, das Adrenochrom sei die Ursache der Schizophrenie, ließ sich in dieser Form nicht bestätigen.
Von der orthomolekularen Psychiatrie zu unterscheiden ist die anerkannte Behandlung nachgewiesener Nährstoffmängel, die mit psychischen Symptomen einhergehen können. Ein Mangel an Vitamin B12 kann sich in Vergesslichkeit, Verlangsamung und Verstimmung äußern, ein Mangel an Vitamin B1 bei chronischem Alkoholismus zur Wernicke-Enzephalopathie und in der Folge zum Korsakow-Syndrom führen, und die Pellagra geht in fortgeschrittenen Stadien mit Verwirrtheit einher. In all diesen Fällen wird der fehlende Stoff ersetzt, weil der Mangel nachgewiesen ist und die Beschwerden erklärt – das ist reguläre Medizin und kein orthomolekulares Konzept. Die orthomolekulare Psychiatrie geht darüber hinaus, indem sie Stoffe auch ohne belegten Mangel und in Mengen zuführen will, die über die Ernährung nicht zu erreichen wären. Genau an dieser Stelle verläuft die Grenze zwischen dem, was in der Psychiatrie anerkannt ist, und dem, was es nicht ist.
Warum sich diese Grenze gerade in der Psychiatrie nur schwer durch Erfahrungsberichte klären lässt, hat mit dem Gegenstand selbst zu tun. Viele psychische Erkrankungen verlaufen in Schüben, mit Phasen der Besserung und der Verschlechterung, die auch ohne Behandlung eintreten. Die Beschwerden werden zudem in erster Linie über die Auskunft des Betroffenen erfasst und nicht über einen Messwert, und die Erwartung an eine Behandlung beeinflusst diese Auskunft messbar. Aus diesen Gründen gelten in der Psychiatrie Vergleichsgruppen und eine Verblindung als besonders wichtig: Nur so lässt sich unterscheiden, ob eine Besserung auf das Mittel, auf die Zuwendung oder auf den Verlauf zurückgeht. Einzelfallschilderungen – auch eindrucksvolle – reichen dafür nicht aus, gleich aus welcher Richtung sie stammen.
Von der orthomolekularen Psychiatrie zu trennen ist auch eine neuere Forschungsrichtung, die den Zusammenhang zwischen Ernährungsgewohnheiten und psychischer Gesundheit untersucht. Sie fragt nicht nach hohen Gaben einzelner Stoffe, sondern nach der Ernährungsweise im Ganzen, und arbeitet mit den üblichen Methoden der klinischen Forschung. Mit dem orthomolekularen Konzept hat sie den Gegenstandsbereich gemeinsam, nicht aber den Ansatz und nicht die Annahmen über Wirkmengen. Wer sich über Ernährung und Psyche informiert, sollte deshalb darauf achten, welche der beiden Richtungen gemeint ist; die Begriffe werden im Alltag häufig vermengt.
Funktion, Wirkung & Ziele
Pauling präzisierte die Bezeichnung und sprach von der Erhaltung guter Gesundheit und der Behandlung von Krankheiten durch die Veränderung der Konzentration von Substanzen, die normalerweise im Körper des Menschen vorhanden und für die Gesundheit erforderlich sind. Im Jahr 1968 hatte Pauling sein Konzept der orthomolekularen Psychiatrie vorgestellt. Mit der richtigen Konzentration körpereigener Wirkstoffe sollte die Ernährung des Menschen derart gestaltet werden, dass sie präventiv und therapeutisch gegen akute und chronische Krankheiten hilft. Ernährung solle das Ziel haben, postulierte Pauling, nicht mehr nur einem Nährstoffmangel vorzubeugen, sondern für eine individuelle und bedarfsgerechte Versorgung mit Vitalstoffen zu sorgen.
In Fortsetzung der Arbeit von Hoffer und Osmond verwies Pauling darauf, dass ein Mangel an Vitamin B1 mit Depressionen und ein Mangel an Vitamin B12 mit Psychosen einhergehen kann. In der modernen Allgemeinmedizin werden Vitaminpräparate zum Beispiel gegen Xerophthalmie (Augenaustrocknung), perniziöse Anämie (Blutarmut), Osteoporose und Rachitis eingesetzt. Nicotinsäure zeigt Wirkung gegen einen zu hohen Cholesterinspiegel und Fluorid ist ein anerkanntes Mittel zur Kariesprophylaxe. Zur Senkung des Cholesterinspiegels wird Nicotinsäure heute allerdings kaum noch eingesetzt; diese Aufgabe haben vor allem die Statine übernommen. Die Orthomolekularmedizin beschäftigt sich ebenso mit der gesundheitlichen Relevanz von Mineralien, Spurenelementen, essentiellen Fett- und Aminosäuren.
Nach dem Selbstverständnis der orthomolekularen Medizin ist für den Stoffwechsel und die Immunabwehr des Menschen nicht die minimale, sondern die optimale Menge eines Nährstoffs am besten. Diese Qualität soll es dem Organismus ermöglichen, von selbst die optimale Zusammensetzung der körpereigenen Stoffe herzustellen. Zum Beispiel brachten diverse Optimierungstests den möglichen Einsatz von Omega-3-Fettsäuren bei der Linderung von Herzkrankheiten ins Gespräch. Das Prinzip der orthomolekularen Medizin lautet: Vordergründig sollen im Körper des Menschen vorhandene Stoffe die Ursache einer Erkrankung beseitigen, ehe künstlich hergestellte Medikamente nur die Symptome unterdrücken.
Im Idealfall regen diese orthomolekularen Substanzen die Selbstheilungskräfte des Menschen so stark an, dass Arzneimittel mit mehr oder wenigen unerwünschten Nebenwirkungen möglichst überflüssig werden. Deren Einsatz soll nur im wirklichen Bedarfsfall erfolgen. Bedeutsam in der orthomolekularen Medizin ist das Übergangsmetall Zink. Als essentieller Wirkstoff im Körper ist es mitverantwortlich für das Immunsystem. Ein Zinkmangel gilt in diesem Konzept als Mitursache vieler Erkältungskrankheiten und Infekte, die aber oft voreilig allein mit Antibiotika bekämpft werden. Erheblich wirksamer ist nach der Theorie der orthomolekularen Medizin dagegen eine bessere Versorgung mit Zink. Erkältungen werden allerdings meist durch Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika nicht wirken.
Auf die Psychiatrie übertragen bedeutet dieses Prinzip, dass am Anfang eine Bestandsaufnahme der Nährstoffversorgung stehen soll. Vertreter des Konzepts stützen sich dabei auf Werte aus Blutbild und Serum, teilweise auch auf weitergehende Analysen. Aus den Befunden wird ein individuelles Programm abgeleitet, das neben der Zufuhr einzelner Stoffe meist auch Empfehlungen zur Ernährung enthält. Als Wirkmechanismus wird angenommen, dass Neurotransmitter wie Serotonin und Dopamin aus Bausteinen der Nahrung gebildet werden – Serotonin etwa aus der Aminosäure Tryptophan – und dass die Verfügbarkeit dieser Bausteine sowie der an ihrer Umwandlung beteiligten Vitamine und Mineralstoffe die Signalübertragung im Gehirn beeinflusse. Dass diese Stoffwechselwege bestehen, ist unstrittig; strittig ist die daraus abgeleitete Folgerung, eine zusätzliche Zufuhr verbessere bei ausreichend versorgten Menschen die Funktion weiter.
Angeboten wird die orthomolekulare Psychiatrie überwiegend außerhalb der psychiatrischen Regelversorgung, etwa in Praxen mit naturheilkundlichem Schwerpunkt. Die Präparate werden meist als Nahrungsergänzungsmittel abgegeben und sind in der Regel selbst zu bezahlen. Ihre Vertreter verstehen den Ansatz überwiegend als Ergänzung und nicht als Ersatz für Psychotherapie und Psychopharmaka; wie weit diese Ergänzung reichen soll, wird innerhalb des Feldes unterschiedlich beantwortet.
Wer eine solche Behandlung erwägt, sollte einige Punkte klären, bevor er sich darauf einlässt: worauf sich die Empfehlung im eigenen Fall stützt, welche Untersuchungen ihr zugrunde liegen und wie ihr Ergebnis zu deuten ist, was die Behandlung kostet und über welchen Zeitraum sie angelegt ist, woran ein Erfolg oder ein Misserfolg erkannt werden soll und wann der Versuch beendet wird. Ebenso gehört dazu die Frage, wie sich das Vorgehen zu einer laufenden fachärztlichen Behandlung verhält. Ein seriöses Angebot wird diese Fragen beantworten, auf ein Heilungsversprechen verzichten und den Kontakt zum behandelnden Arzt befürworten, statt ihn infrage zu stellen. Wird dagegen dazu geraten, verordnete Medikamente abzusetzen oder die fachärztliche Behandlung abzubrechen, ist das ein deutliches Warnzeichen; in diesem Fall sollte vor jeder weiteren Entscheidung der behandelnde Arzt hinzugezogen werden. Angehörige können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil sie Veränderungen oft früher bemerken als die Betroffenen selbst.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Auch die aktuelle Konzentration der einzelnen Stoffe ist hier entscheidend. Sie kann deutlich von jener Konzentration abweichen, welche durch die Ernährung sowie die genetische Ausstattung eines konkreten Menschen zur Verfügung steht, stellte Linus Pauling fest. Psychische Symptome in Folge dieser Vitalstoffmängel zeigen sich unter Umständen früher als körperliche, meinen OMP-Spezialisten. Das könnte auf Stoffwechselanomalien zurückzuführen sein, beispielsweise eine geschwächte Durchlässigkeit der sogenannten Blut-Hirn-Schranke. Dann ist zwar das Vorkommen körpereigener Stoffe im normalen Bereich, jedoch kommt es im zentralen Nervensystem auf geringerem Niveau an. Bei Kindern kann sich dies in Konzentrationsmängeln und Lernstörungen, aber auch in Hyperaktivität äußern. Werden Vitamine und Spurenelemente über längere Zeit hoch dosiert eingenommen, sind allerdings auch Nebenwirkungen möglich: Fettlösliche Vitamine wie A und D reichern sich im Körper an, größere Mengen Niacin können unter anderem Hautrötungen mit Hitzegefühl (Flush) und Veränderungen der Leberwerte hervorrufen. Bei ernsthaften psychischen Erkrankungen kann eine solche Behandlung eine fachärztliche Therapie nicht ersetzen.
Das größte Risiko liegt dabei nicht in den Präparaten selbst, sondern in einer verzögerten oder unterlassenen Behandlung. Bei akuten psychotischen Zuständen, bei schweren depressiven Episoden und bei Selbstgefährdung ist rasches fachärztliches Handeln nötig; Zeit, die auf einen Behandlungsversuch mit Nährstoffen verwendet wird, geht dabei verloren. Besonders kritisch ist das eigenmächtige Absetzen verordneter Medikamente, weil dadurch Rückfälle ausgelöst werden können.
Auch die Stoffe selbst sind nicht beliebig unbedenklich. Vitamin B6 kann bei langfristiger Zufuhr in großen Mengen die peripheren Nerven schädigen und eine Polyneuropathie mit Kribbeln und Taubheitsgefühlen hervorrufen. Folsäure kann die Blutbildveränderungen eines Vitamin-B12-Mangels ausgleichen und den Mangel dadurch verdecken, während die neurologischen Schäden fortschreiten. Selen ist nur in einem schmalen Bereich zwischen Bedarf und Überschuss verträglich. Hinzu kommen mögliche Wechselwirkungen mit Arzneimitteln, weshalb alle eingenommenen Präparate gegenüber dem behandelnden Facharzt offengelegt werden sollten – auch solche, die frei verkäuflich sind und deshalb häufig gar nicht als Medikament wahrgenommen werden.
Schließlich gibt es eine Belastung, die leicht übersehen wird: Der Ansatz verlagert die Verantwortung für den Krankheitsverlauf stark auf die eigene Lebensführung. Bleibt die erhoffte Besserung aus, kann daraus bei Betroffenen das Gefühl entstehen, versagt zu haben – gerade bei Erkrankungen, die ohnehin mit Selbstvorwürfen einhergehen. Angehörige und Behandelnde sollten diesen Gesichtspunkt im Blick behalten. Unstrittig ist dagegen, dass eine ausgewogene Ernährung, ausreichender Schlaf und regelmäßige Bewegung einen sinnvollen Platz in der Begleitung psychischer Erkrankungen haben; sie treten aber neben die eigentliche Behandlung und nicht an deren Stelle.
Quellen
- Schmiedel, V.: Nährstofftherapie.
ISBN: 9783132460850
- Falkai, P., Laux, G., Deister, A. (Hrsg.): Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
ISBN: 9783132432659
- Falkai, P., Wittchen, H.-U. (Hrsg.): Diagnostisches und statistisches Manual psychischer Störungen.
ISBN: 9783801732172
- Kraft, K., Adler, M. (Hrsg.): Lehrbuch Naturheilverfahren.
ISBN: 9783830453338
- Jäncke, L.: Lehrbuch kognitive Neurowissenschaften.
ISBN: 9783456863467
