Sibutramin

Medizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 27. März 2024
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Sibutramin ist ein Amphetamin-Derivat und dient in seiner Eigenschaft als indirekter Stimulator des sympathischen Nervensystems als Appetitzügler. Der Wirkstoff gehört zur Gruppe der Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer und kommt damit in seiner Wirkungsweise verschiedenen Antidepressiva und dem ADHS-Medikament Methylphenidat nahe. Sibutraminhaltige Arzneien wurden wegen erheblicher Nebenwirkungen auf Empfehlung der Europäischen Arzneimittelagentur 2010 in den europäischen Ländern vom Markt genommen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist Sibutramin?

Sibutramin gehört zur Wirkstoffgruppe der Appetitzügler und wurde für die Behandlung von starkem Übergewicht (Adipositas) verwendet.

Der Arzneistoff Sibutramin, ein Amphetamin-Derivat, das zur Wirkstoffgruppe der Appetitzügler (Anorektika) gezählt wird, wurde bis zu seinem Zulassungsverlust 2010 für die Behandlung von starkem Übergewicht (Adipositas) verwendet. Die appetitzügelnde Eigenschaft des Sibutramins beruht hauptsächlich auf seiner Wirkung als Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI). Hierdurch kommt es im extrazellulären Raum und im synaptischen Spalt der beteiligten Nerven zu einer Konzentrationserhöhung des Neurotransmitters Serotonin und des Stresshormons Adrenalin, was einer indirekten Stimulierung des sympathischen Nervensystems gleichkommt.

Das sympathische Nervensystem sorgt im Falle einer Gefahr oder eines sonstigen Stressors normalerweise dafür, dass Stresshormone ausgeschüttet werden und der Körperstoffwechsel auf den Abruf kurzfristiger geistiger und körperlicher Höchstleistungen für Flucht oder Angriff eingestellt wird. Im Zuge der kurzfristigen Stoffwechselumstellungen kommt es unter anderem auch zur Appetitzügelung.

Aufgrund einer Vielzahl schädlicher Nebenwirkungen, die teilweise lebensbedrohlich waren, empfahl die Europäische Arzneimittelagentur im Januar 2010, sibutraminhaltige Arzneimittel nicht mehr für Behandlungen zuzulassen. Dieser Empfehlung haben sich mittlerweile die Industrienationen angeschlossen und sibutraminhaltigen Arzneimitteln wie Reductil®, Meridia® und LiDa® die Zulassung entzogen.

Pharmakologische Wirkung

Die Vielzahl der Wirkungen, die Sibutramin neben der Appetithemmung auf verschiedene Gewebe, Organe und das ZNS hat, lässt sich weitestgehend mit seiner mittelbaren Stimulierung der adrenergen Rezeptoren (Adrenozeptoren) erklären.

Infolge der Wiederaufnahmehemmung der Neurotransmitter Serotonin und Noradrenalin führt die erhöhte extrazelluläre Konzentration der Botenstoffe zu einer entsprechend verstärkten Besetzung und Stimulierung der Rezeptoren. Die so stimulierten Adrenozeptoren lösen Stoffwechselvorgänge aus, die denen einer „echten“ sympathischen Erregung ähneln. Das bedeutet, dass alle Gewebe und Organe, die von sympathischen Nerven innerviert sind und Adrenozeptoren präsentieren, betroffen sind. Das gilt auch für das ZNS und für Blutplättchen, die ebenfalls an ihrer Oberfläche Adrenozeptoren tragen.

Die Auswirkungen auf die Psyche können meist als euphorisierend bezeichnet werden und ähneln denen bestimmter Psychopharmaka. Die pharmakologische Gesamtwirkung von Sibutramin kann als sympathomimetisch bezeichnet werden.

Neben sonstigen unerwünschten Nebenwirkungen, waren es vor allem die Auswirkungen auf das Herz-Kreislaufsystem wie Herzrhythmusstörungen und Bluthochdruck sowie die starke Beeinflussung der Psyche, die 2010 zum Entzug der Zulassung sibutraminhaltiger Medikamente führte.

Medizinische Anwendung & Verwendung

Der Zeitraum, in dem der Arzneiwirkstoff Sibutramin in Deutschland und anderen europäischen Ländern eine Zulassung hatte, umfasst etwa 12 Jahre, von 1999 bis 2010. Nur in Italien wurde der Wirkstoff nach dem Auftreten von zwei Todesfällen bereits 2002 offiziell vom Markt genommen.

Die Anwendung sibutraminhaltiger Medikamente unterlag strengen Regeln. Der Arzneiwirkstoff sollte ausschließlich zur unterstützenden Behandlung der Adipositas ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 oder mehr verschrieben werden. Unterstützend bedeutet in diesem Fall, dass gleichzeitig eine erprobte Diät eingehalten und ein spezifisches Bewegungsprogramm durchgeführt werden sollte.

Darüber hinaus galt die Regel, dass die Adipositas-Behandlung mit Sibutramin abgebrochen werden sollte, falls nach einer Behandlungsdauer von 3 Monaten nicht wenigstens ein Gewichtsverlust von 5 % erreicht werden konnte. Bei der zu behandelnden Adipositas konnte es sich um eine genetisch bedingte oder um eine erworbene Fettleibigkeit handeln.

Auch bezüglich Kontraindikationen unterlagen die Medikamente strengen Regeln. Beim Vorliegen folgender Krankheiten und Beschwerden sollte keine Behandlung mit sibutraminhaltigen Medikamenten erfolgen: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Funktionsstörungen von Leber und Nieren, Schilddrüsenüberfunktion und grüner Star.

Außerdem sollten aus Sicherheitsgründen schwangere und stillende Frauen sowie Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren kein Sibutramin einnehmen.


Risiken & Nebenwirkungen

Neben den teilweise lebensbedrohlichen Nebenwirkungen, die während einer Behandlung mit Sibutramin auftreten können und auf Grund derer die Medikamenten mit diesem Wirkstoff ihre Zulassung verloren haben, wurden eine Reihe weiterer schädlicher Nebenwirkungen beobachtet. Dazu zählen etwa Schlafstörungen, Verstopfung, Mundtrockenheit, Kopfschmerzen, Erbrechen und Taubheitsgefühle.

Darüber hinaus wurden auch unerwünschte Nebenwirkungen im psychischen und neuronalen Bereich festgestellt. Während der Behandlung können sich Benommenheit, Parästhesien, Geschmacksstörungen, Hautausschläge, übermäßiges Schwitzen (Hyperhidrose), Angstzustände und Tagesmüdigkeit einstellen.

Die Auswirkungen von Sibutramin auf die Psyche können euphorisch und antidepressiv sein. Die Wirkung ist vergleichbar mit einigen Antidepressiva, die auch zu den SNRI gehören. Sibutramin ist mittlerweile auch auf der Liste verbotener Dopingmittel zu finden.

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