Lumbalpunktion
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 3. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Bei einer Lumbalpunktion wird dem Wirbelkanal Nervenwasser entnommen. Diese Untersuchung liefert wertvolle Hinweise auf eine mögliche Veränderung der Flüssigkeitszusammensetzung und damit auf Erkrankungen des Nervensystems.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist eine Lumbalpunktion?
Die Lumbalpunktion ist ein sehr wichtiges Diagnoseinstrument zur Abklärung von Erkrankungen und Symptomen. Die Probe aus der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit wird über einen kleinen Einstich im Wirbelkanal entnommen und auf Zusammensetzung, Zellbestandteile und Farbe untersucht. Durchgeführt wird die Lumbalpunktion zwischen dem dritten und fünften Lendenwirbel bzw. den dort liegenden Dornfortsätzen, also unterhalb des Rückenmarkendes, das beim Erwachsenen auf Höhe des ersten bis zweiten Lendenwirbels liegt.
Das Nervenwasser, das entnommen wird, ist auch unter dem Namen Liquor bekannt und umgibt Gehirn und Rückenmark. Bei einer Lumbalpunktion können im Bedarfsfall Medikamente injiziert werden in den Liquor oder der Druck des Liquors gemessen werden. Ungefähr zehn bis fünfzehn Milliliter Nervenwasser werden aus dem Wirbelkanal entnommen. Die Aufgabe dieser klaren Flüssigkeit liegt in ihrer Schutzfunktion: Sie federt in erster Linie bei Erschütterungen ab. Bilden sich Tumore im Nervensystem oder entzündliche Erkrankungen zeigt sich diese Veränderung auch an der Zusammensetzung des Nervenwassers. Die Lumbalpunktion zählt zu den häufigsten Methoden zur Entnahme von Liquor.
Funktion, Wirkung & Ziele
Ein erhöhter Eiweißgehalt kann auf Blutungen in den Hohlräumen beruhen, die Nervenwasser beinhalten und auf Entzündungen hinweisen aufgrund der gesteigerten Anzahl von Viren, Bakterien oder Entzündungszellen. Der Wert von Laktat und Glukose kann auf eine Infektion des Nervenwassers hinweisen, denn normalerweise erreicht die Glukose im Nervenwasser etwa zwei Drittel des Glukosewertes im Blut und fällt bei einer bakteriellen Entzündung deutlich darunter. Ein erhöhter Laktat-Wert, der bei einer Lumbalpunktion festgestellt wird, zeigt unter Umständen eine tuberkulöse oder bakterielle Hirnhautentzündung an. Speziell beim Verdacht von entzündlichen und malignen Erkrankungen von Hirnhäuten oder dem Gehirn selbst, wie zum Beispiel Multiple Sklerose, Enzephalitis oder Meningitis, liefert die Lumbalpunktion wichtige Marker.
So können Tumorzellen, aber auch Leukozyten und Bakterien sowie Glucose, Lactat oder freies Hämoglobin nach Blutungen nachgewiesen werden. Die Proben werden nach der Entnahme zur genaueren Untersuchung ins Labor, zur Mikrobiologie oder Pathologie geschickt. In der therapeutischen Anwendung erfolgt die Verabreichung von Medikamenten wie zum Beispiel Chemotherapeutika im Ausnahmefall direkt über die Rückenmarksflüssigkeit. Aufgrund der Blut-Hirn-Schranke ist es oft leichter und effizienter, Medikamente über den Liquorraum zu verabreichen als über das Blut. Außerdem ist die Lumbalpunktion eine Möglichkeit, erhöhten Liquordruck bei einem Wasserkopf oder einem Liquorunterdrucksyndrom kurzfristig zu entlasten. In der Anästhesie wird die Lumbalpunktion oft auch als Spinalanästhesie (Lumbalanästhesie) durchgeführt, was eine kurzzeitige Funktionshemmung von bestimmten Nervensegmenten bezweckt.
Bei Operationen im Bereich der unteren Körperhälfte wie zum Beispiel bei einer Hüftgelenksoperation oder einem Kaiserschnitt ist sie ein wichtiges Anästhesieverfahren. Für die Abklärung, ob eine Blutung im Gehirn, Lyme-Borreliose oder ein Tumor im Gehirn oder dem Rückenmark vorliegt, ist eine Lumbalpunktion hilfreich. Auch bei einem möglichen Verdacht auf Krebs der Hirnhäute, bei Leukämie und Lymphomen ist die Lumbalpunktion ein effektives Mittel, um Klarheit über einen Befall der Hirnhäute zu erlangen. Symptome wie Kopfschmerz, Übelkeit und Erbrechen können auf ein Ansteigen des Hirndrucks hinweisen; besteht dieser Verdacht, darf eine Lumbalpunktion nicht ohne vorherige Bildgebung des Kopfes erfolgen.
Ausgelöst wird dieser Hirndruck von Hirntumoren, Hirnblutungen oder Entzündungen. Die ungefähr 20 Minuten dauernde Lumbalpunktion wird auch ambulant durchgeführt. Ziel der Lumbalpunktion ist die Abklärung möglicher Erkrankungen, speziell Nervenerkrankungen. Beim Verdacht auf Parkinson kann eine Lumbalpunktion dazu dienen, andere Ursachen auszuschließen; bei einer Neurosyphilis, einer bestimmten Verlaufsform der Syphilis, gehört sie dagegen zur Diagnosestellung selbst. Die Lumbalpunktion ist ein wichtiges Instrument im Bereich der MS-Diagnostik und wird auch therapeutisch eingesetzt.
Risiken, Nebenwirkungen & Gefahren
Vorbeugende Bettruhe hilft nicht. Der Kopfschmerz klingt nach einigen Tagen meist ab. Es kann zu Schmerzen an der Punktionsstelle und ausstrahlenden Schmerzen kommen. Ebenso sind Übelkeit und ein Schwindelgefühl als mögliche Nebenwirkung bekannt. Schwere Komplikationen wie Nervenverletzungen oder Lähmungserscheinungen sowie Infektionen treten eher selten infolge einer Lumbalpunktion auf. Ebenso möglich sind Blutungen von Blutgefäßen, die irrtümlich punktiert werden. Weitere Nebenwirkungen einer Lumbalpunktion können Symptome wie Nackensteifigkeit, Lichtscheue oder Ohrgeräusche sein. Infektionen an der Einstichstelle können mit entsprechenden Salben und Antibiotika behandelt werden.
Ein taubes Gefühl, wenn ein Nerv getroffen wird, kann auftreten und eine unerwünschte Folge einer Lumbalpunktion sein. Eher die Ausnahme sind Kreislaufprobleme und Atemstörungen, Entzündungen der Rückenmarkshäute oder Einblutungen, die nach der Durchführung einer Lumbalpunktion auftreten könnten. Die Blut-Hirn-Schranke kann bei bestimmten Krankheiten gestört sein. Dabei treten bestimmte Blutbestandteile dann ins Hirnwasser über. Bei der Lumbalpunktion können dann zudem der Eiweiß- und Zuckergehalt des Nervenwassers untersucht und die genaue Anzahl weißer und roter Blutkörperchen bestimmt werden.
Anatomische Grundlage
Um zu verstehen, warum die Punktion im unteren Rücken erfolgt, hilft ein Blick auf den Bau der Wirbelsäule. Die Wirbelkörper umschließen mit ihren Bögen den Wirbelkanal. In ihm liegt, von den Rückenmarkshäuten umhüllt, das Rückenmark – allerdings nicht über die gesamte Länge des Kanals. Beim Erwachsenen endet das Rückenmark auf Höhe des ersten bis zweiten Lendenwirbels. Darunter setzt sich der Wirbelkanal fort, enthält aber nur noch das Bündel absteigender Nervenwurzeln, das wegen seines Aussehens Pferdeschweif (Cauda equina) heißt, und den es umspülenden Liquor.
Der eigentliche Zielort der Nadel ist damit weder das Rückenmark noch der Wirbelkanal als Ganzes, sondern der mit Liquor gefüllte Raum zwischen den inneren Rückenmarkshäuten, der Subarachnoidalraum. Weil die Nervenwurzeln der Cauda equina frei in der Flüssigkeit schwimmen, weichen sie einer vorsichtig vorgeschobenen Nadel in aller Regel aus. Genau darauf beruht die Wahl der Einstichhöhe unterhalb des Rückenmarkendes: Dort kann das Rückenmark selbst nicht mehr getroffen werden.
Bei Säuglingen und Kleinkindern liegt das untere Ende des Rückenmarks noch tiefer als beim Erwachsenen, weil die Wirbelsäule im Wachstum stärker in die Länge zulegt als das Rückenmark. Die Punktionshöhe wird bei ihnen entsprechend weiter unten gewählt.
Der Liquor selbst wird fortlaufend in den Hohlräumen des Gehirns gebildet, den Hirnkammern, und ebenso fortlaufend wieder ins Blut aufgenommen. Das im Körper vorhandene Volumen ist klein im Verhältnis zu der Menge, die täglich neu gebildet wird; die entnommene Probe wird deshalb rasch ersetzt. Dass sich der Liquor stetig erneuert, ist zugleich der Grund, warum seine Zusammensetzung Vorgänge im Nervensystem zeitnah widerspiegelt.
Vorbereitung und Ablauf im Einzelnen
Vor der Untersuchung klärt der Arzt über Zweck, Ablauf und mögliche Komplikationen auf. Erfragt werden dabei Gerinnungsstörungen, die Einnahme gerinnungshemmender Medikamente, Allergien gegen Betäubungs- oder Desinfektionsmittel sowie frühere Eingriffe an der Wirbelsäule. Häufig wird vorab eine Blutentnahme veranlasst, um Gerinnungswerte und Blutbild zu bestimmen; zusätzlich wird meist zeitgleich Blut abgenommen, weil sich manche Liquorwerte nur im Vergleich mit dem Blut sinnvoll beurteilen lassen.
Bestehen Hinweise auf einen erhöhten Druck im Schädelinneren oder auf eine Raumforderung im Gehirn, wird vor der Punktion eine Computertomographie oder Kernspintomographie des Kopfes durchgeführt. Als solche Hinweise gelten unter anderem Ausfälle, die sich einer bestimmten Hirnregion zuordnen lassen, ein erstmalig aufgetretener epileptischer Anfall, eine Bewusstseinstrübung und eine bekannte Abwehrschwäche. Hintergrund ist die Sorge, dass ein Druckabfall im unteren Liquorraum bei ungleich verteiltem Druck im Schädel Hirngewebe verlagern und einklemmen könnte. Fehlen solche Hinweise, ist eine Bildgebung vor einer diagnostischen Lumbalpunktion nach den Empfehlungen der neurologischen Fachgesellschaft dagegen nicht zwingend erforderlich – eine Regel, die gerade bei Verdacht auf eine Hirnhautentzündung wichtig ist, weil die Untersuchung dort keine Zeit verlieren darf. Auch der Augenhintergrund kann untersucht werden, weil sich ein länger bestehender Druckanstieg dort in einer Vorwölbung der Sehnervenpapille zeigen kann. Nüchtern sein müssen Patienten für eine Lumbalpunktion in der Regel nicht.
Für die Punktion nimmt der Patient eine Haltung ein, die die Abstände zwischen den Dornfortsätzen vergrößert: im Sitzen den Rücken rund gebeugt, den Kopf zur Brust geneigt, oder in Seitenlage mit angezogenen Knien. Der Arzt tastet die Beckenkämme; ihre gedachte Verbindungslinie dient als Orientierungshilfe für die Höhe. Nach großflächiger Desinfektion und sterilem Abdecken wird die Haut örtlich betäubt.
Die Nadel wird zwischen zwei Dornfortsätzen vorgeschoben und durchquert dabei nacheinander Haut, Unterhaut, die Bänder zwischen den Dornfortsätzen und die derbe äußere Rückenmarkshaut. Sobald die Nadelspitze im Liquorraum liegt, tropft die klare Flüssigkeit von selbst aus der Nadel; angesaugt wird sie nicht. Bei Bedarf wird zunächst der Druck gemessen, indem ein steigrohrartiges Messröhrchen aufgesetzt wird. Anschließend füllt der Arzt mehrere Röhrchen, die getrennt in die Labore geschickt werden. Zum Schluss wird die Nadel gezogen und ein Pflasterverband angelegt.
Viele Betroffene empfinden die Untersuchung als weniger unangenehm als erwartet. Spürbar sind meist ein Druckgefühl im Rücken und der Einstich der Betäubung. Berührt die Nadel eine Nervenwurzel der Cauda equina, kann kurz ein blitzartiges Ziehen ins Bein einschießen; das ist unangenehm, aber typischerweise flüchtig, und der Arzt korrigiert daraufhin die Richtung der Nadel. Wer sehr angespannt ist, sollte das vorher ansprechen.
Was die Befunde bedeuten
Schon das bloße Aussehen der Probe liefert Hinweise. Normaler Liquor ist klar und farblos wie Wasser. Eine Trübung spricht für eine hohe Zellzahl, wie sie bei einer eitrigen Hirnhautentzündung vorkommt. Eine Blutbeimengung kann entweder aus einem angestochenen kleinen Gefäß stammen oder auf eine Blutung in den Liquorraum hinweisen. Um beides zu unterscheiden, werden die nacheinander aufgefangenen Röhrchen verglichen: Klart die Flüssigkeit von Röhrchen zu Röhrchen auf, spricht das für eine Verletzung durch die Nadel. Liegt eine Subarachnoidalblutung länger zurück, färbt sich der abzentrifugierte Überstand gelblich, weil Abbauprodukte des Blutfarbstoffs entstanden sind.
Im Labor werden Zellzahl und Zellart, Eiweiß-, Zucker- und Laktatgehalt bestimmt. Zusätzlich wird nach Erregern gesucht – durch Anfärben und Betrachten unter dem Mikroskop, durch Anlegen einer Kultur und durch molekulare Verfahren, die Erbmaterial von Viren oder Bakterien nachweisen. Antikörperbestimmungen kommen hinzu, etwa bei Verdacht auf Lyme-Borreliose oder Frühsommer-Meningoenzephalitis.
Ein eigener Untersuchungsgang gilt der Frage, ob Abwehrstoffe im Nervensystem selbst gebildet werden. Werden im Liquor Eiweißmuster gefunden, die im gleichzeitig entnommenen Blut fehlen, spricht das für einen entzündlichen Vorgang innerhalb des Nervensystems; dieser Befund gehört zur Diagnostik der Multiplen Sklerose. Beim Guillain-Barré-Syndrom findet sich typischerweise eine Eiweißvermehrung bei nahezu normaler Zellzahl. In der Abklärung einer Demenz können bestimmte Eiweiße im Liquor bestimmt werden, die beim Untergang von Nervenzellen und bei der Ablagerung krankhafter Eiweißstoffe vermehrt auftreten.
Ebenso wichtig ist die Frage, was ein unauffälliger Befund aussagt. Ein normaler Liquor macht eine akute Entzündung der Hirnhäute sehr unwahrscheinlich und ist damit ein starkes Argument gegen diese Verdachtsdiagnose. Er schließt jedoch nicht jede Erkrankung des Nervensystems aus: Viele neurologische Krankheiten verändern den Liquor nicht oder erst im Verlauf, und ein Teil der Befunde ist unspezifisch, also mit mehreren Ursachen vereinbar. Die Deutung erfolgt deshalb immer zusammen mit Beschwerden, körperlicher Untersuchung, Bildgebung und Blutwerten. Näheres zur Auswertung der Proben behandelt der Artikel Liquordiagnostik.
Der Kopfschmerz nach der Punktion
Die häufigste unerwünschte Folge verdient eine eigene Erklärung. Durch die Öffnung, die die Nadel in der äußeren Rückenmarkshaut hinterlässt, kann noch eine Weile Liquor in das umliegende Gewebe versickern. Sinkt dadurch der Druck im Liquorraum, entsteht ein Kopfschmerz, der beim Aufrichten zunimmt und im Liegen nachlässt – dieses lageabhängige Verhalten ist sein Kennzeichen. Begleitend können Übelkeit, Nackensteife, Licht- und Geräuschempfindlichkeit sowie Ohrgeräusche auftreten. Jüngere Menschen sind häufiger betroffen als ältere.
Vorbeugen lässt sich vor allem über die Nadel. Dünne Nadeln mit stumpf zulaufender, konischer Spitze, die die Fasern der Rückenmarkshaut eher auseinanderdrängen als durchtrennen, gehen seltener mit diesem Kopfschmerz einher als klassische schneidende Nadeln; sie werden deshalb in Fachempfehlungen bevorzugt. Bettruhe nach der Untersuchung beugt dem Kopfschmerz dagegen nicht vor.
Meist klingen die Beschwerden von selbst ab. Unterstützend werden reichliches Trinken, flaches Liegen und Schmerzmittel eingesetzt; auch koffeinhaltige Getränke werden empfohlen. Halten die Beschwerden hartnäckig an, kann in der Anästhesie ein Verfahren angewandt werden, bei dem etwas Eigenblut des Patienten in den Raum außerhalb der harten Rückenmarkshaut gespritzt wird, um die undichte Stelle abzudichten. Dieser Schritt gehört in ärztliche Hand.
Abgrenzung zu verwandten Verfahren
Die Lumbalpunktion teilt ihren Zugangsweg mit der Spinalanästhesie, verfolgt aber ein anderes Ziel: Dort wird nichts entnommen, sondern ein örtliches Betäubungsmittel in den Liquorraum eingebracht, um Nervenleitungen vorübergehend zu unterbrechen. Bei der Periduralanästhesie wird die harte Rückenmarkshaut bewusst nicht durchstoßen; das Medikament gelangt in den Raum davor. Sowohl bei der diagnostischen Punktion als auch bei der Betäubung wird also der Wirbelkanal unterhalb des Rückenmarkendes erreicht – verwechselt werden dürfen die Verfahren dennoch nicht.
Kann der untere Zugangsweg nicht genutzt werden, etwa wegen einer Infektion der Haut an der Einstichstelle oder wegen ausgeprägter Veränderungen der Lendenwirbelsäule, stehen andere Punktionswege zur Verfügung, die deutlich seltener angewandt werden und Spezialisten vorbehalten sind. Liegt ein dauerhaft eingebrachtes Ableitungssystem für Liquor, kann Flüssigkeit auch darüber gewonnen werden.
Geschichte
Die Entnahme von Nervenwasser aus dem unteren Wirbelkanal ist gut ein Jahrhundert alt. Am Middlesex Hospital in London leitete Walter Essex Wynter 1889 bei vier an tuberkulöser Hirnhautentzündung erkrankten Kindern Liquor ab. Sein Ziel war allerdings nicht die Diagnose, sondern die Entlastung vom Druck; er legte dafür über einen Hautschnitt ein Röhrchen ein. Alle vier Kinder starben, und sein Bericht erschien erst 1891 in einer britischen Fachzeitschrift.
Im selben Jahr stellte der Internist Heinrich Irenaeus Quincke, der drei Jahrzehnte lang die Medizinische Klinik in Kiel leitete, das Verfahren in der Form vor, die bis heute gebräuchlich ist: die Punktion mit einer Hohlnadel zwischen den Dornfortsätzen der Lendenwirbelsäule. Er trug seine Ergebnisse auf dem Kongress für Innere Medizin vor und führte die Methode damit in die Krankenversorgung ein. Weil er sie nicht nur zur Druckentlastung, sondern zur Gewinnung einer Probe nutzte, gilt er als Begründer der diagnostischen Lumbalpunktion. Sein Name haftet bis heute an einer Bauform der Punktionsnadel mit schneidender Spitze.
In der Folgezeit erweiterte sich das Anwendungsgebiet in zwei Richtungen. Zum einen entwickelte sich aus der Untersuchung der gewonnenen Probe ein eigenes Fachgebiet, das mit immer feineren Verfahren Zellen, Eiweiße, Erreger und Erbmaterial im Nervenwasser bestimmen kann. Zum anderen wurde derselbe Zugangsweg nutzbar gemacht, um Betäubungsmittel gezielt in den Liquorraum einzubringen – daraus ging die rückenmarksnahe Betäubung hervor, die heute bei zahlreichen Operationen an der unteren Körperhälfte eingesetzt wird. Auch die Nadeln selbst wurden weiterentwickelt: Dünnere Kaliber und stumpf zulaufende Spitzen sollen die Belastung durch die Untersuchung verringern.
Quellen
- Zettl, U. K., Tumani, H., Süßmuth, S. (Hrsg.): Klinische Liquordiagnostik.
ISBN: 9783110221930
- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Hufschmidt, A., Rauer, S., Glocker, F. X.: Neurologie compact.
ISBN: 9783132430358
- Hacke, W.: Neurologie.
ISBN: 9783662468913
- Füeßl, H. S., Middeke, M.: Anamnese und klinische Untersuchung.
ISBN: 9783132443099
