Clonazepam
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 11. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Bei Clonazepam handelt es sich um ein Antikonvulsivum, das aus der Gruppe der Benzodiazepine stammt. Zugelassen ist es zur Behandlung der Epilepsie; bei psychischen Krankheiten wird es außerhalb der Zulassung eingesetzt.
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Was ist Clonazepam?
Clonazepam gehört zu den Arzneistoffen, die sowohl beruhigend als auch krampflösend wirken. Es gehört der Gruppe der Benzodiazepine an. Das Mittel fördert den Schlaf und wirkt sich positiv gegen Angstzustände aus. Hauptsächlich dient es jedoch zur Therapie von epileptischen Krampfanfällen.
Innerhalb der Gruppe zählt Clonazepam zu den lang wirksamen Vertretern; die Wirkung setzt vergleichsweise rasch ein und hält über viele Stunden an, weshalb das Mittel in der Regel nicht mehrmals über den Tag verteilt gegeben werden muss. Wie die übrigen Benzodiazepine wirkt es angstlösend, beruhigend, schlaffördernd und muskelentspannend; der krampflösende Anteil ist bei ihm jedoch besonders ausgeprägt und bestimmt die zugelassene Anwendung. Selbst bei bestimmungsgemäßem Gebrauch kann der Wirkstoff die Fähigkeit, ein Fahrzeug zu führen oder Maschinen zu bedienen, erheblich beeinträchtigen; in den ersten Behandlungstagen wird darauf möglichst ganz verzichtet.
Auf den Markt gelangte das erste Benzodiazepin, mit der Bezeichnung Chlordiazepoxid, im Jahr 1960 durch das Pharmaunternehmen Hoffmann-La Roche. In den folgenden Jahren entstanden weitere Benzodiazepine, die unterschiedliche Wirkungen aufwiesen. Ab 1964 kam es schließlich auch zur Patentierung von Clonazepam, das ab 1975 in den Vereinigten Staaten von Amerika angeboten wurde.
Pharmakologische Wirkung
Zu den wichtigsten hemmenden Neurotransmittern gehört GABA (Gamma-Aminobuttersäure). Durch die Einnahme von Clonazepam lassen sich die hemmenden Effekte von GABA auf verschiedene Nervenknoten verstärken. Dadurch sorgt Clonazepam für das Dämpfen der Gehirnerregbarkeit, wodurch wiederum der Neigung zu epileptischen Krämpfen entgegengewirkt werden kann. Durch dieses Verfahren ist Clonazepam gut als krampflösendes, beruhigendes und schlafförderndes Medikament geeignet.
Im Einzelnen lässt sich dieser Vorgang genau beschreiben. Erreicht ein Nervenimpuls das Ende einer Nervenzelle, wird GABA in den synaptischen Spalt ausgeschüttet und bindet auf der Gegenseite an den GABA-A-Rezeptor. Bei diesem Rezeptor handelt es sich um einen Kanal für Chlorid-Teilchen, der sich öffnet, sobald der Botenstoff andockt. Clonazepam bindet nicht an dieselbe Stelle wie GABA, sondern an eine eigene Bindestelle desselben Rezeptors, die Benzodiazepin-Bindestelle. Dadurch bindet GABA fester an den Rezeptor, der Kanal öffnet sich häufiger, es strömt mehr Chlorid in die Zelle und deren Erregbarkeit sinkt.
Bemerkenswert ist, was dabei nicht geschieht: Benzodiazepine können die höchstmögliche Wirkung von GABA nicht über deren natürliches Maß hinaus steigern, sondern nur die vorhandene Wirkung verstärken. Darin liegt der Grund für die vergleichsweise große therapeutische Breite dieser Stoffgruppe. Der Rezeptor selbst besteht aus mehreren Untereinheiten mit verschiedenen Aufgaben: Die eine vermittelt die beruhigenden, schlaffördernden und krampflösenden Wirkungen, eine andere die angstlösenden und muskelentspannenden. Der krampflösende Effekt ist bei Clonazepam im Vergleich zu anderen Benzodiazepinen besonders stark ausgeprägt; der Wirkstoff hemmt sowohl verallgemeinerte als auch örtlich begrenzte epileptische Anfälle.
Im Unterschied zu Barbituraten ist bei Benzodiazepinen wie Clonazepam die Gefahr von Atemdepressionen geringer ausgeprägt. Auf der anderen Seite besteht jedoch das Risiko eines Benzodiazepinmissbrauchs, weil es zu einer raschen Gewöhnung an das Clonazepam kommt.
Im Anschluss an die Einnahme des Clonazepams wird der Wirkstoff über den Darm ins Blut abgegeben. Nach ein bis vier Stunden erreicht das Mittel im Körper seinen höchsten Spiegel. Da Clonazepam fettlöslich ist, kann es sich in erster Linie im Gehirn anreichern. Die Leber wandelt das Benzodiazepin in Abbauprodukte um, die keine Wirkung mehr entfalten. Aus dem Körper gelangen sie vor allem durch den Urin sowie den Stuhl.
Der Abbau in der Leber läuft überwiegend über das Enzym CYP3A4. Die dabei entstehenden Abbauprodukte besitzen nach der Wirkstoffmonografie keine klinisch bedeutsame eigene Wirkung; sie werden unverändert oder in gebundener Form ausgeschieden. Ein erheblicher Teil des Wirkstoffs ist im Blut an Eiweiße gebunden. Mit seiner langen Verweildauer zählt Clonazepam zu den lang wirksamen Benzodiazepinen; bei eingeschränkter Leberfunktion kann die Ausscheidung zusätzlich verlangsamt sein. Ein Teil der Abbauprodukte wird im Darm wieder aufgenommen.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Zur Anwendung kommt Clonazepam hauptsächlich zur Therapie unterschiedlicher Epilepsieformen. Dabei eignet sich das Mittel auch zum Behandeln von Babys und Kindern. Weiterhin wird der Wirkstoff eingesetzt, um Bewegungsstörungen wie das Restless-Legs-Syndrom, Sitzunruhe oder Krämpfe an der Kaumuskulatur sowie Angstzustände, soziale Phobien oder Schlafwandeln zu therapieren. In Deutschland ist Clonazepam allein zur Behandlung von Epilepsien zugelassen, und zwar als Zusatztherapie oder bei Nichtansprechen auf andere Arzneimittel; die übrigen genannten Anwendungen erfolgen außerhalb der Zulassung.
Die Wirkstoffmonografie führt die zugelassenen Anwendungsgebiete im Einzelnen auf. Genannt werden die Zusatzbehandlung verallgemeinerter Epilepsien vom Typ des Petit Mal, insbesondere bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen, wozu das West-Syndrom und das Lennox-Gastaut-Syndrom gehören; ferner Epilepsien mit kurzen Bewusstseinspausen und andere Formen mit blitzartigen Muskelzuckungen, sofern andere Antiepileptika nicht ausreichen oder nicht angewendet werden können; schließlich örtlich begrenzte Anfälle bei Erwachsenen.
Verabreicht wird Clonazepam über den Mund als Tablette oder als Tropfen. Daneben besteht die Möglichkeit, den Wirkstoff in eine Vene oder in einen Muskel zu spritzen; die Anwendung im Muskel bleibt Ausnahmefällen vorbehalten, in denen eine Vene nicht erreichbar ist. Während einer Injektion werden Hirnstromkurve, Atmung und Blutdruck überwacht.
Die Einnahme des Mittels darf jedoch nicht länger als einige Wochen andauern. Es besteht sonst die Gefahr, von Clonazepam abhängig zu werden. Außerdem verliert der Arzneistoff nach einiger Zeit an Wirkung. Mitunter ist jedoch eine dauerhafte Behandlung mit Clonazepam unverzichtbar, wenn zum Beispiel eine schwere Epilepsie besteht, die sich auf andere Weise nicht wirksam behandeln lässt.
Dargereicht wird Clonazepam zumeist in Form von Tabletten. Bis zu einer Menge von 250 Milligramm Clonazepam je Packungseinheit ist die Tropflösung auf Rezept in der Apotheke erhältlich. Bei höheren Mengen greift das Betäubungsmittelgesetz, sodass ein spezielles Betäubungsmittelrezept erforderlich ist. Für Tabletten gilt eine eigene Ausnahmegrenze, die sich auf den Gehalt der einzelnen Tablette bezieht; die in Deutschland angebotenen Clonazepam-Tabletten überschreiten sie nicht. Eine Tagesdosis von 20 Milligramm darf bei Erwachsenen nach der Fachinformation nicht überschritten werden; für die gespritzte Form gilt eine niedrigere Obergrenze.
Für Patienten mit Schluckstörungen und Kinder unter sechs Jahren stehen zudem Clonazepam-Tropfen zur Verfügung. Grundsätzlich wird die Behandlung mit einer niedrigen Clonazepam-Dosis begonnen. Im weiteren Verlauf der Therapie findet eine allmähliche Steigerung statt.
Die Behandlung mit Clonazepam darf nicht abrupt beendet werden, da sonst Krampfanfälle drohen. Aus diesem Grund findet eine schrittweise Reduzierung der Dosis statt.
Risiken & Nebenwirkungen
Die Wirkstoffmonografie ordnet der Häufigkeitsstufe „häufig“ im Einzelnen Müdigkeit, Schläfrigkeit und Mattigkeit zu, ferner Schwindel, eine verlängerte Reaktionszeit und Benommenheit sowie ein Augenzittern (Nystagmus), eine Gangunsicherheit (Ataxie), einen verminderten Muskeltonus und Muskelschwäche.
Selten kann es auch zu einer allergischen Reaktion bzw. einem allergischen Schock kommen. Ältere Patienten müssen wegen der muskelerschlaffenden Effekte besondere Vorsicht walten lassen, da bei ihnen eine erhöhte Sturzgefahr besteht.
Eine zweite Gruppe von Nebenwirkungen hängt von der Menge und von der Dauer der Anwendung ab. Mit steigender Menge wächst die Gefahr einer Erinnerungslücke für die Zeit nach der Einnahme: Betroffene handeln, ohne sich später daran zu erinnern. Bei einer Einnahme über mehrere Wochen kann sich eine Gewöhnung entwickeln, unter der die Wirkung nachlässt. Mit Dauer und Menge steigt außerdem das Risiko einer seelischen und körperlichen Abhängigkeit; häufig handelt es sich dabei um eine Abhängigkeit ohne Steigerung der eingenommenen Menge. Wird das Mittel plötzlich abgesetzt, können Schlafstörungen, Unruhe, Angstzustände und sogar Psychosen auftreten.
Eine dritte Gruppe hängt vom Lebensalter ab. Bei älteren Menschen und bei Kindern können gegenteilige Wirkungen im Zentralnervensystem auftreten: Unruhe, Erregbarkeit, Reizbarkeit, Aggressivität und Halluzinationen. Für ältere Menschen kommt wegen der muskelentspannenden Wirkung die erhöhte Sturzgefahr hinzu; darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Benzodiazepine eine Demenz begünstigen. Bei Säuglingen und Kleinkindern kann Clonazepam zu vermehrtem Speichelfluss und zu einer verstärkten Absonderung von Schleim in den Bronchien führen, weshalb bei ihnen auf freie Atemwege geachtet wird.
Weil Clonazepam über den Mutterkuchen (Plazenta) bis zum ungeborenen Kind vordringen und sich in ihm anreichern kann, sollte der Wirkstoff in der Schwangerschaft nicht verabreicht werden. Bei einer Überdosis sind beim Kind geistige Behinderungen oder Fehlbildungen denkbar. In der Stillzeit soll Clonazepam nicht angewendet werden, weil das Mittel in die Muttermilch übergeht; ist die Behandlung zwingend erforderlich, wird abgestillt. Dem Kind drohen dadurch Atembeschwerden.
Kontraindikationen
Die Wirkstoffmonografie führt sechs Gegenanzeigen auf: eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder gegen andere Benzodiazepine, eine Medikamenten-, Drogen- oder Alkoholabhängigkeit in der Vorgeschichte, eine Myasthenia gravis, ein Koma, eine schwere Störung der Atemfunktion und eine schwere Funktionsstörung der Leber.
Bei der Myasthenia gravis, einer Erkrankung mit krankhafter Muskelschwäche, weichen die Quellen voneinander ab: Die Wirkstoffmonografie führt sie unter den Gegenanzeigen, die Fachinformation eines in Deutschland angebotenen Präparates dagegen unter den Warnhinweisen mit der Auflage, bei solchen Patienten mit besonderer Vorsicht vorzugehen. In beiden Lesarten gilt: Ohne ärztliche Abwägung wird Clonazepam bei dieser Erkrankung nicht angewendet.
Über die Gegenanzeigen hinaus nennt die Monografie Umstände, die besondere Aufmerksamkeit verlangen. Dazu zählt eine Depression in der Vorgeschichte, weil sich die Beschwerden verstärken können und die Gefahr von Selbsttötungsgedanken besteht; solche Patienten werden engmaschig überwacht. Frauen im gebärfähigen Alter sollen sich an ihren Arzt wenden, sobald sie schwanger werden wollen. Bei einer Überdosierung steht mit Flumazenil ein Gegenmittel zur Verfügung, das die Benzodiazepin-Bindestelle am Rezeptor blockiert.
Interaktionen mit anderen Medikamenten
Möglich sind Wechselwirkungen zwischen Clonazepam und anderen Medikamenten, von denen das Gehirn beeinflusst wird. Dabei kann es sich um Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Narkosemittel, Schmerzmittel, Psychopharmaka oder H1-Antihistaminika handeln. Diese wirken sich verstärkend auf das Mittel aus. Das Gleiche gilt für den Genuss von Alkohol. Die Fachinformation führt Opioide eigens unter den Wechselwirkungen auf; die gleichzeitige Anwendung von Benzodiazepinen und Opioiden erhöht das Risiko für Atemdepression, starke Sedierung, Koma und Tod erheblich.
Eine zweite, weniger bekannte Gruppe von Wechselwirkungen betrifft andere Mittel gegen Epilepsie. Rifampicin, Phenytoin, Phenobarbital, Carbamazepin, Lamotrigin und Valproinsäure regen die abbauenden Enzyme der Leber an; Clonazepam wird dadurch schneller aus dem Körper entfernt, und seine Wirkung kann nachlassen. Umgekehrt können unter Clonazepam die Blutspiegel von Phenytoin und Primidon ansteigen. Für die Verbindung mit Valproinsäure ist außerdem beschrieben, dass gelegentlich ein anhaltender Zustand kurzer Bewusstseinspausen auftreten kann.
Praktische Bedeutung hat schließlich ein Hinweis zur Zubereitung der Injektionslösung: Beutel und Bestecke aus bestimmten Kunststoffen sind dafür ungeeignet, weil der Wirkstoff in das Material übergehen kann. Wird eine zu kleine Vene gewählt, steigt die Gefahr einer Venenentzündung.
Bei der Behandlung mit mehreren zentral wirksamen Arzneimitteln zugleich wird die Menge jedes einzelnen Mittels angepasst, um die gewünschte Wirkung ohne unnötige Dämpfung zu erreichen. Der Verzicht auf Alkohol während der gesamten Behandlungsdauer gehört zu den Punkten, auf die ausdrücklich hingewiesen wird.
Alternative Behandlungsmethoden
Die Benzodiazepine unterscheiden sich vor allem in der Aufnahme und im Abbau sowie in ihrer Wirkstärke. Als weiteres Benzodiazepin zur Behandlung der Epilepsie wird vor allem Clobazam eingesetzt; es ist als Zusatzbehandlung für Patienten vorgesehen, die trotz der üblichen Therapie weiterhin Anfälle haben. Beim anhaltenden epileptischen Anfall, dem Status epilepticus, hat das in eine Vene gegebene Lorazepam einen hohen Stellenwert.
Darüber hinaus stehen Antiepileptika aus ganz anderen Wirkstoffklassen zur Verfügung, unter ihnen Valproinsäure, Lamotrigin und Carbamazepin. Welcher Wirkstoff gewählt wird, richtet sich nach der Anfallsform, nach dem Alter und nach den Begleiterkrankungen. Weil Clonazepam bei längerer Anwendung an Wirkung verlieren und abhängig machen kann, wird bei einer Dauerbehandlung geprüft, ob ein Antiepileptikum ohne diese Eigenschaften in Frage kommt.
Für die Anwendungen außerhalb der Zulassung gilt das in besonderem Maß. Bei unruhigen Beinen, bei Angstzuständen und bei Schlafstörungen bestehen eigene, besser untersuchte Behandlungswege; die Entscheidung für oder gegen ein Benzodiazepin trifft der behandelnde Arzt nach Abwägung von Nutzen und Risiko.
Quellen
- Benkert, O., Hippius, H. (Hrsg.): Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie.
ISBN: 9783662676844
- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Diener, H.-C., Gerloff, C., Dieterich, M., Endres, M. (Hrsg.): Therapie und Verlauf neurologischer Erkrankungen.
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- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
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- Geisslinger, G., Gudermann, T., Hinz, B., et al.: Mutschler Arzneimittelwirkungen.
ISBN: 9783804746541
