Klinische Neuropsychologie

Dr. med. NonnenmacherMedizinische Expertise: Dr. med. Nonnenmacher
Qualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 2. September 2026
Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.

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Viele Patienten mit neurologischen Erkrankungen weisen Störungen von Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache oder Verhalten auf. Die klinische Neuropsychologie befasst sich mit der Untersuchung und Behandlung dieser Folgen einer Hirnschädigung und mit dem Belastungserleben der betroffenen Menschen.

Inhaltsverzeichnis

Was ist die Klinische Neuropsychologie?

Klinische Neuropsychologie
Die klinische Neuropsychologie befasst sich mit den Folgen einer Hirnschädigung für Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Sprache und Verhalten sowie mit dem Belastungserleben der betroffenen Menschen.

Die klinische Neuropsychologie ist eine Teildisziplin der Psychologie. Psychologen beschäftigen sich mit der Frage, warum Menschen bestimmte Verhaltensweisen und Verhaltensmuster zeigen und führen diese zurück auf individuelle Erlebnisse.

Neben der „Verhaltensforschung“ geht die Psychologie auch solchen wichtigen Fragen auf den Grund, wie Gefühle entstehen, wie sie sich auf das menschliche Handeln, den Lernprozess, die geistige Verfassung und die Intelligenz auswirken. Sie geht auch der Frage nach, wie es zu psychosomatischen Erkrankungen kommt und wie diese behandelt werden können. Die Neuropsychologie setzt an diesem Punkt an und unterzieht diese Problematik einer besonderen Analyse. Sie versucht Antworten darauf zu finden, ob die zuvor genannten psychologischen Vorgänge mit Eigenschaften oder Teilen des Gehirns verbunden sind.

Behandlungen & Therapien

Die klinische Neuropsychologie ist ein Untergebiet der Neuropsychologie und untersucht die kausalen Zusammenhänge und Beziehungen zwischen Verhaltensauffälligkeiten, denen ein Krankheitswert zugestanden wird, und Funktionsstörungen des zentralen Nervensystems, die eng mit der Tätigkeit des Gehirns verbunden sind. Diese Funktionsstörungen betreffen die Motorik, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnisleistung sowie die höheren kognitiven Funktionen und Fähigkeiten.

Diese Teildisziplin sieht die geistig-seelische Erkrankung und die ihr zugrundeliegenden physiologischen Erkrankungen und/oder Beschwerden nicht getrennt voneinander, sondern schafft ein einheitliches Bild, auf dem das anschließende Behandlungskonzept beruht. Die klinische Neuropsychologie kennt drei grundsätzliche Therapieformen.

  • 1) Die Funktionstherapie, auch als Restitution bezeichnet, konzentriert sich auf der Grundlage bestimmter neuropsychologischer Behandlungsmethoden auf die Wiederherstellung der gestörten Funktionen.
  • 2) Die Kompensationstherapie baut die Bewältigungsfähigkeit des betroffenen Individuums auf und versetzt es in die Lage, sich während dieser Therapie sachlich mit seiner Erkrankung auseinanderzusetzen. Diese Therapieform kommt immer dann zum Einsatz, wenn die Funktionstherapie nicht die gewünschten Ergebnisse bringt.
  • 3) Neuropsychologen kombinieren Therapieansätze mit integrativen Behandlungsmethoden. Dabei werden die Methoden anderer psychologischer Behandlungsgrundsätze und Verfahren aus dem Bereich der Verhaltenstherapie mit den eigenen Therapieansätzen kombiniert.

Drei Hauptkomponenten der Aufmerksamkeit werden unterschieden: Verarbeitungskapazität, Selektivität und Alertness (Wachheit, Aktivation). Die Verarbeitungsfähigkeit ist begrenzt und erfordert bei bewusster Aufmerksamkeitszuwendung den ungestörten Ablauf der Verarbeitungsgeschwindigkeit von Information, die sowohl geteilt als auch parallel erfolgen muss. Eine weitere Variante ist die kontrollierte und automatisierte Verarbeitung. Die Verarbeitungsgeschwindigkeit stellt die Basisvariable einer großen Anzahl kognitiver Prozesse dar, die ein komplexes Reiz- und Reaktionsverfahren nach sich zieht.

Die geteilte und parallele Verarbeitung ist komplizierter, da mehrere Aufgaben zur gleichen Zeit ausgeführt werden müssen. Diese Verarbeitungsprozesse können eine unterschiedlich intensive Differenzierung der eingehenden Informationen nach sich ziehen. Die kontrollierte Aufnahme von Informationen erfolgt bewusst und mit einer geringeren Verarbeitungsgeschwindigkeit als die automatisierte. Mit der selektiven Wahrnehmung ist ein Mensch in der Lage, die Flut der eingehenden Informationen, der er täglich ausgesetzt ist, bewusst und unbewusst nach Wichtigkeit und Unwichtigkeit zu unterscheiden. Er konzentriert sich auf das Wesentliche und vernachlässigt sekundäre und irrelevante Informationen.

In der Umgangssprache wird statt von Alertness meist von Konzentrationsfähigkeit gesprochen. Gemeint ist damit vor allem die Aufrechterhaltung bestimmter Aufmerksamkeitsleistungen über einen längeren Zeitraum, die meistens kontrolliert erfolgen; die Alertness selbst bezeichnet dagegen die allgemeine Wachheit. Die phasische Aufmerksamkeit konzentriert sich auf die Aufnahme einer kurzfristig eingehenden Information, wobei das Ziel ist, diesen neuen und unerwarteten Reiz so gut wie möglich zu verarbeiten. Das syndromartige Störungsbild der Vernachlässigung (Neglect) zieht taktile, visuelle und akustische Beschwerden nach sich. Die Patienten weisen eine einseitige Vernachlässigung der Extremitäten (Hemiakinese) auf, ordnen Reize lokal falsch zu (Allesthesie) und vernachlässigen eine Raumhälfte.

Ihre Krankheitseinsicht kann fehlen (Anosognosie). Je nach Ort der Hirnschädigung können eingeschränkte visuelle Wahrnehmung, auditorische Wahrnehmungsstörungen, motorische Störungen, Kontrollverlust, Halluzinationen, Denkstörungen, Apraxien, Aphasien, Amusien, Amnesien und verschiedene Arten der Demenz hinzukommen. Betroffene können dann Farben, Größen, Konsistenzen, Tonalität, Geräusche, Sprache, Musik, Geschwindigkeit und andere komplexe Reize nicht mehr richtig verarbeiten. Sie können eine Gesichtsfeldeinschränkung, mangelnden Orientierungssinn, eingeschränkte Intelligenz, Lernschwierigkeiten, Lese-, Schreib- und Rechenschwäche und Gedächtnisverlust nach einem Schädel-Hirn-Trauma aufweisen.


Diagnose & Untersuchungsmethoden

Kopfschmerzen und Migräne können erste Anzeichen einer neurologischen Erkrankung sein. Das Gehirn ist mehr als jedes andere Organ auf eine ungestörte Blut- und Sauerstoffversorgung angewiesen. Gefäßerkrankungen (Durchblutungsstörungen) können Hinweise auf einen drohenden Schlaganfall (Hirnschlag) oder Hirnblutungen geben. Infektionserkrankungen des Nervensystems durch Viren und Bakterien können zu einer Meningitis, einer Entzündung der Hirnhäute, führen. Ist nicht nur die Hirnhaut, sondern das Gehirn direkt betroffen, liegt eine Enzephalitis vor.

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Rückenmarks und Gehirns, die auf eine Fehlregulation des Immunsystems zurückzuführen ist. Die Betroffenen leiden unter Wahrnehmungs- und Empfindungsstörungen, Lähmungen und kognitiven Beeinträchtigungen, die im chronischen Stadium bleibende Schäden und Behinderungen (sekundär chronisch-progrediente Multiple Sklerose) nach sich ziehen können. Weitere Verdachtsmomente in der Diagnose liefern Hirntumore, Muskelerkrankungen (Muskelschwund, Muskelschwäche), Erkrankungen des peripheren Nervensystems und neurodegenerative Erkrankungen (chronische Gehirnerkrankungen ohne Entzündung und Durchblutungsstörung).

Der erste Schritt auf dem Weg zur Therapie ist die Anamnese, die durch die Befragung des Patienten erfolgt. Die Laboruntersuchung von Blut und Liquor (Nerven- und Gehirnwasser) schließt sich der neurologischen Diagnostik an. Auf diese Weise lassen sich Erreger und Entzündungsparameter nachweisen; für die zuvor genannten Erkrankungen liefert die Untersuchung ergänzende Hinweise. Weitere Untersuchungen sind Ultraschall der hirnversorgenden Gefäße, elektrophysiologische Diagnostik in Form von Ableitung der Hirnströme (EEG), Messung der Nervenleitung im peripheren Nervensystem (Elektroneurografie), Ableitung der elektrischen Muskelaktivität (Elektromyografie), Messung der Nervenleitung in Rückenmark und Gehirn (evozierte Potentiale), Registrierung der Augenbewegung (Elektrookulografie) und die Funktionsdiagnostik von Blutdruck und Herzaktivität.

Unverzichtbar für die neurologischen Befunde ist die bildgebende Diagnostik: reguläre Röntgenverfahren, Myelografie, Computertomographie (CT), Angiografie und Magnetresonanztomografie (MRT). Im Fall entzündlicher Hirnerkrankungen und Hirntumore wird eine Gewebeentnahme (Tumor- und Gehirnbiopsie) durchgeführt. Bei Muskelerkrankungen wird eine Muskelbiopsie durchgeführt. Für Multiple Sklerose stehen mittlerweile verschiedene medikamentöse Therapien zur Verfügung, die nicht nur die Beschwerden, sondern auch den Gesamtverlauf günstig beeinflussen.

Durch verbesserte Behandlungsverfahren hat sich die Prognose bei einem Teil der Hirntumore verbessert. Spezialabteilungen in den Kliniken (Stroke Units) kümmern sich fachgerecht um Patienten mit Schlaganfall und Hirnblutungen. Für Migräne, Myasthenie und Parkinson stehen jeweils eigene, auf die Erkrankung zugeschnittene Medikamente zur Verfügung; Neuroleptika gehören nicht dazu und können die Beschwerden einer Parkinson-Erkrankung sogar verstärken. Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist die koordinierte Zusammenarbeit zwischen Neurologen, Psychologen, Neurochirurgen, Kardiologen und Strahlenmedizinern.

Anlässe für eine neuropsychologische Behandlung

Zur klinischen Neuropsychologie kommen Menschen, deren Gehirn geschädigt worden ist – gleich aus welcher Ursache. Am häufigsten sind das der Schlaganfall und die Hirnblutung, gefolgt vom Schädel-Hirn-Trauma nach Unfällen und Stürzen. Hinzu kommen Hirntumoren und die Folgen ihrer Behandlung, Entzündungen des Gehirns und seiner Häute wie Enzephalitis und Meningitis, ein Sauerstoffmangel des Gehirns nach einem Kreislaufstillstand und erfolgreicher Reanimation sowie Erkrankungen, die das Nervensystem fortschreitend verändern: Multiple Sklerose, Parkinson und die verschiedenen Formen der Demenz.

Auch die Epilepsie gehört dazu. Hier wird die neuropsychologische Untersuchung nicht nur zur Beschreibung der Beschwerden eingesetzt, sondern auch vor einem geplanten Eingriff am Gehirn, um abzuschätzen, welche Leistungen durch die Operation gefährdet wären. Bei langjähriger Alkoholabhängigkeit können erhebliche Gedächtnisstörungen auftreten, die ebenfalls in dieses Fachgebiet fallen. Bei Kindern und Jugendlichen mit angeborenen oder früh erworbenen Hirnschädigungen arbeitet ein eigener Zweig des Fachs, der die Entwicklung mitberücksichtigen muss.

Nicht jede Störung ist dauerhaft. Nach einer leichten Gehirnerschütterung bilden sich Konzentrations- und Gedächtnisprobleme meist zurück; bleiben sie bestehen, ist das ein Grund, genauer hinzusehen. Umgekehrt fallen manche Folgen erst spät auf – etwa dann, wenn ein Betroffener nach der körperlichen Genesung an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt und dort an Anforderungen scheitert, die im geschützten Alltag zu Hause nicht auftraten.

Die neuropsychologische Untersuchung

Die Untersuchung unterscheidet sich deutlich von der neurologischen Diagnostik. Sie bildet nicht das Gehirn ab, sondern misst seine Leistungen. Ihr Zweck ist, Art und Ausmaß der Störungen genau zu beschreiben, ebenso aber die erhaltenen Fähigkeiten, auf denen eine Behandlung aufbauen kann.

Am Anfang steht ein ausführliches Gespräch über die Beschwerden, die Lebensumstände, den Beruf und die Anforderungen des Alltags. Häufig werden Angehörige einbezogen, und zwar nicht nur der Vollständigkeit halber: Wer nach einer Hirnschädigung die eigenen Einbußen nicht wahrnimmt, kann sie auch nicht schildern. Die Fremdauskunft ist dann die verlässlichere Quelle.

Es folgt die eigentliche Testung, teils mit Aufgaben auf Papier, teils am Rechner. Geprüft werden unter anderem die Aufmerksamkeit in ihren verschiedenen Formen – Tempo, Wachheit über längere Zeit, das Verteilen auf mehrere Aufgaben –, das Gedächtnis mit der Unterscheidung zwischen kurzfristigem Behalten, dem Einprägen von Neuem und dem Wiederfinden von Gelerntem, die Handlungssteuerung mit Planen, Umstellen und Beherrschen von Impulsen, ferner Sprache, Raumwahrnehmung, Rechnen sowie das Erkennen von Gefühlen bei anderen Menschen. Beobachtet wird dabei nicht nur, ob eine Aufgabe gelöst wird, sondern auch wie: ob planvoll oder überstürzt, ob Fehler bemerkt werden, wie schnell die Kräfte nachlassen.

Ein Rohwert allein besagt nichts. Erst der Vergleich mit einer nach Alter und Bildungsstand passenden Vergleichsgruppe zeigt, ob eine Leistung auffällig ist. Weil viele Betroffene rasch ermüden, wird die Untersuchung mit Pausen geführt und häufig auf mehrere Termine verteilt; insgesamt nimmt sie in der Regel mehrere Stunden in Anspruch. Kurze Testverfahren, wie sie etwa bei Demenzverdacht in der Sprechstunde eingesetzt werden, dienen der ersten Einschätzung und ersetzen die ausführliche Untersuchung nicht.

Wichtig ist, was ein Ergebnis bedeutet – und was nicht. Ein auffälliger Befund beschreibt eine Leistungsminderung, er nennt keine Ursache; die klärt die ärztliche Diagnostik. Ein unauffälliger Befund wiederum schließt Beschwerden nicht aus. Die Testsituation ist ruhig, klar strukturiert und zeitlich begrenzt, der Alltag ist es nicht; manche Einschränkung zeigt sich erst unter Ablenkung, Zeitdruck und Müdigkeit. Abschließend werden die Ergebnisse in verständlicher Form besprochen, und aus ihnen wird ein Behandlungsvorschlag abgeleitet.

Behandlung im Alltag

Die drei im Artikel genannten Wege lassen sich an Beispielen leicht nachvollziehen. Das Wiederherstellen gestörter Grundfunktionen geschieht durch wiederholtes, gezieltes Üben mit langsam ansteigendem Schwierigkeitsgrad, häufig computergestützt; besonders bei Aufmerksamkeitsstörungen und bei Einschränkungen des Gesichtsfeldes ist dieses Vorgehen gebräuchlich.

Wo eine Funktion nicht zurückkehrt, tritt der Ersatz an ihre Stelle. Dazu gehören ein konsequent geführter Kalender, Notizbuch und Erinnerungsfunktionen des Telefons, feste Ablageorte für wichtige Dinge, Checklisten für wiederkehrende Abläufe und das innere oder laute Mitsprechen einzelner Handlungsschritte. Entscheidend ist dabei nicht die Idee, sondern das Einüben, bis die Hilfe selbstverständlich benutzt wird.

Der dritte Weg verändert nicht den Menschen, sondern seine Umgebung: eine reizarme Arbeitsumgebung, eine feste Tagesstruktur, das Zerlegen großer Aufgaben in Schritte, eingeplante Pausen. Hier werden Angehörige und, wenn möglich, der Arbeitgeber einbezogen. Ein wiederkehrendes Thema ist der Übertrag – was in der Übungsstunde gelingt, gelingt nicht von selbst auch zu Hause, weshalb alltagsnahe Aufgaben einen festen Platz haben.

Ein eigenes Arbeitsfeld ist die seelische Seite. Nach einer Hirnschädigung treten häufig gedrückte Stimmung, Angst, Reizbarkeit und eine rasche Erschöpfbarkeit auf, teils als unmittelbare Folge der Schädigung, teils als Reaktion auf den Verlust von Fähigkeiten und Rollen. Auch Angehörige geraten unter Druck, wenn sich ein vertrauter Mensch in seinem Wesen verändert. Beratung und Begleitung der Familie gehören deshalb zum Fach. Besonders anspruchsvoll ist die Arbeit dort, wo die Krankheitseinsicht fehlt, weil Behandlungsziele dann erst gemeinsam gefunden werden müssen.

Am Ende steht oft die Frage nach Beruf und Selbständigkeit. Die Rückkehr an den Arbeitsplatz wird in Stufen vorbereitet und erprobt, notfalls mit verändertem Aufgabenzuschnitt. Ob jemand wieder ein Fahrzeug führen kann, ist eine gesonderte Frage, die nach eigenen Maßstäben beurteilt wird und nicht nebenbei beantwortet werden sollte.

Berufsbild, Versorgung und Abgrenzung

Klinische Neuropsychologen haben in aller Regel Psychologie studiert und daran eine mehrjährige Weiterbildung angeschlossen, die Theorie, praktische Tätigkeit unter Anleitung und eigene Fallarbeit umfasst; Fachgesellschaften vergeben dafür eine entsprechende Bezeichnung. Gearbeitet wird im Akutkrankenhaus, in der neurologischen Frührehabilitation, in stationären und ambulanten Rehabilitationseinrichtungen, in Gedächtnissprechstunden, in Epilepsiezentren und in Praxen. Die ambulante neuropsychologische Therapie ist in Deutschland eine Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung; sie wird von besonders qualifizierten Behandlern erbracht und setzt eine ärztliche Verordnung sowie die Genehmigung durch die Krankenkasse voraus. Ein weiteres Tätigkeitsfeld ist die Begutachtung, etwa zur Erwerbsfähigkeit; dort ist die Rolle eine andere als in der Behandlung, worüber die untersuchte Person vorab aufzuklären ist.

Von den Nachbarfächern grenzt sich das Gebiet so ab: Die Neurologie stellt die ärztliche Diagnose und behandelt medikamentös und operativ; die Psychiatrie befasst sich mit psychischen Erkrankungen, die auch ohne nachweisbare Hirnschädigung auftreten; die Logopädie behandelt Sprach-, Sprech- und Schluckstörungen, weshalb die Therapie einer Aphasie dort und nicht in der Neuropsychologie liegt; die Ergotherapie übt Alltagshandlungen und versorgt mit Hilfsmitteln; die Physiotherapie arbeitet an Beweglichkeit und Kraft. Überschneidungen sind häufig und werden im Team abgestimmt.

Über die Grenzen des Fachs täuscht kein Behandlungserfolg hinweg: Zerstörtes Hirngewebe lässt sich nicht ersetzen. Die Behandlung zielt darauf, die verbliebenen Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen und die Teilhabe am Alltag zu sichern. Wie viel dabei erreichbar ist, hängt von Ort und Ausmaß der Schädigung ab, vom Abstand zum auslösenden Ereignis, vom Alter, von Begleiterkrankungen und nicht zuletzt vom Umfeld des Betroffenen. Zusagen über das Ergebnis lassen sich daher nicht machen.

Aus der Geschichte des Fachs

Die Grundlage des Gebiets wurde im 19. Jahrhundert gelegt. Der französische Arzt Paul Broca beschrieb 1861 den Zusammenhang zwischen einer umschriebenen Schädigung im linken Stirnhirn und dem Verlust des Sprechvermögens. Wenig später beschrieb Carl Wernicke eine andere Form der Sprachstörung, die mit einer Schädigung an anderer Stelle einherging. Damit war der Gedanke in der Welt, dass sich bestimmte geistige Leistungen bestimmten Bereichen des Gehirns zuordnen lassen.

Zur wichtigsten Erkenntnisquelle des 20. Jahrhunderts wurden die Verletzten der Kriege. Alexander R. Lurija entwickelte in der Arbeit mit hirnverletzten Soldaten ein geordnetes Untersuchungsvorgehen und ein Modell zusammenwirkender Funktionssysteme; er gilt als einer der Begründer der Neuropsychologie. Mit den bildgebenden Verfahren wurde es später möglich, Schädigungsort und Leistungsausfall am lebenden Menschen zu vergleichen. An die Stelle starrer Zentren ist dabei die Vorstellung getreten, dass geistige Leistungen aus dem Zusammenspiel weit verteilter Netzwerke hervorgehen – eine Einsicht, die erklärt, warum sich nach einer Schädigung mit Übung und Umstellung oft mehr erreichen lässt, als die reine Ortsangabe erwarten ließe.

Quellen

  • Lehrner, J. (Hrsg.): Klinische Neuropsychologie.
    ISBN: 9783709100639
  • Thoma, P., Suchan, B.: Klinische Neuropsychologie.
    ISBN: 9783662725627
  • Karnath, H.-O., Goldenberg, G., Ziegler, W. (Hrsg.): Klinische Neuropsychologie - Kognitive Neurologie.
    ISBN: 9783132447059
  • Masuhr, K. F., Masuhr, F., Neumann, M.: Duale Reihe Neurologie.
    ISBN: 9783132410961
  • Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
    ISBN: 9783662606742

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