Phenytoin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 18. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Phenytoin ist ein Arzneistoff aus der Wirkstoffklasse der Antikonvulsiva. Wegen seiner Wirkungen am Herzen wird Phenytoin auch zu den Antiarrhythmika gezählt.
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Was ist Phenytoin?
Phenytoin ist ein Arzneistoff, der überwiegend zur Behandlung von Epilepsien verwendet wird. Der Stoff wurde früher auch zur Therapie von Herzrhythmusstörungen genutzt. In Deutschland ist diese Anwendung heute nicht mehr zugelassen; die Fachinformationen der hier erhältlichen Phenytoin-Präparate führen nur noch epileptische Anfälle, die Anfallsvorbeugung bei neurochirurgischen Eingriffen und bestimmte neurogene Schmerzzustände als Anwendungsgebiete auf.
Phenytoin wurde erstmals im Jahr 1908 von dem Chemiker und Hochschullehrer Heinrich Biltz synthetisiert. Dafür erhitzte Biltz Benzil und Harnstoff. Nach einer Umlagerung der Benzilsäure entstand so Phenytoin. In Europa wird Phenytoin unter den Handelsnamen Phenhydan®, Zentropil® oder Epanutin® vertrieben. Es sind auch Generika erhältlich. Phenytoin ist ein Hydantoin-Derivat. Hydantoine sind gesättigte heterocyclische Verbindungen und ihrerseits ein Derivat der Imidazole.
Die Bioverfügbarkeit von Phenytoin ist gut. Das Medikament wird in der Leber verstoffwechselt. Diese Metabolisierung ist dosisabhängig und die Halbwertszeit des Arzneistoffes somit schwankend. Der Abbau folgt einer Sättigungskinetik: Ist das abbauende Enzymsystem ausgelastet, lassen schon kleine Dosissteigerungen den Blutspiegel überproportional ansteigen. Weil Phenytoin zugleich eine geringe therapeutische Breite besitzt, wird die Behandlung durch regelmäßige Kontrollen der Phenytoin-Konzentration im Blut gesteuert. Phenytoin wird überwiegend über die Niere ausgeschieden.
Für den Behandlungsalltag hat dieses Abbauverhalten weitreichende Folgen. Da die Halbwertszeit von der Höhe des Blutspiegels abhängt, verweilt der Wirkstoff umso länger im Körper, je mehr davon bereits vorhanden ist. Zwei Menschen können deshalb bei gleicher Tagesmenge sehr unterschiedliche Blutspiegel entwickeln, und dieselbe Person kann bei einer kleinen Änderung der Menge aus dem wirksamen in den giftigen Bereich geraten. Hinzu kommt, dass die Aufnahme aus dem Darm zwischen den einzelnen Präparaten und sogar von Einnahme zu Einnahme schwankt. Ein Wechsel von einem Phenytoin-haltigen Arzneimittel auf ein anderes erfolgt aus diesem Grund nur unter engmaschiger Kontrolle des Blutspiegels; bis sich nach einer Änderung ein gleichbleibender Spiegel eingestellt hat, vergehen mehrere Tage. Auch eine künstliche Ernährung über eine Magensonde senkt die Phenytoin-Konzentration im Blut und macht häufigere Kontrollen nötig.
Abgebaut wird Phenytoin fast vollständig in der Leber, hauptsächlich über das Leberenzym CYP2C9 und in geringerem Umfang über CYP2C19. Bei Menschen, deren Erbanlagen für diese Enzyme eine verminderte Leistung mit sich bringen, kann sich der Wirkstoff stärker anreichern als erwartet. Umgekehrt regt Phenytoin die Bildung anderer abbauender Enzyme an, vor allem des CYP3A4. Diese doppelte Rolle als Stoff, der selbst abgebaut wird und zugleich den Abbau anderer Stoffe beschleunigt, erklärt einen großen Teil der ungewöhnlich zahlreichen Wechselwirkungen des Arzneistoffs.
Pharmakologische Wirkung
Neben dem verminderten Einstrom von Natriumionen kommt es gleichzeitig zu einem verstärkten Ausstrom von Kaliumionen. Somit steigt die Reizschwelle. Damit ein Aktionspotential ausgelöst werden kann, muss ein wesentlich stärkerer Reiz auf die Zielzelle treffen. Das Membranpotential wird somit durch Phenytoin stabilisiert. Ein Vorhofflimmern oder Vorhofflattern durchbricht Phenytoin nicht; weil die Erholungszeit des AV-Knotens sogar verkürzt werden kann, ist dabei eine Beschleunigung des Kammerschlags möglich.
In einfachen Worten wirkt Phenytoin damit wie eine Bremse für überschießende Erregung: Eine einzelne Nachricht zwischen zwei Nervenzellen kann weiterhin übertragen werden, doch die rasch aufeinanderfolgenden Entladungen, aus denen ein epileptischer Anfall entsteht, werden gedämpft. Dieselbe Eigenschaft wirkt sich auf die Erregungsbildung und die Erregungsausbreitung im Herzen aus, was die frühere Verwendung des Stoffes bei bestimmten Herzrhythmusstörungen erklärt.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Phenytoin wird vor allem in der Epilepsiebehandlung eingesetzt. Es eignet sich als Dauerbehandlung bei einfachen und komplexen fokalen Anfällen. Fokale Anfälle gehen von einem bestimmten Gehirnbereich aus und betreffen zunächst nur eine Hirnhälfte. Sie können sich durch Muskelzuckungen, Kribbelgefühle, Wärmegefühle, Taubheitsgefühle, Lichtblitze vor den Augen oder durch Schwindelgefühle äußern. Patienten mit komplexen fokalen Anfällen verlieren häufig das Bewusstsein.
Auch bei primär generalisierten tonisch-klonischen Epilepsieanfällen wird Phenytoin verabreicht. Diese epileptischen Anfälle werden auch als Grand mal-Anfälle bezeichnet. Bei einem Status epilepticus ist Phenytoin auch als intravenöse Verabreichung zugelassen. Als Status epilepticus werden sehr lange andauernde epileptische Anfälle bezeichnet. Die Anfälle können auch in einer ganzen Serie auftauchen, wobei das Intervall zwischen den einzelnen Anfällen so kurz ist, dass die Betroffenen das Bewusstsein nicht wiedererlangen. Ein Status epilepticus kann je nach Ausprägung schwere Schäden nach sich ziehen und im schlimmsten Fall auch tödlich enden. Bei generalisierten Anfällen vom Absence-Typ, bei den sogenannten Petit-Mal-Anfällen, ist Phenytoin hingegen wirkungslos.
Bei den Absencen bleibt es nicht bei der fehlenden Wirkung: Nach den deutschen Fachinformationen kann Phenytoin Absencen und myoklonische Anfälle sogar auslösen oder verschlechtern. Wer unter einer Epilepsie mit solchen Anfällen leidet, wird deshalb sorgfältig daraufhin beobachtet, ob sich das Anfallsbild unter der Behandlung verändert.
In Ausnahmefällen wird Phenytoin auch zur Behandlung von neurogenen Schmerzzuständen genutzt. Aufgrund der Nebenwirkungen, die unter der Therapie mit Phenytoin auftreten können, wird der Arzneistoff hier nur eingesetzt, wenn andere Therapiemaßnahmen nicht greifen.
Phenytoin wurde des Weiteren zur Behandlung von sogenannten ventrikulären Tachykardien (Herzrasen) genutzt. Ventrikuläre Tachykardien sind Herzrhythmusstörungen, die ihren Ursprung im Bereich der Herzkammern haben. Die ventrikuläre Tachykardie ist ein Notfall, der unter anderem nach Digitalisintoxikationen auftreten kann. Digitalisglykoside werden zur Therapie von Herzerkrankungen eingesetzt. In einer Überdosierung können sie lebensgefährliche Herzrhythmusstörungen zur Folge haben.
Eine Behandlung mit Phenytoin wird nicht abrupt beendet. Ein plötzliches Absetzen kann eine Häufung von Anfällen oder einen Status epilepticus auslösen. Soll die Therapie umgestellt werden, wird die Menge des Phenytoins deshalb langsam verringert, während das neue Mittel einschleichend begonnen wird. Begleitend werden der Phenytoinspiegel, das Blutbild, die Leberwerte und die alkalische Phosphatase überprüft, im ersten Vierteljahr der Behandlung häufiger als später. Bei Kindern kommt die Kontrolle der Schilddrüsenfunktion hinzu, weil Phenytoin deren Hormonhaushalt beeinflussen kann. Eine mäßige, gleichbleibende Verminderung weißer Blutkörperchen oder ein isoliert erhöhter Leberwert Gamma-GT zwingen dagegen nicht dazu, die Behandlung abzubrechen.
Risiken & Nebenwirkungen
Die Gabe in die Vene bringt weitere eigene Risiken mit sich. Der Blutdruck kann abfallen, eine bereits geschwächte Herz- oder Atemfunktion kann sich verschlechtern, und in seltenen Fällen kommt es durch die Hemmung des Sinusknotens zu einem Aussetzen des Herzschlags. An dem Arm, in den gespritzt wurde, kann sich eine schmerzhafte bläuliche Verfärbung mit Schwellung entwickeln, die als Purple-Glove-Syndrom bezeichnet wird; vereinzelt ist sie auch nach der Einnahme von Tabletten beschrieben worden. Im Vordergrund stehen bei der Einnahme von Tabletten jedoch jene Beschwerden, die sich aus der Wirkung auf das Gehirn ergeben.
Auch Anämien werden häufiger beobachtet. Des Weiteren kann es zur Osteomalazie kommen. Bei der Osteomalazie erweichen die Knochen. Die Erkrankung geht mit dumpfen Schmerzen und einem erhöhten Frakturrisiko einher. Unter Einnahme von Phenytoin können die Patienten auch einen akneförmigen Hautausschlag entwickeln. Ebenso kann eine über das übliche Maß hinausgehende Behaarung an sonst unbehaarten Stellen auftreten. Der Haarwuchs kann lokal begrenzt sein oder den gesamten Körper, mit Ausnahme der Handflächen und der Fußsohlen, betreffen.
Unerwünschte Wirkungen können sich auch auf geistiger Ebene zeigen. So kann es zu Wahrnehmungsstörungen und zu Störungen der Merkfähigkeit kommen. Diese Störungen der intellektuellen Leistungsfähigkeit werden häufig von Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen begleitet.
Ein großer Teil dieser Beschwerden hängt unmittelbar von der Höhe des Blutspiegels ab und betrifft etwa ein Drittel der Behandelten. Doppeltsehen, Augenzittern, Gangunsicherheit, ein feinschlägiges Zittern in Ruhe, verwaschene Sprache, Schläfrigkeit und Merkfähigkeitsstörungen treten vor allem dann auf, wenn der Wirkstoffspiegel zu hoch liegt. Sie bilden sich nach einer Verringerung der Menge in der Regel zurück und führen selten zum Abbruch der Behandlung. Hält eine Überdosierung längere Zeit an, können ein starrer Blick, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Teilnahmslosigkeit und Bewusstseinsstörungen bis hin zum Koma hinzukommen. In schweren Fällen entwickelt sich eine Schädigung des Gehirns, die sich unter anderem in vermehrten Krampfanfällen, Muskelschwäche und unwillkürlichen Bewegungen äußert; besonders gefährdet sind Behandelte, die Phenytoin über lange Zeit zusammen mit anderen Antiepileptika einnehmen. Nach jahrelang zu hohen Spiegeln ist zudem eine bleibende Schrumpfung des Kleinhirns beschrieben worden.
Sehr selten, dafür umso gefährlicher sind schwere Reaktionen der Haut. Unter Phenytoin sind das Stevens-Johnson-Syndrom, die toxisch epidermale Nekrolyse und das sogenannte DRESS-Syndrom beobachtet worden, bei dem sich ein Hautausschlag mit Fieber, geschwollenen Lymphknoten und einer Beteiligung innerer Organe verbindet. Das Risiko ist in den ersten Behandlungswochen am größten. Ein sich ausbreitender Ausschlag, vor allem mit Blasen oder wunden Schleimhäuten, ist ein Grund für sofortige ärztliche Hilfe; Phenytoin wird dann beendet und später nicht erneut gegeben. Zu beachten ist, dass Fieber oder geschwollene Lymphknoten den Hautveränderungen vorausgehen können, ohne dass sich an der Haut schon etwas zeigt. Auch wer auf ein anderes Antiepileptikum überempfindlich reagiert hat, trägt ein erhöhtes Risiko, Phenytoin nicht zu vertragen.
Wie groß dieses Risiko ausfällt, hängt auch von der Herkunft ab. Bei Menschen thailändischer oder han-chinesischer Abstammung ist das Erbmerkmal HLA-B*1502 verbreitet, das mit einem erhöhten Risiko für ein Stevens-Johnson-Syndrom unter Phenytoin einhergeht. Ist dieses Merkmal bekannt, wird der Wirkstoff nur dann angewendet, wenn sein Nutzen höher eingeschätzt wird als das Risiko. Bei Menschen europäischer oder japanischer Herkunft kommt das Merkmal dagegen kaum vor, sodass sich für sie aus dieser Beobachtung bislang keine Schlüsse ziehen lassen.
Wie bei anderen Mitteln gegen Epilepsie ist unter der Behandlung mit Phenytoin über Suizidgedanken und selbstschädigendes Verhalten berichtet worden. Der Mechanismus dahinter ist ungeklärt, und die vorliegenden Daten schließen ein leicht erhöhtes Risiko nicht aus. Behandelte und ihre Angehörigen werden deshalb darauf hingewiesen, auf entsprechende Anzeichen zu achten und in einem solchen Fall ärztliche Hilfe zu suchen.
Phenytoin zeigt oft Wechselwirkungen mit anderen Arzneistoffen. So wird der Wirkspiegel durch Antihistaminika, Antibiotika, Benzodiazepine, Antidepressiva, bestimmte Narkosemittel, Antirheumatika und den Magensäurehemmer Omeprazol erhöht.
Der Gruppenname allein verrät dabei noch nicht, in welche Richtung eine Wechselwirkung geht. Unter den Antibiotika heben etwa Chloramphenicol, Erythromycin, Isoniazid, Trimethoprim und die Sulfonamide den Phenytoinspiegel an, während Ciprofloxacin ihn sowohl anheben als auch senken kann. Ähnlich zweischneidig verhalten sich Carbamazepin und Phenobarbital, die den Spiegel je nach Situation in beide Richtungen verschieben. Eine Sonderstellung nimmt die Valproinsäure ein: Sie kann den frei im Blut gelösten und damit wirksamen Anteil des Phenytoins erhöhen, ohne dass der gemessene Gesamtspiegel ansteigt. Kommen Arzneimittel hinzu oder fallen sie weg, wird der Phenytoinspiegel deshalb überprüft.
Die Wirkung von Phenytoin wird durch die dauerhafte Einnahme von Alkohol sowie durch Carbamazepin, Primidon und Phenobarbital herabgesetzt; eine einmalige größere Alkoholmenge kann den Phenytoinspiegel dagegen ansteigen lassen. Orale Blutgerinnungshemmer, orale Verhütungsmittel, trizyklische Antidepressiva, Verapamil und Kortikosteroide wirken in Kombination mit Phenytoin weniger gut. Der Grund dafür ist, dass Phenytoin den Abbau anderer Arzneistoffe in der Leber anregt (Enzyminduktion). Aus demselben Grund kann die empfängnisverhütende Wirkung der „Pille“ unsicher werden.
Kontraindikationen für die Einnahme von Phenytoin sind vorbestehende schwere Schädigungen der Blutzellen und des Knochenmarks, ein höhergradiger AV-Block des Herzens, das Sick-Sinus-Syndrom sowie eine stark eingeschränkte Pumpleistung des Herzens und die erste Zeit nach einem Herzinfarkt. Bei einer manifesten Herzinsuffizienz, bei einem sehr langsamen Herzschlag, bei Vorhofflimmern und bei einer schweren Einschränkung der Lungenfunktion soll Phenytoin nach den Fachinformationen ebenfalls nicht angewendet werden. Erkrankungen der Leber und der Nieren sind dagegen keine Gegenanzeige; hier wird Phenytoin lediglich mit besonderer Vorsicht und unter regelmäßigen Kontrolluntersuchungen angewendet. Frauen im gebärfähigen Alter sollen Phenytoin nur einnehmen, wenn der Nutzen nach sorgfältiger Abwägung geeigneter Behandlungsalternativen die Risiken überwiegt, denn eine Einnahme in der Schwangerschaft erhöht die Häufigkeit schwerer Fehlbildungen beim Kind.
Diese Abwägung erfolgt vor einer Schwangerschaft und nicht erst in ihr. Wer eine Schwangerschaft plant, bespricht eine Umstellung der Behandlung deshalb rechtzeitig vor der Empfängnis; ein abruptes Absetzen des Antiepileptikums wäre für Mutter und Kind selbst eine Gefahr. Während der Behandlung wird eine zuverlässige Empfängnisverhütung empfohlen, die nicht auf Hormonen beruht oder durch weitere Maßnahmen ergänzt wird, da Phenytoin die Wirkung der „Pille“ schwächen kann. Phenytoin geht leicht durch den Mutterkuchen über, sodass im Blut des Kindes ähnliche Konzentrationen erreicht werden wie im Blut der Mutter; in die Muttermilch gelangt nur ein kleinerer Anteil. Wird die Behandlung fortgesetzt, gehören regelmäßige Spiegelkontrollen und eine engmaschige Betreuung von Mutter und Kind dazu.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
- Schmitt, F. C., Stefan, H., Holtkamp, M. (Hrsg.): Epileptische Anfälle und Epilepsien im Erwachsenenalter.
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