Neurokutanes Syndrom
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 20. August 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Neurokutane Syndrome sind vererbbare Erkrankungen, die durch neuroektodermale und mesenchymale Fehlbildungen gekennzeichnet sind. Zusätzlich zu den klassischen vier Phakomatosen (Bourneville-Pringle-Syndrom, Neurofibromatose, Sturge-Weber-Krabbe-Syndrom, Von-Hippel-Lindau-Czermak-Syndrom) zählen auch eine Reihe von anderen Erkrankungen, die sich an der Haut und dem zentralen Nervensystem manifestieren, zu den neurokutanen Syndromen. Nicht alle diese Erkrankungen werden allerdings von den Eltern vererbt: Bei mehreren von ihnen entsteht die Genveränderung erst nach der Befruchtung im heranwachsenden Embryo und betrifft dann nur einen Teil der Körperzellen.
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Was ist ein Neurokutanes Syndrom?
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Den Erkrankungen, die zu den neurokutanen Syndromen zählen, liegen Dysplasien zugrunde, die während der Embryonalzeit entstehen. Dies lässt sich damit erklären, dass sowohl neuroektodermale als auch mesenchymale Fehlbildungen auftreten. Das Neuroektoderm ist ein Teil des äußeren Keimblatts (Ektoderm).
Aus dem Neuroektoderm entwickelt sich in der Embryonalzeit das Nervensystem. Darin liegt zugleich der Schlüssel zum Verständnis dieser Krankheitsgruppe: Auch die Oberhaut entsteht aus dem äußeren Keimblatt, ebenso Haare, Nägel und Teile des Auges. Nervensystem und Haut haben also denselben embryonalen Ursprung, und eine Genveränderung, die diese Zellen betrifft, wirkt sich zwangsläufig an beiden Orten aus. Das Mesenchym ist das „embryonale Bindegewebe“. Aus diesem entwickeln sich verschiedene Strukturen des menschlichen Körpers - Bindegewebe, Knorpelgewebe, Knochen, Sehnen, Muskelgewebe, Blut und Fettgewebe.
Anhand dieser Fehlbildungen, die während der Embryonalzeit entstehen, lässt sich erklären, warum die Haut und das zentrale Nervensystem betroffen sind. Zu den neurokutanen Syndromen zählen sowohl maligne als auch benigne Tumoren.
Ursachen
Lange Zeit galten die neurokutanen Syndrome durchweg als Erbkrankheiten. Nach heutigem Kenntnisstand trifft das so nicht zu: Ein erheblicher Teil der Betroffenen hat keinen erkrankten Elternteil, weil die Genveränderung als Neumutation erstmals bei ihnen selbst aufgetreten ist. Beim Sturge-Weber-Krabbe-Syndrom entsteht die Veränderung sogar erst im heranwachsenden Embryo und findet sich deshalb nur in einem Teil der Körperzellen; dieses Syndrom wird weder vererbt noch an die eigenen Kinder weitergegeben. Vererbbar sind die Genveränderungen dagegen bei der Neurofibromatose, der tuberösen Sklerose und dem Von-Hippel-Lindau-Syndrom, die alle autosomal-dominant weitergegeben werden.
Bereits im Embryonalstadium bilden sich die Fehlbildungen am Neuroektoderm und am Mesenchym aus. Das Neuroektoderm entwickelt sich während der Embryonalzeit zum Nervensystem, was die neurologischen Symptome erklärt. Aus dem Mesenchym heraus können Tumoren entstehen. Diese werden als Mesenchymome bezeichnet. Maligne Tumoren von Geweben, die aus dem Mesenchym hervorgehen, werden als Sarkome bezeichnet.
Symptome, Beschwerden & Anzeichen
Die Symptome, Beschwerden und Anzeichen sind bei den verschiedenen Erkrankungen, die als neurokutane Syndrome zusammengefasst werden, unterschiedlich. Aus diesem Grund muss hier eine Differenzierung stattfinden.
Zu den neurokutanen Syndromen zählen zum einen die klassischen Phakomatosen:
- Bourneville-Pringle-Syndrom (Tuberöse Hirnsklerose)
- Neurofibromatose
- Von-Hippel-Lindau-Syndrom
- Sturge-Weber-Krabbe-Syndrom
zum anderen weitere Erkrankungen und Syndrome:
- Bonnet-Dechaume-Blanc-Syndrom
- Louis-Bar-Syndrom
- DeSanctis-Cacchione-Syndrom
- McCune-Albright-Sternberg-Syndrom
- Leschke-Syndrom
- Peutz-Jeghers-Syndrom
- Bogaert-Divry-Syndrom
- Gorlin-Goltz-Syndrom
- Groenblad-Strandberg-Syndrom
- Klippel-Trenaunay-Syndrom
- Godfried-Prick-Carol-Prakken-Syndrom
- Maffucci-Syndrom
- Osler-Weber-Rendu-Syndrom
- Dysraphie-Syndrom
Im Folgenden werden exemplarisch das Bourneville-Pringle-Syndrom als eine klassische Phakomatose, das Dysraphie-Syndrom als ein „sonstiges neurokutanes Syndrom“ und das Bonnet-Dechaume-Blanc-Syndrom als eine eventuell den neurokutanen Syndromen zuzuordnende Erkrankung vorgestellt.
Das Bourneville-Pringle-Syndrom wird auch als tuberöse Hirnsklerose bezeichnet und geht mit einer Reihe unterschiedlicher Symptome einher. Die tuberöse Hirnsklerose wird autosomal-dominant vererbt. Es ist davon auszugehen, dass eine hohe Spontanmutationsrate vorliegt und im Zuge dessen bei etwa zwei Dritteln der Erkrankten eine Neumutation vorliegt.
Als Hauptsymptome des Bourneville-Pringle-Syndroms gelten Adenoma sebaceum, Epilepsie und geistige Retardierung. Diese als Vogt-Trias bekannte Zusammenstellung stammt aus den Anfängen der Erforschung der Erkrankung. Nach heutigem Kenntnisstand finden sich alle drei Merkmale nur bei einer Minderheit der Betroffenen; etwa die Hälfte ist geistig nicht beeinträchtigt. Beim Adenoma sebaceum kommt es zur Entstehung zahlreicher kleiner Knötchen im Bereich des Gesichts. Der Name ist irreführend: Es handelt sich nicht um Geschwülste der Talgdrüsen, sondern um sogenannte Angiofibrome aus Gefäßen und Bindegewebe. Neben den beschriebenen Symptomen können zahlreiche weitere Symptome auftreten, die vor allem das zentrale Nervensystem, die Haut und die Niere betreffen.
Die schwerwiegenden Symptome der Erkrankungen fallen normalerweise bereits im Kleinkindalter auf. Bei computertomographischer Diagnostik sind die sichtbaren periventrikulären Verkalkungen typisch für die tuberöse Hirnsklerose. Lange Zeit war die Computertomographie deshalb das entscheidende Verfahren. Heute wird stattdessen die Magnetresonanztomographie bevorzugt, weil sie die typischen Veränderungen der Hirnrinde ohne Strahlenbelastung darstellt – ein Gesichtspunkt, der bei Kindern und bei den notwendigen Verlaufskontrollen besonders wiegt. Ergänzt wird sie durch eine molekulargenetische Untersuchung, mit der sich die zugrunde liegende Genveränderung nachweisen lässt.
Das Dysraphie-Syndrom ist eine Sammelbezeichnung für kombinierte Fehlbildungen, die auf eine mangelnde Rückenmarksanlage oder eine Störung des Schließungsprozesses der primären Neuralplatten zurückgehen. Das Syndrom stellt eine erblich bedingte Konstitutionsanomalie dar.
Symptomatisch sind ein „offener Rücken“ (spina bifida), Fußdeformitäten, Wirbelmissbildungen mit sekundären Kyphosen und/oder Skoliosen, sakrale Hypertrichose, Trichterbrust, neurologisch bedingte Störungen der Trophik, Sensibilität und Motorik der unteren Extremität, spinale Reflexanomalien, Sphinkterschwäche, Spaltbildungen des Schlundes und des Urogenitaltraktes, Foveola coccygea, Vierfingerfurche, Hyperthelie und Psychische Störungen.
Das Bonnet-Dechaume-Blanc-Syndrom ist charakterisiert durch Missbildungen von Kopf- und Hirngefäßen, Veränderungen des Gesichts und Abnormalitäten der Blutgefäße der Netzhaut.
Es ist anzumerken, dass dieses Syndrom extrem selten ist und weltweit im Jahre 2009 nur 132 Fälle bekannt waren. Hierbei waren beide Geschlechter etwa gleich häufig betroffen. Zur Pathophysiologie des Syndroms ist zu sagen, dass zahlreiche pathologische Verbindungen zwischen Arterien- und Venensystemen vorliegen.
Weiterhin finden sich zahlreiche sogenannte Rankenangiome und arteriovenöse Aneurysmen im Bereich der Netzhaut und im zentralen Nervensystem, besonders im Mesencephalon, einem Teil des Hirnstamms. Die Erkrankung ist angeboren, die embryonale Entwicklungsstörung findet in der siebten Schwangerschaftswoche statt. Die Ursache ist noch nicht bekannt.
Das Syndrom wird vom überwiegenden Teil der Fachleute zu den neurokutanen Syndromen gezählt, einige nehmen jedoch eine andere Einordnung vor. Ein Aspekt, der gegen die Einordnung zu den neurokutanen Syndromen spricht, ist die Tatsache, dass das Syndrom keine hereditäre Erkrankung darstellt.
Als auftretende Symptome sind Veränderungen im Gesicht in Form von unnatürlich hervorgetretenen Blutgefäßen verzeichnet, ebenso Nystagmus sowie Glaukom und Epistaxis. Auch ein Exophthalmus (meistens einseitig), Netzhautblutungen, Glaskörperblutungen, Epilepsie und Hirnblutung können auftreten. Dabei handelt es sich vor allem um Blutungen in das Hirngewebe selbst sowie um Subarachnoidalblutungen, also Blutungen unter die weiche Hirnhaut. Eine plötzlich einsetzende, äußerst heftige Kopfschmerzattacke, verbunden mit Nackensteifigkeit, Übelkeit oder Bewusstseinstrübung, ist ein lebensbedrohlicher Notfall: In diesem Fall ist sofort der Notruf 112 zu wählen.
Die intraokulären Blutungen (hier Blutungen der Netzhaut und des Glaskörpers) führen langfristig zur Erblindung.
Die Diagnostik erfolgt durch Ophthalmoskopie, Perimetrie, MRT, CT und eine digitale Subtraktionsangiographie. Therapiert werden kann das Syndrom nur symptomatisch. Hierzu werden chirurgische Behandlungen der Gefäßmissbildungen, Laserkoagulation und Embolisation eingesetzt.
Diagnose & Krankheitsverlauf
Diagnose und Krankheitsverlauf sind vom jeweiligen Syndrom beziehungsweise der jeweiligen Erkrankung abhängig und können nicht allgemein für alle neurokutanen Syndrome angegeben werden.
Komplikationen
Das Bourneville-Pringle-Syndrom, auch tuberöse Hirnsklerose genannt, führt beispielsweise häufig neben einer Epilepsie zu einer geistigen Retardierung; zwingend ist das jedoch nicht, denn etwa die Hälfte der Betroffenen ist geistig normal entwickelt. In schweren Fällen kommt es hier zuweilen zu bösartigen Tumoren. Die ständigen epileptischen Anfälle und die Tumore verkürzen die Lebenserwartung der Betroffenen oft drastisch. Auch bei der Neurofibromatose Typ 1 kann es zur malignen Entartung einiger der vielen eigentlich gutartigen Tumoren (Neurofibrome) kommen.
Des Weiteren ist hier manchmal auch der Sehnerv von Tumoren betroffen. Bei einem Teil der Patienten mit dieser Erkrankung entstehen neben einer Wirbelsäulenverkrümmung (Skoliose) außerdem auch Knochenzysten. Das Sturge-Weber-Krabbe-Syndrom wiederum ist durch eine Gefäßmissbildung gekennzeichnet, die das Risiko der Ausbildung eines Glaukoms sowie einer geistigen Retardierung aufgrund der vielen epileptischen Anfälle birgt.
Auch bei anderen Erkrankungen des neurokutanen Syndroms treten Epilepsien, Glaukome mit der Gefahr der Erblindung und andere neurologische Ausfälle auf. Manche Erkrankungen können auch zu Hirnblutungen führen. In einigen Fällen treten multiple Hauttumore wie unter anderem das Basalzellkarzinom auf. Auch Schwerhörigkeit oder gar Taubheit wird bei einigen Krankheiten des Syndroms beobachtet.
Wann sollte man zum Arzt gehen?
Wenn Hautveränderungen, neurologische Störungen und andere Symptome bemerkt werden, die auf das Neurokutane Syndrom oder auf eine andere ernste Erkrankung hindeuten, sollte ärztlicher Rat eingeholt werden. Betroffene konsultieren am besten sofort den Mediziner, wenn die Beschwerden stärker werden oder typische Komplikationen wie Bewegungsstörungen oder Hautblutungen bemerkt werden. Spätestens, wenn sich die Krankheitszeichen auf das Wohlbefinden auswirken oder der Verdacht auf eine Beteiligung der Organe besteht, muss ärztlicher Rat eingeholt werden.
Anders als bei vielen anderen Krankheiten spielen Lebensstil, Ernährung oder Stress für die Entstehung eines neurokutanen Syndroms keine Rolle: Die Erkrankungen beruhen auf einer Genveränderung und lassen sich durch das eigene Verhalten weder auslösen noch abwenden. Als Risikogruppe gelten daher in erster Linie Angehörige von Betroffenen, in deren Familie ein solches Syndrom bereits bekannt ist; sie sollten genannte Beschwerden in jedem Fall abklären lassen. Eltern, die bei ihrem Kind einige Wochen bis Monate nach der Geburt Veränderungen im Erscheinungsbild oder in der Haltung bemerken, müssen den Kinderarzt hinzuziehen. Auffällige Hautflecken – etwa mehrere hellbraune „Café-au-lait-Flecken“ oder ein großer roter Fleck im Gesicht – gehören ebenfalls in kinderärztliche Abklärung, weil sie oft das erste sichtbare Zeichen sind.
Ein Krampfanfall, der länger als fünf Minuten dauert, sich unmittelbar wiederholt oder erstmals auftritt, ist ein Notfall: Hier ist sofort der Notruf 112 zu wählen. Das Gleiche gilt bei plötzlich einsetzenden heftigen Kopfschmerzen, einseitiger Lähmung oder Bewusstseinstrübung, weil diese auf eine Hirnblutung hinweisen können. Mögliche Knochenschäden oder Frakturen weisen auf ein ernstes Leiden hin, das umgehend abzuklären ist.
Das Neurokutane Syndrom kann von einem Facharzt für neurologische Erkrankungen diagnostiziert werden. Je nach Symptombild können Hautärzte, Augenärzte, Orthopäden und weitere Fachärzte in die Behandlung involviert werden. Erkrankte müssen in jedem Fall in einer Fachklinik untersucht und behandelt werden, da es sich um fortschreitende Erkrankungen handelt.
Behandlung & Therapie
Auch Behandlung und Therapie sind vom jeweiligen Krankheitsbild abhängig. Den verschiedenen Syndromen gemeinsam ist, dass eine ursächliche Therapie nicht möglich ist.
Das heißt jedoch nicht, dass sich nur die Beschwerden lindern ließen. Bei einzelnen Syndromen greifen neuere Medikamente in den Signalweg der Zelle ein, der durch die Genveränderung gestört ist. So ist Everolimus in der Europäischen Union für bestimmte Hirn- und Nierentumoren bei tuberöser Sklerose zugelassen und kann diese verkleinern, sodass eine Operation vermieden werden kann. Für schwer behandelbare epileptische Anfälle bei tuberöser Sklerose steht seit 2021 zusätzlich Cannabidiol als Zusatzbehandlung ab dem Alter von zwei Jahren zur Verfügung. Beim Sturge-Weber-Krabbe-Syndrom lässt sich der rote Hautfleck mit Laserbehandlungen deutlich aufhellen. Die zugrunde liegende Genveränderung beseitigen diese Verfahren nicht.
Aussicht & Prognose
Kennzeichen des neurokutanen Syndroms ist eine Veränderung der menschlichen Genetik. Diese ist ursächlich verantwortlich für die gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Da die Genveränderung in allen betroffenen Körperzellen vorliegt und sich nicht rückgängig machen lässt, ist eine Heilung der Erkrankung derzeit nicht möglich; die Behandlung richtet sich gegen die einzelnen Beschwerden. Die Prognose kann aufgrund der beschriebenen Umstände als ungünstig bezeichnet werden. Die vorhandenen Fehlbildungen sind bei jedem Patienten individuell ausgeprägt. Insgesamt führen sie zu einer starken Einschränkung bei der Bewältigung des Lebens. Ihre Intensität ist für den weiteren Krankheitsverlauf sowie die Behandlungsmöglichkeiten ein entscheidender Faktor. Unter günstigen Bedingungen können zahlreiche Veränderungen und Verbesserungen der Lebensqualität durch Eingriffe erreicht werden. Mögliche Bewegungseinschränkungen werden korrigiert und damit das Wohlbefinden des Patienten verbessert.
Wie stark die Einschränkungen ausfallen, hängt allerdings entscheidend davon ab, welches Syndrom vorliegt: Ein Teil der Betroffenen – etwa viele Menschen mit einer Neurofibromatose Typ 1 – ist geistig nicht beeinträchtigt und führt bei regelmäßiger ärztlicher Kontrolle ein weitgehend selbstbestimmtes Leben. Bei anderen Syndromen geht die Erkrankung dagegen auch mit geistigen Einbußen einher. Diese können trotz aller Bemühungen und Frühförderungen nicht vollständig regeneriert werden. In diesen Fällen benötigen die Patienten eine lebenslange therapeutische Begleitung sowie eine tägliche Unterstützung bei der Gestaltung des Alltages.
Optische Veränderungen treten häufig auf und Funktionsstörungen verschiedener Systeme oder Organe werden beobachtet. Ebenso sind Krampfanfälle mögliche Beschwerden. Findet keine regelmäßige medizinische Betreuung statt, erhöht sich das Risiko eines vorzeitigen Ablebens sowie die Möglichkeit eines lebensbedrohlichen Zustandes. Die Gesamtsituation ist derart anspruchsvoll, dass mit psychischen Folgestörungen zu rechnen ist.
Vorbeugung
Da die Erkrankungen auf einer Veränderung des Erbguts beruhen, ist eine Vorbeugung nicht möglich. Familien, in denen ein neurokutanes Syndrom bereits aufgetreten ist, können sich jedoch humangenetisch beraten lassen. Dort wird geklärt, ob die Genveränderung nachweisbar ist, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Weitergabe an Kinder ist und welche Untersuchungsmöglichkeiten bestehen. Die Beratung ist ein Angebot zur Information; die Entscheidungen, die daraus folgen, treffen allein die Ratsuchenden. Sinnvoll ist außerdem, bei einer bereits bekannten Erkrankung in der Familie die empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen, damit Tumoren und andere Komplikationen früh erkannt werden.
Nachsorge
Das neurokutane Syndrom erfordert bei den betroffenen Patienten eine lebenslange Nachsorge. Dabei muss stets beachtet werden, dass eine ursächliche Therapie nicht möglich ist, da es sich um erblich bedingte Erkrankungen handelt. Lediglich Symptome können mehr oder weniger erfolgreich behandelt werden.
Nach den Behandlungen müssen ständige Nachsorgeuntersuchungen stattfinden, um erneute Komplikationen zu verhindern sowie die Lebensqualität der Betroffenen zu erhalten oder in einem gewissen Rahmen auch zu verbessern. Die Nachsorge richtet sich jedoch immer nach dem zugrunde liegenden Leiden. So ist es notwendig, Patienten mit ständigen epileptischen Krampfanfällen dauerhaft zu überwachen, um im Ernstfall rasch Nothilfe leisten zu können.
Bei bestimmten Phakomatosen sollte zur schnellen Erkennung von eventuell auftretenden malignen Entartungen auch die Haut dauerhaft beobachtet werden. Beim Gorlin-Goltz-Syndrom etwa, bei dem zahlreiche Basalzellkarzinome auftreten, lassen sich diese bei rechtzeitiger Diagnose meist erfolgreich entfernen. Anders liegt es bei der Neurofibromatose Typ 1: Wenn ein Neurofibrom bösartig entartet, entsteht daraus kein Hautkrebs, sondern ein Weichteilsarkom der Nervenscheiden, das rasch wächst und eine ernste Prognose hat. Ein Neurofibrom, das plötzlich schnell größer wird, sich verhärtet oder dauerhaft schmerzt, muss deshalb umgehend abgeklärt werden. Auch Patienten mit geistiger Retardierung bedürfen einer ständigen Betreuung. Bei körperlichen Deformationen ist manchmal ein operativer Eingriff notwendig.
In der Heilungsphase nach solchen Operationen ist der Patient dann auf eine besonders intensive Nachsorge angewiesen, weil schwere Komplikationen drohen können. Stets sollten auch die anderen Organe auf mögliche Schäden untersucht werden. Des Weiteren benötigen viele Betroffene psychologische Unterstützung. Im Rahmen der Psychotherapie können dann mit den Patienten Strategien für den bestmöglichen Umgang mit der Erkrankung entwickelt werden.
Das können Sie selbst tun
Abhängig von der Art und Ausprägung des neurokutanen Syndroms können die Patienten selbst einiges tun. Grundsätzlich muss mit Phakomatosen auf die Signale des Körpers geachtet werden, da die Beschwerden sich in verschiedenen Bereichen manifestieren können. Die Erkrankten sollten in Rücksprache mit dem Arzt ein Beschwerdetagebuch erstellen und darin alle ungewöhnlichen Symptome und Erscheinungen notieren.
Bei Hautveränderungen, wie sie beispielsweise bei der Neurofibromatose auftreten, ist auf eine sorgfältige Körperhygiene zu achten, besonders wenn Knoten durch Kleidung gescheuert werden. Reizende Stoffe, welche das Hautbild verschlechtern könnten, sollten gemieden werden; die Neurofibrome selbst entstehen jedoch nicht durch Ernährung und lassen sich durch Diäten auch nicht beeinflussen.
Bei Krampfanfällen, wie sie etwa im Rahmen des Sturge-Weber-Syndroms vorkommen, wird der Betroffene vor Verletzungen geschützt, jedoch nicht festgehalten; in den Mund gehört nichts hinein. Dauert der Anfall länger als fünf Minuten, folgt unmittelbar ein weiterer oder tritt der Anfall zum ersten Mal auf, ist über den Notruf 112 der Rettungsdienst zu alarmieren. Bei bekannter Epilepsie mit gewohntem, kurzem Anfallsverlauf ist das dagegen nicht bei jedem Anfall nötig – das richtige Vorgehen wird vorab mit dem behandelnden Arzt besprochen und möglichst schriftlich festgehalten. Auch bei kognitiven Störungen oder schweren Gefäßmissbildungen mit Thrombose-Gefahr ist eine engmaschige Kontrolle wichtig.
Welche Maßnahmen Patienten eines neurokutanen Syndroms darüber hinaus ergreifen können, hängt von der Art der Erkrankung ab. Der Hausarzt kann nach einer umfassenden Diagnose Tipps und Verhaltensregeln für den Umgang mit dem Leiden geben. Daneben müssen meist Hilfsmittel wie Gehhilfen und Rollstuhl organisiert sowie bürokratische Aufgaben wie der Kontakt mit Krankenkassen, Pflegediensten usw. übernommen werden. Unterstützung finden die Betroffenen bei einem Therapeuten oder in Selbsthilfegruppen.
Quellen
- Murken, J., Grimm, T., Holinski-Feder, E., Zerres, K. (Hrsg.): Taschenlehrbuch Humangenetik.
ISBN: 9783132416888
- Wiedemann, H.-R., Kunze, J.: Wiedemanns Atlas klinischer Syndrome.
ISBN: 9783794526574
- Korinthenberg, R., Panteliadis, C. P., Hagel, C. (Hrsg.): Neuropädiatrie.
ISBN: 9783437230776
- Plewig, G., Ruzicka, T., Kaufmann, R., Hertl, M. (Hrsg.): Braun-Falco's Dermatologie, Venerologie und Allergologie.
ISBN: 9783662495445
- Höger, P. H.: Kinderdermatologie.
ISBN: 9783132420649
