Analgesie
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 1. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Mit dem Begriff Analgesie wird in der Medizin das Ausschalten von Schmerzen beschrieben. Es handelt sich dabei um eine Schmerztherapie mit Hilfe einer Verringerung oder auch Unterbrechung der Erregungsleitung oder durch Medikamentengabe.
Was ist Analgesie?
Die Analgesie bezeichnet in der medizinischen Fachsprache die Ausschaltung des Schmerzempfindens mit Hilfe von Medikamenten oder auch durch eine Schädigung von Zellen im zentralen oder peripheren Nervensystem.
Oft wird der Begriff auch als Synonym für den Begriff Anästhesie verwendet, allerdings werden bei der Analgesie nicht alle Empfindungen ausgeschaltet. Bestimmte Empfindungen, wie zum Beispiel die Berührungsempfindlichkeit, bleiben dem Patienten bei der Analgesie erhalten. Ist sensibles Nervengewebe durchtrennt, geht die Schmerzlosigkeit in der Regel mit einer vollständigen Empfindungslosigkeit (Anästhesie) einher. Somit erfolgt bei einer lokalen (örtlichen) Analgesie aufgrund der eingesetzten Medikamente im Prinzip auch eine Lokalanästhesie.
Geschichte & Entwicklung
Die Geschichte der Analgesie, also der Schmerzstillung, reicht bis in die Antike zurück. Schon frühe Zivilisationen wie die Sumerer und Ägypter nutzten pflanzliche Substanzen wie Mohn (Opium), um Schmerzen zu lindern. Auch in der traditionellen chinesischen Medizin und bei den indigenen Völkern Amerikas kamen Kräuter und Akupunktur zur Schmerzlinderung zum Einsatz.
Im Mittelalter wurden Schmerzmittel überwiegend aus Pflanzen gewonnen, wie etwa Weidenrinde, die Salicin enthält, einen Vorläufer des modernen Aspirins. Ein Meilenstein in der modernen Schmerztherapie war die Entdeckung des Morphins Anfang des 19. Jahrhunderts durch Friedrich Sertürner. Morphin wurde schnell zu einem wichtigen Mittel in der Medizin, insbesondere bei der Behandlung von Schmerzen und während Operationen.
Ein weiterer bedeutender Schritt erfolgte im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung von Anästhetika wie Äther und Chloroform, die es ermöglichten, während Operationen den Schmerz vollständig auszuschalten. Die Entdeckung des Aspirins durch Felix Hoffmann im Jahr 1897 revolutionierte ebenfalls die Schmerzbehandlung, da es ein wirksames und relativ sicheres Schmerzmittel für die breite Bevölkerung darstellte.
Im 20. Jahrhundert wurde die Analgesie durch die Entwicklung moderner synthetischer Schmerzmittel wie Paracetamol und Ibuprofen weiter verfeinert. Heute umfasst die Schmerztherapie sowohl pharmakologische als auch nicht-pharmakologische Ansätze, um akute und chronische Schmerzen zu behandeln.
Einsatz & Indikation
Eine Analgesie wird durchgeführt, wenn Schmerzen gelindert oder beseitigt werden müssen. Sie wird notwendig bei einer Vielzahl von medizinischen Situationen, von akuten Schmerzen nach Verletzungen oder Operationen bis hin zu chronischen Schmerzen, etwa bei Arthritis, Krebs oder anhaltenden Rückenschmerzen. Akute Schmerzen, beispielsweise nach einem Knochenbruch oder einer Operation, erfordern häufig eine sofortige Schmerzbehandlung, um dem Patienten Linderung zu verschaffen und den Heilungsprozess zu unterstützen.
Analgesie ist auch bei chronischen Schmerzen essenziell, die über einen längeren Zeitraum anhalten und die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Bei chronischen Schmerzzuständen wie rheumatischen Erkrankungen, Migräne oder neuropathischen Schmerzen wird oft eine langfristige Schmerztherapie erforderlich, um den Patienten zu helfen, ihren Alltag zu bewältigen.
In speziellen Situationen, wie bei der Geburt, wird eine Analgesie ebenfalls eingesetzt, um die Wehenschmerzen zu lindern, ohne den Geburtsprozess zu beeinträchtigen. Auch in der Palliativmedizin spielt die Schmerztherapie eine zentrale Rolle, um unheilbar kranken Patienten in ihrer letzten Lebensphase eine möglichst schmerzfreie und würdevolle Zeit zu ermöglichen. Die Notwendigkeit einer Analgesie wird individuell bestimmt und richtet sich nach der Intensität und Art der Schmerzen sowie den zugrundeliegenden Ursachen.
Vorteile & Nutzen
Die Analgesie bietet im Vergleich zu anderen Behandlungs- und Untersuchungsmethoden mehrere spezifische Vorteile, insbesondere im Bereich der akuten und chronischen Schmerzbehandlung. Einer der größten Vorteile ist die direkte und oft schnelle Linderung von Schmerzen, was den Patienten ermöglicht, sich zu erholen, besser zu schlafen und den Alltag wieder zu bewältigen. Dies ist besonders wichtig nach Operationen oder Verletzungen, da Schmerzen den Heilungsprozess negativ beeinflussen können.
Ein weiterer Vorteil der Analgesie liegt in ihrer Vielseitigkeit. Es gibt eine breite Palette von Schmerzmitteln, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten angepasst werden können. Leichte Schmerzen können mit nicht-opioiden Medikamenten wie Paracetamol oder Ibuprofen behandelt werden, während starke Schmerzen mit opioidhaltigen Analgetika wie Morphin gelindert werden. Dadurch kann die Schmerztherapie präzise auf die Schmerzintensität und den Gesundheitszustand des Patienten abgestimmt werden.
Im Gegensatz zu rein diagnostischen oder nicht-pharmakologischen Ansätzen bietet die Analgesie eine direkte Symptomlinderung, während bei vielen alternativen Verfahren wie Physiotherapie oder Psychotherapie oft erst nach längerer Zeit eine Besserung eintritt. Darüber hinaus kann Analgesie in Kombination mit anderen Behandlungen eingesetzt werden, um den Effekt zu verstärken, was sie zu einem integralen Bestandteil der medizinischen Versorgung macht.
Medikamentöse Formen & Arten
Die bekannteste Form ist vermutlich die medikamentöse Analgesie. So kommen zur Schmerzbehandlung unter anderem nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) mit antientzündlicher und analgetischer Wirkung zum Einsatz. Zu diesen Medikamenten gehören zum Beispiel Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Acetylsalicylsäure. Metamizol und Paracetamol wirken ebenfalls schmerzstillend und fiebersenkend, hemmen Entzündungen aber kaum und zählen deshalb nicht zu den Antirheumatika. Diese Medikamente werden zur Bekämpfung von leichten bis mittleren Schmerzen sowie bei der Behandlung von Entzündungen und Fieber eingesetzt.
Bei starken Schmerzen werden in den meisten Fällen Analgetika aus der Gruppe der Opioide (etwa Codein, Fentanyl oder Tramadol) herangezogen, wobei diese Wirkstoffe abhängig machen können und die stärker wirksamen unter das Betäubungsmittelgesetz fallen.
Auch so genannte Migränetherapeutika (z. B. Sumatriptan, Ergotamin), welche erweiterte Blutgefäße im Gehirn verengen, sowie adjuvante Analgetika (z. B. Antidepressiva und Antiepileptika) fallen unter die medikamentöse Analgesie. Die Gabe der Analgetika kann je nach Behandlung in Form von Tabletten, Spritzen oder auch Pflastern erfolgen.
Therapeutische Formen & Arten
Doch nicht nur Medikamente gehören in der Medizin zur Analgesie. Auch die physikalische Schmerztherapie mit ihrer einfachsten Form – der Ruhe bzw. Ruhigstellung des entsprechenden Körperteils – gehört zu dieser Behandlungsform.
Außerdem gehört in diesen Bereich auch die Förderung des Heilungsprozesses mit Hilfe von Bewegungstherapie oder Krankengymnastik sowie Massage oder auch Kälte- bzw. Wärmeanwendungen. Auch die Akupunktur fällt in diesen Bereich der medizinischen Behandlung, ebenso die elektrische Stimulation von anderen Reizrezeptoren, die dafür sorgt, dass der Schmerz vom Patienten geringer wahrgenommen wird.
Eine weitere Alternative zur medikamentösen Analgesie ist die Anwendung von Psychologie (z. B. autogenes Training, Hypnose, Suggestion). In sehr seltenen, anders nicht beherrschbaren Fällen ist eine Schmerzbeendigung allerdings nur möglich, wenn in einer neurochirurgischen Behandlung die Nerven durchtrennt werden.
Nicht nur aus medizinischer Sicht gibt es die Analgesie als Unempfindlichkeit gegen Schmerzen. Es sind auch krankhafte Formen der Schmerzunempfindlichkeit bekannt. Diese werden entweder von einem angeborenen Defekt oder durch Verletzungen (z. B. Querschnittslähmung, Nervenverletzungen) hervorgerufen. So können unter anderem Mutationen am SCN9A-Gen oder auch das CIPA-Syndrom Ursache für eine krankhafte Analgesie sein.
Vorteile & Bedeutung
Inzwischen zeigen aktuelle Entwicklungen, dass eine patientengesteuerte Analgesie in der heutigen Zeit eine immer größere Rolle spielt. So können Patienten eine Pumpe erhalten, über die sie sich innerhalb ärztlich festgelegter Grenzen selbst Schmerzmittel verabreichen können.
Patienten wird so das Gefühl vermittelt, dass sie selbst Einfluss auf die bestehenden Beschwerden nehmen können und deshalb auch aus psychischer Sicht besser mit der Erkrankung umgehen lernen.
Die so genannte patientenkontrollierte Analgesie (PCA) wird vor allem nach Operationen eingesetzt und bietet dort einige Vorteile im Klinikalltag. Die Schmerzlinderung kann ganz individuell auf die jeweiligen Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden.
Durchführung & Ablauf
Der Ablauf einer Analgesie hängt von der Art der Schmerzen, ihrer Intensität und der gewählten Methode ab. Zunächst erfolgt eine gründliche Untersuchung durch den behandelnden Arzt oder Therapeuten, um die Ursache der Schmerzen zu identifizieren und die passende Schmerzbehandlung auszuwählen. Dies kann durch körperliche Untersuchungen, Bildgebungsverfahren oder Bluttests geschehen, um das Ausmaß und die Art der Schmerzen zu bestimmen.
Die Verabreichung der Analgesie kann auf verschiedene Weisen erfolgen. Bei leichten bis mittelschweren Schmerzen werden oft orale Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen verordnet, die der Patient zu Hause einnehmen kann. Bei stärkeren Schmerzen, wie nach Operationen oder bei schweren Verletzungen, können intravenöse Schmerzmittel verabreicht werden. Diese wirken in der Regel schneller, da sie direkt ins Blut gelangen.
Eine weitere Methode ist die regionale Analgesie, wie bei einer Epiduralanästhesie während der Geburt. Hierbei wird ein Anästhetikum in den Raum um die Rückenmarkshäute gespritzt, um die Schmerzempfindung in einem bestimmten Körperbereich zu blockieren. Bei chronischen Schmerzen kommen manchmal spezielle Schmerzpumpen oder Pflaster zum Einsatz, die kontinuierlich Schmerzmittel abgeben.
Während der Analgesie werden die Patienten überwacht, um mögliche Nebenwirkungen wie Übelkeit oder Atemprobleme frühzeitig zu erkennen. Der Erfolg der Behandlung wird regelmäßig überprüft, und die Dosierung oder das Medikament wird bei Bedarf angepasst, um die bestmögliche Schmerzlinderung zu gewährleisten.
Risiken & Nebenwirkungen
Die über die Pumpe verabreichten Opioide können dieselben Nebenwirkungen hervorrufen wie bei herkömmlicher Gabe, etwa Übelkeit, Müdigkeit, Verstopfung und – in seltenen Fällen – eine Dämpfung der Atmung. Patienten mit einer PCA-Pumpe werden deshalb überwacht, und die Pumpe ist so eingestellt, dass sie eine Überdosierung verhindert. Im Gegenzug kann durch diese Form der Analgesie dem Patienten vorzeitig Stress genommen werden, wodurch er schneller mobilisiert werden kann. Für die Genesung des Patienten ist die PCA mittlerweile von großer Bedeutung, denn nur ein guter Verlauf der Therapie kann auch dazu führen, dass die Schmerzen schnell gelindert werden.
Alternativen
Wenn eine Analgesie nicht möglich ist oder als alleinige Methode nicht ausreicht, stehen verschiedene alternative Verfahren zur Schmerzlinderung zur Verfügung. Ein häufig genutztes Verfahren ist die Physiotherapie, bei der gezielte Übungen, manuelle Therapie und Wärme- oder Kälteanwendungen eingesetzt werden, um Schmerzen zu lindern und die Beweglichkeit zu verbessern. Besonders bei muskulären oder Gelenkschmerzen kann diese Methode sehr wirksam sein.
Akupunktur ist eine weitere alternative Methode, die aus der traditionellen chinesischen Medizin stammt. Durch das Setzen feiner Nadeln an bestimmten Punkten des Körpers sollen Schmerzen gelindert und der Energiefluss im Körper wiederhergestellt werden. Besonders häufig wird sie bei chronischen Schmerzen wie Rückenschmerzen oder Migräne eingesetzt, wobei die wissenschaftlichen Meinungen zu ihrer Wirksamkeit variieren.
Psychologische Verfahren wie kognitive Verhaltenstherapie (KVT) können bei chronischen Schmerzen eine wichtige Rolle spielen. Sie helfen Patienten, den Umgang mit Schmerzen zu erlernen und psychische Belastungen, die Schmerzen verstärken können, zu reduzieren. Auch Achtsamkeitstraining und Meditation können helfen, die Schmerzempfindung zu reduzieren.
Elektrische Nervenstimulation (TENS) ist eine nicht-invasive Methode, bei der leichte elektrische Impulse auf die Haut aufgebracht werden, um die Schmerzsignale im Nervensystem zu blockieren. Diese Methode kann insbesondere bei chronischen Schmerzen eingesetzt werden und ist eine schonende Alternative zu Medikamenten.
Schließlich kommen auch pflanzliche Schmerzmittel, wie Teufelskralle oder Capsaicin, zum Einsatz, wenn chemische Analgetika nicht vertragen werden.
Nebenwirkungen der Schmerzmittel
So verschieden die zur Analgesie eingesetzten Wirkstoffgruppen sind, so verschieden sind auch ihre unerwünschten Wirkungen. Kein Schmerzmittel wirkt ausschließlich auf den Schmerz; jede Substanz greift zugleich in andere Vorgänge im Körper ein. Wer Schmerzmittel über längere Zeit oder in größerer Menge benötigt, wird deshalb ärztlich begleitet.
Die nichtsteroidalen Antirheumatika – zu ihnen zählen Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen und Acetylsalicylsäure – hemmen die Bildung von Botenstoffen, die an Entzündung und Schmerz beteiligt sind. Dieselben Botenstoffe schützen jedoch auch die Magenschleimhaut und regeln die Durchblutung der Nieren. Häufig kommt es deshalb zu Magenbeschwerden, in ungünstigen Fällen zu einer Magenschleimhautentzündung, einem Magengeschwür oder einer Magenblutung; bei längerer Einnahme kann die Nierenfunktion leiden, und bei bereits geschwächtem Herzen können Flüssigkeit und Blutdruck ansteigen. Bei Menschen mit Asthma lösen diese Wirkstoffe mitunter Atembeschwerden aus. Um das Risiko für den Magen zu senken, wird begleitend häufig ein säurehemmendes Medikament verordnet.
Paracetamol belastet den Magen kaum, wird aber in der Leber abgebaut; wird die zulässige Menge überschritten, kann es die Leber schwer schädigen. Der Abstand zwischen wirksamer und schädlicher Menge ist bei diesem Wirkstoff kleiner, als seine freie Verkäuflichkeit vermuten lässt. Metamizol wirkt zusätzlich krampflösend und wird deshalb gern bei einer Kolik eingesetzt; es kann den Blutdruck abfallen lassen und in seltenen Fällen die Bildung der weißen Blutkörperchen stören (Agranulozytose), was ärztliche Kontrolle und Aufmerksamkeit für Fieber und Halsschmerzen erfordert.
Die Opioide wirken nicht am Ort des Schmerzes, sondern an Bindungsstellen im zentralen Nervensystem. Dort dämpfen sie neben der Schmerzverarbeitung auch andere Funktionen. Zu Beginn der Behandlung stehen Übelkeit, Erbrechen und ausgeprägte Müdigkeit im Vordergrund; diese Beschwerden lassen meist nach. Die Verstopfung dagegen bleibt in der Regel über die gesamte Behandlung bestehen, weshalb ihr von Anfang an begegnet wird. Möglich sind ferner Juckreiz, Schwierigkeiten beim Wasserlassen (Harnverhalt) und Schwindel. Gefürchtet ist die Dämpfung der Atmung (Atemdepression); sie droht vor allem dann, wenn die Menge zu rasch gesteigert wird oder weitere dämpfende Mittel wie Alkohol oder Benzodiazepine hinzukommen. Bei längerer Anwendung gewöhnt sich der Körper an den Wirkstoff, sodass dieselbe Menge weniger bewirkt; daraus kann sich eine körperliche und seelische Abhängigkeit entwickeln. Bei Patienten in der Palliativmedizin tritt diese Sorge hinter das Ziel der Schmerzfreiheit zurück.
Eine eigene Rolle spielt der Kopfschmerz, der durch den zu häufigen Gebrauch von Schmerzmitteln erst entsteht. Werden Mittel gegen Kopfschmerz oder Migräne an zu vielen Tagen im Monat eingenommen, kann sich der Schmerz verselbständigen: Das Mittel, das ihn lindern soll, hält ihn dann aufrecht. Aufgelöst wird dieser Kreislauf nur durch eine ärztlich begleitete Pause von den auslösenden Mitteln.
Das Stufenschema der Schmerztherapie
Damit die Auswahl der Wirkstoffe nicht dem Zufall überlassen bleibt, hat die Weltgesundheitsorganisation in den 1980er Jahren ein Stufenschema vorgeschlagen. Es war ursprünglich für die Behandlung von Schmerzen bei Krebserkrankungen gedacht, wird heute aber auch bei anderen starken Schmerzen als Orientierung herangezogen.
Auf der ersten Stufe stehen die Nichtopioid-Analgetika, also Wirkstoffe wie Ibuprofen, Paracetamol oder Metamizol. Reichen sie nicht aus, kommt auf der zweiten Stufe ein schwach wirksames Opioid wie Tramadol oder Codein hinzu – nicht anstelle des Mittels der ersten Stufe, sondern zusätzlich, weil beide an verschiedenen Stellen angreifen. Auf der dritten Stufe tritt an die Stelle des schwachen ein stark wirksames Opioid wie Morphin oder Fentanyl. Auf jeder Stufe können außerdem Begleitmedikamente eingesetzt werden, die für sich genommen keine Schmerzmittel sind: Antidepressiva und Antiepileptika bei Nervenschmerzen, Kortison bei entzündungsbedingter Schwellung oder Mittel gegen Übelkeit und Verstopfung.
Das Schema beschreibt eine Reihenfolge, kein starres Vorgehen. Bei sehr starken Schmerzen, etwa nach einem schweren Unfall oder in der Palliativmedizin, wird ohne Umweg über die unteren Stufen begonnen. Ergänzt wird es um einige Grundsätze: Bei anhaltenden Schmerzen werden die Mittel nach einem festen Zeitplan gegeben und nicht erst dann, wenn der Schmerz zurückgekehrt ist; zusätzlich wird für plötzlich auftretende Schmerzspitzen ein rasch wirkendes Mittel bereitgehalten. Der Weg über den Mund ist, wo immer er möglich ist, den übrigen Verabreichungswegen vorzuziehen. Und die Behandlung richtet sich nach dem einzelnen Menschen, nicht nach der Art der zugrunde liegenden Erkrankung allein.
Analgesie bei besonderen Patientengruppen
Nicht jeder Mensch verträgt jedes Schmerzmittel gleich gut. Die Auswahl richtet sich deshalb nicht allein nach Art und Stärke der Schmerzen, sondern ebenso nach Alter, Begleiterkrankungen und den übrigen Medikamenten des Patienten.
Bei Kindern ist die Zahl der zugelassenen Wirkstoffe kleiner als bei Erwachsenen, und die verabreichte Menge richtet sich nach dem Körpergewicht. Erschwerend kommt hinzu, dass sich kleine Kinder über ihre Schmerzen nicht äußern können; das Behandlungsteam ist auf die Beobachtung von Verhalten, Mimik und Weinen angewiesen und nutzt dafür eigens entwickelte Beurteilungsbögen. Acetylsalicylsäure wird bei Kindern und Jugendlichen mit fieberhaften Erkrankungen gemieden, weil sie in seltenen Fällen mit einer schweren Schädigung von Leber und Gehirn in Verbindung gebracht wird.
Ältere Menschen reagieren empfindlicher auf Opioide und auf dämpfende Begleitmedikamente. Müdigkeit, Verwirrtheit und Gangunsicherheit erhöhen bei ihnen die Gefahr von Stürzen und damit von Knochenbrüchen, die bei bestehender Osteoporose besonders schwer wiegen. Zugleich bauen Leber und Nieren die Wirkstoffe langsamer ab, sodass Substanzen länger im Körper verbleiben. Auch die nichtsteroidalen Antirheumatika sind im höheren Lebensalter mit größerer Zurückhaltung einzusetzen, da Magen- und Nierenschäden häufiger auftreten. Bei Menschen mit einer Demenz wird der Schmerz oft übersehen, weil sie ihn nicht mehr benennen können und sich stattdessen Unruhe oder Abwehr zeigt.
Bei eingeschränkter Funktion von Leber oder Nieren müssen einzelne Wirkstoffe geringer dosiert oder ganz gemieden werden, weil sie sich sonst im Körper anreichern. In Schwangerschaft und Stillzeit ist die Auswahl ebenfalls begrenzt; entschieden wird nach Abwägung von Nutzen und Risiko, wobei einzelne Wirkstoffe in bestimmten Abschnitten der Schwangerschaft nicht in Betracht kommen. Wer Mittel zur Hemmung der Blutgerinnung einnimmt, darf nichtsteroidale Antirheumatika nur nach ärztlicher Rücksprache erhalten, da sich das Blutungsrisiko erhöht. Menschen mit einer Suchterkrankung in der Vorgeschichte bekommen Opioide nur unter besonderer Kontrolle – ihnen eine wirksame Schmerzbehandlung vorzuenthalten, gilt jedoch ebenso als Fehler.
Abgrenzung zu verwandten Begriffen
Analgesie, Anästhesie, Sedierung und Anxiolyse werden im Sprachgebrauch häufig vermengt, bezeichnen aber vier verschiedene Ziele einer Behandlung.
Die Analgesie schaltet allein den Schmerz aus. Berührung, Druck, Temperaturempfinden und die Beweglichkeit können erhalten bleiben, und der Patient ist bei Bewusstsein. Die Anästhesie geht darüber hinaus: Sie hebt die Empfindung insgesamt auf, in der Form der Allgemeinanästhesie gemeinsam mit dem Bewusstsein. Jede Anästhesie schließt damit eine Analgesie ein, aber nicht jede Analgesie ist eine Anästhesie.
Die Sedierung wiederum dämpft die Wachheit und die innere Anspannung, ohne den Schmerz zu nehmen; ein sedierter Patient kann durchaus Schmerzen empfinden, sie nur nicht mehr deutlich äußern. Die Anxiolyse schließlich löst die Angst – auch sie wirkt nicht gegen Schmerz. In der Praxis werden die Ziele häufig verbunden, etwa wenn vor einer Endoskopie ein angstlösendes und dämpfendes Mittel gegeben und zusätzlich ein Schmerzmittel verabreicht wird.
Von diesen vier Begriffen zu unterscheiden sind zwei weitere, die keine Zustände, sondern Sachgebiete bezeichnen: Die Anästhesiologie ist das ärztliche Fachgebiet, das sich mit diesen Verfahren befasst; Anästhetika sind die dabei verwendeten Wirkstoffe. Die zur Analgesie eingesetzten Mittel heißen dagegen Analgetika und bilden eine eigene Gruppe. Verwirrend wirkt dabei, dass ein örtlich betäubender Wirkstoff zwar Schmerzfreiheit herstellt, aber kein Analgetikum ist: Er unterbricht die Weiterleitung des Reizes am Nerv, während die Analgetika in die Verarbeitung des Schmerzes eingreifen.
Quellen
- Baron, R., Koppert, W., Strumpf, M., Willweber-Strumpf, A. (Hrsg.): Praktische Schmerzmedizin.
ISBN: 9783662574867
- Larsen, R.: Anästhesie.
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- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
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- Lüllmann, H., Mohr, K., Wehling, M., Hein, L.: Pharmakologie und Toxikologie.
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- Rossaint, R., Werner, C., Zwißler, B. (Hrsg.): Die Anästhesiologie.
ISBN: 9783662545058
