Aztreonam
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 10. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Bei dem Wirkstoff Aztreonam handelt es sich um ein Monobactam-Antibiotikum. Das Mittel dient zur Behandlung von Infektionen mit aeroben gramnegativen Bakterien.
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Was ist Aztreonam?
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Aztreonam ist die Bezeichnung für ein Antibiotikum, das der Gruppe der Monobactame zugerechnet wird. Der Arzneistoff verfügt über ähnliche pharmakodynamische und pharmakokinetische Eigenschaften wie Penicillin. Seine Wirkung entfaltet Aztreonam ausschließlich gegen aerobe gramnegative Bakterien.
Die klinische Relevanz des Wirkstoffs wird in der Medizin als gering eingestuft, sodass er zumeist als Reserveantibiotikum Verwendung findet. Auf grampositive Bakterien haben Monobactame keinen Einfluss.
Der Wirkstoff wird also nicht als erstes Mittel bei einer beliebigen bakteriellen Infektion herangezogen, sondern für Lagen aufgespart, in denen andere Antibiotika ausscheiden. Die europäische Fachinformation der Inhalationsform weist eigens darauf hin, dass die offiziellen Empfehlungen zum angemessenen Gebrauch von Antibiotika zu berücksichtigen sind. Solche Empfehlungen sollen verhindern, dass Reservemittel breit eingesetzt werden und Erreger unnötig Gelegenheit erhalten, unempfindlich gegen sie zu werden.
In Europa erhielt Aztreonam Mitte der 1980er Jahre seine Zulassung. Als Trockensubstanz wird das Mittel parenteral (am Darm vorbei) verabreicht. Als Monopräparat ist das Antibiotikum, das den einzigen therapeutisch genutzten Vertreter der Monobactame bildet, unter den Handelsnamen Azactam® und Cayston® in deutschsprachigen Ländern vertreten.
Seit April 2024 besteht daneben eine europaweite Zulassung für eine feste Kombination aus Aztreonam und dem Betalaktamase-Hemmer Avibactam, die unter dem Namen Emblaveo® in den Handel gebracht wird. Avibactam ist selbst kein Betalactam-Antibiotikum, sondern ein Hemmstoff bakterieller Enzyme. Er geht mit diesen Enzymen eine feste chemische Verbindung ein und schützt das Aztreonam dadurch vor einem Teil jener Enzyme, die es sonst zerstören würden. Damit hat der einzige therapeutisch genutzte Vertreter der Monobactame nach fast vier Jahrzehnten eine zweite, deutlich breiter angelegte Anwendungsform erhalten.
Pharmakologische Wirkung
Das Monobactam-Antibiotikum ist in der Lage, den Aufbau der Bakterien-Zellwände erheblich zu stören. Dies hat wiederum die Auflösung der Bakterienzelle zur Folge. Dabei bindet sich Aztreonam an das Penicillin-bindende-Protein und blockiert es mit seinem Lactamring derart, dass Mucopeptide keine Verbindungen mehr miteinander eingehen können. Die Zellwand verliert dadurch ihren Halt, was Aztreonam zu seiner bakterienabtötenden Wirkung verhilft.
Die europäische Fachinformation beschreibt denselben Vorgang in der Sprache der Pharmakologie: Aztreonam bindet an die Penicillin-bindenden Proteine empfindlicher Bakterien und hemmt dadurch den Aufbau der bakteriellen Zellwand. Die betroffenen Zellen bilden zunächst lange, fadenförmige Gebilde aus, weil die Teilung nicht mehr sauber abgeschlossen werden kann, und lösen sich anschließend auf. Fachsprachlich heißen diese beiden Schritte Filamentbildung und Zelllyse.
Bakterien können sich gegen Aztreonam zur Wehr setzen, und zwar auf zwei grundsätzlich verschiedenen Wegen. Beim ersten setzen sich Stämme durch, deren Erbgut auf dem Chromosom verändert ist. Zwei solcher Veränderungen sind für Pseudomonas aeruginosa beschrieben: eine übermäßige Bildung der Betalaktamase AmpC, also eines Enzyms, das den Wirkstoff spaltet, und eine verstärkte Tätigkeit der Pumpe MexAB-OprM, die den Wirkstoff wieder aus der Bakterienzelle heraustransportiert. Beim zweiten, selteneren Weg nehmen Bakterien fremde Erbinformationen auf und stellen daraufhin Betalaktamasen mit erweitertem Wirkungsspektrum her, kurz ESBL genannt. Diese Enzyme öffnen den viergliedrigen Ring des Aztreonams und machen es damit unwirksam.
In einer Hinsicht unterscheidet sich Aztreonam von den übrigen Betalactam-Antibiotika: Gegenüber den Metallo-Betalaktamasen der sogenannten Klasse B ist es im Allgemeinen widerstandsfähig. Erreger, die diese Enzyme bilden, sind gegen viele andere Betalactame unempfindlich, wodurch die Behandlungsmöglichkeiten stark schrumpfen. Genau an dieser Stelle setzt die Kombination mit Avibactam an, denn Avibactam hemmt seinerseits Enzyme der Klassen A und C sowie einen Teil der Klasse D, während es Enzyme der Klasse B nicht hemmt. Die beiden Bestandteile ergänzen einander also in ihren Lücken.
Zudem wirkt Aztreonam gegen aerobe (sauerstoffliebende) gramnegative Bakterien, zu denen auch Pseudomonas aeruginosa gehört. Dieser Keim gilt als sehr gefährlich, da er häufig lebensbedrohliche Infektionen hervorruft und sich nur schwer behandeln lässt.
Die Bioverfügbarkeit von Aztreonam liegt bei 100 Prozent. Diese Angabe gilt für die Gabe in eine Vene oder in einen Muskel, bei der der gesamte Wirkstoff unmittelbar in den Kreislauf gelangt. Für die Inhalation trifft sie nicht zu: Nach dem Einatmen der vernebelten Lösung bleibt der weitaus größte Teil des Wirkstoffs zunächst dort, wo er gebraucht wird, nämlich in den Atemwegen, und nur ein kleiner Teil tritt in den Blutkreislauf über. Das ist bei einem örtlich wirkenden Antibiotikum erwünscht, weil die Belastung des übrigen Körpers dadurch gering bleibt. Im Blut bindet sich ein Teil des Antibiotikums an Plasmaproteine. Verstoffwechselt wird Aztreonam nur in geringem Umfang; der dabei entstehende Hauptabbaustoff ist unwirksam. Die Plasmahalbwertszeit beträgt dabei im Durchschnitt 1,7 Stunden. Dieser Durchschnittswert wurde an Personen mit normaler Nierenfunktion bestimmt und war dabei von der Höhe der Gabe und vom Weg der Anwendung unabhängig; für die Inhalationsform nennt die Fachinformation einen ähnlichen Wert. Ausgeschieden wird Aztreonam ganz überwiegend über die Nieren. Daran wirken zwei Vorgänge etwa zu gleichen Teilen mit: die Filtration in den Nierenkörperchen und die aktive Abgabe in den Nierenkanälchen. Weil die Niere den Wirkstoff derart bestimmend aus dem Körper entfernt, spielt ihre Leistungsfähigkeit für die Behandlung eine große Rolle.
Der erwähnte Hauptabbaustoff entsteht, indem der Betalactam-Ring durch Wasser aufgespalten wird – also durch denselben Vorgang, den bakterielle Betalaktamasen gezielt beschleunigen. Bei Aztreonam läuft er lediglich ohne fremde Hilfe und in bescheidenem Umfang ab, weshalb der Wirkstoff zum großen Teil unverändert wieder ausgeschieden wird.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Als Inhalationslösung dient Aztreonam der Behandlung dauerhafter Lungeninfektionen durch Pseudomonas aeruginosa bei Mukoviszidose. Bei dieser cystischen Fibrose handelt es sich um eine erbliche Stoffwechselerkrankung. Dabei wird in den Atemwegen der betroffenen Personen ein Übermaß an zähem Schleim gebildet. Auf natürliche Weise lässt sich der Schleim nicht abhusten, sodass Bakterien einen idealen Nährboden erhalten. Daher gilt die Gefahr, an einer Infektion zu erkranken, bei Mukoviszidose-Patienten als besonders hoch.
Überaus wirksam ist Aztreonam zur Behandlung von chronischen Lungenentzündungen, für die das Bakterium Pseudomonas aeruginosa verantwortlich ist. Die Inhalationslösung lässt sich ab einem Alter von sechs Jahren anwenden.
In Kombination mit Metronidazol wird Aztreonam auch gegen Infektionen innerhalb des Bauchraums eingesetzt. Zusammen mit Clindamycin gilt das Monobactam-Antibiotikum als hilfreich gegen gynäkologische Infektionen.
Für die feste Kombination aus Aztreonam und Avibactam nennt die europäische Produktinformation vier Anwendungsgebiete bei Erwachsenen: komplizierte Infektionen im Bauchraum, im Krankenhaus erworbene Lungenentzündungen einschließlich solcher, die im Zusammenhang mit einer künstlichen Beatmung entstehen, komplizierte Harnwegsinfektionen einschließlich der Nierenbeckenentzündung sowie Infektionen durch aerobe gramnegative Erreger, für die nur noch begrenzte Behandlungsmöglichkeiten bestehen. Für das letztgenannte Gebiet sieht die Produktinformation vor, dass die Anwendung nach Rücksprache mit einer in Infektionskrankheiten erfahrenen Ärztin oder einem entsprechend erfahrenen Arzt erfolgt.
Das Wirkungsspektrum der Kombination bleibt dabei das des Aztreonams: Gegen die meisten Acinetobacter-Arten, gegen grampositive Erreger und gegen Anaerobier, also gegen Bakterien, die ohne Sauerstoff auskommen, entfaltet sie wenig oder keine Wirkung. Sind solche Erreger am Krankheitsgeschehen beteiligt, kommen der Produktinformation zufolge zusätzliche antibakterielle Wirkstoffe zum Einsatz. Dass sich Aztreonam auf aerobe gramnegative Erreger beschränkt, bedeutet dabei nicht, dass es jeden Vertreter dieser Gruppe erfasst. Das erklärt auch, warum Aztreonam bei den älteren Anwendungsgebieten mit einem zweiten Antibiotikum verbunden wird, das die Lücke im grampositiven und anaeroben Bereich schließt.
Aztreonam kann durch Inhalationen oder intravenöse bzw. intramuskuläre Injektionen dargereicht werden. Die Aufnahme des Antibiotikums in den Organismus erfolgt dabei unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts.
Verabreichung & Dosierung
Aztreonam wird in zwei grundverschiedenen Zubereitungen verwendet, die sich nicht gegeneinander austauschen lassen. Die ältere ist eine Trockensubstanz, die aufgelöst und in eine Vene oder in einen Muskel gegeben wird; sie wirkt im ganzen Körper. Die jüngere ist ein Pulver, das mit einem beigefügten Lösungsmittel zu einer Inhalationslösung angerührt und anschließend vernebelt eingeatmet wird; sie wirkt vor allem in den Atemwegen.
Die Inhalationslösung ist an einen eigens dafür bestimmten Vernebler gebunden. Die Fachinformation stellt ausdrücklich klar, dass die Zubereitung zur Injektion nicht in diesem oder einem anderen Vernebler angewendet werden darf: Sie ist für das Einatmen nicht entwickelt worden und enthält den Eiweißbaustein Arginin, der in der Lunge eine entzündliche Reaktion hervorrufen kann. Vor jeder Anwendung der Inhalationslösung wird ein bronchienerweiterndes Mittel eingesetzt, weil vernebelte Lösungen die Bronchien verkrampfen lassen können.
Die Behandlung mit der Inhalationslösung verläuft nicht dauerhaft, sondern in festen Zyklen aus einer Anwendungsphase und einer anschließenden Pause. Die Fachinformation nennt für die Untersuchung mehrerer aufeinanderfolgender Zyklen eine Verbesserung der Atemwegsbeschwerden und der Lungenfunktion sowie eine Abnahme der Keimdichte im Auswurf. Über die genaue Länge der Zyklen und die Höhe der Einzelgaben entscheidet die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt anhand der Fachinformation des jeweiligen Präparats.
Bei der Kombination aus Aztreonam und Avibactam erfolgt die Gabe als Infusion in eine Vene. Auf eine einmalige Anfangsgabe, die den Wirkstoffspiegel rasch aufbaut, folgen dabei Erhaltungsgaben. Weil beide Bestandteile über die Nieren ausgeschieden werden, richtet sich die Menge nach der Nierenleistung; bei eingeschränkter Nierenfunktion wird sie herabgesetzt, damit sich der Wirkstoff nicht im Körper anreichert.
Risiken & Nebenwirkungen
Nicht selten kommt es außerdem zu blutigem Husten, einer laufenden Nase, Bronchialkrämpfen, Schmerzen in der Brust, Gelenkbeschwerden sowie Ausschlägen auf der Haut. Bei Lungenfunktionstests ergeben sich bei einigen Betroffenen herabgesetzte Werte. In manchen Fällen ist ein Anschwellen von Gelenken zu verzeichnen.
Die Fachinformation der Inhalationsform ordnet diese Beschwerden nach Häufigkeit. Als sehr häufig gelten dort Husten, verstopfte Nase, pfeifendes Atemgeräusch, Schmerzen im Rachen- und Kehlkopfbereich, Atemnot und Fieber. Als häufig sind unter anderem Verkrampfungen der Bronchien, Beschwerden im Brustkorb, eine laufende Nase, das Aushusten von Blut, ein Hautausschlag, Gelenkschmerzen und herabgesetzte Werte bei Lungenfunktionstests eingestuft. Ein Anschwellen von Gelenken wird als gelegentlich beschrieben. Bei Kindern und Jugendlichen trat Fieber der Fachinformation zufolge häufiger auf als bei Erwachsenen.
Ein Teil dieser Beschwerden hängt nicht am Wirkstoff selbst, sondern an der Art der Anwendung. Das Einatmen vernebelter Lösungen kann einen Hustenreiz auslösen; bei Menschen, die ohnehin zum Aushusten von Blut neigen, kann sich dadurch die zugrunde liegende Ursache verstärken. Eine plötzliche Verschlechterung der Lungenfunktion ist eine bekannte Komplikation von Aerosoltherapien und nicht auf Aztreonam beschränkt.
Ein Hautausschlag kann auf eine allergische Reaktion auf den Wirkstoff hindeuten. Tritt eine solche Reaktion auf, wird das Arzneimittel abgesetzt und eine entsprechende Behandlung eingeleitet. Nach der Gabe von Aztreonam in eine Vene oder in einen Muskel sind darüber hinaus seltene, aber schwerwiegende Reaktionen berichtet worden, darunter eine toxische epidermale Nekrolyse, eine Anaphylaxie, eine Purpura, ein Erythema multiforme und eine schuppende Dermatitis.
Wird Aztreonam über die Vene verabreicht, drohen unerwünschte Nebeneffekte wie ein allergischer Schock, schwere Hautreaktionen, punktförmige Hautblutungen, Blutungen in der Unterhaut, Schweißausbrüche, Juckreiz und Nesselfieber.
Kontraindikationen
Zwischen einer Gegenanzeige und einer Vorsichtsmaßnahme besteht ein wichtiger Unterschied. Eine Gegenanzeige, fachsprachlich Kontraindikation, schließt die Anwendung aus. Eine Vorsichtsmaßnahme schließt sie nicht aus, verlangt aber eine besonders sorgfältige Abwägung, eine engere Überwachung oder ein angepasstes Vorgehen. Bei Aztreonam fallen beide Kategorien deutlich auseinander.
Als Gegenanzeige führt die Fachinformation einen einzigen Punkt auf: Gar nicht erst zum Einsatz gelangen darf Aztreonam, wenn beim Patienten eine Überempfindlichkeit gegen das Monobactam-Antibiotikum vorliegt. Eine sorgfältige Prüfung durch den behandelnden Arzt ist erforderlich, wenn eine Allergie gegen Betalactam-Antibiotika wie Cephalosporine, Penicilline oder Carbapeneme besteht, der Patient zu blutigem Husten oder Bronchialkrämpfen bei der Darreichung von Aerosolen neigt oder eine mangelhafte Lungenfunktion bzw. Störungen der Nierenfunktionen vorliegen. Zur Anwendung bei Patienten, bei denen Burkholderia cepacia nachgewiesen wurde, liegen keine Studiendaten vor, weil diese Patienten von den Zulassungsstudien ausgeschlossen waren. Das Risiko einer Kreuzreaktion mit anderen Betalactam-Antibiotika ist nach den bisher erhobenen Daten allerdings gering, weil Aztreonam als Monobactam nur schwach immunogen ist. Bei der Anwendung an Patienten mit bekannter Betalactam-Allergie ist dennoch Vorsicht geboten.
Die zuletzt genannte Einschränkung verdient Beachtung, weil sie leicht in die falsche Schublade gerät. Eine bekannte Allergie gegen andere Betalactam-Antibiotika ist bei Aztreonam ausdrücklich keine Gegenanzeige, sondern ein Grund zur Vorsicht. Der Grund für diese Sonderstellung liegt im Bau des Moleküls: Dem Aztreonam fehlt der zweite Ring, den Penicilline, Cephalosporine und Carbapeneme neben dem Betalactam-Ring tragen. Das Immunsystem erkennt es deshalb seltener wieder.
Eine allergologische Leitlinie der deutschen und österreichischen Fachgesellschaften weist allerdings auf eine Ausnahme hin, die in den Fachinformationen nicht vorkommt: Die Seitenkette des Aztreonams entspricht der Seitenkette des Cephalosporins Ceftazidim. Weil allergische Reaktionen sich häufig gegen die Seitenkette und nicht gegen den Ring richten, ist gerade zwischen diesen beiden Wirkstoffen erhöhte Vorsicht angebracht. Dieselbe Leitlinie hält zugleich fest, dass die Kreuzallergie zwischen Penicillinen und Monobactamen insgesamt sehr gering ist und die gemeinsame Seitenkette nur zum Teil von klinischer Bedeutung ist.
Weitere Umstände verlangen ein Abwägen zwischen Nutzen und Risiko. Bei Menschen, die gerade Blut aushusten, wird die Inhalationslösung nur dann angewendet, wenn ihr Nutzen die Gefahr weiterer Blutungen überwiegt. Für Menschen, bei denen der Keim Burkholderia cepacia nachgewiesen wurde, fehlen Daten, weil sie von den Zulassungsstudien ausgeschlossen waren. Und bei nur gering eingeschränkter Lungenfunktion wurde die Wirksamkeit der Inhalationslösung nicht untersucht.
Erkenntnisse über eine Gabe von Aztreonam in der Schwangerschaft liegen bislang nicht vor. Trotzdem wird empfohlen, das Antibiotikum nur dann zu verabreichen, wenn der Arzt dies unbedingt für nötig hält. Weil Aztreonam im Falle einer Inhalation nur in geringen Mengen beim Stillen in den Körper des Kindes übergeht, ist seine Anwendung während der Stillzeit gestattet. Bei Kindern unter sechs Jahren sollte auf die Darreichung der Inhalationslösung verzichtet werden, da Sicherheit und Wirksamkeit in dieser Altersgruppe nicht erwiesen sind.
Die Fachinformation begründet die Freigabe für die Stillzeit damit, dass nach einer Inhalation nur wenig Wirkstoff in den Kreislauf der Mutter gelangt und dass Aztreonam zudem aus dem Magen-Darm-Trakt des Säuglings kaum aufgenommen würde. Für die Schwangerschaft ergaben Tierversuche keine Hinweise auf eine Schädigung der Nachkommen; Erfahrungen am Menschen liegen jedoch nicht vor, weshalb es bei der Einzelfallabwägung bleibt.
Interaktionen mit anderen Medikamenten
Studien zu Wechselwirkungen zwischen Aztreonam und anderen Medikamenten wurden nicht durchgeführt; in klinischen Untersuchungen ergaben sich keine Hinweise auf solche Wechselwirkungen. Darüber hinaus kommt es bei einer Inhalation kaum zur Aufnahme des Wirkstoffes in den Körper.
Etwas genauer betrachtet stützt sich diese Aussage auf klinische Untersuchungen, in denen die Inhalationslösung gemeinsam mit bronchienerweiternden Mitteln, mit dem schleimlösenden Enzym Dornase alfa, mit Bauchspeicheldrüsenenzymen, mit den Antibiotika Azithromycin und Tobramycin sowie mit Kortikosteroiden zum Einnehmen und zum Inhalieren angewendet wurde. Hinweise auf Wechselwirkungen ergaben sich dabei nicht. Das ist keine Garantie für alle denkbaren Kombinationen, sondern eine Aussage über die untersuchten.
Für die Kombination aus Aztreonam und Avibactam beschreibt die europäische Produktinformation Versuche im Reagenzglas, in denen weder eine gegenseitige Verstärkung noch eine gegenseitige Abschwächung mit einer Reihe anderer Antibiotika auftrat, darunter Amikacin, Ciprofloxacin, Colistin, Gentamicin, Levofloxacin, Linezolid, Metronidazol, Tobramycin und Vancomycin. Solche Befunde aus dem Reagenzglas sagen etwas über die Verträglichkeit der Wirkstoffe untereinander aus, ersetzen aber keine Untersuchung am Menschen.
Wichtiger als die Frage nach klassischen Wechselwirkungen ist bei Aztreonam die Frage nach der Nierenfunktion. Weil der Wirkstoff vorwiegend über die Nieren den Körper verlässt, können Arzneimittel, die die Nierenleistung beeinträchtigen, mittelbar auch den Wirkstoffspiegel beeinflussen.
Alternative Behandlungsmethoden
Welche Alternativen zu Aztreonam in Betracht kommen, hängt vom Anwendungsgebiet ab. Bei der dauerhaften Besiedlung der Lunge mit Pseudomonas aeruginosa im Rahmen einer Mukoviszidose ist die Inhalation von Tobramycin der Vergleichsmaßstab; in einer der Studien, auf die sich die Zulassung von Aztreonam zur Inhalation stützt, wurde genau gegen eine solche Tobramycin-Verneblerlösung geprüft. Tobramycin gehört zur Gruppe der Aminoglykoside und greift die Bakterien an einer ganz anderen Stelle an, nämlich bei der Eiweißherstellung.
Bei schweren Infektionen durch gramnegative Erreger, für die nur noch wenige Mittel bleiben, stehen weitere feste Kombinationen aus einem Betalactam und einem Hemmstoff bakterieller Enzyme zur Verfügung. Die europäischen Produktinformationen führen für Ceftazidim in Verbindung mit Avibactam und für Meropenem in Verbindung mit Vaborbactam jeweils komplizierte Infektionen im Bauchraum, komplizierte Harnwegsinfektionen und im Krankenhaus erworbene Lungenentzündungen als Anwendungsgebiete auf, dazu Infektionen durch aerobe gramnegative Erreger bei begrenzten Behandlungsmöglichkeiten.
In einer Lage kehrt sich das Verhältnis allerdings um: Bei Menschen mit einer nachgewiesenen Allergie gegen Penicilline oder Cephalosporine ist nicht Aztreonam der Ersatz, sondern umgekehrt eines der wenigen Betalactame, die überhaupt noch in Frage kommen. Vor einer solchen Entscheidung steht regelmäßig eine allergologische Abklärung. Die einschlägige Leitlinie hält dazu fest, dass die Zahl der aus der Vorgeschichte berichteten Betalactam-Allergien die Zahl der bestätigten Fälle deutlich übersteigt.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
- Frank, U.: Antibiotika am Krankenbett.
ISBN: 9783662583371
- Ackermann, G. (Hrsg.): Antibiotika und Antimykotika.
ISBN: 9783804729407
- Hof, H., Schlüter, D. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie.
ISBN: 9783132423558
- Suerbaum, S., Burchard, G.-D., Kaufmann, S. H. E., Schulz, T. F. (Hrsg.): Medizinische Mikrobiologie und Infektiologie.
ISBN: 9783662613849
