Mitoxantron
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 17. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Wirkstoffe Mitoxantron
Der Arzneistoff Mitoxantron gehört der Gruppe der Zytostatika an. Das Mittel wird gegen Krebserkrankungen verabreicht und war früher auch zur Behandlung der Multiplen Sklerose zugelassen.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist Mitoxantron?
© molekuul.be – stock.adobe.com
Das Zytostatikum Mitoxantron zählt zu den Anthracendionen. Es dient zur Behandlung von bösartigem Krebs; früher wurde es auch bei Multipler Sklerose angewendet. In der Medizin trägt der Wirkstoff auch die Bezeichnungen Mitoxantronhydrochlorid, Mitoxantronum oder Mitoxantroni hydrochloridum PhEur.
Die Zulassung des Medikaments fand Mitte der 1980er Jahre statt. In Deutschland ist Mitoxantron als Monopräparat nur noch unter dem Handelsnamen Onkotrone® im Handel; die früher angebotenen Präparate Novantron® und Haemato-tron® werden nicht mehr vertrieben.
Pharmakologische Wirkung
Mitoxantron ist in der Lage, seine Wirkung einerseits gegen wachsende Zellen und andererseits gegen Zellen im Ruhezustand zu entfalten. Dabei hängt sein Wirkeffekt nicht vom Status der Zellteilung ab. Innerhalb des Zellzyklus blockiert das Zytostatikum die Phase, in der sich die Zelle auf die Teilung vorbereitet.
Die Schädigung der Erbsubstanz durch Mitoxantron erfolgt auf unterschiedliche Weise. So sorgt das Zytostatikum dafür, dass der Aufbau der Erbsubstanz gehemmt wird. Nach deren Verknäulen findet das Brechen der DNA-Stränge statt. Der wichtigste Angriffspunkt ist dabei das Enzym Topoisomerase II, das für das Entwinden und die Reparatur geschädigter DNA zuständig ist und von Mitoxantron stark gehemmt wird.
Darüber hinaus entsteht ein Überschuss an RNA. Dabei handelt es sich um Moleküle, die die Erbinformation ablesen und in Eiweiße übersetzen. Zugleich bilden sich mehrere identische DNA-Ketten, was wiederum den Tod der Zelle nach sich zieht.
Mitoxantron kann sich aber nicht nur negativ auf Krebszellen auswirken, sondern auch auf Bakterien, Viren und Parasiten. Auf die Immunabwehr des menschlichen Körpers wirkt es dagegen dämpfend: Es hemmt die Vermehrung von B-Zellen, T-Zellen und Makrophagen und schwächt dadurch die Abwehrreaktion ab. Auf dieser Wirkung beruhte der frühere Einsatz bei der Multiplen Sklerose.
Im Unterschied zu den Anthrazyklinen, die oftmals zur Behandlung von Krebs zum Einsatz gelangen, verfügt Mitoxantron nur über eine gering ausgeprägte Neigung zur Herstellung von freien Radikalen innerhalb des Gewebes. Gleiches gilt für die Oxidation von Blutfetten. Diese Vorgänge sorgen dafür, dass sich die Anthrazykline schädlich auf die Funktionen des menschlichen Herzens auswirken. So weist Mitoxantron diesbezüglich weniger Nebenwirkungen auf als die Anthrazykline.
Da Mitoxantron intravenös verabreicht wird, liegt seine Bioverfügbarkeit bei 100 Prozent. Es besteht eine Proteinbindung von 78 Prozent. Die Gewebeverteilung des Zytostatikums ist nach der intravenösen Verabreichung sehr hoch ausgeprägt. Die Verstoffwechselung des Wirkstoffes findet über mehrere Cytochrom P450-Enzyme statt. Die Ausscheidung erfolgt über Urin und Stuhl.
Auf die Art der Verabreichung kommt es besonders an. Mitoxantron wird langsam in eine frei laufende Infusion gegeben und darf weder unter die Haut noch in einen Muskel oder in eine Schlagader gespritzt werden; nach einer Gabe in eine Schlagader sind örtliche Nervenschädigungen berichtet worden, die teilweise nicht zurückgingen. Gelangt der Wirkstoff während der Gabe in das umliegende Gewebe, sind schwere Gewebeschäden möglich, in Einzelfällen bis zum Gewebsuntergang. Eine Gabe in den Rückenmarkskanal ist ausgeschlossen: Sie kann zu schweren, dauerhaften Schäden führen, darunter Krampfanfälle mit anschließender Bewusstlosigkeit sowie Lähmungen mit Störungen der Darm- und Blasenfunktion.
Die Verteilung im Gewebe ist so ausgeprägt, dass das rechnerische Verteilungsvolumen ein Vielfaches des Körpervolumens beträgt. Die Konzentration im Blutplasma nimmt in den ersten beiden Stunden rasch und danach nur noch langsam ab. Die Bindung an die Eiweiße des Blutplasmas hängt nicht von der Konzentration ab und wird durch die gleichzeitige Anwesenheit von Phenytoin, Doxorubicin, Methotrexat, Prednison, Prednisolon, Heparin oder Acetylsalicylsäure nicht verändert. Die Blut-Hirn-Schranke überwindet Mitoxantron nicht, und in die Hoden gelangt vergleichsweise wenig Wirkstoff.
Die Stoffwechselwege sind bis heute nicht aufgeklärt. Mitoxantron wird langsam ausgeschieden, entweder unverändert oder als unwirksames Abbauprodukt. In Untersuchungen am Menschen fand sich in den Tagen nach der Gabe nur ein kleiner Teil der verabreichten Menge in Urin und Stuhl wieder; das im Urin nachgewiesene Material bestand zu rund zwei Dritteln aus unverändertem Wirkstoff. Die Angaben zur Halbwertszeit in der Ausscheidungsphase gehen weit auseinander und reichen von zehn bis vierzig Stunden bis zu mehreren Tagen. Bei Leberfunktionsstörungen kann die Ausscheidung vermindert sein; zwischen jüngeren und älteren Erwachsenen bestehen dagegen offenbar keine bedeutsamen Unterschiede, und für Kinder und Jugendliche ist der Verlauf im Körper nicht bekannt.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Mitoxantron eignet sich für mehrere Anwendungsgebiete. Dazu gehören unterschiedliche Krebserkrankungen wie fortgeschrittener Brustkrebs, der mit der Bildung von Metastasen (Tochtergeschwülsten) einhergeht, akute myeloische Leukämie (Blutkrebs), bösartiger Lymphdrüsenkrebs (Non-Hodgkin-Lymphom) sowie fortgeschrittener Prostatakrebs, der sich nicht mit Hormonen behandeln lässt.
Mitoxantron wird allein oder gemeinsam mit anderen Krebsmitteln verabreicht. Im Falle von Prostatakrebs kann auch eine Kombination mit Glukokortikoiden in niedriger Dosierung vorgenommen werden. Auf diese Weise soll eine Linderung der Schmerzen erfolgen, die sich durch Analgetika oder Bestrahlungen nicht mehr gewährleisten lässt.
Ein weiteres Anwendungsgebiet von Mitoxantron war lange die Multiple Sklerose (MS). Das Zytostatikum diente dabei der Therapie der sekundär chronischen Multiplen Sklerose und der rasch voranschreitenden schubförmigen MS; Studien ergaben eine deutliche Senkung der Schubrate. In Deutschland ist heute allerdings nur noch ein einziges Mitoxantron-Präparat im Handel, dessen Zulassung ausschließlich Krebserkrankungen umfasst. Auch die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie rät davon ab, Mitoxantron weiterhin zur verlaufsmodifizierenden Therapie der Multiplen Sklerose einzusetzen.
Verabreicht wird Mitoxantron immer durch eine intravenöse Infusion. Gegen mögliche Übelkeit kann außerdem Ondansetron gegeben werden, was ebenfalls intravenös erfolgt.
Vor der ersten Gabe wird bei Krebspatienten die Pumpleistung der linken Herzkammer mit einer Ultraschalluntersuchung des Herzens oder einer nuklearmedizinischen Untersuchung bestimmt. Das Risiko einer Herzschädigung erhöht sich bei einer bestehenden oder ruhenden Herz-Kreislauf-Erkrankung, bei einer vorausgegangenen oder gleichzeitigen Bestrahlung des Mittelfellraums, nach einer früheren Behandlung mit anderen Anthrazyklinen oder Anthracendionen und bei gleichzeitiger Anwendung anderer herzschädigender Arzneimittel. Eine Herzschädigung kann jedoch auch ohne solche Risikofaktoren und bereits bei geringeren Gesamtmengen auftreten, und sie kann sich erst Monate oder Jahre nach dem Ende der Behandlung zeigen.
Das Blutbild einschließlich der Blutplättchen wird vor der ersten Gabe, zehn Tage nach der Anwendung, vor jeder weiteren Infusion und bei Anzeichen einer Infektion bestimmt. Die Knochenmarkschädigung fällt schwerer aus und hält länger an, wenn der Allgemeinzustand schlecht ist oder bereits eine Chemotherapie oder eine Bestrahlung vorausgegangen ist. Außerhalb der Behandlung einer akuten myeloischen Leukämie soll die Behandlung nicht begonnen werden, wenn die Zahl der neutrophilen Granulozyten bereits zu Beginn zu niedrig liegt.
Beim Brustkrebs schränken die Fachinformationen die Anwendung ausdrücklich ein: Weil ausreichende Daten zur Wirksamkeit einer unterstützenden Behandlung fehlen und das Leukämierisiko erhöht ist, soll Mitoxantron nur beim bereits gestreuten Brustkrebs eingesetzt werden.
Die Zulassung von Onkotrone umfasst nach der Fachinformation den bereits gestreuten Brustkrebs, das Non-Hodgkin-Lymphom, die akute myeloische Leukämie bei Erwachsenen, in Kombinationsschemata die Einleitung einer Remission in der Blastenkrise der chronischen myeloischen Leukämie sowie, zusammen mit Kortikosteroiden, die lindernde Behandlung des fortgeschrittenen kastrationsresistenten Prostatakrebses. Als Gegenanzeigen führt sie ausschließlich die Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile auf – darunter Sulfite, die bei der Herstellung entstehen können – sowie die Stillzeit.
Risiken & Nebenwirkungen
Bei weiblichen Patienten kann die Regelblutung ausbleiben, während bei Männern eine unzureichende Samenbildung zu verzeichnen ist.
Weitere mögliche Nebeneffekte sind ein Mangel an weißen Blutkörperchen, Herzrhythmusstörungen, eine Entzündung der Mundschleimhaut, Überempfindlichkeitsreaktionen, Atemprobleme, eine verringerte Pumpleistung des Herzens, Störungen der Leberfunktion, bläulich verfärbter Urin, Bauchschmerzen, Verstopfung, Appetitlosigkeit und Durchfall.
Sehr häufig ist außerdem eine Anämie (Blutarmut). Häufig treten eine Herzmuskelschwäche, ein Herzinfarkt und ein Mangel an Blutplättchen auf. Seltener zeigen sich Magen-Darm-Blutungen, Brustschmerzen, die Verweigerung von Nahrung sowie eine bläuliche Verfärbung von Venen und Nägeln.
Als Kontraindikation von Mitoxantron gilt eine Überempfindlichkeit gegen den Arzneistoff. Ein sorgfältiges Abwägen zwischen Risiko und Nutzen der Behandlung ist erforderlich, wenn beim Patienten Infektionen, schwere Nieren- bzw. Leberfunktionsstörungen, ausgeprägte Herzerkrankungen oder ein Mangel an sämtlichen Blutzellen vorliegen. Gleiches gilt bei einer vorherigen Behandlung mit Anthrazyklinen, da diese das Herz in Mitleidenschaft ziehen können.
Von einer Anwendung des Zytostatikums sollte auch während der Schwangerschaft abgesehen werden. Außerdem empfiehlt sich bei einer Mitoxantron-Therapie eine konsequente Verhütung. So kann das Erbgut durch das Mitoxantron geschädigt werden, was sich negativ auf die Entwicklung des Kindes auswirkt. Ebenso muss das Stillen des Babys bei einer Behandlung mit dem Zytostatikum unterbleiben. Auch Männern wird geraten, im Rahmen einer Mitoxantron-Behandlung bis zu sechs Monate nach Therapieende zu verhüten. Eine Behandlung von Kindern findet nicht statt.
Die Schädigung des Herzmuskels nimmt mit der Gesamtmenge zu, die ein Patient im Laufe der Behandlung erhalten hat. Vor der ersten Gabe und im weiteren Verlauf wird deshalb die Pumpleistung des Herzens, die linksventrikuläre Auswurffraktion, mit einer Ultraschalluntersuchung des Herzens überprüft.
Bei einer gemeinsamen Verabreichung von Mitoxantron und anderen Krebsmedikamenten besteht die erhöhte Gefahr von Nebenwirkungen. Im Falle einer Kombination mit weiteren Zytostatika können mitunter Blutkrebs oder Knochenmarkschädigungen auftreten. Diese sekundäre akute myeloische Leukämie und das myelodysplastische Syndrom wurden allerdings auch nach alleiniger Gabe von Mitoxantron beobachtet.
Die Patienten werden über Risiken, Beschwerden und Anzeichen einer akuten Leukämie unterrichtet und aufgefordert, ärztliche Hilfe zu suchen, wenn solche Beschwerden auftreten – auch noch nach mehr als fünf Jahren.
Mitoxantron färbt den Urin nach der Gabe vorübergehend blaugrün; die Patienten sollen darauf vorbereitet werden. Auch eine bläuliche Verfärbung der Lederhaut des Auges, der Haut und der Nägel kann auftreten. Unter der Behandlung wurden ferner Fälle eines Tumorlysesyndroms berichtet, bei dem durch den raschen Zerfall von Tumorzellen der Stoffwechsel entgleist; Harnsäure, Elektrolyte und Harnstoff werden deshalb überwacht.
Frauen im gebärfähigen Alter müssen vor jeder Gabe einen negativen Schwangerschaftstest vorweisen. Sie werden zugleich über das erhöhte Risiko aufgeklärt, dass die Regelblutung vorübergehend oder dauerhaft ausbleibt; vor Beginn der Behandlung soll deshalb eine Konservierung der Keimzellen erwogen werden. Bei Männern liegen dazu keine Daten vor, im Tierversuch wurden jedoch ein Schwund der Hodenkanälchen und verminderte Samenzellzahlen beobachtet. Mitoxantron geht in die Muttermilch über und war dort bis zu einem Monat nach der letzten Anwendung nachweisbar; das Stillen muss vor Beginn der Behandlung beendet werden.
Bei den Wechselwirkungen ist über die gemeinsame Gabe anderer Krebsmittel hinaus zweierlei zu beachten. Zum einen erhöht die Kombination mit weiteren Immunsuppressiva das Risiko einer übermäßigen Abwehrschwäche und eines lymphoproliferativen Syndroms. Zum anderen kann die Verbindung von Vitamin-K-Antagonisten mit Zytostatika die Blutungsneigung steigern; bei Patienten, die gerinnungshemmende Mittel zum Einnehmen erhalten, werden die Gerinnungswerte zu Beginn und beim Absetzen der Mitoxantron-Behandlung engmaschig und währenddessen häufiger kontrolliert. Mitoxantron ist im Reagenzglas ein Substrat des Transporteiweißes BCRP; Hemmstoffe dieses Transporters können die Verfügbarkeit des Wirkstoffs erhöhen.
Weil die Abwehrlage vermindert ist, sollen Infektionen im gesamten Körper vor oder unmittelbar zu Beginn der Behandlung behandelt werden. Impfungen mit Lebendimpfstoffen, etwa gegen Gelbfieber, erhöhen bei verminderter Abwehrlage das Risiko von Infektionen und anderen unerwünschten Wirkungen; sie unterbleiben deshalb während der Behandlung und sollen nicht früher als drei Monate nach der letzten Gabe der Chemotherapie erfolgen.
Mitoxantron hat sich in Bakterien- und Säugetier-Testsystemen sowie in Untersuchungen an Ratten als erbgutverändernd erwiesen und war im Tierversuch bereits unterhalb der beim Menschen üblichen Mengen krebserzeugend. Der Wirkstoff gilt deshalb als möglicherweise krebserzeugend auch beim Menschen und als möglicherweise fruchtschädigend. In den ersten drei Schwangerschaftsmonaten soll er keinesfalls gegeben werden; wird eine Patientin unter der Behandlung schwanger, ist sie über das mögliche Risiko für das Kind zu unterrichten, und ihr wird eine genetische Beratung angeboten.
Ein besonderes Gegenmittel gegen Mitoxantron ist nicht bekannt. Über versehentliche Überdosierungen wurde berichtet; je nach verabreichter Menge und körperlichem Zustand können dabei Schäden am blutbildenden System, am Magen-Darm-Trakt, an der Leber oder an den Nieren auftreten. Die Behandlung richtet sich nach den Beschwerden und kann über längere Phasen eine Unterstützung der Blutbildung und eine Behandlung mit Antibiotika erfordern. Weil der Wirkstoff in großem Umfang an Gewebe gebunden ist, ist es unwahrscheinlich, dass sich Wirkung oder Giftigkeit durch eine Blutwäsche mindern lassen; Patienten mit einer schweren Nierenschwäche wurden dazu allerdings nicht untersucht.
Quellen
- Berger, D. P., Engelhardt, M., Duyster, J.: Das Rote Buch – Hämatologie und Internistische Onkologie.
ISBN: 9783609512242
- Engelhardt, M., Mertelsmann, R., Duyster, J. (Hrsg.): Das Blaue Buch – Chemotherapie-Manual Hämatologie und Onkologie.
ISBN: 9783662677483
- Berlit, P. (Hrsg.): Klinische Neurologie.
ISBN: 9783662606742
- Diener, H.-C., Fink, G. R. (Hrsg.): Therapie-Handbuch Neurologie.
ISBN: 9783437210044
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
