Docetaxel
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 11. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
Sie sind hier: Startseite Wirkstoffe Docetaxel
Das Zytostatikum Docetaxel zählt zur Gruppe der Taxane. Es kommt zur Therapie unterschiedlicher Krebserkrankungen zum Einsatz.
Inhaltsverzeichnis |
Was ist Docetaxel?
Bei Docetaxel handelt es sich um ein Zytostatikum, das der Wirkstoffgruppe der Taxane entstammt. Der Arzneistoff wurde von dem französischen Pharmaunternehmen Sanofi entwickelt.
Docetaxel stellt einen strukturellen Abkömmling des Zytostatikums Paclitaxel dar. Das Medikament entsteht halbsynthetisch aus Vorläuferstoffen, die in der Europäischen Eibe (Taxus baccata) enthalten sind.
Während das erste Taxan Paclitaxel aus der Pazifischen Eibe bzw. deren Rinde gewonnen wurde, gelang es bei Docetaxel, die Substanz 10-Deacetyl-Baccatin-III aus der Europäischen Eibe zu isolieren. Im Anschluss an die Veresterung folgt die Entstehung von Docetaxel. Der Vorteil besteht darin, dass die Europäische Eibe schneller verfügbar ist als die sehr langsam wachsende Pazifische Eibe.
Die Zulassung von Docetaxel fand in Europa in den 1990er Jahren statt. Als Infusionspräparat kam es in Deutschland unter dem Handelsnamen Taxotere® auf den Markt. Nach Ablauf des Patentschutzes sind daneben zahlreiche wirkstoffgleiche Präparate anderer Hersteller erhältlich.
Pharmakologische Wirkung
Docetaxel entfaltet seinen positiven Effekt durch das Eingreifen in den Ablauf der Zellteilung. So kommt es durch seinen Einfluss zu einer überschießenden Entstehung von Mikrotubuli, was wiederum deren Abbau zu Wiederverwendungszwecken bremst. Die Zelle erhält dadurch nicht mehr ausreichend Fäden, die als Baumaterial zur Zellteilung dienen. Im weiteren Verlauf endet die Vermehrung der Zellen. Dieser Vorgang wirkt sich auf die Krebszellen nachteiliger aus als auf die gesunden Körperzellen, da sie sich rascher teilen.
Docetaxel hat zudem die Eigenschaft, die Krebszellen nicht nur zu hemmen, sondern auch abzutöten. Grund dafür ist, dass die Mikrotubuli im Rahmen der Zellteilung auch zum Transport von wichtigen Stoffen von Bedeutung sind. Die Verstoffwechselung von Docetaxel erfolgt in der Leber.
Genauer beschrieben wird die Wirkung als eine verstärkte Zusammenlagerung des Eiweißes Tubulin zu beständigen Mikrotubuli. Gleichzeitig wird deren Zerlegung gehemmt, sodass die Menge an freiem Tubulin deutlich abnimmt. An der Zahl der Protofilamente, aus denen ein Mikrotubulus aufgebaut ist, ändert die Anlagerung von Docetaxel nichts. In Zellversuchen zerstört der Wirkstoff das Netzwerk der Mikrotubuli, das sowohl für die Zellteilung als auch für die Zeit zwischen zwei Teilungen unentbehrlich ist. Zytotoxisch wirkt Docetaxel dabei nicht nur auf Zelllinien aus dem Labor, sondern auch auf frisch aus Tumoren entnommene menschliche Zellen.
Aufnahme, Verteilung und Ausscheidung
Docetaxel wird als Infusion in eine Vene gegeben. Der Verlauf der Konzentration im Blut folgt einem Dreikammermodell: Auf einen raschen Abfall, der durch die Verteilung in das Gewebe zustande kommt, folgt eine langsame Endphase, die zum Teil auf dem trägen Rückfluss aus dem Gewebe beruht. An die Eiweiße des Blutes ist Docetaxel zu mehr als 95 Prozent gebunden. Die Gesamtclearance, also die Menge Blut, die je Zeiteinheit vom Wirkstoff befreit wird, schwankt von Mensch zu Mensch um etwa die Hälfte.
Abgebaut wird Docetaxel in der Leber durch Enzyme der Cytochrom-P450-Familie, vor allem durch CYP3A4. In einer Untersuchung mit markiertem Wirkstoff verließ Docetaxel den Körper innerhalb einer Woche ganz überwiegend mit dem Stuhl; nur ein kleiner Teil fand sich im Urin. Der weitaus größte Anteil des im Stuhl nachgewiesenen Wirkstoffs lag dabei in Form eines unwirksamen Hauptabbauprodukts und dreier unwirksamer Nebenabbauprodukte vor, unveränderte Substanz nur in geringer Menge.
Alter und Geschlecht beeinflussen diese Abläufe nicht. Bei Laborwerten, die auf eine leichte bis mäßige Störung der Leberfunktion hinweisen, ist die Clearance dagegen vermindert, sodass mehr Wirkstoff im Körper verbleibt. Bei leichter oder mäßiger Flüssigkeitseinlagerung bleibt die Clearance unverändert; für ausgeprägte Einlagerungen liegen dazu keine Daten vor. Ebenso fehlen Daten zu Patienten mit stark eingeschränkter Nierenfunktion.
Das Konzentrat, aus dem die Infusionslösung hergestellt wird, enthält als weitere Bestandteile Polysorbat 80 und Citronensäure; das beigefügte Lösungsmittel enthält Ethanol. Der Alkoholgehalt kann die Wirkung anderer Arzneimittel verändern. Eine Überempfindlichkeit gegen einen dieser Bestandteile schließt die Anwendung ebenso aus wie eine Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff selbst.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Zum Einsatz gelangt Docetaxel zur Behandlung von unterschiedlichen Krebserkrankungen. Dabei kann es sowohl als Monopräparat verabreicht als auch mit anderen Zytostatika kombiniert werden. Dies geschieht zum Beispiel bei der Therapie von Brustkrebs, bei der die Patientin neben Docetaxel auch Cyclophosphamid und Doxorubicin erhält. Dies ist besonders dann der Fall, wenn der Krebs seinen Ursprung in Knoten hat, die sich operieren lassen. Gemeinsam mit Doxorubicin dient Docetaxel zudem zur Therapie von Brustkrebs mit Metastasenbildung. Allerdings darf in diesem Fall zuvor keine andere Chemotherapie stattgefunden haben.
Als Monopräparat gelangt Docetaxel nur dann zur Anwendung, wenn ein lokales Voranschreiten des Tumors oder eine Bildung von Tochtergeschwülsten erfolgt ist. Außerdem dann, wenn eine Chemotherapie mit alkylierenden Zytostatika oder Anthracyclinen keinen Erfolg hatte. Gelegentlich wird Docetaxel in solchen Fällen auch zusammen mit Capecitabin verabreicht.
Eine weitere Indikation ist Lungenkrebs. Das Zytostatikum kommt einzeln bei örtlich voranschreitenden nicht-kleinzelligen Lungenkrebsarten oder der Bildung von Metastasen zum Einsatz. Lässt sich diese Krebsform nicht operativ behandeln, erfolgt nicht selten eine Kombination mit Cisplatin.
Im Rahmen von Prostatakrebs findet eine Behandlung mit Docetaxel statt, wenn eine Hormontherapie keinen Erfolg hat und Metastasen entstanden sind. Dabei gelangt das Zytostatikum gemeinsam mit Prednisolon oder Prednison zur Anwendung.
Bei einem Adenokarzinom des Magens ist Docetaxel Bestandteil einer Kombinationsbehandlung mit 5-Fluorouracil und Cisplatin. Diese Behandlung findet beim Vorliegen von Tochtergeschwülsten statt, sofern im Vorfeld keine Chemotherapie durchgeführt wurde.
Ein zusätzliches Anwendungsgebiet von Docetaxel sind Krebserkrankungen in der Kopf-Hals-Region. Dabei werden Plattenepithel-Karzinome therapiert.
Risiken & Nebenwirkungen
Weitere häufige unerwünschte Nebeneffekte sind Fieber, Störungen des Geschmackssinns, Gefühlsstörungen an den Gliedmaßen, eine Entzündung der Mundschleimhaut, Atemprobleme, Störungen der Bewegungssteuerung, Haarausfall, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Muskelschmerzen, Veränderungen an den Nägeln, Hautreaktionen, Infektionen wie eine Lungenentzündung oder eine Blutvergiftung, Einlagerungen von Flüssigkeit, Schmerzen, Schwächegefühle sowie Appetitlosigkeit.
Des Weiteren kann es zu Bauchschmerzen, Verstopfung, niedrigem Blutdruck, einen Mangel an Blutplättchen, einem Blut-Bilirubin-Anstieg, Gelenkschmerzen und Brustschmerzen kommen. Gelegentlich leiden die Patienten auch unter einer Entzündung der Speiseröhre. Im schlimmsten Fall ist sogar Herzversagen möglich.
Das Ausmaß der Nebenwirkungen hängt auch von der Höhe der verabreichten Docetaxel-Dosis sowie dem Einsatz von weiteren Zytostatika ab.
Den Flüssigkeitseinlagerungen und den Überempfindlichkeitsreaktionen lässt sich durch eine Vorbehandlung teilweise vorbeugen. Soweit keine Gegenanzeige besteht, wird vor der Infusion ein Kortikosteroid zum Einnehmen gegeben. Es verringert Häufigkeit und Schwere der Flüssigkeitseinlagerungen und mindert die Schwere von Überempfindlichkeitsreaktionen. Solche Reaktionen können bereits wenige Minuten nach Beginn der Infusion einsetzen; vor allem während der ersten beiden Gaben wird deshalb engmaschig überwacht. Bei einer schweren Reaktion wird die Infusion sofort abgebrochen und die Behandlung mit Docetaxel nicht wieder aufgenommen. Die Flüssigkeitseinlagerung selbst nimmt mit der insgesamt verabreichten Menge an Docetaxel zu; bei ausgeprägten Ergüssen im Brustfell, im Herzbeutel oder im Bauchraum ist eine strenge Überwachung erforderlich.
Liegt eine Überempfindlichkeit gegen Docetaxel vor, muss die Gabe des Chemotherapeutikums unterbleiben. Gleiches gilt bei einer ausgeprägten Leberfunktionsstörung und bei einer zu geringen Zahl neutrophiler Granulozyten im Blutbild. Bei einem Wasserbauch (Aszites) bedarf es einer konsequenten Überwachung durch den Arzt.
In der Schwangerschaft darf Docetaxel nur angewandt werden, wenn es eindeutig angezeigt ist; während der Therapie ist das Stillen zu unterbrechen. Im Falle einer Therapie werden konsequente Verhütungsmaßnahmen für Frauen wie für Männer empfohlen, und zwar über das Behandlungsende hinaus. Der Grund ist das erbgutschädigende Risiko des Wirkstoffs. In Tierversuchen wirkte Docetaxel bei Kaninchen und bei Ratten schädigend auf Embryo und Fötus, und wie andere zellschädigende Arzneimittel könnte es auch beim Menschen zu Schäden am Ungeborenen führen. Ob Docetaxel in die Muttermilch übergeht, ist nicht bekannt; der Wirkstoff ist fettlöslich. Tierstudien haben außerdem gezeigt, dass Docetaxel die männliche Fruchtbarkeit verändern kann, weshalb sich Männer vor Beginn der Behandlung über eine Konservierung von Samenzellen beraten lassen sollten.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
Vor jedem weiteren Behandlungszyklus wird das große Blutbild kontrolliert; ein neuer Zyklus beginnt erst, wenn sich die Zahl der neutrophilen Granulozyten wieder ausreichend erholt hat. Bei bestimmten Kombinationsschemata traten Fieber und Infektionen im Rahmen einer Neutropenie seltener auf, wenn vorbeugend ein wachstumsfördernder Faktor für weiße Blutkörperchen (G-CSF) gegeben wurde. Für die Kombination aus Docetaxel, Cisplatin und 5-Fluorouracil ist diese Vorbeugung deshalb vorgesehen; bei der unterstützenden Behandlung des Brustkrebses mit Docetaxel, Doxorubicin und Cyclophosphamid kommt sie in Betracht.
Bei einer Neutropenie besteht ein besonderes Risiko für Komplikationen im Magen-Darm-Trakt. Eine Entzündung des Dünn- und Dickdarms kann zu jedem Zeitpunkt der Behandlung entstehen und vom ersten Tag an tödlich verlaufen, weshalb auf frühe Anzeichen geachtet wird. An der Haut wurden örtlich begrenzte Rötungen an Handflächen und Fußsohlen beobachtet, die mit einer Schwellung einhergehen und von einer Abschuppung gefolgt werden. Daneben sind schwere Hautreaktionen berichtet worden, darunter das Stevens-Johnson-Syndrom, die toxische epidermale Nekrolyse und das akute generalisierte pustulöse Exanthem; beim Verdacht darauf wird die Behandlung abgebrochen.
An den Atemwegen sind ein akutes Atemnotsyndrom, Entzündungen des Lungengewebes, eine Lungenfibrose und ein Lungenversagen beschrieben worden, die tödlich enden können. Bei Patienten, die gleichzeitig bestrahlt wurden, kam es zu einer Strahlenpneumonitis. Neu auftretende oder sich verschlechternde Beschwerden der Lunge führen zu einer sofortigen Abklärung, bis zu deren Ergebnis die Behandlung unterbrochen wird.
Am Herzen wurde eine Herzschwäche vor allem bei Frauen beobachtet, die Docetaxel zusammen mit Trastuzumab erhielten, insbesondere im Anschluss an eine Chemotherapie mit einem Anthracyclin. Vor einer solchen Kombination wird die Herzfunktion bestimmt und anschließend weiter überwacht. Kammerrhythmusstörungen, die mitunter tödlich verliefen, wurden unter Kombinationen mit Doxorubicin, 5-Fluorouracil oder Cyclophosphamid berichtet. Am Auge kann ein zystoides Makulaödem auftreten; verschlechtert sich das Sehvermögen, wird es augenärztlich untersucht.
Wird Docetaxel mit anderen Krebsmitteln kombiniert, die für sich genommen Zweittumoren nach sich ziehen können, treten mitunter Monate bis Jahre später zweite, eigenständige Tumoren auf, darunter eine akute myeloische Leukämie, ein myelodysplastisches Syndrom und ein Non-Hodgkin-Lymphom. Nach dem ersten oder zweiten Zyklus wurde außerdem über ein Tumorlyse-Syndrom berichtet, bei dem große Mengen zerfallender Tumorzellen den Stoffwechsel belasten; gefährdet sind vor allem Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion, erhöhter Harnsäure, großen Tumoren oder rasch fortschreitender Erkrankung.
Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln
Weil Docetaxel über das Enzym CYP3A4 abgebaut wird, kann die gleichzeitige Gabe von Stoffen, die dieses Enzym hemmen, anregen oder selbst über es abgebaut werden, den Umgang des Körpers mit dem Wirkstoff verändern. Genannt werden dafür unter anderem Ciclosporin, Ketoconazol und Erythromycin. Bei starken Hemmstoffen von CYP3A4 kann der verlangsamte Abbau die Zahl der Nebenwirkungen erhöhen. Zu ihnen zählen Ketoconazol, Itraconazol, Clarithromycin, Indinavir, Nefazodon, Nelfinavir, Ritonavir, Saquinavir, Telithromycin und Voriconazol. Lässt sich eine solche Kombination nicht vermeiden, wird engmaschig überwacht. In einer Untersuchung an sieben Patienten sank die Clearance von Docetaxel unter Ketoconazol um etwa die Hälfte.
Für Prednison, das CYP3A4 anregt, ließ sich bei Männern mit fortgeschrittenem Prostatakarzinom kein bedeutsamer Einfluss nachweisen. Trotz der hohen Bindung an Bluteiweiße verdrängen auch andere stark eiweißgebundene Arzneistoffe Docetaxel nicht aus dieser Bindung; geprüft wurden unter anderem Erythromycin, Diphenhydramin, Propranolol, Propafenon, Phenytoin, Salicylat, Sulfamethoxazol, Natriumvalproat und Dexamethason. Auch die Bindung von Digitoxin wird durch Docetaxel nicht beeinflusst. Die gleichzeitige Gabe von Docetaxel, Doxorubicin und Cyclophosphamid veränderte deren Verhalten im Körper nicht; für Carboplatin weisen begrenzte Daten dagegen auf eine Wechselwirkung hin, da dessen Clearance in der Kombination höher lag als bei alleiniger Gabe.
Überdosierung
Über Überdosierungen ist nur in wenigen Fällen berichtet worden. Ein besonderes Gegenmittel steht nicht zur Verfügung. Der Betroffene wird in eine geeignete Einrichtung aufgenommen, und die Lebensfunktionen werden engmaschig überwacht. Zu erwarten ist eine Verstärkung der bekannten Nebenwirkungen; im Vordergrund stehen eine Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark, Schäden an den Nerven von Armen und Beinen sowie eine Entzündung der Schleimhäute. Ein wachstumsfördernder Faktor für weiße Blutkörperchen wird so früh wie möglich gegeben; weitere Maßnahmen richten sich nach dem Bedarf.
Quellen
- Schmoll, H.-J. (Hrsg.): Kompendium Internistische Onkologie.
ISBN: 9783662607473
- Engelhardt, M., Mertelsmann, R., Duyster, J. (Hrsg.): Das Blaue Buch – Chemotherapie-Manual Hämatologie und Onkologie.
ISBN: 9783662677483
- Berger, D. P., Engelhardt, M., Duyster, J.: Das Rote Buch – Hämatologie und Internistische Onkologie.
ISBN: 9783609512242
- Eucker, J., Scholz, C. (Hrsg.): Facharztwissen Hämatologie Onkologie.
ISBN: 9783437212079
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223

