Oxybutynin
Medizinische Expertise: Dr. med. NonnenmacherQualitätssicherung: Dipl.-Biol. Elke Löbel, Dr. rer. nat. Frank Meyer
Letzte Aktualisierung am: 18. September 2026Dieser Artikel wurde unter Maßgabe medizinischer Fachliteratur und wissenschaftlicher Quellen geprüft.
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Der Wirkstoff Oxybutynin gehört zu den Anticholinergika. Er weist eine strukturelle Verwandtschaft zu dem Alkaloid Atropin auf.
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Was ist Oxybutynin?
Oxybutynin wird zur Gruppe der Anticholinergika bzw. Parasympatholytika gerechnet. Das Mittel dient zur Therapie von starkem Harndrang oder nächtlichem Bettnässen. Dabei wird die glatte Blasenmuskulatur entspannt und der Harndrang reduziert, wodurch der Patient seine Harnblase nicht mehr so häufig entleeren muss.
In Europa kommt Oxybutynin seit den späten 1980er Jahren zur Anwendung. Neben Tabletten gibt es auch ein transdermales Pflaster, das in der Europäischen Union seit 2004 zugelassen ist. Weil der Wirkstoff aus dem Pflaster unter Umgehung von Darmwand und Leber ins Blut gelangt, entsteht weniger von jenem Abbauprodukt, das für einen großen Teil der Nebenwirkungen verantwortlich ist; Mundtrockenheit tritt darunter seltener auf als unter Tabletten. In Deutschland steht Oxybutynin außerdem als Lösung zur Verfügung, die über einen Katheter unmittelbar in die Blase eingebracht wird. In den USA werden zudem Arzneiformen angeboten, die in Europa nicht zugelassen sind. Dabei handelt es sich um Gele, die der Patient auf die Haut aufträgt, wodurch der Wirkstoff in den Blutkreislauf gelangt.
Die drei in Deutschland verfügbaren Darreichungsformen sind nicht beliebig gegeneinander austauschbar, weil sie für unterschiedliche Patientengruppen zugelassen sind. Die Tabletten sind für Erwachsene und für Kinder über fünf Jahren mit einer überaktiven Blase zugelassen; das Pflaster dagegen nur für Erwachsene, weil Sicherheit und Wirksamkeit bei Kindern und Jugendlichen nicht belegt sind. Die Lösung zur Einbringung in die Blase ist dagegen Menschen vorbehalten, deren Blasenmuskel durch eine Nervenschädigung überaktiv geworden ist und die ihre Blase selbst mit einem Katheter entleeren; sie kommt bei Kindern ab sechs Jahren und bei Erwachsenen dann infrage, wenn Tabletten nicht ausreichend wirken oder nicht vertragen werden. Welche Form im Einzelfall passt, hängt damit weniger von der Stärke der Beschwerden ab als von ihrer Ursache und von der Verträglichkeit der Tabletten.
Strukturell ist Oxybutynin ein Racemat, das mit Atropin verwandt ist. In den Arzneimitteln kommt das tertiäre Amin als Oxybutyninhydrochlorid oder Oxybutynin vor. Unter Oxybutyninhydrochlorid wird ein kristallines, weißliches Pulver verstanden, das sich leicht in Wasser lösen lässt.
Pharmakologische Wirkung
Durch das Hemmen der muscarinischen M-Acetylcholinrezeptoren wird das Entspannen der glatten Blasenmuskulatur erzielt. Dieser Effekt bewirkt, dass die übermäßige Anspannung der Blasenmuskeln nachlässt. Auf diese Weise erhält die Harnblase mehr Fassungsvermögen. Der Patient verspürt dadurch weniger Harndrang und leidet seltener unter dem unkontrollierten Abgang von Urin. Im Tierversuch zeigte Oxybutynin zusätzlich örtlich betäubende und schmerzstillende Eigenschaften. Messbar wird die Wirkung an der Blase an drei Größen: Sie nimmt mehr Harn auf, der überaktive Blasenmuskel zieht sich seltener unkontrolliert zusammen, und der Drang zum Wasserlassen setzt später ein. Des Weiteren hemmt das Oxybutynin die Schweißdrüsensekretion.
Acetylcholin steuert nicht nur die Blase, sondern zahlreiche weitere Organe. Weil Oxybutynin nach der Einnahme im ganzen Körper verteilt wird, trifft es diese Schaltstellen ebenfalls. Daraus erklären sich die meisten unerwünschten Wirkungen: Die Speicheldrüsen bilden weniger Speichel, der Darm arbeitet träger, die Pupille weitet sich, der Tränenfluss lässt nach und die Schweißbildung nimmt ab. Es handelt sich also nicht um eine zweite, andersartige Wirkung, sondern um dieselbe Wirkung am unerwünschten Ort.
Nach dem Schlucken wird Oxybutynin rasch aus dem Darm aufgenommen, ein großer Teil davon jedoch schon in der Darmwand und in der Leber umgebaut, bevor der Wirkstoff den übrigen Körper erreicht. Zuständig dafür ist ein Enzymsystem der Leber, über das auch viele andere Arzneimittel abgebaut werden; daher rühren die Wechselwirkungen mit Pilzmitteln und bestimmten Antibiotika. Beim Abbau entsteht N-Desethyloxybutynin, ein Stoff, der selbst anticholinerg wirkt und im Blut höhere Spiegel erreicht als Oxybutynin. Wie viel davon entsteht, schwankt von Mensch zu Mensch erheblich. Das erklärt, weshalb dieselbe Tablettenstärke bei dem einen Patienten kaum Beschwerden verursacht und beim anderen erhebliche.
Bei älteren Menschen bleibt der Wirkstoff länger im Körper und erreicht höhere Blutspiegel als bei Jüngeren. Deshalb können in dieser Altersgruppe niedrigere Dosierungen ausreichen. Die Fachinformation rät bei älteren Patienten zusätzlich zur Vorsicht, weil Anticholinergika die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen können.
Medizinische Anwendung & Verwendung
Oxybutynin gelangt hauptsächlich gegen unterschiedliche Formen von Harninkontinenz zum Einsatz. Dabei leiden die betroffenen Personen in erster Linie unter dem übermäßigen Anspannen des Harnblasenmuskels, was sich zumeist in den Nachtstunden bemerkbar macht. Darüber hinaus kann es zu dem unfreiwilligen Abgang von Urin kommen.
Weitere Anwendungsgebiete des Oxybutynins sind nächtliches Bettnässen (Enuresis nocturna), eine spastische neurogene Harnblase, Überempfindlichkeiten an der Blasenwandmuskulatur, die auf neurogene Störungen zurückzuführen sind, sowie eine instabile Blase bei Frauen.
Es gibt auch Anwendungsgebiete von Oxybutynin, die noch nicht vollständig zugelassen sind. So wird das Anticholinergikum auch als Off-Label bei einer Hyperhidrose (übermäßiges Schwitzen) verabreicht. Dieses Anwendungsgebiet ist jedoch nicht in allen europäischen Ländern freigegeben.
In den meisten Fällen erfolgt die Einnahme von Oxybutynin in Form von Tabletten. Die empfohlene Dosis im Anfangsstadium liegt bei drei Mal einer halben Tablette pro Tag. Im weiteren Behandlungsverlauf liegt die Regeldosis bei drei Mal täglich einer halben bis einer Tablette. Später gilt die niedrigste Dosierung als empfehlenswert. Falls nötig, ist eine Steigerung der Dosis auf vier Mal eine Tablette am Tag möglich. Auch Kinder über fünf Jahren können Oxybutynin einnehmen. Die Anfangsdosis beträgt bei ihnen zwei Mal täglich eine halbe Tablette; anschließend wird die niedrigste wirksame Erhaltungsdosis gewählt.
Die Angaben in halben und ganzen Tabletten beziehen sich jeweils auf die Wirkstärke des verordneten Präparats. Im Handel sind Oxybutynin-Tabletten in mehr als einer Stärke, sodass die Angabe „eine Tablette“ ohne Kenntnis des Präparats nicht eindeutig ist. Für ältere Menschen sieht die Fachinformation eine eigene, niedrigere Einstiegsdosis vor, weil der Wirkstoff bei ihnen langsamer ausgeschieden wird; auch hier wird anschließend die niedrigste wirksame Erhaltungsdosis gesucht. Die Tabletten können vor, während oder nach den Mahlzeiten unzerkaut mit reichlich Flüssigkeit geschluckt werden. Wie lange die Behandlung dauert, richtet sich nach dem Verlauf der Beschwerden und wird ärztlich festgelegt.
Risiken & Nebenwirkungen
Weiterhin sind verschwommenes Sehen, Lichtempfindlichkeit, eine Erweiterung der Pupillen, die Abnahme des Tränenflusses, Beschwerden beim Wasserlassen, Kopfschmerzen und allergische Hautreaktionen möglich. In seltenen Fällen zeigen sich auch Angststörungen in der Nacht oder Verwirrtheit.
Bei einer dauerhaften Anwendung von Oxybutynin besteht das Risiko von Zahnfleischerkrankungen, Karies oder einer Hefepilzinfektion im Mundraum.
Oxybutynin darf nicht angewendet werden, wenn der Patient unter einer Überempfindlichkeit gegen den Arzneistoff oder einen der sonstigen Bestandteile leidet. Weitere Kontraindikationen sind ein Engwinkelglaukom, eine Myasthenia gravis (krankhafte Muskelschwäche), Harnabflussstörungen durch eine Harnröhrenverengung oder eine gutartige Vergrößerung der Prostata (Vorsteherdrüse), Verengungen im Bereich des Magen-Darm-Kanals, eine Darmlähmung, ein Darmverschluss (Ileus) sowie eine schwere Dickdarmentzündung mit Geschwüren oder ein toxisches Megakolon. Häufiger und nächtlicher Harndrang, der auf eine Nierenschwäche oder eine Herzmuskelschwäche zurückgeht, sollte vor Beginn der Behandlung abgeklärt werden.
Über die Gegenanzeigen hinaus nennt die Fachinformation Erkrankungen, bei denen Oxybutynin zwar angewendet werden darf, aber nur mit Vorsicht, weil der Wirkstoff ihre Beschwerden verstärken kann. Dazu zählen eine Schilddrüsenüberfunktion, eine koronare Herzkrankheit, eine Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen und beschleunigter Herzschlag, Bluthochdruck, Einschränkungen der geistigen Leistungsfähigkeit sowie eine Schädigung der unwillkürlich arbeitenden Nerven, wie sie etwa bei einer Parkinson-Erkrankung vorkommt. Auch bei eingeschränkter Leber- oder Nierenfunktion ist Vorsicht geboten, weil für diese Patienten kaum Daten zum Verhalten des Wirkstoffs im Körper vorliegen.
Weil Oxybutynin die Schweißbildung dämpft, kann der Körper überschüssige Wärme schlechter abgeben. Bei Fieber oder hohen Außentemperaturen steigt dadurch das Risiko für einen Hitzschlag.
Am Nervensystem sind Halluzinationen, Unruhe, Verwirrtheitszustände und ausgeprägte Schläfrigkeit beschrieben. Sie treten vor allem in den ersten Behandlungsmonaten und nach einer Erhöhung der Dosis auf. Die Fachinformation empfiehlt, in dieser Zeit besonders darauf zu achten und die Behandlung gegebenenfalls zu beenden oder die Dosis zu verringern. Bei Menschen mit einer Parkinson-Erkrankung oder anderen Hirnerkrankungen, die mit Denk- und Gedächtnisstörungen einhergehen, treten solche Wirkungen leichter auf; Gleiches gilt für Kinder über fünf Jahren, die auf Oxybutynin empfindlicher reagieren können als Erwachsene.
Da Oxybutynin ein Engwinkelglaukom auslösen kann, sollen Sehschärfe und Augeninnendruck während der Behandlung gelegentlich kontrolliert werden. Ein plötzlicher Verlust der Sehschärfe oder Schmerzen am Auge sind ein Grund, unverzüglich ärztlichen Rat einzuholen. Tritt während der Therapie eine Infektion der Harnwege auf, muss sie eigens behandelt werden. Bei langer Anwendung raten die Hersteller zu regelmäßigen zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen, weil der verminderte Speichelfluss die Zähne angreifbar macht.
Die Tabletten enthalten Milchzucker. Menschen mit einer seltenen erblichen Galactose-Unverträglichkeit, einem Lactase-Mangel oder einer Glucose-Galactose-Malabsorption sollten sie deshalb nicht einnehmen.
Die Fachinformation ordnet die Nebenwirkungen nach ihrer Häufigkeit. Als sehr häufig, also bei mindestens jedem zehnten Behandelten, gelten Verstopfung, Übelkeit, Mundtrockenheit, Schwindel und Benommenheit, Kopfschmerzen, ausgeprägte Schläfrigkeit, verschwommenes Sehen sowie trockene Haut. Häufig sind Durchfall, Erbrechen, Bauchschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Verwirrtheitszustände, trockene Augen, Hitzegefühl, Hautrötung und Schwierigkeiten beim Wasserlassen bis hin zum Harnverhalt. Herzklopfen und Verhaltensauffälligkeiten sind dagegen selten. Für Herzrasen, Herzrhythmusstörungen, Hautausschläge und den Hitzschlag lässt sich aus den vorliegenden Daten keine Häufigkeit abschätzen. Die Nebenwirkungen hängen von der Dosis ab und lassen sich durch eine Verringerung der Dosis oft abschwächen.
Von einer Anwendung Oxybutynins in Schwangerschaft und Stillzeit wird abgeraten. Nicht geeignet ist der Arzneistoff für Kinder unter fünf Jahren. Für die Schwangerschaft liegen keine Untersuchungen am Menschen vor; in Tierversuchen hat Oxybutynin Missbildungen hervorgerufen, weshalb es während der Schwangerschaft nur angewendet werden darf, wenn es eindeutig erforderlich ist. Ein kleiner Anteil des Wirkstoffs geht in die Muttermilch über.
Oxybutynin kann bereits in der empfohlenen Dosierung Reaktionsvermögen und Sehschärfe so verändern, dass die Teilnahme am Straßenverkehr, das Bedienen von Maschinen oder Arbeiten ohne sicheren Halt beeinträchtigt sind. Besonders ausgeprägt ist das zu Beginn der Behandlung, nach einer Änderung der Dosis, nach einem Präparatewechsel und im Zusammenwirken mit Alkohol.
Bei einer Überdosierung verstärken sich die anticholinergen Wirkungen: Ruhelosigkeit, Erregung, Verwirrtheit und Halluzinationen bis hin zu psychotischem Verhalten, dazu Hitzegefühl, Blutdruckabfall, Schwindel und Herzrhythmusstörungen. Kennzeichnend sind außerdem weite Pupillen, Fieber, gerötete heiße Haut und trockene Schleimhäute. Eine schwere Überdosierung ist ein Notfall und wird ärztlich behandelt.
Auch einige Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sind zu beachten. So verstärkt sich der Wirkeffekt von Oxybutynin bei gleichzeitiger Einnahme von anderen Anticholinergika oder Anti-Parkinsonmitteln wie Amantadin. Gleiches gilt für Atropin, Neuroleptika wie Butyrophenonen oder Phenothiazinen, Chinidin, H1-Antihistaminika sowie trizyklische Antidepressiva.
Eine Verlängerung der Oxybutyninwirkung ist durch die Anwendung von Anti-Pilzmitteln wie Itraconazol bzw. Ketoconazol und Makrolid-Antibiotika wie zum Beispiel Erythromycin möglich.
Tabletten, Pflaster und Blasenlösung im Vergleich
Die drei Darreichungsformen unterscheiden sich nicht nur im Handhaben, sondern auch im Nebenwirkungsprofil, weil der Wirkstoff auf verschiedenen Wegen in den Körper gelangt.
Bei der Tablette passiert Oxybutynin zuerst Darmwand und Leber. Dort entsteht in großer Menge das anticholinerg wirksame Abbauprodukt, das für einen erheblichen Teil der Beschwerden verantwortlich gemacht wird. Mundtrockenheit ist unter Tabletten entsprechend als sehr häufige Nebenwirkung eingestuft.
Das Pflaster umgeht diesen Weg: Der Wirkstoff tritt durch die Haut unmittelbar in den Blutkreislauf über, sodass weniger von dem Abbauprodukt entsteht. In den Zulassungsstudien wurde Mundtrockenheit deutlich seltener berichtet als unter Tabletten. Dafür stehen Hautreaktionen an der Klebestelle an der Spitze der Nebenwirkungen; sie betrafen knapp ein Viertel der Behandelten. Das Pflaster wird auf trockene, unverletzte Haut an Bauch, Hüfte oder Gesäß geklebt, für jedes neue Pflaster wird eine andere Stelle gewählt, und es darf weder zerschnitten noch beschädigt verwendet werden.
Die Lösung wird über einen Katheter unmittelbar in die Blase eingebracht und wirkt dort örtlich. Ein festes Schema gibt es dafür nicht: Blasendruck und Wirkstoffbedarf unterscheiden sich von Patient zu Patient so stark, dass die Einstellung zu Beginn von einer neurourologisch erfahrenen Ärztin oder einem entsprechenden Arzt unter Druckmessung in der Blase vorgenommen und im Verlauf regelmäßig überprüft wird. Voraussetzung für diese Form der Behandlung ist, dass der Patient oder eine betreuende Person die Blase regelmäßig selbst mit einem Katheter entleeren kann.
Von diesen Unterschieden unberührt bleiben die zentralnervösen Wirkungen. Schlafstörungen und Einbußen der geistigen Leistungsfähigkeit sind für Oxybutynin unabhängig von der Darreichungsform beschrieben, besonders bei älteren Menschen, und sie sind ein Grund, die Behandlung zu überdenken.
Quellen
- Aktories, K., Flockerzi, V., Förstermann, U., Hofmann, F. (Hrsg.): Allgemeine und spezielle Pharmakologie und Toxikologie.
ISBN: 9783437426223
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